litterata  :  Reportagen  :  Reportagen von 2007  :  Zum Tode von Helmut Seidel  
Veranstaltungen
Freundeskreis
Reportagen
Mironde Verlag
      login
  E-Mail  
  Passwort  
      login
  Registrieren Sie sich hier oder bearbeiten Sie Ihr Profil
Suche  
   

Foto: Helmut Seidel (re.) nimmt während einer Tagung anlässlich seines 75. Geburtstages in Leipzig ein Buchgeschenk von seinem langjährigen Diskussionspartner Dieter Wittich entgegen


Helmut Seidel gehörte zum Jahrgang 1929. Die Verhinderung einer Situation, in der von deutschem Boden wieder ein Krieg ausgehen könnte, war ein Grundmotiv seines Lebens und Denkens. Mit Bezug auf Karl Jaspers stellte Seidel gerade diesen Gedanken an den Anfang seines viel diskutierten Artikels in Heft 10 des Jahrganges 1966 der Deutschen Zeitschrift für Philosophie.
Nach Arbeiter- und Bauernfakultät wurde Seidel 1951 am Philosophischen Institut der Universität Leipzig immatrikuliert und noch im gleichen Jahr zu einem Philosophiestudium in Moskau delegiert. Mit Ewald Iljenkow lernte er einen philosophischer Partisanen als Lehrer kennen, auf dessen Ansatz er sein Leben lang aufzubauen vermochte. In seiner Dissertation untersuchte er das Werk Rosa Luxemburgs mit der Frage nach den Ursachen des Versagens der deutschen Arbeiterbewegung im Jahre 1914.
Die Habilitation von 1966 trug den Titel »Philosophie und Wirklichkeit. Zur Herausbildung und Begründung der marxistischen Philosophie«. Die wichtigsten Thesen dieser akademischen Schrift, die im Normalfall von einem breiten Publikum nicht zur Kenntnis genommen wird, platzierte Seidel in seinem bereits oben erwähnten Artikel »Vom praktischen und theoretischen Verhältnis der Menschen zur Wirklichkeit. Zur Neuherausgabe des Kapitels I des I. Bandes der ‚Deutschen Ideologie' von K. Marx und F. Engels« in Heft 10 der Deutschen Zeitschrift für Philosophie. In diesem Artikel vermochte Seidel seine umfassenden philosophiehistorischen Grundlagen in kurzen, knappen, prägnanten Thesen auf den theoretischen Punkt zu bringen. Sein Schreibstil war dem Diskussionscharakter angemessen und hatte literarische Qualität. Seidel stellte dem herrschenden Dualismus von pragmatischem Aktivismus und ontologisierendem Strukturalismus, der unter der Flagge des »Marxismus-Leninismus« segelte, einen Ansatz entgegen, der die menschliche Natur, die Aneignung der Natur durch den Menschen, die Naturalisierung des Menschen und die Humanisierung der Natur in ihrer Komplexität als Zentralproblem der Philosophie fasste. Man muss die befreiende Wirkung dieses Textes in der Deutschen Bücherei erlebt haben. Trotz oder vielleicht wegen der parteioffiziellen Zurechtweisung wurde der Seidelsche Zeitschriftenartikel zu einem Schlüsseltext für Generationen von Leipziger Philosophiestudenten.
Als philosophischer Lehrer nahm Seidel seine Studenten stets ernst. Er vermittelte Philosophiegeschichte auf höchstem Niveau und nahe an seinen eigenen Forschungsergebnissen. Er war ein philosophischer Lehrer ohne Marotten und Allüren, der sein eigenes Denken vorlebte und selbständiges Denken seiner Studenten ermöglichte und förderte.
Helmut Seidel ging einem notwendigem theoretischen Streit nicht aus dem Weg. Aber die Lösung von Konflikten sah er nur in einer Intensivierung von zivilisierter Kommunikation. Rolf Reißig hob erst im Jahre 2002 hervor, dass die Idee für die Verhandlungen zur Erarbeitung des SPD-SED-Papieres »Der Streit der  Ideologien und die gemeinsame Sicherheit« einem Gespräch von Helmut Seidel und Ehrhard Eppler entsprang. Obwohl die Betonköpfe beider Seiten dieses Thesenpapier bis heute nicht verwunden zu haben scheinen, stellte es eine wichtige Voraussetzung für eine zivilisierte Lösung der Raketenkonfrontation auf deutschem Boden dar. Für die Weitsicht der Autoren spricht, dass man diesen Ansatz heute im globalen Maßstab weiterführen könnte oder müsste, etwa als »Der Streit der Kulturen und die gemeinsame Sicherheit«.
Die Bedeutung Seidels als Philosoph ist heute noch nicht abschätzbar. Immerhin führten die Seidelschen humanistischen Intentionen weder zu einem systemwissenschaftlich verbrämten Fatalismus noch zur vagen Hoffnung auf einen herrschaftsfreien Diskurs zurück. Mit Seidels Ansatz wären auch als humanitäre Interventionen umschriebene Kriege nicht zu rechtfertigen gewesen.
Rückblickend kann man vielleicht sagen, dass Helmut Seidel gemeinsam mit anderen Historikern, Philosophen, Literatur- und Kulturwissenschaftlern, in Fortsetzung des Ansatzes von Becher, Brecht, Bloch, Lukacs, Mayer, Markov u.a., den eng gewordenen proletarisch-sozialistischen Traditionsbegriff der Arbeiterbewegung für eine Neubesinnnung auf das gesamte Menschheitserbe öffnete. Die Methodologie dieser Öffnung der eigenen Tradition und der neue Blick auf den Zusammenhang von Erbe und Tradition war die herausragende Leistung dieser Gruppe.
Geschichte ist für das Begreifen von Gegenwart und Zukunft unumgänglich. Aber, so fügte Helmut Seidel an, das Begreifen der Geschichte ist nur dem möglich, der auch eine Zukunft hat.
Eine Gesellschaft ist auf Dauer nur zukunftsfähig, wenn sie die Kraft zu einer ständigen Infragestellung und Erneuerung der eigenen Tradition hat. In unserer Gegenwart erleben wir statt dessen das Klammern an überlebte Traditionen der 1950er Jahre, lauwarme Kanon-Festlegungsversuche, narzisstisches Klagen über einen Werteverfall und globale Appellationen an irgendein patriotisches Bewusstsein. Wir haben solche Krisen-Symptome bereits einmal erlebt. Wenn man diese geistige Krise überwinden wöllte, dann käme man um die Dialektik von Erbe und Tradition in der Wirklichkeit nicht herum. Doch dann wären wir wieder bei Helmut Seidel.
Andreas Eichler

Information
Das Werk von Helmut Seidel ist in einer Vielzahl von Broschüren, Artikeln, Einleitungen und Thesenpapieren verstreut. Dissertation und Habilitation sind bisher unveröffentlicht.
Im Jahre 2001 veröffentlichte die Leipziger Rosa-Luxemburg-Stiftung einen Zusammendruck von Seidels Artikel in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie aus dem Jahre 1966, einigen Artikeln seiner Kritiker und seine Entgegnung. Zusammenstellung und Einleitung besorgte Volker Caysa.
Im Junius Verlag veröffentlichte Helmut Seidel 1994 eine Einführung in Leben und Werk Baruch Spinozas (3-88506-905-9) und eine Einführung in Leben und Werk von Johann Gottlieb Fichte (3-88506-957-1)

Im Berliner Dietz Verlag erschienen Vorlesungen von Helmut Seidel:
Von Thales bis Platon. 1980 (ohne ISBN)
Aristoteles und der Ausgang der antiken Philosophie. 1984 (ohne ISBN)
Scholastik, Mystik und Renaissance-Philosophie. 1990. ISBN 3-320-01361-0

Helmut Seidel gab für Reclam Leipzig von Baruch Spinoza die »Ethik« und den »Theologisch-Politischen Traktat«, von Immanuel Kant die »Kritik der reinen Vernunft« und Leninsche Notizen über Dialektik heraus.

Im Akademie-Verlag Berlin gab Helmut Seidel zusammen mit Lothar Kleine 1971 eine zweibändige Auswahl der Frühschriften von Friedrich Wilhelm Joseph Schelling heraus. Die umfangreiche Einleitung trägt den Titel »Schelling und seine Stellung innerhalb der klassischen deutschen Philosophie«.

Praxis-Vernunft-Gemeinschaft. Auf der Suche nach einer anderen Vernunft. Hrsg. Volker Caysa/Klaus-Dieter Eichler. Helmut Seidel zum 65. Geburtstag. Beltz/Athenäum. Weinheim 1994. ISBN 3-89547-023-6

Aktualität von Philosophiegeschichte. Festschrift zum 75. Geburtstag von Helmut Seidel. Hrsg. Klaus Kinner. Rosa-Luxemburg-Stiftung-Sachsen. Leipzig 2005. ISBN 3-89819-201-6

 
 

Copyright © 2009 Mironde Verlag.
Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Die Nachrichten sind nur für die persönliche Information bestimmt. Jede weitergehende Verwendung ist untersagt.

Philosophie und Wirklichkeit
Zum Tode des Philosophen Helmut Seidel
 

Am 27. Juli 2007 verstarb Helmut Seidel nach langer schwerer Krankheit in Leipzig. Bis 1990 hatte er den Fachbereich Geschichte der Philosophie der Leipziger Karl-Marx-Universität geleitet. Zu seinem Arbeitsgebiet gehörte die Geschichte der Philosophie von den Anfängen bis zur Gegenwart. Schwerpunkte seiner Forschung waren Aristoteles, Immanuel Kant, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Georg Friedrich Wilhelm Hegel, Friedrich Engels, Karl Marx, Rosa Luxemburg, Georg Lukacs und Ernst Bloch gewidmet. Seine besondere Liebe galt Baruch Spinoza und Johann Gottlieb Fichte. Seidel trat mit Beiträgen auf internationalen Tagungen hervor. 1992 organisierte er gemeinsam mit der Internationalen-Spinoza-Gesellschaft deren Tagung in Leipzig.


Artikel versenden
Artikel drucken
Mapsite
litterata