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Kulturhaus Aktivist und Uranmuseum Schlema

Der Beifall machte auch dem letzten auswärtigen Besucher klar, dass er sich unter ehemaligen Wismut-Bergleuten befand. Man wusste nicht, ob man Rainer Karlsch ob seines Mutes bewundern oder bedauern sollte, ausgerechnet hier sein neues Buch mit dem Titel »Uran für Moskau« vorstellen zu wollen. Doch Karlsch wurde vom Museumsleiter als ein Wissenschaftler vorgestellt, der schon oft den Weg in die ehemalige Bergbaulandschaft gefunden hatte.
Karlsch erwies auch den Schlemaer Zeitzeugen seine Referenz. Wissenschaft lebe erst mit der Kritik. Er verdanke den Diskussionen in Schlema viele Anregungen.
Sein aktuelles Buch sei der Versuch einer Gesamtdarstellung. Bisher hätten sich wissenschaftliche Darstellungen auf die Anfangsjahre der Wismut konzentriert. Dabei seien die Veränderungen, die sich in den 1950er Jahren vollzogen, nicht beachtet worden. Bereits in den 1960er Jahren sei die Wismut ein gut funktionierendes Unternehmen, mit einer gut qualifizierten und motivierten Belegschaft gewesen. Sein Buch sei keine »endgültige« Darstellung, sondern eher ein Zwischenbericht aus der Forschung.
Rainer Karlsch verwies darauf, dass man mit dem Uranerz im Mittelalter und der frühen Neuzeit zunächst nicht viel anfangen konnte. Im 19. Jahrhundert setzte die Verwendung des Urans in der Farbenindustrie ein. Es folgte eine Welle von Radonbädern, man verwendete im Militär Leuchtfarben auf Uranbasis für Armaturen und schließlich sogar Radium-Lebensmittelpräparate. In den 1930er Jahren traten die ersten Todesfälle auf Grund des Konsums solcher Präparate auf.
An dieser Stelle erinnerte Karlsch an den Leiter des Kaiser-Wilhelm-Institutes für Biophysik, Prof. Boris Rajewsky, der 1936/37 eine Außenstelle seines Institutes in Schlema errichtete und zielgerichtete Forschungen zur sogenannten »Schneeberger-Krankheit«, einer Form des Lungenkrebses, der bei Bergleuten dieser Landschaft in hohem Maße auftrat, initiierte. Die planmäßigen Messungen der Luft in den Schächten der Umgebung von Schlema begründeten Gesundheitsstandards für den Uranbergbau in der ganzen Welt. Dies sei wichtig hervorzuheben, obwohl diese Standards während der Kriegszeit und in der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht eingehalten wurden.
Kurz vor Ende de Zweiten Weltkrieges sei das Erzgebirge in den Blickpunkt der Weltpolitik gerückt. Einerseits hätten sich die USA durch langfristige Lieferverträge 97 % der bekannten Welturanvorkommen (Belgisch-Kongo, Kanada, Brasilien u.a.) gesichert.
Anderseits habe die UdSSR keine nennenswerten Uranvorkommen auf eigenem Territorium besessen und eine Suche um jeden Preis in Korea, China, dem Balkan, der ČSSR und auch in der Besatzungszone begonnen. (Die Verträge von USA und UdSSR, die sie mit den abhängigen Ländern abschlossen, hätten sich übrigens im Wortlauf nahezu gedeckt.)
Bei der Festlegung der Besatzungszonengrenzen hätten die Uranvorkommen eigenartigerweise keine Rolle gespielt. Stalin hätte sogar versucht Thüringen gegen einen Hochseehafen, etwa Hamburg und Umgebung, einzutauschen.
Sowjetische Geologen hätten zum Teil in Freiberg studiert. In alten Lexika seien die Uranvorkommen des Erzgebirges selbstverständlich erwähnt worden. Aber die Dimension der Erzgebirgs-Uranvorkommen sei damals von allen Seiten unterschätzt worden. Erst Gutachten hätten nach 1945 zunächst etwa 20 Tonnen-Vorkommen prognostiziert. Später sei man von mehrern Tausend Tonnen ausgegangen. Aber erst die planmäßige Erkundung durch die Wismut habe Klarheit gebracht: Es handelte sich um die größten Uranvorkommen in Europa.
Die Atombombenexplosionen von Hiroshima und Nagasaki veränderten die gesamte Welt. Auf sowjetischer Seite sah man sich unter Druck. Eine sowjetische Quelle berichtete, dass nach den Abwürfen in der Führung Panik herrschte. Man sah die Atombomben-Abwürfe als Drohkulisse gegen die UdSSR gerichtet. Moralische Bedenken bei der Entwicklung einer eigenen Atombombe hatte man demzufolge keine. Das sollte sich erst später ändern.
Ein japanischer Wissenschaftler habe die heute noch gängigen Atombomben-Legenden entzaubert.
1. Es werde behauptet, der Einsatz der Atombomben habe Japan zur Kapitulation gezwungen, den Krieg verkürzt und Leben gerettet. In Wirklichkeit sei Japan und der Kaiser jedoch zur Kapitulation bereit gewesen. Die Ursache der Kapitulationsbereitschaft sei der sowjetische Kriegseintritt und die Kapitulation der japanischen Armee in China gewesen.
Die UdSSR begründete den Kriegseintritt mit einem »gerechten Krieg«.
In Wirklichkeit betrieb Stalin alte russische imperiale Politik. Er wollte Gebietsteile Japans aneignen und eine Besatzungszone in Japan erhalten.
Der entscheidende Grund der US-Führung für den Atomwaffeneinsatz war denn auch der Druck auf Stalin und die schnelle Besetzung Japans allein durch US-Truppen.
In dieser Situation wurde die Wismut AG gegründet. Über die Anfangsjahre gäbe es viele gute Bücher. Es werde aber bislang kaum der Unterschied der Wismut zu anderen Uran-Bergbaubetrieben in Ostblockländern herausgearbeitet. Bei der Wismut konnte bis 1947 die Veränderung eines auf Zwang basierten Regimes eingeleitet werden Mitte der 1950er Jahre sei die Wismut ein gut funktionierendes Kombinat gewesen. Eine solche Entwicklung sei in den anderen Uranbergbaugebieten des Ostblocks nicht gelungen.
Allerdings wurde das Wissen der Ärzte über die Gefahren des Uranbergbaues von sowjetischer Seite zunächst nicht aufgegriffen. Einerseits wollte man die Beschäftigten nicht erschrecken und andererseits der westlichen Seite keine Gelegenheit zur Propaganda geben.
Der Einfluss der ostdeutschen Seite auf die Entwicklung der ersten zehn Jahre sei äußerst gering gewesen.
Gleichzeitig seien die Uranlieferungen aber das wichtigste Reparationsgut gewesen. Die Lieferungen hätten den Wert von hunderten Millionen bis hin zu Milliarden Mark gehabt. Eigentlich hätten die Reparationen allein mit dem Uran bezahlt werden können. Aber die sowjetische Seite führte einen Umrechnungsfaktor ein, der den Wert der Lieferungen drastisch reduzieren sollte.
Im Endeffekt leisteten die Ostdeutschen die absolute Mehrheit an Reparationen für die Siegermächte und die Wismut-Kumpel davon nocheinmal den absolut höchsten Anteil.
Zugleich musste die DDR den Uranbergbau mit Milliarden subventionieren. Alles Drängen auf Gegenleistungen, etwa Atomkraftwerke zur Entlastung der allein auf Braunkohle basierten Energiewirtschaft (jährlich 330 Mio. Tonnen Braunkohleförderung) wurde bis Ende der 1960er Jahre abgelehnt. Aus späterer Sicht vielleicht zum Glück.
Die westdeutsche Seite habe neidvoll auf den Uranbergbau der Wismut geschaut.
Medienwirksam sei das erste im Schwarzwald geförderte Uran an den damaligen Atomminister Franz Josef Strauß übergeben worden. Aber es habe dort letztlich keine Vorkommen von Bedeutung gegeben.
Zwischen den deutschen und den sowjetischen Eignern seien von Anfang an Interessen-Konflikte aufgebrochen. Das habe bis zu separaten Geheimberichten an Walter Ulbricht geführt. Solche Praktiken hätten aber alles nichts an der negativen finanziellen Bilanz für die DDR-Seite ändern können. Aus Kostengründen habe die DDR ökologisch problematisch Technologien weitergeführt, die in anderen Ländern schon lange nicht mehr eingesetzt wurden. Dies alles habe zur ökologischen Katastrophe der 1980er Jahre geführt.
Unter Gorbatschow habe die UdSSR kurzfristig die Uranbezüge aus der DDR reduzieren wollen, ohne eine entsprechende »Abfahrkonzeption« zu akzeptieren. Die DDR wollte dies nicht akzeptieren. Im Zuge der Wiedervereinigung stellte sich aber rasch heraus, dass die Uranerzförderungen der SDAG Wismut keine wirtschaftliche Perspektive mehr besaß.
Die 6,5 Mrd. Euro, die zum Rückzug aus dem Uranbergbau im Rahmen der deutschen Wiedervereinigung eingesetzt wurden, seien oft als Beispiel für die enormen Kosten der Einheit erwähnt worden. Im Unterschied zu vielen anderen Projekten seien diese  Milliarden aber gut angelegtes Geld.
Was im Erzgebirge Geschichte geworden, sei in anderen Weltteilen noch Gegenwartsproblem. Deshalb sei es so wichtig, dass man die Geschichte der Wismut nicht vergesse. Einzelne Historiker seien aber hier überfordert. So viele Zeitzeugen wie möglich sollten ihre Erinnerungen aufschreiben oder auf Tonband sprechen. Sein eigenes Buch sehe er eher als einen Beitrag zur Diskussion an.
Nach dem Beifall für den Referenten setzte diese Diskussion den auch ein. Die Zeitzeugen lobten den Autor für sein Buch und fügten ihre Kritik an.
Der erste Kritiker meinte, dass eine Gesamtdarstellung wichtig sei, aber es müsse endlich einmal der Vergleich des Wismut-Bergbaus zu anderen Uranbergbaugebieten gezogen werden.
Der Vertreter des Wismut-Traditionsvereins brachte gleich eine ganze Liste von Kritikpunkten an. Zusammenfassen meinte er, dass er die Fakten des Buches vielfach akzeptieren könne, aber die Wertungen in vielen Punkten nicht. Trotz aller Kritik halte der Traditionsverein die Vorlage des Buches durch einen außenstehenden Wissenschaftler dennoch für wichtig, da die Äußerungen des Vereins selbst oft mit anderen Augen angesehen würden.
Ein weiterer Kritiker verwies darauf, dass ein kleiner Fehler aufgetreten sei, der große Konsequenzen habe: Uran sei kein Gammastrahler, sondern Alphastrahler. Man könne Uran ohne Gefahr anfassen. Etwas anderes sei das Radon-Gas. Dieses zerfalle in der Lunge zu Metall. Man habe es nur durch Bewetterung bekämpfen können. Innerhalb einer Minute habe man 40.000 Kubikmeter Frischluft in 80 Meter Tiefe gebracht. Die Wetterabteilung habe herausragende Leistungen vollbracht.
Rainer Karlsch hatte sich ausführliche Notizen gemacht. Hier und da eine Zwischenfrage gestellt. Nach dem Ende der Veranstaltungen setzten sich die Diskussionen im kleinen Kreis fort. Man hatte den Eindruck bereits bei der Konzeption des nächsten Buches beteiligt gewesen zu sein.
Johannes Eichenthal


Informationen
www.uranerzbergbau.de

Rainer Karlsch: Uran für Moskau. Die Wismut - Eine populäre Geschichte. Christoph Links Verlag 2007. ISBN 978-3-86153-427-3

Rainer Karlsch/ Zbynek Zeman: Uran Urangeheimnisse. Das Erzgebirge im Brennpunkt der Weltpolitik. 1933-1960. Christoph Links Verlag. 3. Auflage 2007. ISBN 978-3-86153-276-7

Weitere Informationen: www.linksverlag.de

Rainer Karlsch: Hitlers Bombe. Die geheime Geschichte der deutschen Kernwaffenversuche. DVA München 2005. ISBN 3-421-05809-1

 
 

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Uran für Moskau
Rainer Karlsch stellte sein neues Buch in Schlema vor
 

Im Abendlicht des 19. Oktober schwebte bereits ein Hauch von Winter über dem Erzgebirge. Im Schlemaer Uranmuseum, dem Kulturhaus »Aktivist«, hatten vorwiegend kräftige ältere Männer bereits um 18.00 Uhr fast alle Plätze im großen Saal besetzt. Das Licht verlosch und ein Film aus den 1960er Jahren flimmerte über die Leinwand: Schwitzende Männer tauchten im dunklen Stollen auf, mit Helm und Grubenlampe, nur mit Turnhose und Hemd bekleidet. Pressluftbohrmaschinen rückten dem Berg zu Leibe, Sprengladungen wurden angebracht, Überkopflader fuhren heran, Gleise waren verlegt worden, Wasser musste abgeleitet werden, leere »Hunde« rollten herbei, wurden von der Förderanlage gefüllt und schwer beladen weggeschoben. Erschöpfte aber glückliche Gesichter. Uranerzabbau der Wismut AG.

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