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Ein Blick in das Leben belehrt uns jedoch darüber, dass wir ein Erbe nur vollständig annehmen oder vollständig ausschlagen können. Insofern haben wir nicht einmal die Wahl: zu unserem Erbe gehört alles, was in der Geschichte geschah. Eine andere Frage ist, was zu verschiedenen Zeiten bewusst versucht wird als Tradition weiterzuführen, was man versucht zu verdrängen, was »unterirdisch« weiter wirkt usw.
Es waren übrigens Wissenschaftler in der DDR, die den damaligen Politikern erklärten, dass deren Gleichsetzung von Erbe und Tradition in die Erstarrung führt. In der alten Bundesrepublik gab es wahrscheinlich nie eine solche Problemstellung. Nur so ist es zu erklären, dass die faktische Gleichsetzung von  Traditionen der 1950er Jahre mit Erbe bis heute dominiert. Zuletzt hatte diese simple Identifizierung bei den »Leitkultur-Theoretikern« ihren großen Auftritt.
Aber gerade angesichts dieser verflossenen Debatte ist es doch keine Katastrophe, wenn sich führende Politiker darüber klar werden, dass unser Erbe mehr ist, als die wundersamen 1950er Jahre, dass zum Beispiel die Kulturstätten in und um Weimar zum nationalen Kulturerbe gehören.
Zudem gibt es in Weimar selbst für Literaturwissenschaftlerinnen noch manches zu entdecken. Allein die Tatsache, dass die kulturelle Ausstrahlung Weimars zwei angeheirateten Frauen zu verdanken ist – Anna Amalia und Maria Pawlowna – erscheint heute noch bemerkenswert. Die Bibliothek, die heute den Namen von Anna-Amalia trägt, sammelte eben nicht nur deutschsprachige Literatur.
Die von beiden Frauen eingeleitete Politik verzichtete, anders als in Preußen, auf Großmachtstreben, Eroberungen fremder Gebiete und Krieg. In Sachsen wurde ein grundsätzlich anderer Politik-Typ entwickelt als in Preußen. Denkmäler von Länderverwüstern und Massenmördern aus jener Zeit finden sich in Sachsen/Thüringen eben nicht.
Man kann einwenden, dass Künstler und Literaten in Weimar nur wenige Jahrzehnte Einfluss auf die Politik des kleinen Herzogtums und späteren Großherzogtums hatten. Aber sie hatten Einfluss. Angefangen von Christoph Martin Wieland als Prinzenerzieher, über den Minister und Weggefährten des jungen Herzogs Johann Wolfgang Goethe, den Dramatiker-Rebellen Friedrich Schiller, bis hin zum Kritiker der Monarchie Johann Gottfried Herder.
Bei Herder finden wir auch theoretische Leistungen, die selbst heute Fachleuten nahezu unbekannt sind. Herder, der übrigens den Ausdruck »Weltmarkt« prägte, kritisierte den Klassizismus seiner Kollegen Goethe und Schiller immer wieder mit dem Hinweis, dass Deutschland nicht Griechenland sei. Herder rief zum Sammeln deutscher Volkslieder auf, und publizierte sie gemeinsam mit Volksliedern aus ganz Europa und aus der ganzen Welt: Die Stimme der Völker in Liedern.
Herders Interesse erstreckte sich von Weimar bis auf die Kultur von Asien und Amerika. Er stand mit zahlreichen Philologen in Kontakt und beförderte die sprachliche Erforschung dieser Kulturen.
Anders als Kant war Herder der Meinung, dass der »Rasse-Begriff« untauglich sei, um die Menschheitsentwicklung zu beschreiben. Es ist eine Menschheit, die unter verschiedenen klimatischen Bedingungen verschiedene Formen annimmt. »Rasseunterschiede« verschwinden binnen zwei Generationen.
Bei dem Stichwort Generationen sind wir auch schon beim Herderschen Zentralpunkt. Die Spannung von Tradition und organischer Kraft findet ihre Übergänge in den Generationen. Die Kette der Generationen ist der Bezugspunkt für die Entwicklung unserer Kultur.
Anders als Kant  war Herder nicht der Meinung, dass der Mensch von Natur aus »böse« sei. Kant entwickelte aus dieser Grundannahme eine Theorie, die bis heute wirkt: der Staat, so Kant, solle die von Natur aus bösen Menschen zähmen und zur »Kultur« befähigen.
Für Herder war »Kultur« dagegen synonym mit menschlicher Natur, mit Humanität. Anders als die deutsche Tradition, setzte er Kultur nicht mit Bildungsniveau und Hochkultur gleich. Diesen Bereich nannte er »verfeinte Schwachheit«. Für Herder gehörten die Brutalität, die die Menschen mitunter befällt, zur Kultur. Doch er verstieg sich nicht zu einem Verdikt, wie Kant. Vielmehr hob Herder hervor, dass der Mensch weder gut noch böse sei, er müsse sich ständig entscheiden, wie er zu handeln habe: wir tragen die Waage in uns!
Anders als Kant bezweifelte Herder die Potenzen des Staates. Aus seiner Sicht kann der Staat weder den Menschen Kultur bringen, das müssen sie schon gefälligst selbst tun, noch Probleme lösen. Der Staat ist nur zur Verwaltung fähig.
Die Literaturwissenschaft sollte die Hinwendung zur Weimarer Erbschaft befördern. Die Kultur unserer Gegenwart ist eher zu wenig von Weimar geprägt. Etwa 24 % aller Achtjährigen beherrschen heute nicht mehr den Mindestwortschatz. Ein Volk von unliterarischen Analphabeten, so Herder, bringt keine großen Dichter hervor.
Man kann Wieland, Goethe, Schiller und Herder nicht für die Dummheit ihrer Nachkommen verantwortlich machen. Selbst unter großen Verrenkungen kann man in der Weimarer Erbschaft nicht die Ursachen für Kriege und Massenmorde des 20. Jahrhunderts sehen wollen. Da ging es wohl eher um einen »Platz an der Sonne«, um die Erzlager des Ural und die Ölfelder von Baku!
In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass sich Frau Weigel grundlos ängstigt. Es kann nicht schaden, wenn sich Politiker Gedanken machen. Leben wir doch längst in einer Zeit, in der die alten Gewissheiten der alten Bundesrepublik obsolet geworden sind. Schon lange steht ein Generationswechsel im Lande an. Aber von der Verantwortung für die Weimarer Erbschaft kann uns niemand befreien. Im Gegenteil: das Weimar von Anna Amalia und Maria Pawlowna gehört unbedingt in unsere heutige Tradition. Wir können jedoch dieses Erbe in der Tradition nur bewahren, wenn wir es erneuern, und umgekehrt. Insofern kann es nicht schaden, wenn Politiker nach Weimar reisen und vielleicht sogar einmal wieder Wieland, Schiller, Goethe oder Herder lesen: Weniger Berlin. Mehr Weimar. Mehr Licht ..!       
 Johanns Eichenthal

 
 

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Mehr Licht!
Die Erbschaft unserer Zeit
 

Am 7. April 2008 erschien in der Berliner »tageszeitung« ein Artikel, in dem sich die Autorin um den Zustand unserer Nation sorgte. Unter der Überschrift »Phantome der Kulturnation«, mit einem Großfoto vom Weimarer Goethe-Schiller-Denkmal, veröffentlicht Sigrid Weigel ihre Befürchtungen. Anlässlich der Wiedereröffnung der Anna-Amalia-Bibliothek war ihr das Wort »Kulturnation« aufgefallen Die Autorin verband mit diesem Wort die Assoziation von »Kulturerbe« und »kulturellem Erbe«. Letzteres verband die Autorin mit der DDR. Das Konzept der Kulturnation dagegen habe nach Auschwitz geführt. – Der Leser ist erschüttert. Wohin treibt die Bundesrepublik Deutschland? Sollten wir nicht lieber die Finger von der Kultur lassen?

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