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Werner Abel fragte Wolfgang Leonhard, warum er, da er doch Kindheit und Jugend in der Sowjetunion des Hochstalinismus erlebt habe, 1945 mit so viel Hoffnung nach Deutschland zurückgekehrt sei?
Wolfgang Leonhard antwortete, dass das Leben in der Sowjetunion durch unterschiedliche Perioden gekennzeichnet gewesen sei. Im Jahre 1944 sei die vielleicht hoffnungsfroheste Periode in der Geschichte des Landes angebrochen. Das sei selbstverständlich mit einem nahen Ende des Krieges verbunden gewesen. Doch die Hoffnungen hätten weiter gereicht. Stalin habe sehr wohl die Kriegsmüdigkeit seiner Landsleute bemerkt und habe indirekt die Hoffnung geschürt, dass nach dem Krieg das ganze Leben besser werde. Diese Propaganda sei in erster Linie über Filme ausgeübt worden. Allgemein bekannt sei sicher, dass Stalin jedes Drehbuch eines sowjetischen Filmes persönlich durchlas und auch änderte. Er könne sich an Filme aus jener Zeit erinnern, in denen Parteifunktionäre sagten, dass man mitunter zu hart zu den Menschen gewesen sei, und dass man menschlicher sein müsse. Es seien auf diese Weise Gerüchte geschürt worden, wonach unschuldig Verhaftete freigelassen, der Zwang zur Kolchosen aufgehoben, Kunst und Literatur mehr Freiheit erhalten sollten usw.
Als er am 28.04.1945 erfahren habe, dass er mit der Gruppe Ulbricht nach Deutschland zurückfliegen sollte, herrschte die hoffnungsfrohste Stimmung in der Sowjetunion, die er je erlebt habe.

Werner Abel fragte weiter, warum er in seinem Buch ein ambivalentes Bild von Walter Ulbricht gezeichnet habe, zunächst als orthodoxen Stalinisten und am Ende viel positiver als Erich Honecker?
Wolfgang Leonhard antwortete, dass Ulbricht bis etwa 1965 ein gehorsames Werkzeug von Moskau gewesen sei, der alles das, was ihm aufgegeben wurde, oft mit brutalen Methoden durchgesetzt habe. Er habe Ulbricht einige Zeit begleitet und täglich gesehen. Dieser sei ein Mensch gewesen, der vollständig in Organisation und Verwaltungen aufgegangen sei. Er sei mit ihm 1945 durch Brandenburg gefahren. Die Natur habe Ulbricht nicht interessiert. Er habe ständig überlegt, welchen Menschen er an welche Stelle des Apparates setzen oder von welcher Stelle entfernen müsse.
Aber von etwa 1966 an begann Ulbricht selbständig zu werden, sich von alten Schablonen loszusagen und nach neuen Wegen zu suchen. Manche Details habe er erst nach 1989 erfahren. So sei Ulbricht 1971 zum XXIV. Parteitag der KPdSU nach Moskau gefahren, ohne eingeladen gewesen zu sein. Ulbricht habe ums Wort gebeten und vor den 5000 Delegierten in einer etwa 8–10 minütigen Rede erklärt, dass er der Einzige im Saal gewesen sei, der Lenin noch persönlich gekannt habe. Im Jahre 1922 sei er Mitglied der deutschen Delegation zum IV. Kongress der Kommunistischen Internationale gewesen. Lenin habe sich mit der Delegation über Deutschland unterhalten und hervorgehoben, dass die russischen Kommunisten viel Erfahrung hätten, aber sie sollten den Deutschen nicht vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen hätten. Es sei eine atemberaubende Atmosphäre im Saal eingetreten.
Man habe Ulbricht noch einmal das Wort erteilt, aber kurze Zeit später sei Ulbricht in der sowjetischen Presse nicht mehr erwähnt worden.
Offensichtlich habe Ulbricht einen Punkt erreicht gehabt, an dem er sich nicht mehr bestimmen lassen wollte, an dem er eigene Wege gehen wollte.
Er, Leonhard, habe schon immer vermutet, dass dieser Punkt selbst bei parteitreuen Funktionären eintreten wird.
Ulbricht sei dann von Honecker 1971 auf erniedrigende Weise abgestraft worden. Er, Leonhard, habe damals geschrieben, dass Ulbricht nun selbst erfahre, was er vorher anderen Menschen angetan habe. Das System habe einen Bummerang-Effekt besessen. Ulbricht sei von Honecker und Mielke als »unzuverlässig« eingestuft worden. An diesem Punkt sei etwas eigenartiges passiert: Ulbricht sei plötzlich bei einem Teil der Bevölkerung populär geworden. Man könne das bis heute nicht erklären. Als Ulbricht 1973 starb, hätte Honecker ihn gern schnell »verscharrt«. Doch die komplette Moskauer Führung unter Breschnjew sei unerwartet zur Beerdigung angereist. Man habe deshalb notgedrungen die Form des Staatsbegräbnisses aufnehmen müssen. Und plötzlich seien 50.000 Menschen zur Beisetzung erschienen, mit denen Honecker nicht gerechnet hatte. Die Stimmung sei etwa so gewesen: solange er an der Macht war, haben wir ihn nicht gemocht. Aber so, wie Honecker, kann man nicht mit Ulbricht umgehen. Diese Ereignisse seien bis heute nicht geklärt. Es sei eine seltsame Situation entstanden: ein zu Lebzeiten unbeliebter DDR-Funktionär sei nach seinem Tode zu einer Symbolfigur geworden.

 
 


Werner Abel fragte weiter, warum Leonhard, obwohl er viel eher als Ulbricht mit dem Stalinismus gebrochen habe, nach Jugoslawien geflohen sei, und nicht in den Westen, wie viele andere?
Wolfgang Leonhard antwortete, dass er bereits im Mai 1945 bemerkt habe, dass seine Hoffnungen enttäuscht werden. Es sei eine Verhärtung und Bürokratisierung eingetreten. Es sei kein eigenständiger Weg möglich gewesen, sondern Moskau habe nur einen Satellitenstaat ermöglicht. Deshalb habe er sich zur Flucht nach Jugoslawien entschlossen, um zu zeigen, dass es innerhalb des Sozialismus die Möglichkeit eines anderen Weges gäbe. Die Flucht sei nicht einfach gewesen. Von Berlin über Dresden nach Prag. Aber in seiner Ausbildung habe er illegale Grenzübertritte trainiert gehabt. In Prag habe er zunächst illegal gelebt und sei dann mit Hilfe der jugoslawischen Botschaft ausgereist. In Jugoslawien sei er als Freund und Mitstreiter empfangen worden. Sofort habe er als Leiter der deutschsprachigen Sendungen von Radio Belgrad arbeiten dürfen. Dieser Sender sei freier als alle östlichen, aber auch als manche westlichen Sender gewesen. Man habe ihn einzig dazu angehalten die blockfreie Politik Jugoslawiens zu respektieren und sowohl östliche als westliche Positionen mit Distanz zu referieren.

Werner Abel fügte an, dass es schon kurios sei, dass Leonhard erst nach fast 50 Jahren, in seinem aktuellen Buch »Meine Geschichte der DDR«, die Hintergründe seiner Flucht offenlege, obwohl im von Anfang an immer unterstellt worden sei, dass er wohl mit Hilfe westlicher Geheimdienste geflohen sei.
Hier fügte er seine neue Frage an, ob jemals die Chance bestanden habe, das DDR-Regime zu reformieren?

Wolfgang Leonhard antwortet, dass es nur begrenzte Möglichkeiten gab. Es habe sehr wohl einige Spitzenfunktionäre gegeben, die eine freiere Entwicklung hätten wagen wollen, doch diese seien zu wenige und zu isoliert gewesen. Man dürfe die DDR in dieser Beziehung nicht mit der Bundesrepublik vergleichen, sondern eher mit Polen und der CSSR.

Werner Abel fragte weiter, welchen Eindruck Leonhard bei seinem Gesprächen mit DDR-Spitzenfunktionären nach dem Sturz Honeckers im Jahre 1989 gewonnen habe?
Wolfgang Leonhard antwortet, dass er zu einer Gruppe von deutschen Jugendlichen gehört habe, die in den 1930er Jahren n der Sowjetunion die Moskauer Karl-Liebknecht-Schule besuchten, im gleichen Kinderheim gewohnt hätten, beim Moskauer Luftschutz gewesen, an der Komintern-Schule studiert hätten: Markus Wolf, Stefan Doernberg, Jan Vogeler, Hugo Eberlein u.a. hätten zu dieser Gruppe gehört.
Nach seiner Flucht im Jahre 1949 seien alle Kontakte abgebrochen gewesen. 1989 habe er erstmals wieder die Möglichkeit zum Besuch der DDR bekommen. Er habe mit den ehemaligen Spitzenfunktionären 1989 frei und offen reden könne. Sie seien damals bereit gewesen neue Wege zu suchen und neu zu denken. Aber ab Mitte 1990 sei diese Offenheit beendet gewesen, sie seien wieder in alte Schablonen zurückgefallen.

Werner Abel fragte weiter, warum Leonhard im letzten Teil seines Buches kritisiere dass statt einer Reformierung der DDR eine schnelle Wiedervereinigung Deutschlands erfolgt sei?
Wolfgang Leonhard antwortete, dass er den Höhepunkt der Emanzipationsbewegung in der DDR mit den Montagsdemonstrationen vom September 1989 ansetze. Es habe Aufbruchstimmung geherrscht. Dann habe sich aber gezeigt, dass die Mehrheit der Menschen nicht den Mut für einen Neuanfang besessen hätten und für einen schnellen Anschluss an den Westen plädiert hätten.
Ihn hätte diese Entwicklung traurig gemacht. Aber er habe zur Kenntnis nehmen müssen, dass LKW-Kolonnen aus Bayern mit Geschenken nach Sachsen rollten, dass die CDU auf den genialen Gedanken gekommen sei das Wort »Allianz für Deutschland« zu erfinden. Diese griffige Formel sei mit Stimmungsmusik und Freibier und die Leute gebracht worden.
Die SPD dagegen habe die Probleme gesehen und sei mit Programm-Broschüren auf die Leute zugegangen. Das habe nur eine Minderheit interessiert. So sei ein Stimmungswechsel eingetreten, wonach die Erneuerung der DDR keinen Sinn mache.

Werner Abel konstatierte, dass Leonhard auf Drängen seiner Freunde ein neues Buch geschrieben habe, obwohl er sich zu seinem 80. Geburtstag vornahm, kein Buch mehr zu schreiben. Hier fügte er die Frage an, warum er es »Meine Geschichte der DDR« genannt habe?

Wolfgang Leonhard antwortete, dass eine »Geschichte der DDR« für ihn nie ein wissenschaftliches Ziel gewesen sei. Mit 80 Jahren könne man sich auch kein neues Ziel mehr stellen. Deshalb habe er sich vorgenommen zu zeigen, wie er die DDR erlebt habe. Von 1952 an habe er die Entwicklung der DDR verfolgt. Er habe eine besondere Methode gewählt und die Tages- , Wochen- und Monatszeitungen und -Zeitschriften von DDR und Sowjetunion miteinander verglichen. Mit dieser Methode sei er darauf gestoßen, dass sich die DDR von Anfang an anders entwickelt habe als die UdSSR. Z.B. habe nach Stalins Tod die Führung der Sowjetunion keine Trauerrede gehalten, Stalin nach zwei Wochen nicht mehr erwähnt, seine Schriften entfernt und eine Auseinandersetzung mit dem Personenkult begonnen.
In der DDR dagegen sei monatelang getrauert worden. Ulbricht habe sich sogar eine bestimmte Stalin-Statue gewünscht, aber auf seinen Wunsch nicht einmal eine Antwort erhalten. Aus diesen Differenzen seien tiefe Einblicke in die Entwicklung der DDR möglich gewesen.

Werner Abel fragte weiter, warum große Zeitungen im Westen Leonhards Artikel oft nicht druckten, in denen er frühzeitig auf einen Zusammenbruch der Sowjetunion verwiesen habe, so dass er etwa 1984 in den »Lübecker Nachrichten« veröffentlichen musste?
Wolfgang Leonhard antwortete, dass es im Westen Illusionen über die wirkliche Lage gegeben habe. Doch in den 80er Jahren habe es in der Sowjetunion 60.000 Publikationen im Eigenverlag gegeben (Samisdat). In einer deutschen Universitätsbibliothek habe man diese Publikationen sogar lesen können. Aus dem Material habe man Schlussfolgerungen ziehen können. Bereits 1972 habe er ein Buch darüber geschrieben, ob die Sowjetunion vor einer neuen Revolution stehe. Seit 1964 sei der Kommunismus und die Kommunistischen Partei nicht mehr effizient gewesen. 1964 sei der letzte Kommunist, Nikita S. Chruschtschow, von der führenden Position abgesetzt worden. Man könne sich über Chruschtschow streiten. Er habe 1965 ein Buch über Chruschtschow geschrieben. Aber mit Beginn der Breschnjew-Ära habe eine Ent-Ideologisierung eingesetzt. Man habe nur noch Kommunismus »gespielt«, das System habe sich verändert. Das sei alles in Deutschland nicht gesehen worden. Er habe sich seit 1964 mit der Frage beschäftigt, wann man mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu rechnen habe.

 
 


An dieser Stelle ließ der Moderator Fragen des Publikums zu.
Ein Zuhörer widersprach Leonhard in seiner Darstellung der Ursachen für den Sturz Chruschtschows. Gorbatschow habe es so dargestellt, dass Chruschtschow gescheitert sei, weil er eine Balance zwischen Interessengruppen der Indusrie und der Landwirtschaft herstellen wollte.
Wolfgang Leonhard antwortete, dass Chruschtschow versucht habe zu neuem Denken und Demokratie durchzubrechen. Chrustschow habe die leere Propaganda und die Worthülsen der Stalinzeit überwunden und sich der wirklichen Klage des Landes zugewandt. Dabei habe er ine Reihe von Fehlern gemacht. Die Aufteilung in Landwirtschafts- und Industrie-Gebiets-Kommitees sei nur ein Aspekt gewesen.

Ein weiterer Zuhörer verwies darauf, dass Leonhard die Gründung der Gewerkschaft Solidarnocz als eines der wichtigsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts eingestuft habe, doch die Wahl eines polnischen Papstes im Jahre 1978 sei viel bedeutsamer gewesen.
Wolfgang Leonhard stimmte grundsätzlich zu und sagte, dass es in seiner Darstellung mehr um den Zusammenhang verschiedener Emanzipationsperioden innerhalb der sozialistischen Länder gegangen sei, von der Blockfreiheit Jugoslawiens im Jahre 1948, über 1953, 1956, 1968 bis hin zu 1989.
Ein weitere Zuhörer fragte, warum es in der DDR keine kritische Elite gegen habe und wie er die gegenwärtige Entwicklung in Russland einschätze?
Wolfgang Leonhard antwortete, dass es für die Menschen in der DDR bis 1961 die Möglichkeit gegeben habe, das Land problemlos zu verlassen. Dies Möglichkeit hätten viele genutzt.
Zur Lage in Russland sagte er, dass er während der Regierungszeit von Gorbatschow und Jelzin jährlich 3-4 Mal in Russland gewesen sei, u.a. als OSZE-Wahlbeobachter. Zur Zeit Jelzins habe eine wunderbare Atmosphäre geherrscht. Seiner Auffassung nach sei dies die beste Zeit in der russischen Geschichte gewesen. Der jetzigen Führung sei es gelungen die Erinnerung an die Jelzin-Zeit auszulöschen.

Ein weiterer Zuhörer wollte wissen, welche Werte Leonhard in seiner Zeit als Propaganda-Funktionär der SED vermittelt habe?
Hier kam es zu ersten akustischen Verständigungsschwierigkeiten.
Wolfgang Leonhard antwortet, dass er als Hochschullehrer immer versucht habe Geschichte lebendig zu vermitteln, nicht als abstrakte Besserwisserei, sondern versucht habe historische Ereignisse plastisch darzustellen. Sein Ziel sei ein nachdenkliches, kritisches Bild gewesen. In diesem Sinne seien Marx und Engels seine Vorbilder gewesen, nicht aber die Marxisten.
Er habe Geschichte als lebendigen Prozess darstellen wollen, nicht von vornherein in »richtig« und »falsch« zu unterscheiden, sondern Verständnis für historische Strömungen wecken.
Er habe auch versucht Beispiele internationaler Zusammenarbeit darzustellen. Z. B. habe die Hanse über lange Zeit hervorragend funktioniert, weil sie keine Statuten hatte und keine Verfassung, sondern eine lockere Vereinigung mit Beibehaltung der Selbständigkeit gewesen sei.

Ein weiterer Zuhörer wollte wissen, ob die SPD noch eine sozialistische Partei sei?
Wolfgang Leonhard antwortete ausweichend, dass die SPD sich in Veränderungen befinde und in großer Gefahr sei. Er wünsche der SPD, wie allen Parteien, dass die Führung vor möglichst groben Fehlern bewahrt bleibe. Wie zur Erklärung schob er nach, dass er keiner Partei angehöre und ein »demokratischer Wechselwähler« sei. , der sich trotz seines Alters durchaus als progressiv betrachte und Freunde aus allen Parteien habe. Er beurteile Menschen auch nicht nach ihrer Parteimitgliedschaft.
Eine gewisse Anziehungskraft übte auf ihn die Politik der nordischen Länder aus. Dort sei offensichtlich vieles gut gelungen.

Ein weiterer Zuhörer wollte wissen, was die Linke aus der Geschichte lernen könne?
Wieder kam es zu akustische Verständigungsproblemen.
Wolfgang Leonhard antwortet, dass kein Mensch fehlerfrei sei. Das Höchste, was man erreichen könne, sei vielleicht, in zwei von drei Fällen richtig zu entscheiden. Man solle sich von einer Ideologie nicht völlig gefangen nehmen lassen. Sein eigener Bruch hätte vielleicht eher kommen können. Wenn man sich für eine Sache engagiere, dann solle man den Verstand nicht ausschalten. Man solle Fehler zugeben, sich eine eigene Meinung bilden und dafür einsetzen. Gleichzeitig solle man aber tolerant sein. Dies sei schwer zu verwirklichen. Beides sei aber nicht ohne das andere möglich. Wer keine eigene Meinung habe, der könne auch nicht tolerant sein und umgekehrt.
Eine junge Zuhörerin fragte, was Leonhard von der eben beschlossenen Rente für SED-Opfer und von Wiedergutmachung halte.
Wolfgang Leonhard antwortete, dass er auf die aktuellen Dinge nicht eingehen möchte. Grundsätzlich sei Wiedergutmachung wichtig. Notwendig sei aber Nachdenklichkeit und Mitfühlen. Er wünsche sich schon lange eine Diskussion darüber, wie man Menschen beurteile, die unter anderen Bedingungen gelebt haben.
Oft müsse er schnell dahingeschriebene Buchrezensionen lesen, die vorschnell eine einseitige Meinung bildeten. Wichtig sei, sich in andere Menschen hineinzudenken.

Ein weiterer Zuhörer fragte, ob Leonhard in den 1930er/40er Jahren in der Sowjetunion etwas über Trotzki gehört habe.
Wolfgang Leonhard antwortete, dass in sowjetischen Filmen »böse Agenten« immer als »Trotzkisten« und als dunkle Schatten dargestellt wurden. Sie seien davon nicht unbeeinflusst geblieben. Als er 1940 in der Prawda nach der Ermordung Trotzkis las »Tod eines internationalen Spions«, da sei es selbst ihm und seinen Freunden zu weit gegangen. Es sei geschrieben worden, dass Trotzki von einem enttäuschten Trotzkisten ermordet worden sei. Dies habe verlogen und peinlich gewirkt.
Stalin habe auch einen Tag nach Trotzkis Tod riesige Feuerwerke abbrennen lassen. Bis dahin habe er sich auch jede Veröffentlichung Trotzkis beschaffen lassen.
Er, Leonhard, sei nach seiner Flucht nach Jugoslawien auch mit den Führern der IV. Internationale bekannt geworden. Man habe sich über verschiedene Dinge unterhalten. Sein Eindruck sei aber gewesen, dass die trotzkistische Internationale in ihrer programmtischen Form erstarrt sei.

An dieser Stelle, um 21.00 Uhr, brach der Moderator die Diskussion ab. Trotz der Hitze hatte Wolfgang Leonhard bislang ohne Pause auf Frage geantwortet. Der Moderator kündigte für den Herbst eine Buchvorstellung mit einem Freund Leonhards, mit Hermann Weber an. Dessen und seiner Frau Buch »Das Prinzip Links« sei im Christoph-Links-Verlag erschienen.

 
 

Wolfgang Leonhard dankte den Zuhörern. Solche Fragen, wie er sie heute abend erhalten habe, seien ihm noch nie gestellt worden. Er habe viel Neues erfahren und sei angeregt worden. Dafür möchte er dem Publikum danken. Dies sei ihm besonders wichtig, da es sich nun um sein letztes Buch handele und dies eine Art Abschiedsreise sei. Er besuche noch einmal die Städte, in denen er in den letzten Jahren interessante Diskussionen erlebt habe.
Das Publikum applaudierte lange und stürmisch. Ein ungewöhnlicher Abend ging zu Ende. Das Publikum honorierte offensichtlich vor allem die Art, in der Leonhard mit seiner Stimme Geschichte plastisch werden ließ. Über seine Methode und manche Einschätzung kann man sicher streiten. Aber die Art der Darstellung der Geschichte der DDR wird sicher vom Publikum als etwas Singuläres betrachtet. Dies ist bemerkenswert, da in den letzten 17 Jahren tausende von Zeitungsartikeln, Büchern, Radio- und Fernsehsendungen zu diesem Thema veröffentlicht wurden. In volkspädagogischer und ideologischer Absicht stand aber in der Regel bereits am Anfang fest, was herauskommen würde. Wolfgang Leonhard vermochte sich von den einen ideologischen Leerformeln und Worthülsen zu befreien, ohne in die anderen ideologischen Leerformeln zu verfallen. Der Erfolg sollte ihn vielleicht doch noch einmal zu Buch über seine Methode bewegen.
Das Publikum stand abschließend noch lange an, um sich das neu erworbene Buch »Meine Geschichte der DDR« oder auch ältere Bücher Leonhards signieren zu lassen.
Zu danken ist der Thalia-Buchhandlung Chemnitz, deren scheidender Leiter Ralph Pötzsch das Kunststück fertig brachte, Leonhard nach Chemnitz zu holen, dem Rothaus e.V., der Rosa-Luxemburg-Stiftung-Sachsen/Chemnitz und dem Agricola-Gymasium.
Johannes Eichenthal

Information
Leonhard, Wolfgang: Meine Geschichte der DDR. Rowohlt-Verlag.
www.rowohlt.de

 
 

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Der Einzige im Saal, der Ulbricht noch persönlich begegnete
Wolfgang Leonhard stellt sein neues Buch in Chemnitz vor
 

Es war ein sonniger Abend eines heißen Junitages. Bereits eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn strömten die Gäste am 13.06.07 in die großzügige Aula des Chemnitzer Agricola-Gymnasiums. Als Wolfgang Leonhard 19.00 Uhr den Saal betrat, da befanden sich schon mehr als 400 Menschen im Raum. Immer noch kamen welche hinzu. Man rückte zusammen, Stühle wurden herbeigetragen. Moderator Werner Abel stellte den in Wien geborenen Autor des Jahrganges 1921 kurz vor, verwies auf den Weltbestseller »Die Revolution entlässt ihre Kinder«, dessen Titel zu einem geflügelten Wort avancierte, und verwies darauf, dass Wolfgang Leonhard bereits vor Jahren die Ehrendoktorwürde der TU Chemnitz verliehen wurde.


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