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Der Moderator verwies vorab darauf, dass auch in den nächsten Jahren wahrscheinlich keine neuen Quellenfunde zu erwarten seien. Von daher sei auch keine Änderung des bestehenden Luther-Bildes zu erwarten. Aber neue Generationen würden sich wahrscheinlich ihr eigenes Luther-Bild machen. Das heute präsentierte Buch sei ein Versuch einer neuen Sichtweise.
Volker Leppin stellt zunächst die rhetorische Frage, wie man sich theoretisch heute Luther annähern könne. Um die heute gängigen Interpretationen zu verfremden, habe er versucht die Luther-Texte so zu lesen, als wisse er nicht, was später aus Luther geworden sei. Er habe versucht Luther ernst zu nehmen als Menschen des Mittelalters und der Renaissance. Er habe ihn auf dem Weg begleiten wollen, der ihn aus der mittelalterlichen Kirchengemeinschaft herausführte. Daher habe er sich von der Forschung distanziert, die mehr oder weniger der Selbstdarstellung von Luther und dessen Hinweisen auf »Anfechtungen« u.ä. gefolgt sei. Dies sei eine Form der damals üblichen Darstellung für das Publikum gewesen. Man habe von Luther solche Erlebnisse erwartet. Er dagegen fand einen wie besessen arbeitenden Menschen vor und weniger »Anfechtungen«. Luther habe einen langen Weg beschritten, seine Perspektive habe sich nur allmählich gewandelt. Luthers spätere Darstellungen sei auch mit denen eines Ehepaares vor und nach der Scheidung vergleichbar. Nach der Scheidung datiere man die Anfänge des Konfliktes sehr weit zurück. Aber tatsächlich habe man diese zu frühem Zeitpunkt noch nicht so gesehen.
Die Frage nach der sogenannten »reformatorischen Wende« gehöre zu den in der Forschung am intensivsten diskutierten Fragen. In einem Text von 1545, als einem der meist bearbeiteten Quellen, sei Luthers Formulierung vom »gerecht machenden Gott«, statt des »Richter-Gottes« zu finden. Mit dieser Formulierung wird allgemein die reformatorische Wende festgemacht.
Wann und wie hat Luther das entdeckt? In einem Widmungsschreiben für Johann von Staupitz habe Luther im Jahre 1518 mit ähnlichen Worten, wie 1545 die Gerechtigkeit, den Begriff der Buße hervorgehoben. Für 1518 erkennen aber selbst sogenannte »Spätdatierer« den Vollzug der »reformatorischen Wende« an.
Dennoch verwende Luther hier nicht das Wort Gerechtigkeit sondern Buße.
Die Frage sei also, gilt der eine oder der andere Text oder beide?
Die Antwort von Volker Leppin lautete: 1518 sei Luther Buße wichtig gewesen, weil er eine neue Bußtheologie vertrat. 1545 dagegen sei ihm Gerechtigkeit wichtig gewesen, weil eine neue Kirche entstanden sei.
Die Variante, dass weder Buße, noch Gerechtigkeit, sondern etwas Drittes der entscheidende Punkt sein könnte, bezog der Autor nicht in seine Überlegungen ein.
Seine Schlussfolgerung lautete: aufgrund nachweisbarer Kontinuität hege er Zweifel an einer exakt datierbaren »reformatorischen Wende«. Ohne Zweifel gäbe es auch Brüche in Luthers Biographie, aber die von Luther selbst dargestellten Brüche seien heute vielfach erklärbar. Das Klosterleben sei für Luther gar nicht schwer gewesen. Von Staupitz habe er eine leicht mystische gefärbte Theologie erfahren und im Kloster habe er Spuren mystischer Frömmigkeit vorgefunden. Von Staupitz sei er auch auf den Eckhart-Schüler Johannes Tauler aufmerksam gemacht worden. Bei Tauler sei er auch auf die Alternative Buße statt Ablass gestoßen. In diesem Punkt sei es nicht um sakramentale Buße gegangen. Hinter Taulers Wort »das ganze Leben ist Buße« habe Luther notiert: nota bene.
Man dürfe nicht vergessen, dass Erfurt der Ort sei, an dem Eckhart gewirkt habe. Luther habe zwar begrifflich an Paulus und Augustinus angeknüpft, aber dieses anknüpfen sei im mystischen Geist erfolgt.
Bisher sei dieser mystische Geist mehr dem jungen Luther zugeschrieben worden.
Aber dieser »junge Luther« werde zwischenzeitlich bis 1530 datiert. Zu diesem Zeitpunkt war Luther fast 50 Jahre alt.
An dieser Stelle ging Leppin auf die Kontroverse Luthers mit Münzers ein. Hier hob er mehr die theologischen Gemeinsamkeiten der beiden hervor.
Zusammenfassend verwies der Autor darauf, dass, wenn man Luther aus dieser Perspektive lese, einen Menschen erkennen, der erst wurde, was er war: Bauernsohn, Mensch, Ehemann und Feind des Papsttums.

 
 


An dieser Stelle lies der Moderator Fragen zu.
Die erste Frage richtete sich auf den zentralen Punkt der Bedeutung der Mystik für die reformatorische Wende. Lege die Interpretation der reformatorischen Wende unter dem Einfluss Taulers nicht eher ein Verständnis von »Begegnung« und »Erlebnis« nahe, und eben nicht von Kontinuität,. Zu seiner Studienzeit sei Luther auch als »Theologe des Wortes« verstanden worden, gehe nicht bei der Hervorhebung des mystischen Einflusses die Rolle der Schrift unter?
Volker Leppin antwortete, dass bei Tauler mit Begegnung eher Gott als Gegenüber verstanden werde, weniger als Verschmelzung, wie bei Eckhart. Aber Luther habe Eckharts Texte als Taulersche gelesen, ihm sei die Urheberschaft nicht bekannt gewesen. Schließlich habe Luther selbst die »Theologie deutsch«, in der Annahme sie stamme von Tauler, 1518 neu herausgegeben.
Die Formulierung »Theologe des Wortes« sei nach 1945 in Abgrenzung zur Mystik geprägt worden. Die Literatur zur Mystik habe in der Zeit zwischen 1933 und 1945 einen Schwerpunkt gebildet. Die deutschen Christen folgten Alfred Rosenberg in seiner Interpretation. Heute könne man unvoreingenommener den Einfluss der Mystik auf Luther anerkennen. Selbstverständlich sei Luther auch ein »Theologe des Wortes« gewesen, mit seiner Schriftauslegung und dem Versuch nahe am Text zu sein. Bei der Textauslegung stehe jedoch immer die Frage, ob wir den Text oder uns selbst referierten.
Offensichtlich hatten Fragesteller und Autor ein unterschiedliches Verständnis von »Mystik«. Eine Klarstellung erfolgte leider nicht. Eckhart und seine Schüler passen nicht in ein folkloristisches Bild von Mystik. Eckhart war eher ein klarer Theoretiker und strategischer Praktiker. In seiner Verurteilung einiger Thesen hob der Papst hervor dass Eckhart, Doktor und Professor der Heiligen Schrift, mehr wissen wollte, als er sollte. (Vgl. Störmer-Caysa, Uta: Einführung in die mittelalterliche Mystik. Reclam-Verlag 2004, UB 17646) Auch Eckhart berief sich also auf die Bibel, auf das Wort.
Eine Frage richtete sich auf das Papsttum, das Luther erlebt hatte.
Der Autor antwortete, dass es nur eine direkte Begegnung nachweisbar sei. Aber im Umfeld Luthers habe es viele einseitige Deuter des Papsttums aus dem dominikanischen Umfeld gegeben.
Eine weitere Frage lautete, ob nicht der impulsive Charakter Luthers nahe lege, dass er seine beschriebenen Erlebnisse tatsächlich so erlebt habe?
Volker Leppin antwortete, dass es so viele Erlebnisse gewesen seien, die so dicht beieinander lägen, dass selbst diese Deutung eigentlich wieder auf eine Kontinuität hinauslaufe.
Ein Zuschauer wollte gern Argumentationshilfe gegen den Vorwurf, dass Luther mehr ein Kirchenspalter als ein Reformator gewesen sei.
Der Autor antwortete, dass, wenn Luther öffentlich auftrat, er schon ein Reformator gewesen sei, wenn er auch immer Momente der neuen Kirche vertreten habe.
Doch Luthers Gegner hätten ihn schrittweise zu den institutionellen Konsequenzen getrieben. So habe Luther auf die Vorwürfe von Eck in der Leipziger Disputation die Konsequenz gezogen: der Hus hat nicht geirrt, auch Konzilien können irren.
Die Frage sei auch, was Reformation im Kern gewesen sei. Viele Kollegen definierten den Kern mit der Rechtfertigungslehre. Er sehe diesen eher im allgemeinen Priestertum von 1520.
Ein Zuhörer wollte wissen, ob nicht die Begegnung des Provinzlers Luther mit der Metropole Rom, mit der Lässigkeit und dem Humanismus verheerend auf ihn gewirkt haben müsse.
Der Autor sah keine Gründe für diese Annahme.
Eine weitere Frage richtete sich auf die Wirkungsgeschichte Luthers. Lagen seine Gedanken in der Luft, gehen seine heutigen Probleme des Christentums auf Luther zurück.
Volker Leppin antwortet, dass viel in der Luft gelegen habe. Zwingli habe eine eigenständige Entwicklung gehabt. Luther sei eine Art von Katalysator gewesen. Seine Besonderheit sei die ungeheure Energie gewesen. Wichtig war die Position der Reichsfürsten. Durch die Reformation habe sich die Reichsverfassung verändert. Der Gedanke der Toleranz sei aufgenommen worden. Das Nebeneinander von verschiedenen Konfessionen sei ein wichtiger Impuls für die Toleranz gewesen. Es habe sich die individuell geprägte Religiösität herausgebildet, gleichzeitig seien die Formen mittelalterlichen Kirchenlebens in Frage gestellt worden.
Ein Zuhörer wollte wissen, ob, wie Max Weber meinte, der Geist der Reformation den Kapitalismus hervorgebracht habe.
Volker Leppin antwortete, dass Max Weber mit dieser These einseitig überzogen habe. (Dem Anschein nach war kein Vertreter des Erfurter Max-Weber-Kollegs anwesend.)
Ein weiterer Zuhörer wollte wissen, welchen Einfluss die Reformation auf die Herausbildung von Demokratie gehabt habe.
Der Autor antwortete, dass es für Luther keinen Vermittler für das Heil mehr gäbe. In Fragen der innerkirchlichen Demokratie setzte Luther zunächst auf die Wahl des Pfarrers durch die Gemeinde. Im Zusammenhang mit dem Bauernkrieg nahm Luther aber diese Position zurück. Der Mensch sei mit Sünden beladen und müsse durch eine starke Obrigkeit im Zaume gehalten werden. In diesem Zusammenhang habe sich Luther nicht mit Ruhm beladen.
Hier endete die interessante Diskussion zunächst. Offenbar hatte es der Autor vermocht die Zuhörer zu eigenem Nachdenken zu bewegen. Sicher wird der eine oder andere wieder einmal die Bücher von Luther aus dem Regal nehmen und darin lesen. Für diesen Impuls muss man Autor und Verlag dankbar sein. Denn mit seinem Werk wirkte Martin Luther weit über den theologischen und protestantischen Kreis im engeren Sinne hinaus auf die Herausbildung der deutschen Kultur.
Andreas Eichler


Information
Volker Leppin: Martin Luther. Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2006, 427 S., 22 s/w Abb., Fadenh., geb. m. SU, WBG-Bestellnummer B 17961-7, 29,90 €
www.wbg-darmstadt.de

 
 

 
 

 
 

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Luther in Erfurt
Neue Biographie im Augustiner-Kloster vorgestellt
 

Dem gemeinen Besucher stockte der Atem als ihn am Abend des 1. Februar Plakate, Pfeile und Hinweise zum Ort der angekündigten Buchvorstellung führten: die Bibliothek des Erfurter Augustiner Klosters. In den Regalen ehrwürdige Bücher, eine historische Fenster-Front und ein riesiger Tisch. Wir vermuten, sind uns eher sicher, dass Luther an diesem Tisch gesessen hat. Ein Augenblick erhabener Größe und Schönheit. Rasch füllt sich der Raum mit Besuchern. Zweite Stuhlreihen werden aufgestellt. Selbst das reicht am Ende nicht.
Der Moderator begrüßt die Gäste im heutigen Evangelischen Augustiner-Kloster und stellt den Autor der Luther Biographie vor: Professor Volker Leppin, Kirchenhistoriker von der Universität Jena.

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