litterata  :  Reportagen  :  Reportagen von 2008  :  Kammweg Literaturpreis 2008  
Veranstaltungen
Freundeskreis
Reportagen
Mironde Verlag
      login
  E-Mail  
  Passwort  
      login
  Registrieren Sie sich hier oder bearbeiten Sie Ihr Profil
Suche  
   

Albrecht Kohlsdorf, Landrat des Mittleren-Erzgebirges-Kreises, begrüßte die Gäste, darunter Bundestags- und Landtagsabgeordnete, Bürgermeister und Kulturdezernenten. Der Landrat verwies darauf, dass sich in unserer Zeit viele Menschen Sorgen machten. Er erinnerte daran, dass die Wirtschaftsentwicklung vor 100 Jahren bereits von ähnlichen Problemen gekennzeichnet gewesen sei. Deshalb, so der Landrat, sei es um so wichtiger, in menschliche Werte, in Menschen zu investieren. Das sächsische Kulturraumgesetz sei eine beispielhafte Voraussetzung, um auch im ländlichen Raum solche Investitionen zu ermöglichen. Ohne den Kulturraum wäre so etwas, wie der Kammweg-Literaturpreis nicht möglich gewesen. Im diesjährigen Lyrik-Wettbewerb hätten 56 Autoren mehr als 400 Gedichte eingereicht. Dies sei ermutigend. Es gehe darum, die tiefe Freude zu vermitteln, die in Kunst und Literatur zu finden sei.

 
 

Landrat Albrecht Kohlsdorf (rechts) gratuliert den Preisträgern, die Steffen Meyer (links) aufgerufen hatte.

Der Autor, Verleger und Buchhändler Klaus Walther ging in seiner Laudatio auf das Verhältnis von Literatur und Landschaft ein. Landschaft sei die von Menschen veränderte Natur. In der Landschaft ist die Tradition verwurzelt. Die Tradition kann uns drücken und uns tragen. Beides ist möglich. Seine eigene Begegnung mit der Tradition, sein Leserleben, habe mit Karl May, dem Lügenbold aus Hohenstein-Ernstthal begonnen. Obwohl sich May große Mühe gegeben habe, die ihm unbekannte Landschaft aus Atlanten genau zu beschreiben, seien bei ihm Wirklichkeit und Phantasie in seinem Dichterleben durcheinandergeraten. Bei seiner eigenen Karl-May-Lektüre sei es ihm aber auch nicht auf die genaue Schilderung der Landschaft angekommen. Die Handlung, die Helden standen im Mittelpunkt. Das Karl-May-Land sei aber nur die eine Seite des Kammwegs. Die andere Seite sei Böhmen. Zwischen Eger und Marienbad finde man Schloss Kynzvart (Königwarth), den ehemaligen Sommersitz der Familie von Metternich. Hier sei einst ein Hauslehrer namens Adalbert Stifter tätig gewesen. Das Schloss habe dieser in seinem »Nachsommer« beschrieben, nicht abgemalt. Aber wer das Schloss kenne, der erkenne es auch im Roman wieder. Stifter habe die Landschaft sehr genau beschrieben. So habe er in seiner Kunst demonstriert, was er in der sozialen Wirklichkeit seiner Zeit nicht finden konnte: der Mensch stiftet Ordnung.
Es ist das Wort des Dichters an seine Zeit, wenn er menschliche Werte beachtet wissen will.
Die Darstellung der Landschaft selbst ist aber ein Grenzfall: einerseits die verträumte Natur, andererseits die Ursache von Unglück.
In der Mundartliteratur finde man in diesem Punkt oft einen gewissen Romantizismus. Die Wirklichkeit werde maßlos beschönt.  Aber auch solcher Romantizismus sei ein Reflex auf die Wirklichkeit. Bei Anton Günther finde man beides, den Romantizismus und die Wirklichkeit. Insofern sei Günther vielleicht das beste Beispiel für erzgebirgische Mundartdichtung.
Wenn wir auf dem Kammweg aber nicht nur die Aussicht, sondern auch Wurzeln suchen, dann haben wir es nicht leicht, dann müssen wir auch ins Tal hinab. Ein Schweizer Dichter habe ein Kind seine Mutter fragen lassen, ob auf der anderen Seite des Tales auch Menschen lebten. Die Mutter habe geantwortet: nicht grübeln Kind, nicht grübeln ...
Auch das Erzgebirge werde oft als eine Art Enklave verstanden: Nicht grübeln, es könne ja jenseits des Kammes Unbekanntes geben.
Aber in der Dichtung können wir finden, wie sich die Dinge entwickelten: da kommt Hähnlein vor, die sozialistischen Brüder und der 21. August 1968. Aber auch heute ist die andere Seite des Kammes nicht mit den Frauen in kurzen Röcken oder Tankstellenbesuchen beschrieben.
Es habe auch Versuche gegeben, die Dichter auf das Politiker-Wort von den »blühenden Landschaften« festzulegen. Literatur lasse sich jedoch nicht reglementieren.
Der Kammweg eröffne beides: Aussicht und Absturzgefahr. So erinnern wir uns an die Zeilen von Kleist, die er anlässlich einer Reise durchs Erzgebirge niederschrieb: »die ganze Gegend sieht aus wie ein bewegtes Meer von Erde«. Dies sein ein wunderschönes Bild: ein bewegtes Meer von Erde.
Andererseits gäbe es die Literatur, die sehr genau zwischen Pflanzenarten unterscheide. Diese Genauigkeit gehöre auch zur Literatur. Dies sei der Unterschied zu den abstürzenden Scheinpoeten.
Beides gehöre also zur Literatur: die Genauigkeit der Beschreibung und die Einbindung ins Ganze. Vom Kammweg aus sehen wir die Felder, auf die sich die Jahrhunderte der Geschichte niederließen. Unabwendlich verwandelt sich Zukunft in Vergangenheit, und die Gegenwart ist nur ein Augenblick.

 
 

Foto: Die Zuschauer verfolgen aufmerksam die Preisverleihung. Im Vordergrund links Klaus Walther

Ralph Grüneberger führte in die Preisverleihung ein. Die Autoren fieberten vor Spannung. Dann endlich wurden die Preisträger bekanntgegeben: Gabriele Desch, Olaf Stelmecke, Frank Klemm. Jens Kraus, Helga Zerfeld, Anita Keil, Renate Mosel, Claudia Nestler.
Steffen Meyer, der Kulturraumsekretär, dankte abschließend den Teilnehmern des Wettbewerbs, der Jury und der Gastgeberin des Abends, Frau Ulbricht. Er hob noch einmal hervor, dass der Kulturraum die kulturelle Vielfalt im Erzgebirge bewahren wolle. Der diesjährige Wettbewerb sei ein Beitrag dazu.
Johannes Eichenthal

 
 

Foto: Das Lukas-Heinig-Quartett in Aktion


Information

www.kulturraum-erzgebirge.de
www.mek-kultur.de

 
 

Copyright © 2009 Mironde Verlag.
Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Die Nachrichten sind nur für die persönliche Information bestimmt. Jede weitergehende Verwendung ist untersagt.

Literatur in stürmischen Zeiten
Kammweg Literaturpreis 2008
 

Die Poesie, so formulierte es Johann Gottfried Herder, ist die Sprache der Kinder und der Götter. Der Himmel war es, der ein Einsehen hatte. So ließen die Götter den »Emma«-Sturm am Nachmittag des 1. März abflauen, damit die Freunde der Literatur unbeschadet nach Marienberg fahren konnten. In der Baldauf-Villa, dem Kultur- und Freizeitzentrum des Mittleren Erzgebirgskreises, fand an diesem Abend die Verleihung des Kammweg-Literaturpreises statt. Erwartungsvoll strömten Autoren und Gäste in den Saal. Die Spannung wuchs von Minute zu Minute. Die Klänge des Lukas-Heinig-Quartetts milderten die Nervosität der Autoren wenigstens etwas.

Artikel versenden
Artikel drucken
Mapsite
litterata