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Rainer Karlsch erläuterte zunächst, dass er vor Jahren ein Buch zu den deutschen Reparationsleistungen in der Folge des Zweiten Weltkrieges veröffentlicht hatte. In diesem Zusammenhang sei ihm klar geworden, dass die Wismut AG der größte Reparationsbetrieb des 20. Jahrhunderts gewesen sei. Bisherige Untersuchungen und Darstellungen seien auf die Anfangsjahre beschränkt geblieben.
Der Uranbergbau im Erzgebirge habe aber nicht mit der Wismut begonnen. Über Jahrhunderte sei Uran eine Art Abfallprodukt des Bergbaus gewesen. Mit der »Pechblende« habe man lange nichts anzufangen gewusst und deshalb auf Halden abgelagert. Das habe sich erst im 19. Jahrhundert geändert. In den 1930er Jahren begann die Sachsenerz AG mit der gezielten Uranförderung.
Eine Art Begleiterscheinung des Bergbaues im Erzgebirge sei die »Schneeberger Krankheit« gewesen. Mediziner hätten über Jahrhunderte nach den Ursachen für den Tod von Bergleuten, oft schon im vierten Lebensjahrzehnt, gesucht. Entscheidende Fortschritte seien erst Professor Boris Rajewsky vom Kaiser-Wilhelm-Institut für Biophysik in Frankfurt/Main gelungen. Rajewsky hatte in Schlema eine Außenstelle seines KWI errichtet und systematische Messungen in den Bergwerken ausgewertet. Bereits 1940 seien erste Grenzwerte für Strahlenbelastungen erarbeitet worden. 1943 habe das Bergamt Zwickau diese Grenzwerte übernommen.
Karlsch skizzierte die weltpolitische Situation nach den US-Atombombenabwürfen in Hiroshima und Nagasaki. Aus der Panik, die in der Moskauer Führung ausbrach, ergab sich ein ungeheurer Zeitdruck in der Suche und Erschließung von Uranvorkommen im Moskauer Einflussbereich.
Der Zeitdruck und die Rechte der Siegermacht prägten schließlich die ersten Schritte in der Erschließung der Uranvorkommen im Erzgebirge. Das Führungspersonal, wie der erste Generaldirektor General Malzew, hatte einschlägige Erfahrungen in Straflagern. Die Tendenz wies in Richtung Gulag.
Aber den deutschen Gewerkschaftern gelang es diese Tendenz umzukehren. Es wurden soziale Standards eingeführt und »Stalin-Pakete« an Aktivisten verteilt.
Dieser Einfluss der Gewerkschafter war bemerkenswert. Im Gegensatz dazu hatte die SED-Führung keinen Einfluss auf die Führung der Wismut-AG. Entsprechende Delegationen wurden in jener Zeit nicht einmal auf das Wismut-Gelände gelassen.
Rainer Karlsch verwies auf die Strahlenbelastung als das größte Gesundheitsrisiko für die Bergleute. Im internationalen Vergleich sei bis in die 1960er Jahre etwa in den USA oder im Kongo ein noch sorgloserer Umgang mit der Strahlenbelastung im Uranbergbau zu verzeichnen gewesen.
Die Wismut AG entwickelte sich zu einem effektiv funktionierendem Großbetrieb. Die Beschäftigtenzahl pegelte sich bei 45.000 ein. Der Uranbergbau wurde mit hohem Tempo vorangetrieben. Doch die Vorkommen waren nicht unendlich. 1977 mussten erstmals die Pläne reduziert werden. Die sowjetische Seite bestand auf maximaler Förderung. Die DDR-Seite wäre gern ressourcenschonend vorgegangen.
Das West-Ost-Wettrüsten führte UdSSR und DDR jedoch in den 1980er an den Rand des Ruins. In der DDR griff man auf veraltete Technologien zurück, um der Verschuldung zu entkommen. Es begann so Karlsch, ein Prozess der kumulierenden Selbstzerstörung. Auch die SDAG setzte Abbautechnologien ein, z.B. in Königstein, die in anderen Ländern nicht mehr zugelassen wurden.
Auf den Kunstausstellungen der 1980er Jahre seien keine optimistischen Arbeiterbilder mehr zu sehen gewesen, sondern desillusionierende Bilder von Umweltzerstörung und Katastrophen. In der Kunst wurde so etwas wie die Katastrophe von Tschernobyl (1986) schon vorweggenommen.
Die UdSSR unter Gorbatschow wollte den Uranbergbau nach Tschernobyl eigentlich herunterfahren. Jetzt war es die DDR-Seite, die möglichst lange am Uranbergbau festhalten und so weitermachen wollte, wie bisher.
In der DDR formierte sich jedoch eine Umweltbewegung gegen das kurzsichtige Verharren in alten Konzepten. Aber es waren auch kaum Rücklagen gebildet worden, um einen ordnungsgemäßen Rückbau überhaupt realisieren zu können.
So kumulierte die ganze Problematik 1990. Einerseits wurde festgestellt, dass die Stilllegung des Uranbergbaus und eine ordnungsgemäße Sanierung etwa 13 Mrd. D-Mark kosten werden. Bei dieser Summe sei es bis heute geblieben (6,7 Mrd. Euro). Andererseits brach durch die Währungsunion 4/5 der ostdeutschen Industrie weg.
Nicht nur aus ökologischen Gründen war die Stilllegung des Uranbergbaus sinnvoll. Der Betrieb konnte unter den veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auch nicht weitergeführt werden. Die Förderkosten lagen beim Dreifachen des Weltmarktpreises.
Das bei der Wismut-Sanierung investierte Geld sei gut investiert. Der Wismut-Uranbergbau sei in der Folge und im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Kalten Krieg entstanden. Die Modalitäten der Sanierung führten mit dazu, dass sich die sowjetischen Truppen aus Deutschland zurückzogen.
Dort, wo saniert worden sei, gäbe es auch keine überdurchschnittliche Bestrahlung der Bevölkerung mehr.
Die Zuschauer dankten dem Autor für seine akribische Darstellung. Eine Besonderheit des Abend bestand darin, dass keine Fragen aufgeworfen wurden, eher Ergänzungen. Ein Zuhörer fügt an, dass die von der Wismut geförderte Gesteinsmasse etwa der Fläche vom Berliner Fernsehturm bis zum Brandenburger Tor im Quadrat entspreche. Wobei die Höhe der der Fernsehturmkuppel entsprach. Ein anderer Zuhörer verwies auf die hohe Effektivität des Wismut-Betriebes. Rainer Karlsch füge an, dass der Wismut-Bergbau von internationalen Experten hoch gelobt worden sei. Die Wismut sei wahrscheinlich der DDR-Betrieb mit der höchsten Qualifizierung gewesen. Ein anderer Zuhörer verwies auf den hohen Standard des Wismut Bergbau gegenüber dem in Kasachstan-Kirgisien-Usbekistan. Rainer Karlsch machte geltend, dass nirgends auf der Welt Uran in einer so dicht besiedelten Landschaft abgebaut wurde, wie in der DDR.
Es wurde noch mancher Hinweis und manche Ergänzung vorgebracht. Die Zuhörer erinnerten damit daran, dass Geschichte ein vielstimmiger Prozess ist. Rainer Karlsch erhebt nicht den Anspruch einer umfassenden Geschichte der Wismut. Doch sein Buch ist ein Anfang. Für eine umfassende Geschichte wäre es neben einer chronologischen Faktendarstellung jedoch notwendig, Stimmen der Beteiligten aus allen Phasen und allen Berufsgruppen in Interviews zu dokumentieren. Für diese notwendige Aufgabe ist es fast schon zu spät. Viele Zeitzeugen leben bereits nicht mehr. Andererseits wurde an dem Abend in der Chemnitzer Thalia-Buchhandlung auch deutlich, dass eine Sozialgeschichte der Region Chemnitz-Erzgebirge im 20. Jahrhundert nicht ohne die Einbeziehung der Wismut und ihrer 45.000 Beschäftigten möglich ist. Insofern muss man nochmals mit Bedauern fragen, wo waren sie an diesem Abend, die Berufshistoriker, die Studenten, die Lehrer, die Kommunalpolitiker?
Johannes Eichenthal


Informationen
Rainer Karlsch: Uran für Moskau. Die Wismut – Eine populäre Geschichte. Christoph Links Verlag 2007. ISBN 978-3-86153-427-3

Rainer Karlsch/ Zbynek Zeman: Uran Urangeheimnisse. Das Erzgebirge im Brennpunkt der Weltpolitik. 1933-1960. Christoph Links Verlag. 3. Auflage 2007. ISBN 978-3-86153-276-7

Weitere Informationen: www.linksverlag.de

Rainer Karlsch: Hitlers Bombe. Die geheime Geschichte der deutschen Kernwaffenversuche. DVA München 2005. ISBN 3-421-05809-1

www.uranerzbergbau.de


 
 

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Wismut in Chemnitz
Rainer Karlsch stellt sein neues Buch vor
 

Es war wieder einmal die Chemnitzer Thalia-Buchhandlung, die der Öffentlichkeit den Autor eines wichtigen Buches in Lesung und Gespräch vorstellte. Rainer Karlsch trat am Abend des 28. Februar vor das Chemnitzer Publikum. Gekommen waren vorwiegend ältere Gäste. Dem Anschein nach war unter ihnen kein aktiver Kommunalpolitiker, kein Vertreter der Kulturbürokratie, kein Historiker der TU Chemnitz, kein aktiver Lehrer. Es wäre angenehm, uns in diesem Punkt zu irren.

Foto: Rainer Karlsch im Gespräch mit den Gästen seiner Lesung


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