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(Foto Ursula Hasenkopf/München)

kleinste, flüchtigste Detail. Diese drängende Stimme kommt aus tiefer Angst.
Die ruhige gebildete, maßvolle Stimme Gert Hofmanns in Boston ließ nichts von derartigen Halluzinationen ahnen.
Während ich »Auf dem Turm« übersetzte, hatte ich mein Bestes getan, die Erzählerstimme nachzuahmen. An einem alten wurmstichigen Tisch, von Fliegen umlagert, übersetzte ich wie besessen, ohne dass ich das Buch zu Ende gelesen hatte – ich wusste nicht, zu welchem Höhepunkt es kommen würde. Der Protagonist lernte Englisch sprechen als ein Mensch »auf der Folter«. In der Halle des Hotels in Boston hörte ich zum ersten Mal die Stimme des Autors. Sie barg, kühl und kontrolliert, als Möglichkeit, die in Erzählungen umgesetzt werden konnte, nicht nur den Wahnsinn des Mannes, der in »Auf dem Turm« spricht, sondern auch die komische, doch robuste Unschuld des Kindes (oder der Kinder) in »Unsere Eroberung«. Ich kehrte also in diesem März 1984 nach Austin zurück, und da ich selbst eine quälende persönliche Krise durchmachte, richtete ich mir ein provisorisches Zuhause in einer sogenannten Garagen-Wohnung ein, deren Decke dem Rumpf eines alten Schiffes glich. Diese Decke benötigte dann auch, (während ich darunter übersetzte) die Hilfe der Feuerwehr. In sechs Wochen hatte ich »Unsere Eroberung« übersetzt und abgetippt. Ich arbeitete wie besessen, am Ende vierzehn Stunden am Tag. Die Stimme oder die Stimmen der Kinder diktierten mir, was ich tun oder sagen und wie ich es sagen musste. Ich weiß, nicht, ob deutsche oder englische Leser auch diese Erfahrung gemacht haben. Möglicherweise waren sie sich dessen nicht bewusst, aber dennoch hatten sie diese Erfahrung: die Erzählerstimme oder -stimmen erzählten die ganze Welt – alles geht hervor aus dem Aufruhr, der Genauigkeit, der Unmittelbarkeit von Hofmanns Stimmen.
Natürlich musste die Wiedererschaffung dieser Stimmen in einer anderen Sprache und mit einem anderen kulturellen und geschichtlichen Hintergrund schwierig werden. In Wirklichkeit war sie es überhaupt nicht: die Stimmen haben eine umfassende tiefe Menschlichkeit, die, indem sie sprechen, ganz klar durch alle sozialen und kulturellen Grenzen hindurchdringt (nicht über Grenzen hinweg). Später musste ich die Stimmen der Blinden in »Der Blindensturz« wiedergeben, die Casanovas, die des Kloakenoberaufsehers von Paris in »Gespräch über Balzacs Pferd«. Entweder gelang mir das ganz leicht, denn so geht es beim Übersetzen; oder aber Hofmanns Stimmen kamen mir während einer Zeit von fünf Jahren, dann nämlich, als das Ohr des Übersetzers begieriger Zuhören konnte, aufnahmebereiter war als zu anderen Zeiten. Um Hofmann zu übersetzen, half Routine überhaupt nicht – seine Sprache zwang einen, nachahmend neuzuschaffen. Die Phantasie, die in seinem Büchern lebendig ist, war die Kraft, die die Wirklichkeit Sprache werden ließ, die gequälte Phantasie tat das in noch viel reicherem Maße. Als ich, viel später »Die kleine Stechardin« las, wollte ich den Roman übersetzen, weil ich dabei hier und da Susis Stimme hörte in den Worten von Lichtenbergs junger Geliebten. Aber bei alledem sollte man sich dessen bewusst sein, dass weithin Hofmanns Stimmen, mag er sie auch im Leben gehört haben, Schöpfungen sind aus der Phantasie des Schriftstellers.
1985 besuchte ich die Hofmanns in Erding. Da war wieder Gerts eigene Stimme: sotto voce unterhielt er sich mit mir über den Küchentisch. Ich erinnere mich nur daran, dass er mir sagte, Schreiben sei bei ihm etwas zwanghaftes, und ich antwortete (fast wie eine seiner Figuren), dass auch ich wie unter Zwang übersetzte. Dass ich ganz Ohr war, gefangen, unter Zwang, ein Medium, dass alles zu sagen, daran dachte ich nicht einmal. Wir hatten noch viele Gespräche, später, als Gert und Eva und Susi im Frühjahrssemester 1996 nach Austin kamen. Ich machte mir keine Notizen. Ich erinnere mich an nichts von dem, was irgendeiner von uns damals gesagt haben mag.
Seltsam – oder auch nicht –, an eines erinnere ich mich: im Gespräch kam Gert einem nie zu nahe, »breathing down your neck« (wie die Engländer sagen). Er schüchterte einen nie ein oder sprach feierlich auf einen herab. Es war stetes die gleiche ruhige, etwas distanzierte Stimme. Er trieb einen nie in die Enge, wie es manche deutsche Intellektuelle tun, weil sie hoffen, dass man denkt und fühlt wie sie. Seine Stimme, seine ruhige gebildete Art ließ einen völlig frei. Aber wenn man die Stimme in seinen Romanen kannte, konnte man niemals die beängstigenden quälenden Stimmen vergessen, die sich, vielleicht, während der Unterhaltung hinter seiner eigenen höflichen Stimme verbargen. Man wusste nie, ob oder wann der ganze Dschungel in Gert, all seine wilden Tiere hervorbrechen würden. Das Schreiben war, vielleicht, seine größte Anstrengung zu verhindern, dass diese Tiere je in einem literarischen Zoo gefangen gehalten würden. Daher, wiederum vielleicht, seine Affinität zu Robert Walser, oder vielmehr die Tatsache, dass er in Robert Walser einen verwandten Geist entdeckte.
Wenn immer ich sein Gesicht betrachtete, konnte ich einige Tiere darin sehen, aber es waren freundliche Tiere, Tiere, die Nüsse aßen oder vielleicht Früchte, ein Chipmunk (Übersetzeranmerkung: amerikanisches gestreiftes Erdhörnchen), ein Waschbär, ein Dompfaff. Nur wenn man seine Geschichten gelesen hatte, besonders die, in denen wahnsinnige Männer mittleren Alters vom Schmerz verborgener Wunden gemartert werden, konnte man sich einen Jaguar, einen Hai, einen Falken (aber nie einen Bussard) hinter seinen sanften Gesichtszügen vorstellen. Und trotzdem war auch sein Lächeln zuweilen seltsam. Wenn er lächelte, biss er manchmal die Zähne aufeinander, nie aber in der Art Humphrey Bogarts.
Im Erdinger Haus schlief ich, glaube ich, unten, im Keller. Es muss wohl so gewesen sein, denn Erinnerungen kamen mir da an die Häuser, in denen ich 1946 in Schleswig-Holstein gewohnt hatte, als Royal-Air-Force-Dolmetscher, an Winternächte und Wintertage, auf der Suche nach zurückgelassenen Waffen, Akkumulatoren, Scheinwerfern, Munition. Ich war froh darüber, dieser heimgesuchten Welt wieder ganz nahe zu sein. Ich fühlte, dass Gert in seinen Arbeiten die Wahrheit sagt über menschliches Leiden, Schuld und die völlige Verderbtheit allenthalben in der rauchigen Atmosphäre jener Zeit. Als die Hofmanns nach Austin kamen, hatte ich für sie ein ruhiges bürgerliches Haus gefunden, ich war jedoch erleichtert, als sie mir dann erzählten, dass sie dort von einem racoon (Übersetzeranmerkung: Waschbären) besucht worden waren.
Ich wünschte, ich könnte die »Atmosphäre« in Gerts Büchern beschreiben, die ich auch in Erding fühlte und die einem äußerst merkwürdigen Höhepunkt im »Kinoerzähler« findet und in dem Lichtenberg Roman eine vollkommene Coda schafft. Die »Welt« in seinen Erzählungen ist lebendig bis ins kleinste Detail. Die Männer sprechen, die Frauen murmeln (für gewöhnlich) – dennoch sind es die Frauen (wie die Mutter in »Unsere Eroberung«), die insgeheim die Welt am Leben erhalten. Alle diese Figuren bewegen sich und sprechen auf eine Art, die alles belebt und damit die lebendige Welt formt. Gestalten. Er muss nachgedacht haben, intensiv nachgedacht über dieses Verb, über seine Vergänglichkeit. Das Sprechen formt die Dinge, formt alles, und es sind die Figuren, also wiederum Gestalten. Nicht Substantive, sondern Kräfte, die die Formen der Welt in Worte fassen. Und zur selben Zeit sind die Welten, die sie in Worte fassen, vergänglich karg, nackt, leicht zerstörbar. Die Welten entziehen sich wieder, sie sind empfindlich wie Wanderbühnen. Trotzdem sind es sprachliche Äußerungen, die die Formen entstehen lassen, Stimmen, die eine imaginäre Welt, ja das Leben selbst in seinen unendlichen, aller kleinsten Details schaffen. So kritzelt der bucklige Lichtenberg die Einfälle, die er auf der Straße hatte, in sein Sudelbuch, so halten die Kinder (oder das Kind?), fast ganz von einem Vorhang verschlungen, den Verbrecher, der tot auf ihrem Sofa liegt, für ihren Nachbarn. – Halb im Scherz sagte ich einem Verleger, dass ich »Vor der Regenzeit« nur übersetzen würde, wenn ich »Gefahrenzulage« bekäme. Ich konnte mich einfach diesem alles fortreißenden Monolog nicht anvertrauen. Jetzt bereue ich es, dass ich mich so schützen wollte.
(Aus: Erinnerungen an Gert Hofmann Teil I; übersetzt von Eva und Susanne Hofmann)

 
 

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Christopher Middleton
Gert Hofmann: Seine Stimmen
 

Ich lernte Gert und Eva Hofmann (und Susi) im März 1984 in einem Hotel in Boston kennen. Das erste, das mir (nach Susis Zauber) auffiel, war Gerts Stimme. Er sprach sehr ruhig, ein äußerst differenziertes elegantes Englisch. Im Sommer davor hatte ich in Südostfrankreich große Teile des Romans »Auf dem Turm« übersetzt. Der manische Erzähler-Protagonist, der in einem sizilianischen Dorf mit seinem Auto gestrandet ist, erzählt seine Geschichte mit großer Leidenschaft: er ist »auf der Folter« während seiner ganzen in ihrem Zeitablauf sehr merkwürdigen Erzählung. Es ist eine Geschichte, die einen in jeder Hinsicht in ihren Bann zieht mit ihren grotesken und schmerzvollen Szenen – die alten Weiber, die sich in einem dunklen Stall zusammenkauern, die plötzliche Masse von Touristen, die gekommen sind, um das Schauspiel des Todes zu sehen. Die Erzählerstimme, hörbar die eines Geschäftsmannes mittleren Alters, ist schneidend, verzweifelt und dabei aufmerksam für das

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