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Klaus Walther hob in seiner Laudatio hervor, dass das Zusammentreffen von Utz Rachowski (Jahrgang 1954) mit Reiner Kunze kein zufälliges sei. Rachowski habe das Werk Kunzes schon frühzeitig überaus geschätzt und auch die persönliche Begegnung gesucht. Die Episode der Entlassung Rachowskis von seiner Reichenbacher Schule habe Kunze sogar in seinem Buch »Die wunderbaren Jahre« verarbeitet. Der Laudator stellte einen Zusammenhang zwischen Leben und Werk Kunzes und Rachowskis her. Reiner Kunze setze sich später auch für die Freilassung des in der DDR inhaftierten jüngeren Kollegen ein. Aus dem Leben heraus sei bei beiden Widerstand in Poesie umgeschlagen. Poesie sei Widerstand. Klaus Walther fügte hier an, dass Widerstand nicht nur im unmittelbaren politischen Sinne zu verstehen sei. Das soziale Engagement Reiner Kunzes sei vielfältiger Art, zwischen Passau und Namibia.

 
 

Die Dankesrede von Utz Rachowskis war eine Art Hommage an Reiner Kunze und dessen Gattin. In vier »Bildern« ging der Autor in einer nachdenklichen, angenehmen Sprache auf die in der DDR erlebte Repression und den Widerstand dagegen ein. Am Ende formulierte er seine Sorgen um das Schicksal vieler Opfer und monierte die seiner Ansicht nach zu geringe Rente für Opfer der politischen Repression in der DDR.
Hier entstand nun, sicher ungewollt, wirklich der Eindruck einer direkten Verbindung von Literatur und politischen Intentionen. Doch einen solch kurzen Schluss stellte auch die herrschende Literatur-Doktrin der DDR her, wenn auch mit anderem Vorzeichen. Reicht Poesie jedoch nicht weiter? Ist nicht eines ihrer wesentlichsten Momente die Religiösität, d.h. die Sehnsucht nach Unsterblichkeit, aus dem Wissen um Sterblichkeit und Endlichkeit heraus? Ist nicht insofern Poesie auch der Versuch Unsterblichkeit zu erringen, in dem die Vergänglichkeit thematisiert wird? Vergehen nicht allmächtige Parteien, große Staaten, erfolgreiche Firmen, gigantische Konzerne und selbst Imperien? Stiften nicht immer noch die Dichter, was bleibt? Ist nicht in diesem nicht politischen, vielleicht sogar unpolitischen Sinne Poesie Widerstand gegen menschliches Allmachtsgehabe, Unmenschlichkeit und Eitelkeit? Vermag nicht Poesie über die alltägliche Misere hinauszureichen und uns gerade deshalb auch Trost zu spenden, Hoffnung zu vermitteln und uns vom herrschenden Zeitgeist-Schwachsinn zu erlösen? Kommt es dabei nicht allein auf den Text an, weniger auf das Schicksal des Autors, so schwer dies gewesen sein mag? Geht es in der Frage der Poesie nicht noch weniger um die politische Ansichten eines Autors?
Insofern ist es nicht hoch genug zu schätzen, dass seit dem Ende des Kalten Krieges die Vielstimmigkeit der Literatur wieder möglich geworden ist und keine politischen Bekenntnisse mehr von Literaten gefordert werden. Die Verleihung des Reiner-Kunze-Literaturpreises an Utz Rachowski ist auch ein Symbol für diese lange fällige Normalisierung. So werden die Texte von Reiner Kunze bleiben, vielleicht auch die von Utz Rachowski.
Doch so ganz normal ist die Situation vielleicht aber immer noch nicht. Ein Schriftsteller vom Range Stephan Hermlins, der in den 1970/80er Jahren immer wieder auf den Vorrang des poetischen Textes gegenüber politischen Intentionen verwiesen hatte, der wird auch 2007 noch nicht von seiner nahen Geburtsstadt Chemnitz angenommen.


 
 

Foto: Reiner Kunze (links), seine Gattin und Sparkassen-Vorstand Roland Manz

Roland Manz, Vorstand der Sparkasse Erzgebirge, übergab danach im Blitzlichtgewitter den ersten Reiner-Kunze-Literaturpreis offizielle an Utz Rachowski. In der Begründung für die Jury-Entscheidung wurde das Gesamtwerk von Utz Rachowski genannt. Reiner Kunze gehörte zu den ersten Gratulanten.
Reiner Kunze hatte bereits am Abend des 4. Mai in der Cafeteria des Kreiskrankenhauses Stollberg unter dem Titel »Sonne auf dem Brot. Texte aus fünf Jahrzehnten« gelesen. Die Cafeteria bot eine angenehme Atmosphäre. Durch die großen Fenster flutete das Abendlicht herein. Die Titelzeile »Sonne auf dem Brot« bezog Kunze auf eine Äußerung seines Großvaters, der fast sein ganzes Leben lang vor Sonnenaufgang als Bergmann in einen Kohleschacht einfuhr und erst nach Sonnenuntergang zurückkehrte. Erst im Alter durfte er den wunderbaren Schein der Sonne wie ein wirkliches Wunder genießen, und er konnte dies auch.
Kunze las zunächst Texte aus dem 1976er Buch »Die wunderbaren Jahre«, dann folgten Texte aus »Am Sonnenhang« von 2003 und einige Übersetzungen aus der tschechischen Sprache. Reiner Kunze beendete seine Lesung mit Texten aus dem Kinderbuch »Wohin der Schlaf sich schlafen legt« aus dem Jahre 1991. Kunzes klare, an aphoristischen Momenten reiche Sprache beeindruckte. Ohne Zweifel war diese Lesung ein besonderes Ereignis.
Johannes Eichenthal


 
 

Gegenwärtig ist in der Stadtbibliothek Oelsnitz eine Ausstellung mit Werken bildender Künstler der Region zu sehen, die zu Ehren Reiner Kunzes entstanden. Ausgangspunkt war der Satz von Reiner Kunze »Und wir haben immer eine Wahl ...«.
Unsere Abbildung zeigt einen Ausschnitt aus einer Arbeit von Klaus Hirsch.
Weitere Informationen: www.oelsnitz-erzgeb.de

 
 

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Erster Reiner-Kunze-Literaturpreis in Oelsnitz verliehen
Preisträger des Jahres 2007 ist Utz Rachowski
 

Hans-Ludwig Richter, der Bürgermeister der Stadt Oelsnitz/Erzgebirge, begrüßte im nahezu überfüllten Festsaal der Stadtbibliothek am Sonntag, dem 6. Mai 2007, zahlreiche Literaturinteressierte zur Verleihung des ersten Reiner-Kunze-Literaturpreises. Die Stadt Oelsnitz hatte Reiner Kunze, der am 16. August 1933 hier geboren wurde, im Jahre 2003 die Ehrenbürgerschaft verliehen. Im vergangenen Jahr stiftete die Stadt, gemeinsam mit der Sparkasse Erzgebirge und dem Sächsischen Schriftstellerverein den Reiner-Kunze-Literaturpreis. Der Dichter selbst hatte mit seiner Zustimmung zunächst gezögert, willigte dann aber unter der Bedingung ein, dass der Preisträger mindestens eine Generation jünger als er sei.


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