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Wir machten uns am 14. März auf den Weg nach Leipzig. Die Hallen waren bereits am Vormittag fast überfüllt. Lockere Atmosphäre. Kaum wirklich gestresste Menschen. Ein Gang durch Halle 3. Hier suchten auch Antiquare und kleine Kunstbuchverlage sowie Handpressen ihre Kunden.
Um 13.00 Uhr stellte Matthias Zwarg der Leiter des Buchprogrammes des Chemnitzer Verlages auf Stand H 3/D 204 ein neues Buch vor: »Handwerk hat silbernen Boden«. Sein Mitherausgeber Klaus Walther musste nicht erst erklären, dass die Adaption des bekannten Sprichwortes eine Anspielung auf den Silberbergbau des Erzgebirges ist. Viele Gewerke siedelten sich im Erzgebirge mit dem Bergbau an, entstanden im Zusammenhang mit ihm oder nach der Aufgabe des Bergbaues.
Matthias Zwarg hob hervor, dass Klaus Walther in diesem, wie in bisherigen Büchern sein Augenmerk auf die heimatlichen Traditionen legte, die auch in die Welt hinaus gegangen seien und das Erzgebirge mit der Welt verbänden. In der Tat vermochte Klaus Walther von der regionalen Küche über die kulturellen Werte von Vogtland und Erzgebirge, das Werk von Marianne Brandt bis hin zur Schwarzenberger Zeit von Ernst Jünger immer wieder Themen in Texten zu konzentrieren, mit denen er auf weitsichtige Weise Akzente für die Lokalisierung des Erzgebirgsraumes in Europa setzte. Der Chemnitzer Verlag realisierte mit diesen Büchern eine Wirtschaftsförderung, von der die sogenannte »Fachleute« auf diesem Gebiet nur träumen können.
Nach seinem Motiv für das vorliegende Buch befragt, antwortete Klaus Walther, dass er beobachtet habe, dass mehr und mehr Menschen wieder Gefallen an handwerklicher Tätigkeit, am gegenständlichen Umgang mit Holz und anderen Materialien fänden. Der große Soziologe Richard Sennett veröffentlichte vor einigen Wochen ein wissenschaftliches Buch mit einem ähnlichen Befund, jedoch ohne den empirischen Bezug auf eine Region und ohne Bilder. Die Fotos im vorliegenden Buch stammen übrigens von dem erfahrenen Erzgebirgs-Fotograf Christoph Georgi.
Zwischen den Dialogen von Matthias Zwarg und Klaus Walther spielte Jan Röhlig aus Klingenthal auf seiner Zither aus Markneukirchen zunächst eine Melodie von Johann Sebastian Bach und danach ein erzgebirgisches Volkslied. Auf die Frage nach dem Gang der Geschäfte antwortete er im typischen Handwerker-Understatement »nicht schlecht«. Er verwies im Detail darauf, dass in Markneukirchen neue Modelle an Instrumenten entwickelt, produziert und weltweit vertrieben werden. Er selbst sei gelernter Tischler und studiere seit zwei Jahren an der Bruckner-Universität in Linz, der einzigen Hochschule, in der so etwas möglich sei, das Fach »Konzertzither«. Mit Zither-Klängen aus dem Film »Der dritte Mann« ging diese sinnlich-fassbare Buchvorstellung zu Ende.

Foto: von li. M. Zwarg, K. Walther, J. Röhlig


 
 



Um 14.00 Uhr sollte Jan-Philipp Reemtsma eigentlich auf Stand H 3/H 302 sein neues Buch »Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation des 20. Jahrhunderts« vorstellen. Doch da die Veranstaltungen nahezu ununterbrochen im Dreißig-Minuten-Takt geplant sind, ohne Zwischenraum, wartete Reemtsma mit der anschwellenden Besucherschar gelassen, bis die laufende Veranstaltung beendet war. Schnell füllte sich der »Messe-Hörsaal« dann mit den neuen »Studenten« aus allen Altersgruppen. Nur ein Drittel der Zuhörer vermochte reguläre Sitzplätze zu erhaschen. Aber schon antwortete Professor Reemtsma auf die systematischen Fragen des Moderators. Zunächst skizzierte er auf historische Weise die entstandene Delegitimierung von physischer Gewalt im westeuropäischen Denken, die auch durch gegenteilige Erscheinungen im 20. Jahrhundert nicht abgebrochen werden konnte. Dem Zuhörer erschien es problematisch, dass der Autor dem Anschein nach Gewalt auf physische Gewalt reduzierte und damit von Macht trennte. Nur so war es erklärbar, dass Reemtsma die Macht bei der Wirtschaft und die Gewalt beim Staat konzentriert sah. Man hatte das Gefühl, als ob es Michel Foucault und Umberto Eco nie gegeben habe. Ein Mann im reifen Alter, und mit Professoren-Habitus, verließ hier die Veranstaltung. Erst am Ende des Dialoges blitzte bei Reemtsma das vielleicht zentrale Motiv für diese Form der Darstellung auf, als er auf eine entsprechende Frage antwortete, dass er die Versuche die in der europäischen Tradition diskreditierte Folter wieder einzuführen für extrem gefährlich halte. Er sehe auch, dass es nach dem Ende des Kalten Krieges ein neues Aufflammen von physischer Gewalt gäbe. Doch darauf könne man nicht mit einem Rückfall in überlebten Traditionalismus reagieren. Wenn die Folter wieder eingeführt werde, dann werde der Rechtsstaat beschädigt. Die Konsequenzen würden dann unsere Kultur als Ganzes betreffen.
Reemtsma betonte, dass uns am Ende Angst und Selbstbewusstsein blieben. Angst, so habe Sartre einmal gesagt, schließe das Wissen ein, einmal gescheitert zu sein. Selbstbewusstsein sei notwendig, um am Ideal der europäischen Gesellschaft festzuhalten. Nicht zulässig sei dagegen, so Reemtsma, die Hoffnung. Denn Hoffnung sei immer die Vorstellung, dass etwas mit hoher Wahrscheinlichkeit eintreffe. Doch die Geschichte sei offen.
Johann Gottfried Herder antwortete einst auf den Einwand von David Hume, wonach die Sonne zwar bisher täglich aufgegangen sei, wir aber nicht beweisen könnten, dass sie morgen wieder aufgehe, dass zwar der beständige Wandel unser Universum dominiere, dass aber ein abruptes Ausbleiben des Sonnenaufganges nur denkbar sei, wenn auf einen Schlag sämtliche Zusammenhänge des Universums außer Kraft gesetzt würden. Offenheit ist also vielleicht nur im Bezug auf Determination begreifbar.
Herder sah in der Hoffnung übrigens eine Metapher für das Wesentliche unserer Existenz. Weil wir Menschen wissen, dass wir sterblich sind, hoffen wir auf Unsterblichkeit. Aber, so Herder, die Hoffnung muss ein Korrektiv haben. Das ist in seinen Augen die Vernunft, mit der er die Gesamtheit der theoretischen und praktischen Verfahren der Menschheit gefasst sah. Im Kern, so Herder, ist Vernunft Skepsis.
Mit der Reduktion von Selbstbewusstsein auf Vernunft, wie es in »der« Aufklärung Gang-und-Gäbe-Denkweise wurde, begreifen wir nicht einmal unsere Vernunft. Eine Begründung von Selbstbewusstsein ausschließlich mit skeptischer Vernunft kommt nicht über den bekannten Satz von Descartes hinaus.  Erst im Bezug auf unsere Existenz wird Vernunft begreifbar und Selbstbewusstsein begründbar. Wir müssen Hoffnung und Skepsis gleichzeitig in ihrer Gegensätzlichkeit und ihrem Zusammenhang denken lernen. Diese Herdersche Sicht ist bislang singulär. Christoph Martin Wieland gehörte zu den wenigen Weimarer Freunden Herders, die ihm in diesem Punkt und seinen beiden Alterswerken »Metakritik der Kritik der reinen Vernunft« und »Kalligone« geistig zu folgen vermochten. Wir sollten vielleicht die Hoffnung nicht leichtfertig fahren lassen.

Foto: re. J.-Ph. Reemtsma

 
 



Die Fahrt ins Stadtzentrum dauerte fast ewig. Verstopfte Straßen. Staus an allen Ecken und Enden. Dazwischen Kolonnen von Polizei-Einsatzfahrzeugen. Allerlei Gefahren bedrohten dem Anschein nach die Buchmesse. Doch, wo die Gefahr, ist ... Planmäßig eröffnete Christoph Buchwald im Salon des Mendelssohnhauses, Goldschmidtstraße 12, um 20.00 Uhr eine Veranstaltung der Gesellschaft zur Förderung der niederländischen Kultur und Sprache GENIKUS e.V. aus Leipzig und der Stiftung für die Übersetzung niederländischer Literatur aus Amsterdam. Bereits zum fünften Male beteiligt sich diese Stiftung am »Leipzig-liest-Programm«. Die Stühle vermochten den Besucherandrang nicht aufzunehmen. Die rührigen Damen des Mendelssohn-Museums trugen immer neue Sitzgelegenheiten herbei. Christoph Buchwald konnte diesen Andrang kaum fassen, wusste er doch auch, dass zur gleichen Zeit vielleicht hundert weitere Lesungen stattfanden.
Zunächst stellte er den Autor Frank Westermann vor. Dieser sei Jahrgang 1964, habe an einer angesehenen Hochschule landwirtschaftliche Hydro-Technik studiert und als Entwicklungshelfer gearbeitet. Der temperamentvolle Autor las einige Abschnitte aus seinem im Christoph-Links-Verlag erschienen Buch »El Negro«.
Im Gespräch mit Frank Westermann vermochte Buchwald den Zuhörern einen interessanten Zugang zum Buch zu eröffnen. Er erzähle, so der Autor, weniger etwas über Afrika, als über unsere Vorstellungen und Klischees von Afrika. Der niederländische Titel laute auch »El Negro und ich«. Wie nebenbei entlockte Buchwald dem Autor auch eine Quintessenz seines Entwicklungshelferdaseins: Selbst mit den besten Absichten scheitern wir, weil unser Absichten nicht den Sorgen der Menschen in Afrika oder Lateinamerika gerecht werden.
Es folgte Joris Luyendijk, Jahrgang 1971, studierter Arabist und Politikwissenschaftler, mit seinem im Tropen-Verlag erschienen Buch »Wie im echten Leben«. Der Autor hat lange als Auslandskorrespondent im arabischen Raum gearbeitet. Er las aus seinem Buch mit Reflexionen über diese Tätigkeit. Im Gespräch mit Christoph Buchwald wurden seine Erfahrungen angesprochen. Gleichzeitig entwarf der Autor ein Bild vom Leben der Menschen in Damaskus oder Kairo, wie wir es nicht in den großen Medien finden.
Abschließend kam Cyrille Offermans zu Wort. Der bekannte niederländische Essayist las aus seinem Buch mit dem Titel »Warum ich mein demente Mutter belüge«. Der Autor berichtete über die Erfahrungen in der Pflege seiner erkrankten Mutter. Im Gespräch mit Christoph Buchwald sprach der Autor die Tragik dieser Krankheit an. Er sei zunächst den bekannten Darstellungen in Büchern gefolgt und habe geglaubt, dass die Krankheit nicht so schlimm sei und Aussicht auf Heilung bestehe. Doch das sei nicht der Fall. Nach Jahren der Pflege hätten sich seine fünf Geschwister und er entschlossen, die Mutter in ein Pflegeheim zu bringen, und ihr diese Entscheidung zu verheimlichen, sie also zu belügen. Es sei jedoch eher eine »Notlüge« gewesen. Dies sei ihm nicht leicht gefallen. Aber auch in der Betreuung seiner Mutter habe er lernen müssen, dass er auf ihr zum Teil wirres Gerede nicht mit Richtigstellung reagieren durfte. Eine Verbesserung der Sprache der Mutter hätte zu einer Verschlimmerung ihres Zustandes geführt. Das Beharren auf der »Wahrheit« hätte zur Zerstörung der Illusionen seiner Mutter geführt.
Auf die Frage, ob das Buch eine Veränderung seines Menschenbildes bewerkstelligt habe, antwortete der Autor, dass er im Abstand von zwei Jahren begriffen habe, dass diese Krankheit nicht heilbar sei. Sein Menschenbild habe er aber nicht verändern müssen. Allmachtsvorstellungen sei er nie gefolgt. Er habe jedoch begriffen, dass wir zerbrechlichere Wesen seien, als er bis dahin glaubte. Er habe auch eingesehen, das diese Problematik in den nächsten Jahren in der Gesellschaft zahlenmäßig vermehrt auftreten werde. Die Politik nehme diese Entwicklung leider nicht wahr. Aber es bestehe auch kein Grund unseren Optimismus aufzugeben.
Christoph Buchwald dankte gegen 22.15 Uhr den Autoren dafür, dass sie uns zum Nachdenken, zum Differenzieren und zur Aufgabe alter Sicherheiten gebracht haben. Das unterscheidet echte Literatur vom billigen Trost des Trivialen. Gleichzeitig dankte er dem außergewöhnlichen Publikum, das den anspruchsvollen Lesungen und Gesprächen so interessiert gefolgt war.
Johannes Eichenthal

Foto:  Frank Westermann bei seiner Lesung; rechts vorn, sitzend, Moderator Christoph Buchwald

 
 

Information

Walther Klaus/Zwarg Matthias (Hrsg.) Handwerk hat silbernen Boden. (Chemnitzer Verlag)
www.chemnitzer-verlag.de

Reemtsma, Jan Philipp: Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne. (Hamburger Edition)
www.his-online.de

Westermann, Frank: El Negro (Ch. Links Verlag)
www.linksverlag.de

Joris Luyendijk: Wie im echten Leben (Tropen-Verlag)
www.tropen-verlag.de

Cyrille Offermans: Warum ich meine demente Mutter belüge (Antje Kunstmann-Verlag)
www.kunstmann.de

Mendelssohn-Museum, Goldschmidtstraße 12. 04103 Leipzig
www.mendelssohn-stiftung.de

Gesellschaft zur Förderung der niederländischen Kultur und Sprache GENIKUS. e.V. Leipzig
www.genikus.de

Stiftung für die Übersetzung niederländischer Literatur, Amsterdam
www.nlpvf.nl

www.leipzig-liest.de
www. leipziger-buchmesse.de


 
 

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Aus der Lesestadt
Eindrücke von der Buchmesse 2008
 

Wenn der Frühling naht, dann treffen sich seit fünfhundert Jahren Leser, Autoren, Verleger, Buchhändler und Büchersammler in Leipzig. Die traditionsreichste deutsche Buchmesse entstand aus einer Art Buchmarkt heraus, handelte aber von Anfang an mit europäischem Geist. Im Zeitalter der elektronischen Kommunikation ist das ursprüngliche Treffen auf dem Marktplatz eigentlich nicht mehr erforderlich. Zunehmend wird die Buchmesse daher von dem einstigen Rahmenprogramm »Leipzig liest« dominiert. Für dieses Jahr waren vom 12.–16. März mehr als 1500 Autoren in mehr als 1900 Leseveranstaltungen angekündigt.


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