litterata  :  Reportagen  :  Reportagen von 2007  :  Fichte in Rammenau  
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Zugegeben, wir wissen, dass in Rammenau am 19. Mai 1762 den Eheleuten Christian und Dorothea Fichte ein Sohn geboren wurde, den sie Johann Gottlieb nannten. Die Fichtes waren einfache Leute, das Schicksal wollte es aber, dass der Schlossher auf den wachen Verstand des kleinen Johann Gottlieb aufmerksam wurde und ihm eine Ausbildung auf der Landesschule in Pforta und ein Theologiestudium und damit letztlich seine Hinwendung zur Philosophie ermöglichte. Das ist alles lange bekannt. Doch im Alltag vergessen wir zunehmend unsere kulturelle Herkunft. Die Internationalen Fichte-Gesellschaft veranstaltet regelmäßig Tagungen in Rammenau. Am 18. Mai, dem Vorabend des 245. Geburtstages des großen Philosophen, eröffnete die Fichte-Gesellschaft eine Tagung mit dem Titel »Fichte und die praktische Philosophie der Gegenwart«. Die Veranstaltung war für Nachwuchswissenschaftler gedacht, auf der Rednerliste standen auch Gäste aus Italien und Polen. Unterstützt wurde die Tagung u.a. vom Instituto Italiano per gli Studi Filosofici in Neapel.


 
 

Im Spiegelsaal des Schlösschens begrüßte Prof. Jürgen Stolzenberg im Namen der Fichte-Gesellschaft die Gäste. In der Gegenwartsphilosophie dominierten Kant und Hegel. Der lange Schatten Hegels verdecke auch Fichte. Sachliche Gründe für die Nichtanerkennung der Leistungen Fichtes im intersubjektiven Bereich gäbe es nicht. Hegel habe viel von Fichte übernomen aber wenig davon gesprochen. Mit der heutigen Tagung wolle man das vorherrschende Bild korrigieren und gleichzeitig über eine bloße Rekonstruktion der Fichteschen Theorie hinausgehen.
Die Bürgermeisterin der Gemeinde Rammenau Hiltrud Snelinski ließ es sich nicht nehmen eine kleine Begrüßungsansprache an die Tagungsteilnehmer und einige Einwohner von Rammenau zu richten. Ulrich Reichard leitete mit einem Händelschen Harfenkonzert zum öffentlichen Abendvortrag über.

 
 

Dr. Jakub Kloc-Konkolowicz aus Warschau stellte seinen Vortrag unter das Thema »Anerkennung ohne Kampf? Fichtes transzendentale Anerkennungslehre: ihr Potenzial und ihre Grenzen.« Der Redner begründete zunächst die Wahl seiner Thematik. »Der« Begriff der »Anerkennung« sei einer der meistdiskutierten Ausdrücke der gegenwärtigen internationalen Philosophie. Bereits hier deutete der Referent an, dass er sich mit »neohegelianischen« Vertretern der Frankfurter Schule, er meinte mit dieser Etikettierung eigentlich ausschließlich Axel Honneth, auseinandersetzen wolle.
Die heutige globale Situation, die Suche nach einem Dialog der Kulturen, sei der Hintergrund für die Diskussion des »Anerkennungs«-Begriffes, als einer wechselseitigen Voraussetzung für einen erfolgreichen Dialog. Durchgesetzt habe sich leider die Hegelsche Variante der »Anerkennung«, der diese immer mit einem Kampf von Interessen verbunden sah. Der »wahre Entdecker« des Anerkennungs-Begriffes Fichte werde in diesem Zusammenhang von Hegel mit keinem Wort erwähnt. Ähnlich sei später verfahren worden, etwa von Jürgen Habermas. Eine Ausnahme sei Axel Honneth, der allerdings Fichte nur als Vorstufe Hegels auffasse.
Der Referent versucht nun seine Auffassung in drei Punkten zu begründen. Zunächst bezeichnete er das Hegelsche Konzept als »militante« Anerkennung. Der Aspekt des Kampfes kennzeichne den Unterschied zwischen der Fichteschen und der Hegelschen Position. In der Rezeption werde Hegels Konzept mit seinem Wirklichkeitssinn in Verbindung gebracht. Für Hegel sei Anerkennung zwischen Natur und Gesellschaft angesiedelt. Als normatives Moment sei Anerkennung immer schon da, wo es Gesellschaft gäbe. Der »Kampf« stehe in der Hegelschen Position für sozial Dynamik. Honneth fasse Anerkennung als Quelle der Ausdifferenzierung und als Bedingung der Selbstverwirklichung auf und leite jede Form der Individualisierung aus der »Anerkennung« ab. Für Honneth ermögliche nur die Anerkennung durch andere einen Selbstbezug. Die soziale Entwicklung berge in sich ein Moment der Kritik. Honneth verbinde den Anerkennungs-Begriff deshalb mit den Fragen nach Gerechtigkeit und Umverteilung.
An diesem Punkt unterstellte der Referent der Position von Honneth eine »Psychologisierung«, vermochte aber seine Meinung nicht nachvollziehbar zu begründen. Insofern waren auch seine anschließenden Zweifel an der Leistungsfähigkeit der Auffassung Honneths nicht nachvollziehbar.
In einem zweiten Punkt versuchte der Referent die Differenz der Hegelschen und Fichteschen Position darzustellen. Fichte habe im Unterschied zu Hegel zeigen wollen, dass schon die Begründung des individuellen Bewusstseins Anerkennung durch andere erfordere. Insofern sei für Fichte »Anerkennung« die Bedingung für Bewusstsein als solches. Für Fichte sei hier 1. eine reelle Begrenzung notwendig, aber 2. dürfe die Begrenzung den aktiven Charakter des Bewusstseins nicht aufheben. Aus diesem Spannungsverhältnis sei nur ein Ausweg möglich. Das Bewusstsein dürfe nur durch einen Begriff begrenzt werden, nicht durch einen Gegenstand. Das Bestimmtsein zum Selbstbewusstsein sei Freiheit. Die ersten Erfahrungen, die das individuelle Bewusstsein mache seien konzeptueller Art und gleichzeitig auf andere bezogen. Damit werde der Bezug auf andere zur grundlegenden Bedingung des (individuellen) Bewusstseins. Die Anwesenheit des Anderen wird als notwendig angesehen. Der Andere muss als vernünftiges Wesen angenommen werden: handle so, dass andere vernünftige Wesen auch frei handeln können! Wenn der Andere die Möglichkeit zum freien Handeln nicht nütze, dann beraube er sich seiner Vernunftfähigkeit und falle in die Sinnlichkeit zurück.
Insofern sei es notwendig sich gemeinsamer Regeln, gemeinsamer Gesetze zu unterwerfen.
Für Fichte werde der Mensch nur mit anderen Menschen ein Mensch im Sinne der Gattung. Selbstbegrenzung sei für ihn Ausdruck der Anerkennung des Anderen und damit Ausdruck der Vernunft. Fichte habe zunächst die eigenen Gesetze und die des Anderen gleich gewichtet. Im Spätwerk habe er das Sittengesetz höher angesetzt als das Recht des Anderen. In diesem Zusammenhang sei bei Fichte auch eine Einheitskonzeption des Vernunftstaates entstanden. In der Fichteschen Vernunft-Staats-Idee sei Anerkennung auf inflationäre Weise gebraucht worden.
Hegel habe die Fichtesche Vorstellung vom Eingreifen des Staates zur Sicherung der Anerkennung abgelehnt. Man könne nicht a priori bestimmen, welche soziale Gruppen durch das Eingreifen des Staates gesichert werden sollen. Aber Kriterien für das Eingreifen könne man bestimmen. Insofern sei Fichte nicht weit von der Habermasschen Diskurstheorie entfernt. Man könne das Fichtesche Konzept durchaus mit dem Konzept der sozialen Gerechtigkeit verbinden.
Hier leitete der Referent zu seinem dritten Schwerpunkt über. In der Gegenwart gäbe es die Tendenz »Anerkennung« möglichst weit zu fassen. Mit der Fichteschen Anerkennungskonzeption könne man z.B. kennzeichnen, wie die Unantastbarkeit der Person zu realisieren sei. Für Fichte heiße Begriffe verstehen deren Anwendung meistern. Autonomie besage, welche Handlungen soll ich durchführen und welche nicht. Wenn ich meine Freiheit überschreite , dann zeige ich, dass ich den Begriff nicht verstanden habe und in Irrationalität, Unvernunft und Sinnlichkeit zurückfalle. Fichte habe sich immer für die durchgehend Ausnutzung unserer Rationalität ausgesprochen.
Mit Bezug auf John Rawls postulierte der Referent, dass es notwendig sei, dass jeder als gleichberechtigtes Subjekt behandelt und dennoch in seiner Besonderheit respektiert werden sollte.
Obwohl er hier eine Verbindung zu Fichte herstellte (Anerkennung als gegenseitige Beziehung) dürfte er mit diesen zwei Bedingungen Fichtes theoretische Leistungsfähigkeit überfordert haben.

 
 

Der Zuhörer fragt sich am Ende, ob diese Argumentation überhaupt tragfähig ist. Was bringt es heute, wenn man Fichte in die Nähe der Habermasschen kommunikativen Vernunft rückt? Bekennt sich nicht Habermas seit Jahren zu Kant? Führt man nicht Fichte damit zum x-ten Male auf Kant zurück?  Habermas proklamieret mit Bezug auf Kant seit Jahrzehnten »Rationalität« und »Universalität« der westlichen Kultur. Praktisch wurde dieser Ansatz durch die Habermassche Rechtfertigung von »humanitären Interventionen« beschädigt. Theoretisch musste Habermas in einer Diskussion mit dem damaligen Kardinal Ratzinger am 19. Januar 2004 in München die »Entzauberung« seines hochdekorierten Ansatzes erleben. (vgl. Ratzinger, Joseph Kardinal: Was die Welt zusammenhält. Vorpolitische moralische Grundlagen eines freiheitlichen Staates. In: ders.: Werte in Zeiten des Umbruchs. Die Herausforderungen der Zukunft bestehen. Freiburg i. Br. 2005, S. 28 ff.) Was kann eine Orientierung an Habermas für die Fichte Forschung heute bringen?
Die Hegel Kritik ist notwendig. Aber warum muss man Honneth ausgerechnet seine Versuche des Weiterdenkens der Hegelschen Theorie (und der Habermaschen, und der Frankfurter Theorie ...) negativ anrechnen?
Aber vielleicht wurden solche Fragen dann in den Diskussionen des 19. und 20. Mai aufgeworfen?
Johannes Eichenthal

Informationen
www.fichte-gesellschaft.de
www.barockschloss-rammenau.com

 
 

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Fichte und die praktische Philosophie der Gegenwart
Internationale Tagung im Barockschloss Rammenau
 

Rammenau ist eine kleine Ortschaft, nahe der Autobahn A 4 in Richtung Bautzen, nur eine halbe Autostunde von Dresden entfernt. Die von bewaldeten Hügeln geprägte Landschaft wird ab und an von größeren Teichen oder Seen unterbrochen. Ein mächtiger Gasthof dominiert das Zentrum. Ganz am Rande von Rammenau finden wir endlich ein Schlösschen, dessen Anlage auf einstige kunstsinnige Besitzer schließen lässt. Das reizende Schloss ist in eine blühende Garten- und Parklandschaft eingebettet. Eine Oase für den gestressten Gegenwartsmenschen. Warum haben wir Rammenau bisher noch nicht kennengelernt?

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