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Man könnte nun erwarten, dass sich ein Buch mit dem Titel »Die Philatelie ...« nur mit philatelistischen Fachproblemen im engeren Sinne beschäftigt. Das Buch von Hans Meyer geht jedoch allen Fragen nach, die sich in der relativ kurzen Zeit von 1933 bis 1945 in der deutschen, aber auch – bedingt durch die zeitweise Ausdehnung der Macht des Deutschen Reiches – in den Sammlerbewegungen der europäischen Nachbarn abspielten, also in den Ländern, die von 1938 bis 1945 von Deutschland okkupiert, besetzt und auch aufgesogen wurden.
Hans Meyer hat sich die Mühe gemacht, nicht nur die Philatelie und die Einflüsse und Veränderungen in diesen Jahren ausführlich darzulegen, sondern auch deren Wertigkeit, die sie von der herrschenden Partei, also der NSDAP und ihren Organisationen erfuhren; er hat auch Bezüge zum Prozess der nationalen und internationalen Entwicklung in diesen Jahren hergestellt.
Zunächst hatten die zahlreichen Philatelistenverbände, die auch meist territorial organisiert und tätig waren, sich im III. Reich nicht sehr hervorgetan oder ihre Arbeitsweise verändert. Es waren ja auch keine Organisationen, die von staatstragender oder die Nazi-Bewegung gefährdender Bedeutung gewesen wären. Vor allem eine Reihe von Sammlern und Verbandsfunktionäre waren es, die sich im Laufe der Zeit hervortun wollten und im vorauseilenden Gehorsam oder auch um die eigene Bedeutung hervorzuheben, die neue Lage für die eigene Profilierung nutzten. Es wurde so die Einführung des »Führergrundsatzes« verkündet und beschlossen, als ob die Sammler, die ja durchweg mit einzelnen und eigenen Initiativen die Sammlerbewegungen bereicherten, auf eine »zentrale Führung« angewiesen wären. Danach sollte der Vorsitzende allein bestimmen, die übrigen Mitglieder und auch Delegierte zu Versammlungen hatten kein Mitspracherecht mehr. Die Besetzung der »Führungspositionen« sollte nur noch mit »nationalsozialistischen Persönlichkeiten« erfolgen. Aus den Vereinen wurden »Kameradschaften«. Der »Arierparagraf« wurde in der Mehrheit der Vereinen, allgemein ohne Widerspruch zu akzeptieren, durchgesetzt und jüdische Mitglieder ausgeschlossen, wenn diese sich nicht vorher schon freiwillig aus dem Vereinsleben zurückgezogen hatten. Hans Meyer schilderte aber auch die Ausnahmen, wie den Berliner Landesverband.
Unter den führenden Mitgliedern der Philatelistenverbände gab es fortan vielfach lebhafte Machtkämpfe und heftige Streitigkeiten sowie Denunziationen z. B. über unberechtigte Verkäufe und Aneignungen. Es versuchten am Ende wohl viele Mitglieder sich in der Verbandsarbeit hervorzutun und nutzten dazu die Partei und ihre Gliederungen ohne Bedenken. Es gelte »die Philatelie mit nationalsozialistischem Geist« zu erfüllen, auch »deutsch und nationalsozialistisch« zu sammeln; überhaupt wurden alle Bekenntnisse sehr offen und in voller Übereinstimmung mit den aktuellen NS-Propagandasprüchen verkündet. Die finanzielle Nutzung herausgegebener Sondermarken-Blöcke wurde für die NS-Propaganda in Form des »Kulturfonds des Führers« durch Aufrufe zum Kauf vorangetrieben.
Es ist dem Autor hoch anzurechnen, dass er die Werdegänge der einzelnen Philatelistenfunktionäre detailliert und nüchtern schildert. Dadurch gelingt es ihm die persönlichen Besonderheiten des einzelnen Menschen deutlich zu machen. Viele Aufforderungen an die Verbände und einzelnen Sammler, »nur deutsche Marken zu sammeln«, die »Kolonialidee wach zu halten« und die Verbände »Judenrein« zu machen; die Begrüßung der deutschen Annektierungen der Jahre 1938 und 1939 durch die Verbandsfunktionäre, das alles macht Hans Meyer deutlich und damit ersichtlich, wie sich dieser Prozess vollzog.
Angesiedelt wurde die Philatelie im III. Reich in der DAF (Deutsche Arbeitsfront) und hier wieder speziell in der Organisation »Kraft durch Freude« (KdF). Es war aber auch immer die Mehrheit der Philatelisten, die diesen Fragen keine so große Bedeutung beimaßen, sich selbst zurückhielten und ihre Freude am Sammeln im engeren und vor allem privaten Kreis hatten; auch der Einfluss von außen scheint sich letztendlich auf den einzelnen Sammler in Grenzen gehalten zu haben. Hans Meyer schildert sehr detailliert und kenntnisreich die personellen und organisatorischen Veränderungen im Vereinswesen, die zum Teil mit einer rassistischen Begründung erfolgten.
Die Ziele, die Bedeutung und die Organisation einschließlich der Ausgestaltung der zahlreichen Veranstaltungen, werden eingehend und auf die Jahre bezogen beschrieben, wodurch auch zunächst weniger in das Auge fallende Veränderungen deutlich werden.
Die Neuordnung der philatelistischen Organisationen nach 1938 und vor allem die Änderungen in der Organisation des Postwesens der besetzten Länder, wie der Tschechoslowakei, dann deren Unterteilung in das Protektorat Böhmen und Mähren und die Slowakei, des Generalgouvernements im besetzten Polen nach Kriegsbeginn, die Feldpost, die Post mit den Insassen der KZ-Lager und der Kriegsgefangenen werden ausführlich und pointiert beschrieben. Aus den Sammlervereinen wurden, wie schon erwähnt, »Kameradschaften«, die sich aber selbst mitunter in einem nahezu immer gegenwärtigen Kleinkrieg befehdeten.
Die Sammlerinitiativen durften sich nach Kriegsbeginn nicht mehr auf Briefmarken der Feindstaaten erstrecken. Da die Liste der Feindstaaten im Kriegsverlauf immer länger wurde, schränkte sich die Sammelvielfalt ständig mehr ein.
Ausführlich geht Hans Meyer auf die »Postwertzeichen und NS-Propaganda« ein und macht die Entwicklung der Postwertzeichen zum Nutzen der Nazipropaganda und zur Entwicklung des »Führerkultes« deutlich. Zu wünschen wäre hierbei aber gewesen, wenn der Autor das an Hand von Beispielen in der Entwicklung von Postwertzeichen in den Jahren 1933 bis 1945 auch sichtbar und deutlich gemacht hätte.
Die philatelistische Presse, die Fachliteratur und die herausgegebenen Kataloge sowie das Bibliothekswesen werden sehr detailliert in ihrer Entwicklung in der Zeit von 1933 bis 1945 beschrieben und auch sehr sachkundig bewertet. Hervorzuheben ist eine wohl fast lückenlose Übersicht der Fachautoren, vieler bedeutender Verbandsmitglieder und der Verbandsfunktionäre sowie deren Arbeitsergebnisse und Lebensläufe.
Die Leistungen des Briefmarkenhandels und vieler Markenhäuser, ihre Entwicklung, ihr Fachwissen und ihre ständige Mühe um ein hohes Niveau und die damit verbundenen Probleme werden entsprechend gewertet. Aber der Autor geht auch sehr gründlich auf die Entwicklung zu einem Zwangsverband nach 1933 und am Ende auf seine Herabwürdigung zu einer »Fachabteilung Briefmarken« und schließlich die Aufgabe jeder Selbständigkeit und die abschließende Auflösung ein.
Dankenswert ist die ausführliche Schilderung des Schicksals jüdischer Markenhäuser und Firmen, ergänzt durch persönliche Briefe und Dokumente.
Den Abschluss bildet ein Anhang mit einer Übersicht wesentlicher Dokumente des philatelistischen Lebens jener Zeit.
Das Buch ist von einer beeindruckenden Vielfalt und Genauigkeit in der Darstellung. Mit der Untersuchung der Tätigkeit der Verbände, der Sammler und Händler leistet Hans Meyer einen Beitrag zur Erforschung der Kommunikationsverhältnisse der Jahre 1933 bis 1945. In methodisch vorbildlicher Weise stellt er uns wesentliche Züge der Gesellschaft jener Zeit praktisch »von innen« vor. Man kann jedem Sammler, aber auch jedem historisch Interessierten dieses großartige Buch nur empfehlen. Es wird dem Buchtitel in ungewöhnlicher Weise gerecht.

Wolfgang Bönitz

Literaturhinweis
Hans Meyer: Philatelie im Dritten Reich. ISBN 978-3-937654-12-6

 
 

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Die Philatelie im Dritten Reich von Hans Meyer
Ein Beitrag zur Sozialgeschichte der Jahre 1933 bis 1945
 

Die Philatelie ist eigentlich ein Sammelbegriff für das Erforschen und das Sammeln von Postwertzeichen und anderen postalischen Belegen, Urkunden und Dokumenten, die in irgendeinem Zusammenhang damit stehen. Der Hauptsammelzweig ist wohl das »Forschungssammeln«, das alles berücksichtigt und einbezieht, was z.B. Papier, Zähnung, Wasserzeichen, Farbtöne und Druckarten betrifft. Aber auch das »Generalsammeln« nach Ländern und Motiven und das »Thematische Sammeln« sind für die Philatelisten von großer Bedeutung.
Die Philatelie ist in allen Ländern der Erde sehr verbreitet und die Sammler haben sich seit vielen Jahren in den verschiedensten Vereinigungen zusammen getan, um sich auszutauschen, andere Motivationen kennenzulernen, sich selbst anregen zu lassen und spezifische Interessen besser verfolgen zu können.

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