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Der Oberbürgermeister von Limbach-Oberfrohna, Dr. Hans-Christian Rickauer, hob am 29. Januar 2007 die Bedeutung des international bekannten Schriftstellers Gert Hofmann hervor und bedauerte gleichzeitig, dass der »Prophet« im eigenen Lande nicht viel zähle.

 
 

Dr. Andreas Eichler, der Geschäftsführer des Literaturkreises, überbrachte die Wünsche des Vereinsvorsitzenden Dr. jur. Joachim Türke. Er verwies darauf, dass der promovierte Anglist Gert Hofmann, trotz seiner Zurückhaltung, einer der sprachmächtigsten und gebildetsten Autoren des 20. Jahrhunderts war. Diese Eigenschaften drückten sich jedoch nicht in Wortmeldungen zu allen möglichen »aktuellen« Themen aus, Gert Hofmann folgte in der Ablehnung solchen Aktualismus Henry James, sondern in einer existenziellen Intensität seiner Texte. Hofmanns Novelle »Die Rückkehr des verlorenen Michael Jakob Reinhold Lenz nach Riga« gehört zu den wenigen Texten, die neben der Lenz-Novelle von Georg Büchner bestehen können, obwohl oder gerade weil Hofmann keine Nachahmung von Büchners Stil versuchte. Bei Gert Hofmann verweigert sich der Vater, der eben zum Generalsuperindenten von Livland ernannt worden war, allen Anreden des Sohnes. Die Situation kulminiert in Lenzens Worten »Herr Vater, bitte, geben Sie mir das Wort zurück, ich will Ihnen auch dankbar sein.«
Hier lässt Hofmann im Dialog, der von Seiten des Vaters nur mit ablehnendem Habitus geführt wird, einen Moment abendländischer Geistesgeschichte aufblitzen. Die ersten Sätze des Johannes-Evangeliums tauchen auf. Man erinnert sich seiner verschiedenen Auslegungsversuche, von den Mystikern über Luther bis in den Sturm und Drang und die Weimarer Klassik hinein. Bei Hofmann wird die Konstituierung menschlichen Seins in der Sprache durch einem solchen Satz plötzlich fassbar.
Allerdings leben wir heute in einer Zeit der »Seinsvergessenheit«, in der immer weniger Menschen in der Lage sind, solche Sätze zu lesen und zu verstehen. Aber so wird es wiederum auch verständlich, dass das Werk Gert Hofmanns heute nur einem recht kleinen Kreis von Liebhabern bekannt ist. Selbst bei Kritikern und Kulturjournalisten fehlt es teilweise einfach an Textkenntnissen. Das ist erklärbar, jährlich erscheinen in Deutschland 90.000 Bücher neu. Wer soll das überblicken? Gleichzeitig wächst die Zahl der funktionellen Analphabeten. Etwa ein Viertel aller Achtjährigen beherrschen heute den Mindestwortschatz nicht mehr.
Verschiedene Schlussfolgerungen der Veränderungen von Bildung werden aufgrund dieser Lage gezogen. Die Konzentration auf die Institution naturwissenschaftlicher, technologischer und medizinischer Eliteuniversitäten erscheint als ein Ausweg. Englische, eindeutige, quantifizierbare Fachausdrücke beherrschen die Kommunikation dieser kleinen globalen Elite. Aber ein Volk von Analphabeten kann, so meint Johann Gottfried Herder, keine großen Dichter mehr hervorbringen. Die Qualität dessen, was in unserer Gegenwart als große Literatur gilt, bestätigt die Herdersche Befürchtung.
Den Wert von Sprache und Dichtung werden wir vielleicht erst schätzen, wenn es diese nicht mehr gibt. Gert Hofmanns Sprachkunst vermag uns auf amüsante Weise Geschichten zu erzählen und diese mit der Geschichte und dem Reichtum der deutschen Sprache zu verbinden. Gerade die Ambivalenz seiner Sprache, die Nichteindeutigkeit, die Metaphorik ist es, die unsere Phantasie, unsere Fähigkeit zu denken, anregt. Aber die Lektüre, die Arbeit in unserem Kopf, kann uns keiner abnehmen. Ein Vergnügen ohne Anstrengung gibt es nicht. Das macht uns Gert Hofmann in klassischer humanistischer Tradition bewusst.
Gerade die Tatsache, dass das Werk Gert Hofmanns im heutigen Medienspektakel keine Rolle mehr spielt ist jedoch eine Voraussetzung dafür, das eine junge Generation von Lesern und Kritikern dieses Werk Gert Hofmanns eines Tages für sich neu entdecken wird.
Johannes Eichenthal


Information
Das Werk Gert Hofmanns wird heute vom Carl-Hanser-Verlag München/Wien und vom Deutschen Taschenbuch-Verlag München veröffentlicht.
www.hanser.de
www.dtv.de

 
 

 
 

 
 

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Zum zweiten 75.
Gedenktafel für Gert Hofmann enthüllt
 

Am 29. Januar 2007, dem 76. Geburtstag von Gert Hofmann, enthüllten Mitglieder des Heimatvereins Limbach-Oberfrohna und des Literaturkreises Gert Hofmann eine Gedenktafel an der Stelle, an der bis 2005 das Geburtshaus des 1931 in Limbach geborenen und am 1.7.1993 in Erding bei München verstorbenen Schriftstellers.
Im vergangenen Jahr führte der Literaturkreis anlässlich des 75. Geburtstages von Gert Hofmann Lesungen in Limbach, Leipzig, Weimar, Chemnitz und Meißen durch. In Weimar und Chemnitz durften wir Eva Hofmann, die Witwe des Dichters, begrüßen. In diesen Veranstaltungen las sie aus den Werken ihres Mannes und antwortete auf Fragen.
Wenn wir aber verschiedene Ausgaben der Werke von Gert Hofmann in die Hand nehmen, dann stoßen wir auf ein zweites Geburtsjahr, 1932. Diese Angabe ist falsch und es ist heute nicht mehr nachvollziehbar, wie das zweite Geburtsjahr in einschlägige Bücher kommen konnte. Nicht nur Klappentexte bergen dieses zweite Geburtsjahr, auch prominente Literaturwissenschaftler fielen darauf herein. Selbst die äußerst gebildeten Damen und Herren der Literaturredaktion des Kultur-Radio-Senders des MDR wollten den 70. Geburtstag Hofmanns noch im Jahre 2002 begehen ... Immerhin, ein doppeltes Gedenken ist besser als keines. So war der 29. Januar 2007 eben auch der zweite »75.« von Gert Hofmann.

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