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Am 22. Januar 2008 begrüßte Frau Professor Schneider-Böttcher, die Präsidentin des Sächsischen Landesamtes für Statistik in Kamenz, im Foyer ihrer Behörde zahlreiche Besucher zur Eröffnung einer Ausstellung mit dem Titel »Mit Ordnung zur Vernunft«. Bürgermeister Roland Dantz sprach, in Anwesenheit der Landrätin Petra Kockert, ein engagiertes Grußwort. Der emeritierte Professor Eckart Elsner begeisterte die Anwesenden mit seiner der Begegnung zwischen Lessing und J. P. Süßmilch (1707–1767) gewidmeten Einführung in die Ausstellung.



 
 

Eckart Elsner legt mit der Ausstellung eine Broschüre zum Thema vor: »Mit Ordnung zur Vernunft. Der Statistiker Süßmilch und der Dichter Lessing – eine Begegnung.« Der Autor macht den Leser zunächst mit dem Leben Süßmilchs bekannt. Dieser, Sohn eines Kornhändler und Bierbrauers in Berlin Zehlendorf, absolvierte ab 1727 ein Studium der Theologie, alter Sprachen und Naturwissenschaften in Jena und Halle. Süßmilch wurde 1732 promoviert. Er nahm am Ersten Schlesische Krieg von 1740 als Feldkaplan teil, war kurze Zeit Dorfpfarrer, anschließend Probst an der Petrikirche in Berlin, Konsistorialrat und Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften, trat als Reformer auf den Gebieten des Gesundheitswesens, des Schul- und Hochschulwesens und im Theaterleben hervor.
Hier ist dem Anschein nach auch der Punkt, der ihn auf den jungen Lessing aufmerksam machte. Der Autor zeichnet akribisch die Begegnungen Lessings und Süßmilchs in Berlin nach. Er verweist auch darauf, dass Süßmilch Lessing gegen den Willen des Königs zum Akademiemitglied berief. Gleichzeitig versucht der Autor Einwände zu entkräften, wonach Süßmilch es gewesen sei, der als Leiter der Zensurbehörde für das Verbot der Lessingschen Reimarus-Fragmente verantwortlich gewesen sei.
Im Mittelpunkt der Darstellung steht allerdings Süßmilchs Werk »Die göttliche Ordnung in der Veränderungen des menschlichen Geschlechts aus Geburt, Tod und Fortpflanzung desselben«. Das Buch erschien 1741 mit einer Vorrede des berühmten Hallenser Professors Christian Wolff.
Man kann es dem Autoren nachsehen, dass er hier den Ursprung der »Statistik« sehen will, wenngleich er einräumt, dass selbst das Wort bei Süßmilch nicht auftaucht. Tatsächlich dürfte das Buch einen Ansatz vertreten, der weiter reicht als heutige Statistik und zugleich mit heutigen mathematischen Methoden nicht Schritt hält.
In seinen Gedanken über Sprachentwicklung hatte Süßmilch eine vergleichbare Methode angewendet. In allen Veränderungen und Sprachunterschieden der Völker sah er ähnliche Strukturen walten. Wobei er von der »Vernünftigkeit« der Strukturen so begeistert war, dass er ihnen keinen menschlichen, sondern einen göttlichen Ursprung zusprach. Es muss eine göttliche Vernunft vor der Struktur existiert haben, sonst wäre keine vernünftige Sprache möglich. Das war der Punkt, an dem Johann Gottfried Herder mit seiner preisgekrönten Denkschrift von 1772 über den Ursprung der Sprache seine Süßmilch-Kritik ansetzte. Herder entwickelte den Ansatz von Süßmilch weiter. Es kann keine fertigen Strukturen geben, komplexe Systeme schaffen ihre Voraussetzungen selbst: »Schon als Tier hatte der Mensch Sprache!« – ein Satz, der die Vertreter linearen Denkens noch heute verzweifeln lässt.
Ohne Zweifel ist jedoch die Thematisierung der Begegnung von Lessing und Süßmilch ein origineller Beitrag zur Lessing-Ehrung. - Man denke nur an Lessings Apercu: im Leben und im Denken ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten nicht die Gerade. - Es wird deutlich, dass der Austausch unterschiedlicher Denkweisen die Wissenschaft und die Kultur voranbringt. In einer Zeit des »ausdifferenzierten Spezialistentums«, in der sich mitunter selbst die Vertreter der gleichen Wissenschaftsdisziplin nicht mehr verstehen, ein interessanter Fluchtpunkt für einen längst fälligen Neuansatz unseres Denkens.
Den Organisatoren der Ausstellung, die noch bis 31.03.08 in Kamenz zu sehen ist, muss man für diesen Impuls danken.


 
 

Abbildung: Johann Peter Süßmilch

Im Anhang er Broschüre wird uns klar, warum der Autor so vielseitig zu denken vermag, er ist ein vielseitiger Mensch: Mechaniker-Ausbildung, Studium der Luft- und Raumfahrt, Dissertation zum Thema »Transport schwerer Nutzlasten zum Mars«(!), Lehrbeauftragter für Wahrscheinlichkeitsrechnung, Planungsverfahren, Systemtechnik, Mitarbeit beim Aufbau von Datenbanken, Professor für Statistik in der Stadt- und Regionalplanung und Direktor des Statistischen Landesamtes in Berlin. Der Autor legte zahlreiche Publikationen vor und ist auch nach seiner Emeritierung als Gastprofessor tätig. Bis 2001 war er Präsident der Johann-Peter-Süßmilch-Gesellschaft.
Johannes Eichenthal



 
 

Foto: Prof. Eckart Elsner (Bildmitte)

Informationen

Die diesjährigen Veranstaltungen zur Erinnerung an Lessing finden bis 29.02.08 statt.
Die Ausstellung ist bis 31.03.08 geöffnet. Der Eintritt ist frei.


www.lessingmuseum.de
www.kamenz.de
www.statistik.sachsen.de


 
 

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Begegnung zwischen J. P. Süßmilch und G. E. Lessing
Ausstellungseröffnung im Statistischen Landesamt
 

Seit 1962 sind die sogenannten Lessing-Tage in Kamenz Tradition. Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) ist der bekannteste Sohn dieser Stadt in der Oberlausitz. Zwischen seinem Geburtstag, dem 22. Januar, und seinem Sterbetag, dem 15. Februar, finden alljährlich Veranstaltungen statt, die an Leben und Werk des Theatermannes, Dichters und Philosophen erinnern. Fachleute haben vielleicht mitunter den Eindruck, bereits alles über Lessing zu wissen. Andererseits sind Fälle bekannt, in denen nicht einmal Absolventen von »Lessing-Gymnasien« wissen, wer »dieser Lessing« eigentlich war. In dem Spannungsfeld streiten die Mitarbeiter des Kamenzer Lessingmuseums für unsere nationale Erinnerungskultur.



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