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Foto: Der Jubilar und seine Frau Angelina vor der Eröffnung (Foto Franziska Schwarzbach)

Die Werk-Ausstellung Alfred Hrdlichkas (Plastiken, Zeichnungen, Radierungen), die am 19. Januar 2008 in der Galerie Berlin in Berlin-Mitte, mit einer Laudatio von Oskar Lafontaine eröffnet wurde, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Einerseits wird der Künstler heute in seiner Heimat von offizieller Seite nicht verwöhnt. Andererseits erinnert die Ausstellung der Werke des Wieners in Berlin indirekt an ein verdrängtes Kapitel deutscher Geschichte: 1866 führte Bismarcks Krieg gegen Österreich in Königsgrätz in eine kleindeutsche Misere. Bis heute sind die kulturellen Defizite Berlins gegenüber der europäischen Metropole Wien sinnlich fassbar. Gleichzeitig sucht ein Häuflein Berliner Provinzler  im »Preußentum« immer noch eine Kompensation für ihre Ideenlosigkeit. Hrdlichkas Ausstellung ist somit wieder einmal in mehrfacher Hinsicht eine Provokation.

 
 

Foto: Der Jubilar während der Laudatio (Foto Franziska Schwazbach)

Der Heidelberger Kunsthistoriker Dietrich Schubert begleitet seit Jahrzehnten das Schaffen von Alfred Hrdlichka. 2007 erschien sein Buch »Alfred Hrdlichka. Beiträge zu seinem Werk«. Im Unterschied zu vielen seiner Kollegen bleibt Schubert nicht bei einer vergleichenden Sichtweise stehen, sondern versucht die Besonderheit des Künstlers herauszuarbeiten. Über den Grundtenor des Werkes, das Engels-Denkmal in Wuppertal, die 1983er Ausstellung im Kunstverein Heidelberg, die Diskussion »Endzeit der Kunst« 1984 in Stuttgart, die 1985er Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste, Hamburger Feuersturm und »Cap Arcona«, Hrdlichkas Werk »Gummitod«, Funktionen und Formen der Handzeichnung im Werk Hrdlichkas und die Hommage à Pasolini reicht das Gedankenspektrum. Abgeschlossen wird das Buch mit einem Verzeichnis von Hrdlichkas Schriften bzw. von Literatur über dessen Werk.

Foto unten: Angelina Hrdlichka im Gespräch mit Oskar Lafontaine (Foto: Franziska Schwarzbach)

 
 

Dietrich Schubert begründet zu Recht die Singularität Hrdlichkas mit dem Festhalten an der menschlichen Gestalt in der Plastik. Der Zeitgeist honoriert solche Standhaftigkeit leider nicht. Dem Anschein nach beherrschen bunter Fotorealismus und leere Abstraktionen das Feld. Die Gründe sind vielfältig. Ursprünglich entstand die sogenannte abstrakte Kunst vielleicht auch, um dem naturalistischen Heroismus, der monarchistischen Heldenverehrung und der Kriegsverherrlichung zu entgehen. Die Kunst, wie das Leben, verlaufen nicht linear. Ein Extrem wird mit dem anderen ersetzt. So gab es gerade in der sogenannten Postmoderne auch eine Bewegung von der Abstraktion zur »Aisthesis« zurück. Gleichzeitig gab es auch eine Neuauflage der naturalistischen Heldenverehrung bei den einstigen radikalen Anti-Monarchisten, in der Arbeiterbewegung und in der offiziellen Kunst der DDR. Problematisch wurde die Sache eigentlich erst als manieristische Motive überwogen.
Dietrich Schubert zeigt am Beispiel des Friedrich-Engels-Denkmales in Wuppertal überzeugend, dass Alfred Hrdlichka in einer anderen Tradition steht.
Schubert versucht auch, dem künstlerischen Schaffen und den theoretischen Ansätzen Hrdlichkas eine Erklärung zu geben. Dabei taucht häufig der Name Friedrich Nietzsches auf. Schubert leitet von Nietzsche eine »Priorität der Leiblichkeit« ab. Nietzsche ersetzt hier den Vorrang der Vernunft, wie er ihn im Wissenschaftsbetrieb kennenlernte, durch das andere Extrem. Man müsste aber, um Nietzsche zu verstehen, und weiter zu kommen, auf Quellen Nietzsches zurückgehen, die dieser selbst nicht nennt. Diese Quelle kennt Schubert eigentlich selbst. Sie heißt Johann Gottfried Herder. Schubert zitiert, als einer der wenigen Vertreter seiner Zunft, zwei Mal aus dessen Artikel »Plastik«. Es würde sich aber lohnen mehr von Herder zur Kenntnis zu nehmen. Im Unterschied und in Auseinandersetzung mit Immanuel Kant formulierte Herder einen alternativen Ansatz zur so genannten klassischen deutschen Philosophie: Es gibt keine Hierarchie der Erkenntnisvermögen. Sinnlichkeit ist nicht niedriger zu schätzen als Vernunft. Es gibt kein Denken ohne Erfahrung. Wir sammeln Erfahrungen über unsere Sinne, mit all unseren Sinnen. Vernunft ist nur als innerer Zusammenhang unserer Sinnlichkeit begreifbar. Aus allen Sinneswahrnehmungen entsteht ein inneres Bild. Die Sprache realisiert den Zusammenhang dieses inneren Bildes. Weil wir mit dem ganzen Körper empfinden und denken, sind unsere inneren Bilder in der Regel körperlich. Die Plastik ist für Herder daher die zentrale Kunstgattung. Die Darstellung des individuellen menschlichen Körpers die Krönung der Kunst.
Mit Herder könnte man sagen, dass es weder einen Vorrang der Vernunft, noch einen der Leiblichkeit gibt. Unsere körperlichen und sinnlichen Erfahrungen fallen unmittelbar mit unserem Denken zusammen. Es gibt kein Denken ohne sinnliche Erfahrung. Es gibt keine sinnliche Erfahrung ohne Zusammenwirken aller Sinne in der Sprache.
Mit Nietzsches Augen übersehen wir jedoch den eigenständigen Ansatz Herders. Was jener Leiblichkeit nannte, ist bei Herder unsere vergängliche Existenz, unsere damit verbundene Sehnsucht nach Unsterblichkeit, das heißt unsere Religiösität. In der Poesie kommen die Gegensätze Vernunft und Religiösität zusammen, auch im Werk Hrdlichkas. Sein Werk machte uns Dinge sichtbar, die nicht sichtbar sind. Aber in dieser Poesie ist das religiöse Moment unübersehbar. Damit wird deutlich, dass Alfred Hrdlichka ein Bewahrer und Erneuerer der klassischen Plastik ist. Seine Skulpturen verkörpern die sinnliche Erfahrung des Individuums, seine Beschädigungen und seine Kraft im 20. Jahrhundert auf klassische Weise. Andererseits wird im Werk Hrdlichkas nicht nur verdichtete Sinnlichkeit, sondern gleichzeitig Vernunft in Stein gehauen. Jede seiner Plastiken ist auch ein Denk-Mal. Insofern stehen die Chancen für Hrdlichkas Werk, gerade durch das Fehlen von Aktualismus, auf lange Sicht garnicht so schlecht: Was bleibt, das stiften die unzeitgemäßen Skulpturisten!
Johannes Eichenthal


 
 

Foto: Das Friedrich-Engels-Denkmal in Wuppertal (Abbildung aus Dietrich Schubert: Alfred Hrdlichka. Beiträge zu seinem Werk.)


Information
Schubert, Dietrich: Alfred Hrdlichka. Beiträge zu seinem Werk. Wernersche Verlagsgesellschaft mbH. Worms, 2007. ISBN 978-3-88462-256-8

www.galerie-berlin.de

 
 

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Hrdlichka in Berlin
Geburtstagsausstellung in der Galerie Berlin
 

Der 80. Geburtstag des am 27. Februar 1928 in Wien geborenen Künstlers Alfred Hrdlichka machte es möglich: in den großen deutschsprachigen Tageszeitungen erschienen wieder einmal Artikel über den Jubilar. Doch das war eher eine Ausnahme und kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es im zeitgeistabhängigen Mediengeschäft still geworden ist, um den Bildhauer, dessen Gestalt selbst einem Fels ähnelt. »I am the Rock« sangen Simon und Garfunkel einst. Dieses Lied hätte vielleicht ein Geburtstagsständchen sein können. Hrdlichkas Werk ist dem Anschein nach nicht »aktuell«, er selbst ist ein Unzeitgemäßer.



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