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In öffentlichen Diskussionen kann man oft beobachten, dass die vehementesten Kritiker völlig an ihrem Gegenstand vorbeischießen. Man kritisiert etwas, was nur im Kopf des Kritikers, nicht aber in dem benannten Artikel, Buch oder Film existiert. So war es leider auch im Fall von »Hitlers Bombe«. Obwohl der Autor bereits in den ersten Zeilen des Buches zu erklären suchte, dass es bei der Untersuchung nicht um eine Kernspaltungsbombe gehe, wie sie in Hiroshima und Nagasaki eingesetzt wurde, beschränkten sich die heftigsten Kritiker darauf, nachzuweisen, dass Deutschland keine Kernspaltungsbombe haben konnte.
Obwohl Rainer Karlsch von Anfang an darauf verwies, dass die entsprechende Arbeitsgruppe des Reichsforschungsrates (»Uranverein«), in der alle führenden deutschen Physiker und Chemiker zusammengefasst waren, keine entscheidenden Fortschritte beim Bau einer solchen Bombe machte, dass es aber darüber hinaus andere Personen, Gremien, Institutionen und Firmen gab, deren Aktivitäten bis heute kaum erforscht seien, beschränkte sich der Großteil der Kritiker darauf, nachzuweisen, dass der Uranverein keine Kernspaltungsbombe zustandebrachte.
Dieses Dilemma erscheint bezeichnend für den Stand heutiger wissenschaftlicher Diskussionen. Die Statthalter des Mainstream wachen eifrig darüber, dass alles seinen altbekannten Gang gehe: keine Experimente!
Dabei geht es bei Kritik eigentlich um die Weiterführung von einseitigen Ansätzen. Ein neuer Ansatz in der Wissenschaft ist in der Regel immer einseitig, auch wenn sich der Autor um Nüchternheit und Objektivität bemüht. Verantwortungsbewusste Kritik versucht neue Ansätze zu verstehen und Einseitigkeiten zu korrigieren. Dies Art von Kritik blieb leider weitgehend aus.
Vielleicht auch deshalb veröffentlichten Rainer Karlsch und der Fernsehjournalist Heiko Petermann soeben einen Band mit weiterführenden Studien zu »Hitlers Bombe«.
Im ersten Teil geht es um die Frage, ob es 1944/45 nukleare Tests im Deutschen Reich gegeben habe.
Rainer Karlsch beginnt den Reigen mit seiner Studie »Was geschah im März 1945? Dokumente und Zeugenaussagen zu den Tests auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf.«
Zunächst versucht er den Unterschied von Kernspaltungsbombe und Hybrid-Bombe abstrakt zu definieren. Bei der ersten setze die Explosion vorwiegend Energie frei, bei der zweiten setze die Explosion vorwiegend hochradioaktive Stoffe frei.
Karlsch diskutiert ausführlich Berichte des sowjetischen Militärgeheimdienstes aus dem November 1944 und März 1945. Diese Berichte enthielten detaillierte Beobachtungen von Explosionen und wurden an die höchsten Stellen weitergeleitet. Karlsch diskutiert auch die Äußerung des Himmler-Adjutanten Werner Grothmann, dass es in Ohrdruf nur um den Zündmechanismus gegangen sei.
Karlsch verweist auch auf sowjetische Untersuchungen zum Labor und Forschungsreaktor in der Heeres-Versuchanstalt in Kunnersdorf. Einheiten der 1. Ukrainischen Front stellten dort Uran, Uranoxyd und Radium sicher.
Gernot Eilers folgt mit »Abschätzungen zur Stärke der Explosion bei Ohrdruf.« Er resümiert, dass die Stärke der Explosion deutlich unter 1000 Tonnen TNT liege, aber auch deutlich über der vorher angenommenen Stärke von 10 Tonnen TNT. Er vermutet, dass die Energiefreisetzung bei 100 Tonnen TNT lag.
Vladimir Mineev und Alexander Funtikov »Physikalische Analyse zur Energiefreisetzung bei den deutschen Atomtests von 1945.« Beide Autoren plädieren am Ende dafür, dass es nukleare Tests gab. Wichtiger als die Ermittlung der Explosionsstärke ist aber in ihren Augen die Bestimmung des Herstellers ds elektrischen Zündmechanismus. Synchrone Zündung in Zehnergruppen im Abstand von Mikrosekunden sei hierfür nötig gewesen.
Pawel Rodziewicz »Polnische Forschungen zur Reduktion der kritischen Masse.« Der Autor konzentriert sich auf Veröffentlichung und Berechnungen des polnischen Professors und Militärs Sylwester Kaliski (1925–1978) und ein polnisches Atomwaffenprojekt.
Heiko Petermann »Unvergleichbar? Die Luftbildanalyse von White Sands und Ohrdruf.« Der Autor belegt, dass die Auswirkungen einer nuklearen Explosion auf die Bodenbeschaffenheit nur schwer einzuschätzen sind, dass aber dennoch Anomalien verbleiben.
Marcus Landschulze »Geophysikalische Auswertung großer Sprengkörpertests im Oktober 1944 und März 1945.« Der Autor untersucht Seismogramme von Oktober 1944 und März 1945. Trotz aller kriegsbedingten Mängel in der Archivierung, und Beschlagnahmung einzelner Seismogramme durch die Siegermächte, bestätigt er mögliche Sprengexplosionen am 10.10.1944 und 12.03.1945.
Wolfgang Ebsen »Der Interrogations-Report des Rudolf Zinsser. Warum der amerikanische Präsident Ende 1944 nicht nach London flog.« Der Autor vermag es aus der Abschrift eines amerikanischen Vernehmungsprotokolles, das Original ist nicht erhalten, bei offenbar manipulierten Personendaten, die Aussagen über die Auswirkungen einer nuklearen Explosion eines deutschen Luftwaffenoffiziers und Wissenschaftlers zugänglich zu machen.

In einem zweiten Teil geht es um einzelne Fallstudien.
Paul-J. Hahn und Rainer Karlsch »Scharlatan oder Visionär. Ronald Richter und die Anfänge der Fusionsforschung.« Leben und Werk des am 21.02.1909 im böhmischen Erzgebirge geborenen Sohnes eines Bergwerksunternehmers und späteren österreichische Wissenschaftler Ronald Richter werfen ein neues Licht auf den Stand der Atomforschung in Deutschland.
Günter Nagel »Sprengstoff- und Fusionsforschung an der Berliner Universität. Erich Schumann und das II. Physikalische Institut.« Mit dem Wissenschaftler, Spitzenbeamten und Militär Erich Schuhmann, dem langjährigen Chef des Heereswaffenamtes (HWA) bringt der Autor einen der wichtigsten Organisatoren der Atomforschung ins Gespräch.
Bernd Schulze »Geheime Kommandosache Nr. 4268. Konventionelle oder nukleare Angriffsplanung?« Der Autor diskutiert und berechnet die Möglichkeiten des sogenannten Sänger-Stratosphärenbomber-Projektes. Dabei handelt es sich um ein bemanntes Raketenflugzeug, eine Art Raumgleiter, welches für einen Angriff auf New York entwickelt wurde.
Reinhard Brand und Rainer Karlsch »Kurt Starke und die Entdeckung des Elements 93. Wurde die Suche nach den Transuranen verzögert?« Die Autoren diskutieren die aufgeworfene Frage und legen Indizien für eine positive Antwort vor.
Heiko Petermann »Mininukes - Geheimpatente und Hintergründe in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Bestandsaufnahme.« Der Autor verweist auf die sogenannten Schumann-Trinks-Geheimpatente aus den 1950er Jahren.

Die Autoren gehen aus internationaler und interdisziplinärer Sicht an die Thematik heran. Sie präsentieren Unterlagen, Dokumente und Fakten, die Rainer Karlsch bei Veröffentlichung seines Buches noch nicht kannte. Damit gelingt den Autoren ein Beitrag zur Erhellung der Thematik und zur Erhärtung ihrer Arbeitshypothese. Der nüchterne, quellenkritische Stil trägt hoffentlich zur Versachlichung der Diskussion bei. Der Leser hätte sich ein Personenregister gewünscht. Das Buch sei allen zeitgeschichtlich und regionalgeschichtlich Interessierten empfohlen.

Johannes Eichenthal


Informationen
Für und Wider »Hitlers Bombe«. Studien zur Atomforschung in Deutschland.
(= Bd. 29 der Cottbuser Studien zur Geschichte von Technik, Arbeit und Umwelt.
Waxmann Verlag Münster/New York/München/Berlin 2007. ISBN 978-3-8309-1893-6

Rainer Karlsch: Hitlers Bombe. Die geheime Geschichte der deutschen Kernwaffenversuche. DVA München 2005. ISBN 3-421-05809-1

Rainer Karlsch/ Zbynek Zeman: Uran Urangeheimnisse. Das Erzgebirge im Brennpunkt der Weltpolitik. 1933-1960. Christoph Links Verlag. 3. Auflage 2007. ISBN 978-3-86153-276-7

Rainer Karlsch: Uran für Moskau. Die Wismut - Eine populäre Geschichte. Christoph Links Verlag 2007. ISBN 978-3-86153-427-3

Weitere Informationen. www.linksverlag.de

 
 

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Für und Wider
Diskussionsband zu deutschen Kernwaffenversuchen 1944/45 erschienen
 

Vor zwei Jahren erschien bei DVA in München die Arbeit von Rainer Karlsch »Hitlers Bombe. Die geheime Geschichte der deutschen Kernwaffenversuche«
Der Autor, promovierter Wirtschaftshistoriker, war bereits mit Veröffentlichungen aus dem Umfeld dieses Themas hervorgetreten. Erinnert sei hier nur an das gemeinsam mit Professor Zbynek Zeman, einem in Oxford lehrenden tschechischen Juristen und Historiker, im Ch.-Links-Verlag erschiene Buch »Urangeheimnisse. Das Erzgebirge im Brennpunkt der Weltpolitik 1933-1960«. Erfreulicherweise reagierte die Kritik auf das Buch. Selbst die großen überregionalen Tageszeitungen veröffentlichten Rezensionen.


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