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Wir erinnern uns noch an Mittenzweis Untersuchung »Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland. 1945 bis 1990.« Der Autor räumte ein, dass es sich nicht um sein Spezialgebiet handele. Doch die offiziöse Darstellung, wonach die DDR-Literatur auf den »Müllhaufen« gehöre und dass von ihr nichts bleiben werde, und das Ausbleiben eines Widerspruches durch Spezialisten für DDR-Literatur, hatten ihn zu diesem Unternehmen bewegt. Mittenzwei zeichnete die Hauptlinien der Geschichte des Engagements der deutschen Intellektuellen nach. Seine Fragestellung lautete: wie kann sich ein Intellektueller für eine politische Zielstellung engagieren, ohne von der Sache in Dienst genommen zu werden. Bezeichnend für die ideologische Lager-Situation der 1990er Jahre war, dass auch dieses Buch keinen Eingang in den Diskurs fand. Dennoch gab es Rezensionen, die nicht in Schubladen passten. So erfolgte im »Neuen Deutschland« ein Verriss, während der kenntnisreiche Rezensent der FAZ einen fast überschwänglichen Text vorlegte. Die Zeitgeschichtsschreibung war jedoch nicht in der Lage einen nüchternen und sachlichen Impuls, wie den von Mittenzwei, produktiv zu nutzen. Für einen Autor, der für sein Buch ein ansehnliches Quantum Lebenszeit opferte, ohne Zweifel eine Enttäuschung. So finden wir auch gleich am Beginn der »Brockenlegend« eine Zeitgeschichts-Kritik des erfahrenen Schweizer Wissenschaftlers Tobias Bitterli: man hätte erwarten können, dass sich die Wissenschaft nach dem Ende der Blockkonfrontation den Erfordernissen des 21. Jahrhunderts widmete. Statt dessen folgt man weiter der Politik und ersetzt Wissenschaft durch Ideologie, projiziert aktuelle Anforderungen der Politik in die Geschichte zurück und gibt sie dann noch als objektive Wahrheit aus. Der Gipfel besteht für Bitterli darin, dass sich Zeithistoriker das Richter-Amt über die Geschichte anmaßen. Aber wir sind schon mitten in der Geschichte »Aus den nachgelassenen Papieren des Schweizer Gelehrten Tobias Bitterli«. Mittenzwei entfaltet mit seinem erfundenen Personal eine Beschreibung wissenschaftlichen Forscherdrangs. Bitterli wird von Medien-Meldungen über ein von DDR-Organen geplantes Internierungslager für DDR-Intellektuelle aufgeschreckt. Er will wissen, was mit den DDR-Intellektuellen passierte, warum man seit 1990 nichts mehr von ihnen hört. Zu diesem Zwecke entsendet er seine Assistentin, die als Schweizerin mühelos sofort einen der freigeräumten Lehrstühle in Ostdeutschland erhält. Man stößt auf die Legende, wonach sich Magnus Leppin, ein herausragender und eigensinniger Gelehrter mit Zügen von Wolfgang Harich, mit drei Kollegen 1988 auf den Brocken zurückzog, um den kritischen Geist des Marxismus endlich auf ihn selbst anzuwenden. Die Sache hat einen Namen: Das »Rote Kloster«. Die Geschichte wimmelt von Andeutungen. Allein der Brocken und seine mystischen Assoziationen in der deutschen Geschichte reicht für mannigfache Untersuchungen. Zudem wählte Mittenzwei mit Wolfgang Harich eine Figur des politischen Schachspiels von hoher symbolischer Bedeutung. Zur Erinnerung: Harich hatte mit einer Gruppe von marxistischen Wissenschaftlern und Publizisten nach 1945 an einem vereinten Deutschland festgehalten. Ein geplanter Coup gegen Ulbricht scheiterte. Harich und seine Gefährten wurden verhaftet und zu hohen Haftstrafen in Bautzen verurteilt. Nach der Haftentlassung durfte Harich nur eingeschränkt wissenschaftlich arbeiten und war unter ständiger Beobachtung. In der DDR-Geschichtsschreibung wurde die Tätigkeit dieser Gruppe einseitig dargestellt. Aber seit 1990 erfolgt die Darstellung unter neuer Einseitigkeit, indem die Schuld für die deutsche Teilung allein dem »Schurken« Walter Ulbricht und dem Osten aufgeladen wird. Doch der Teilung bedurften deren zwei. Der Kanzler der US-Alliierten Konrad Adenauer trägt zumindest die gleiche Schuld dafür, dass deutsche Interessen 1945 vernachlässigt wurden und die Blockkonfrontation bis hin zur Raketenkonfrontation auf deutschem Boden ausgetragen wurde.
Mittenzwei hat daher nicht nur die Hauptperson seiner Geschichte mit strategischem Blick gewählt, er vermag auch spannungsreich und amüsant zu erzählen. Die Geschichte endet in einer Aporie. Das »Rote Kloster« wird 1989 von den Wendeereignissen und den globalen Herausforderungen überrascht. Darauf waren die, die ihr ganzes Leben der deutschen Kultur gewidmet, und mit hohen Haftstrafen dafür bezahlt hatten, nicht vorbereitet. Tobias Bitterli stellt sein Untersuchung ein und stirbt. Seiner Assistentin verbleibt nur den Nachlass zu ordnen. Es tauchen Briefe und Erklärungen auf. Es wird argumentiert und erwidert. Jede Figur der Erzählung erhält die Möglichkeit ihre Sicht auf die Geschichte vorzutragen. Das ganze Buch erscheint so als ein großer Dialog. Diese Tradition spielte, von Platon herkommend, über deutsche Mystik, Renaissance und Aufklärung eine wichtige Rolle. Auch ein Johann Gottfried Herder liebte, anders als sein Lehrer Kant, die dialogische Struktur. Zwar drängten sich immer wieder die Apodiktiker vor. Doch das dialogische Denken hat die subversive Kraft der kommunikativen Vernunft. Die herrschende Meinung versucht sich zwar heute erfolgreich, wie vordem Altar und Thron, dem Diskurs zu entziehen, mittel- und langfristig wird das aber nicht gelingen.
Der Wechsel in das neue Genre war ein großer Gewinn für den Autor und die Literatur. Dem engagierten Leipziger Faber & Faber Verlag ist zu zu danken. Dem herausragenden Buch sind viele Leser zu wünschen.
Johannes Eichenthal


Literaturhinweis

Werner Mittenzwei: Die Brockenlegende. Faber & Faber. Leipzig 2007. ISBN 3-936618-41-0

Bei Faber & Faber sind bisher von Werner Mittenzwei erschienen:
Werner Mittenzwei: Zwielicht. Auf der Suche nach dem Sinn einer vergangenen Zeit. Faber & Faber. Leipzig 2004. ISBN 3-936618-41-0
Werner Mittenzwei: Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland. 1945-2000. Faber & Faber. Leipzig 2004. ISBN 3-932545-74-5
Werner Mittenzwei: Der Untergang der Akademie oder die Mentalität des ewigen Deutschen. Faber & Faber. Leipzig 2004. ISBN 978-3-86730-036-0

Weitere Informationen: www.faberundfaber.de

 
 

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Die Brockenlegende
Werner Mittenzwei stellt ein neues Buch vor
 

Bei Faber & Faber in Leipzig erschien soeben ein neues Buch des Literaturwissenschaftlers Werner Mittenzwei. Bisher war der Autor mit zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu Literatur, Dramatik und Theater hervorgetreten. Erinnert sei nur an Untersuchungen zur Kontroverse zwischen Bertold Brecht und Georg Lukács, zur Geschichte der preußischen Akademie der Künste, an die Untersuchungen der Exil-Literatur zwischen 1933 bis 1945 und an die Herausgeberschaft der Brecht Gesamtausgabe. Werner Mittenzwei entwickelt eine in den Geisteswissenschaften singuläre Methodologie der absoluten Nüchternheit und Sachlichkeit. Bereits das Erscheinen seiner Autobiographie war vor diesem Hintergrund überraschend. Wer nunmehr glaubte die Spannweite der Fähigkeiten Mittenzweis zu kennen, der wurde mit dem neuen Buch ein weiteres Mal überrascht.

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