litterata  :  Reportagen  :  Reportagen von 2008  :  Schwarzenberg und F. E. Krauß  
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H. B.: Auf Ihre Frage, was man mit Friedrich Emil Krauß und unserem »Verdrängungskampf« heute anfangen soll, möchte ich um keinen Preis denjenigen in den Arm fallen, die sich an diesem Zeitgenossen rächen, Richter sein wollen, seiner »Amtsleiter-Uniform« wegen – geschweige denn meine Stimme für diejenigen erheben, welche diese Kritiker (die es nun einmal immer gibt) als »politische Heckenschützen« bezeichnen, so wie es letztlich in der regionalen Presse geschah. Beide extreme Sichtweisen blicken einfach zu kurz. Eine Polemik mit diesen Positionen bringt uns nicht weiter.
Da kann man nun »herumdoktern«, wie man will – aber es gab Tausende von diesen »Hitlers« in jener Zeit, die im Marsch hinter dem »Führer« ihr Braunhemd trugen, neu oder gebleicht von der Sonne. Und was die Deutschen damals begangen haben, entzieht sich nach wie vor unserem Verständnis.
Die fast unlösbare Aufgabe, über diese Zeit zu urteilen, besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen. In der Regel versuchen wir Menschen solch einer Problemstellung auszuweichen und flüchten aus der Gegenwart. Doch, so meint Theodor W. Adorno, »der Sprung in die Zukunft, hinweg über die Bedingungen des Gegenwärtigen, landet im Vergangenen«.
Mit anderen Worten: Zweck und Mittel sind nicht unabhängig voneinander zu formulieren, und: die Spuren schrecken – auch in der Erinnerung an Friedrich Emil Krauß. Doch unsere eigene Zukunftsfähigkeit hängt von einer differenzierten Sicht auf unsere Geschichte ab, wollen wir nicht immer wieder bloß im Vergangen, im Traditionalismus landen.
Aber nun sind-wir-mitten-drin in Ihrer Fragestellung; denn zwischen der Erkenntnis und der Macht jener Zeit besteht nicht nur ein Unterschied, sondern auch ein Zusammenhang der Missverhältnisse zu dem objektiven Unheil, welches im Namen des Paranoikers Adolf Hitler über die Welt ging. Jene Zeit war auch die des nach der Niederlage des Ersten Weltkrieges wiedererstarkten deutschen Strebens nach dem Einfluss einer Großmacht. Die industrielle Dynamik Deutschlands verlangte schon lange nach Einflusssphären und Rohstoffen. Rüstung und Kriegsvorbereitung erschien den Mächtigen in Konzernen und Banken als ganz normales Mittel, um einen »Platz an der Sonne« zu erringen. Merkwürdigerweise erinnert dieser Drang nach dem »Gold« an die Wagnerschen »Götterdämmerung«. Paradox ist, dass die von Wagner begeisterte Elite in Bayreuth die Prophetie des eigenen Untergangs feierte. Die Kreise aus Konzernführungen und Bankenvorständen, die den Vorsprung der anderen Mächte einholen wollten, koste es was es wolle, waren jedoch auf ihre eigenen Erfahrungen festgelegt – die der politischen Fassade – und sie sahen in Hitler wirklich bloß ihren »Trommler«.
Diese Illusion hat, auch in der Entwicklung von F. E. Krauß, zu verhängnisvollen Verirrungen geführt; denn in ihrer Breite lechzte selbst die damalige deutsche Kultur - gerade wo sie am liberalsten war, nach »ihrem Hitler«, und wer nicht mittat in dieser »Götterdämmerung«, hätte eigentlich schon Jahre vor dem Ausbruch des »Dritten Reiches« in die Emigration gehen müssen, spätestens seit der Stabilisierung der deutschen Währung, die zeitlich mit dem Ende des Expressionismus zusammenfällt. Die »Weltsicht« der Nazis hatte nicht nur ideologische, sondern auch kulturelle Wurzeln. Aber »Kultur« schützt nie vor Barbarei.
Übrigens ist in Schwarzenberg eine solche Emigration geschehen, als der heute leider völlig vergessene Dr. Karl Knopf – ehemaliges SAP-Mitglied – Lehrer am hiesigen Reformrealgymnasium, im Frühjahr 1934 mit seiner Familie ins Exil nach Dänemark ging.

Also müsste man, wie Sie sagten, in der »Krauß-Forschung« mit den 1920er Jahren beginnen. Aus empirischen Untersuchungen des »Limbacher Tageblattes« weiß ich z.B., dass Vertreter des linken Flügels der NSDAP, u.a. Gregor Strasser, selbst Goebbels, bei zahlreichen Auftritten in den 1920er Jahren den Zuhörern versprachen den Mittelstand, die Handwerker, Ladenbesitzer, Bauern und Fabrikanten, vor den Existenzbedrohungen durch die multinationalen Konzerne und dem Finanzkapital zu beschützen. Das weckte Hoffnungen und in den Wahlen jener Zeit brachten diese sozialen Schichten schließlich hier etwa 50 % der Wählerstimmen für die NSDAP. Mit dem 30. Januar 1933 verstummte aber der linke Flügel der NSDAP und 1934 wurde seine Repräsentanten von der SS sogar ermordet. Die Hoffnungen des Mittelstandes wurden enttäuscht. Das Finanzkapital gab sich seit dem 30. Januar 1933 offen als einer der wichtigsten Sponsoren der NSDAP. Muss man nicht aber die Hoffnungen des Mittelstandes, und dazu gehören ja auch die Kraußwerke, als historische Kraft zur Kenntnis nehmen? Muss man nicht F. E. Krauß Teilhabe an solchen Hoffnungen zubilligen?

H. B.: Ja, diese 1920er Jahre waren eine Zeit der Inflation, der Katastrophen, aber auch der Hoffnung. Friedrich Emil Krauß arbeitete 1920 wie ein Besessener an der Konzeption eines »Werkzeichens« seiner »Kraußwerke«, von seinem Vater Louis Krauß übernommen, um zur Leistung aufzufordern – im Wettbewerb mit der in Gütersloh entstandenen Firma »Miele« zu bestehen.
Noch heute, nach so vielen Jahren, ist dieses schriftliche Dokument der Markenforschung einmalig. Die zu seinem 75. Geburtstag von der ehemaligen Druckerei Bruckmann in München herausgebrachte Festschrift belegt den großen Wert dieser Dokumentation mit den Worten: »Friedrich Emil Krauß hat von jeher in seiner Arbeit auch seine Lebensaufgabe gesehen und manches, was sonst nur aus einem ‹Muss› heraus geschieht, ist bei ihm zu einer Neigung, zu einem Hobby geworden. Am sichersten drückt sich dies in seiner Suche für eine Marke aus, die seine Ware tragen und kennzeichnen sollte«.
Hier ist auch der Punkt, an dem wir den Grundzug seiner Natur suchen und erkennen sollten, denn die Marken-Konzeption entstand bereits im Jahre 1920. Noch war er nicht bei Ford in den USA, um das Fließband zu studieren, noch stand im Jahr 1929 die »Weltwirtschaftskrise« bevor. Aber dieser einmalige Erzgebirger trug den Stolz in sich - ähnlich der alten Handwerksmeister, ein eigenes Zeichen in den Boden seiner Kannen, Schüsseln und Zuber zu schlagen. Wäre etwas wie eine Psychoanalyse möglich, so müsste eine Untersuchung dar tun, diese Zustände aus dem »Seelenleben« und all den Einflüssen zu erklären. Da gab es die »Wandervögel«, den Beginn der »Freikörperkultur«, die »Palucca« mit ihrem Tanz oder die Mary Wigman. Die Foto- und Filmindustrie rüstete zum Aufbruch, und im Auftrag von F. E. Krauß fotografierte der »Kommunist« Albert Renger-Patsch das Erzgebirge. Der Dichter Joachim Ringelnatz kreierte für die Kraußwerke die Werbesprüche, welche uns heute noch begeistern: »Wer die Wahrheit über ein unmittelbares Leben erfahren will, muss dessen entfremdeter Gestalt nachforschen, den objektiven Mächten, die die individuelle Existenz bis ins Verborgene bestimmen. In der Sache zu sein und nicht immer darüber hinaus.« (Adorno)

Sie sprachen die Studienreise von F. E. Krauß in die USA zu Henry Ford an. Konnte er denn in den USA Rezepte gegen die Weltwirtschaftskrise finden, wenn diese Krise wesentlich durch die Entwicklung in den USA hervorgerufen wurde? Die USA waren ja der eigentliche Gewinner des ersten Weltkrieges gewesen und bei nur geringen eigenen Verlusten waren sie am Kriegsende zum finanzstärksten Land der Welt avanciert. Die Monopole und Konzerne, die sich vor dem Weltkrieg noch »national« gaben, vollzogen in den 1920er Jahren den Sprung zu multinationalen Konzernen. Amerikanisches Geld wurde auch in Deutschland investiert. Doch die Aktionäre solcher Konzerne waren über die ganze Welt verstreut, anonym, ohne Heimat, ohne wirkliche Kenntnis und Interesse für das, was mit ihrem Geld gemacht wird. Walther Benjamin sagte einmal, dass die Aktionäre solcher Konzerne gar nicht mehr wissen können, wo ihr Geld eigentlich stecke und was damit angerichtet werde. Also eine organisierte Verantwortungslosigkeit – und letztlich gebar diese »moderne« Entwicklung eine anonyme Gewalt des Weltmarktes, die historisch gewachsene Wirtschaftsstrukturen verwüstetet und zerstörte. Der sogenannte »schwarze Freitag« an der New Yorker Börse war doch eine Art »explodierender Bombe«. Millionen Menschen auf der Welt verloren in direkter Folge ihre Arbeit, ihr Geld, ihre Wohnung, ihre Heimat. Was sollte Krauß dort lernen?

H. B.: Einerseits war die sogenannte Weltwirtschaftskrise von 1929/32 für alle Industriestaaten dieser Zeit die entscheidende Zäsur. Wolfgang Schivelbusch belegte in seinem Buch »Entfernte Verwandtschaft«, dass alle Industriestaaten durch die Krise extrem herausgefordert wurden und mit ähnlichen Maßnahmen reagierten. Die Möglichkeiten für die Nationalstaaten waren aber begrenzt und die großen Wirtschaftsakteure, multinationale Monopolkonzerne und Monopolbanken agierten rücksichtslos über die Staatsgrenzen hinweg. So blieben den Regierungen nur symbolische Aktivitäten, die keinen wirklichen Einfluss auf die Lage hatten, aber vortäuschen sollten, dass die Politiker etwas bewegten: in den USA wurden Highways gebaut, in Italien Sümpfe trocken gelegt, in Deutschland entstanden der »Arbeitsdienst« und die Autobahnen – in der UdSSR wurden riesige Staudämme für die Elektroenergiegewinnung errichtet.
Andererseits  hatte F. E. Krauß immer eine gewisse Distanz zu den Dingen, die er in den USA erlebte. Es fehlten ihm dort die kulturellen Wurzeln der Menschen. Deshalb war eine bloße Nachahmung der US-Entwicklung für ihn indiskutabel. Krauß anerkannte, dass man die Rationalisierung in den Betrieben nicht aufhalten kann. Aber diese Rationalisierung bedurfte eines Gegengewichtes. In der Sprache, im Dia­lekt, in der Kultur vermag der Mensch seine Heimat zu finden. Martin Heidegger veröffentlichte 1927 »Sein und Zeit«, und F. E. Krauß versuchte nach seiner Rückkehr ins Erzgebirge, das von den Folgen der Weltwirtschaftskrise schwer getroffen war, die modernste Form der Rationalisierung, das Fließbandsystem, mit einer verstärkten Hinwendung zum Potenzial des kulturellen Erbes zu verbinden. Er vermochte damit eine Organisationsstruktur seines Unternehmens zu entwickeln, um den Herausforderungen, die die Weltwirtschaftskrise darstellte, erfolgreich zu begegnen.

 
 


Wo sehen Sie die Ursachen für die Fähigkeit solchen Krisenmanagements bei Friedrich Emil Krauß?

H. B.: Allgemein ist jedes Individuum auch sogleich die Reflexform eines gesellschaftliche Prozesses und sein Bewusstsein von sich selbst daraus abzuleiten. »Erblich belastet« – also in diesem Sinne auch Friedrich Emil Krauß, den es in dieser Zeit ausschließlich um seinen Betrieb ging, und so wie er 1920 wie besessen sein Zeichen suchte, war dieser Betrieb sein wahrhaftes ICH und sein Mythos, – dieses-zu-sättigen. Jeder Gedanke dazu war ein Kraftfeld, das über die eigene These hinausdrängte; denn das Ich nimmt den ganzen Menschen als eine Apparatur in den Dienst. »Selbsterhaltung verliert ihr selbst« (Adorno). Und zurück bleibt ein »beliebig transportabler Stoff, leere Hülsen von Regungen«. Wahrscheinlich auch gegenüber einem »Gauleiter Martin Mutschmann«, welcher – so wird berichtet, sich gern selbst einlud in das »Haus im Erzgebirge«. Ein Haus, welches Krauß nach Werkbund-Erkenntnissen damals schon aufbaute – ganz im Gegensatz zu seiner Bildersammlung, wo alle modernen abstrakten Künstler fehlten. (Marianne Brandt bewarb sich bei ihm nicht mit ihrer schönen Teekanne, sondern mit einem erzgebirgischen »Räuchermeiler« in der Art hiesiger Schnitzerei.) Aber Ihre Fragen lassen mich taumeln in Erinnerungen; denn eigentlich müsste ich den Faschismus aus meiner Kinder- und Jugendzeit ableiten können. Wie ein Eroberer fernster Provinzen, sandte diese Jugend ihre Sendboten voraus. Manche bedeckten ihre Brust mit rätselhaften Abzeichen, hatten sich zu Bann- und Standortführern erklärt oder zogen mit ihren Vätern und mit wehenden Hakenkreuzfahnen und mit zum Gruß erhobenen Händen der Gemeinde, selbst in die Kirchen ein – auch derer von St. Georgen in Schwarzenberg. Das war absurd anzusehen, wie sich die großen Fahnen senkten an der Pforte und sich erhoben im Kirchenraum.

Gibt es differenzierte Untersuchungen zur Geschichte der Kraußwerke?

H. B.: Im Detail ist mir das nicht bekannt, denn ich bin Gestalter und kein Historiker. Auch hörte ich bis jetzt noch nichts von solchen Untersuchungen, die bitter nötig wären, um endlich aus einer historischen Sicht nüchtern auf diese Krauß-Geschichte eingehen zu können – einen offenen Dialog anzustreben – ohne den anderen zu diskriminieren, zu beleidigen oder auszugrenzen; denn Erinnerungen lassen sich nicht in Schubkästen und Fächern aufbewahren, sondern in ihnen verflicht sich unaufhörlich das Vergangene mit dem Gegenwärtigen und das macht es uns, dem »Volk der Denunzianten und Verdränger« (Rolf Hochhut am 16.7.2007 in der »Kulturzeit« von 3Sat) so schwer.
Wo solche »Forschung« aber, geschützt durchs Vergessen, ihre Kraft bewahren will, ist sie gefährdet wie alles Lebendige. Die Wechselwirkung von »jetzt« und »damals« hat darum nicht bloß den rettenden Aspekt im Sinne einer »Krauß-Ehrung«, sondern auch den infernalischen, und keine Vergangenheit durch den bloßen Übergang in die bloße Vorstellung von heute, ist gefeit vor dem Fluch der empirischen Gegenwart.
Wir möchten gern heraus sein aus solchen »Krauß-Geschichten«, und doch braucht man manchmal einen Groß-Teil des eigenen Lebens, um sich über solche Dinge Klarheit zu verschaffen. Und dann gibt es ja auch noch die Philosophie, welche Übersicht verschafft und die Dinge in eine umfassendere Perspektive rückt, zumindest hat sie das in der Geschichte immer wieder bewiesen – also philosophieren wir weiter: Aus heutiger Sicht hat die Technowissenschaft ein maschinisiertes, vergewaltigtes Universum geschaffen. Auf unserer Erde ist kaum mehr ein »Wohnen« oder ein Gefühl von »Heimat« für den Menschen erfahrbar oder lebbar. »Das herausragende Merkmal des zeitgenössischen »Modus essendi« ist heute beim Menschen die Heimatlosigkeit, schreibt der Philosoph Sloterdijk; aber ohne gemeinsamen Ursprung, ohne gemeinsames Verständnis aller und jedem Einzelnen, gibt es keine Gesellschaft und keine Zivilisation.
Mit diesen Gedanken kommen wir zurück zu Friedrich Emil Krauß und erinnern uns an seine sogenannte »Kraußhalle«, welche er als ein kulturelles Zentrum sowohl für seine Belegschaft wie auch für den Ort Schwarzenberg schuf. Ein Zentrum für den unleugbaren Geist im Denken einer »Heimatverbundenheit« und einer damit bestehenden »informierenden Information«, denn dort sahen wir die ersten Resultate des Tiefsee-Forschers Hans Haas, hörten Matthias Wiemann in seiner exzellenten Sprache – auch die Meisterwerke des Kommunisten und Bildschnitzers Emil Teubner bewunderten wir alljährlich in den »Pförtnerstuben« des Werkes, neben all den anderen einmaligen Schnitzmeistern dieser Region.
Übrigens ist das auch der Punkt gewesen, wo wir im Jahr 2004 anknüpften, um einen Kunstpreis der Stadt Schwarzenberg – die sogenannte art-figura auszuloben. Also stellten wir weder eine Bronzebüste von F. E. Krauß auf, so wie es kurz gedacht war, noch versuchten wir ein Bühnenbild der damaligen »Kraußhalle« nachzuahmen! Wir wollten sozusagen an das kulturelle und »geistige Gewissen« erinnern und zwar ganz in unserer Zeit, dem Jahr 2000, und ich denke, das ist uns auch mit der Folge weiterer Auslobungen gelungen

Welche ganz persönlichen Erinnerungen haben Sie an F. E. Krauß?

H. B.: Sicherlich im Nachhinein eine ganze Menge. So ging mein Vater mit dem »Emil« hier in Schwarzenberg zur Schule, übrigens auch mit der Sängerin Elisabeth Rethberg, der Sättler-Lis, wie sie hier genant wurde und vor allem damals in den USA Weltberühmtheit errang.
Mein Großvater, Karl Adolf Brockhage, ein angesehener Glaser- und Innungsmeister in Schwarzenberg, der seine Worte wählt mit der Sorgfalt eines Meisters, hat den Großteil der Kraußschen Bilder gerahmt, und es war immer aufregend, wenn er, dieser Friedrich Emil Krauß, vor unserer Wohnungstür am Rösselberg stand – meist um die Mittagszeit herum, und bei diesem Besuch konnte ich auch oftmals meine neuesten Schnitzwerke vorstellen, die dann auch zur sogenannten »Feierohmd-Schau« vom November 1937 bis Januar 1938 zu sehen waren. Überhaupt hatte ich das Gefühl, dass diese Person ein ungeheures Charisma ausstrahlte. Oder war es seine vielseitige Bildung. Die Fähigkeit zu lernen, zu antizipieren, zu memorieren, zu rechnen, zu denken usw., denn Intelligenz entwickelt sich nur durch die eigensinnige Verfolgung eines Zieles, welche die Entfaltung dieser Fähigkeiten verlangt. So strebte Krauß schon damals zu einer sogenannten »Kulturgesellschaft« und in seinen Augen war sicherlich die Ursache der Konflikte in der Welt im Großen und Ganzen kultureller Art. Uns also in dieser Sicht von heute Jahrzehnte voraus. Denn die ganze Sozialethik des modernen Kapitalismus steht in dieser Weise heute zur Debatte und der Kampf zwischen den »Lagern« wird sich im Kern nicht um technokratische oder ökonomische Einzelkonzepte drehen, sondern um die »gefühlbeladenen Grundsatzfragen der Lebensführung«, so der verstorbene Soziologe und SPD-Politiker Peter Glotz – einer der schärfsten Beobachter unserer Zeit.

Krauß konstituierte seine Firma als einen komplexen Lernprozess. Sie war ein »Musterbetrieb« in dieser NS-Zeit, wenn ich Sie richtig verstanden habe, ging er auch auf kulturellen Gebiet voraus, vermochte selbst die Gegensätze von Kunst und Technik zu vereinigen?

H. B.: Die allgegenwärtige Werbung großer, auch mittelständiger Firmen (und das waren ja die Kraußwerke) ergreift vom gesamten öffentlichen Raum Besitz, nährt die Phantasie mit ihrer Geschichte und der der Region, bildet den Geschmack und die ästhetischen Normen aus. Sie erobert die Klassenzimmer (!) und liefert unter Mithilfe der Lehrer den Schülern viele Themen für ihre Arbeit. So war eine »Feierohmd-Schau« wohl die größte und beste Werbung seiner »Kraußware« und prägte für viele Jahre die ganze Region – bis heute. War Kunstwerk und Symbol zugleich.

 
 


Wie kam es aber zur Enteignung und Verhaftung von F. E. Krauß? Selbst nach marxistischen Maßstäben hätte es doch 1945, am Ende einer Katastrophe, um ein Zusammengehen aller Kräfte gehen müssen, die Interesse am Widerstand gegen die globale Neuaufteilung der Welt durch multinationale Konzerne und Banken haben. Hier gab es doch punktuelle Interessenübereinstimmung zwischen Arbeiter, Angestellten, Bauern, Handwerkern, Klein- und mittelständischen Industriellen. Spielten solche Überlegungen damals keine Rolle.

H. B.: Offenbar agierten Kräfte unter marxistischer Flagge, die in diesem Sinne wenig Ahnung von Marx oder Lenin hatten, nicht einmal Lenins Satz kannten: »Bourgeoisie ist nicht gleich Bourgeoisie, auf die Unterschiede kommt es an«. Eher schien der Wille vorzuherrschen: Jetzt-sind-wir-mal-dran oder im erzgebirgischen Dialekt gesprochen: »Itze hammersch«. Und meine Bemerkung dazu ist, dass diese erstaunlich abstrakte Struktur eingebettet und beinahe versteckt ist in einem komplexen Netz von Geschehnissen. Denn wir wissen nicht mehr über alle Einzelheiten genau Bescheid, wer diesen F. E. Krauß im August 1945 wirklich »auslieferte«. Da gibt es noch immer nicht einsehbare Archive (Kripo z.B.) Und weder die damalige »Familie« seiner Klempner noch die Region konnten dieser Entwicklung standhalten. Alle, auch die »Aktivisten der ersten Stunde«, waren in dieser Zeit ununterbrochen damit beschäftigt, alle Arten von »business« zu machen, Ideen und Beziehungen zu entwickeln, um ihre Karriere selbst bis in die kleinsten Betriebe vom »neuen Trend« zu überzeugen, denn die gesamte damalige Lebensführung war: Selbststeuerung, Selbstorganisation, Selbstverantwortung, Selbstökonomisierung, Selbstintegration usw. Es galt, die Ehre zu retten, um die »Seelen« nicht zu verkaufen, gleich garnicht einem »Kapitalisten« Friedrich Emil Krauß, dem dieses Wort »Kapitalist« in Form von neun Jahren Haft zum Verhängnis wurde. Zum Tag seiner Verhaftung knallten in Gütersloh bei der Firma Miele die Sektkorken, wie authentisch berichtet wird, denn damit war für diese Firma der seit Jahrzehnten tobende Konkurrenzkampf für die nächsten Jahre beendet. (Soeben lese ich in der Zeitung, dass dieser Haushaltgeräte-Hersteller im Geschäftsjahr 2006/2007 die höchsten Umsätze seiner Firmengeschichte erzielte.)

F. E. Krauß wurde aber doch 1945 mit der Anschuldigung eines »Kriegsverbrechers« enteignet. Wurden denn keine Beweise vorgelegt?

H. B.: Eine hohe Kultur, und die bestand ja damals in Schwarzenberg, schließt bestimmte politische Optionen nicht aus, und die Enteignung wurde im August 1945 zusammen mit der Verhaftung durchgeführt – allein Kraft der neuen Macht. Das gute menschliche Verhältnis von Krauß zu seinen  Mitarbeitern und selbst zu den Ostarbeitern wurde ihm eher zum Nachteil. Oft reicht es ja heute noch, dass man ein Bild von F. E. Krauß in einer Uniform vorzeigt, um sich ein differenziertes Urteil zu ersparen. Auch in Sachen eines Beitrages von den Kraußwerken zu irgendwelcher Rüstungstechnik gibt außer der Fertigung von sogenannten »Tropenkoffern« und anderen Behältern nur vage Vermutungen, kaum wirkliche Beweise. Ob da seine patentamtlich geschützten »Oberflächen-Erfindungen« zur Raketenforschung in Greifswald/Peenemünde nun zur Rüstungsindustrie gehörten, bedarf weiterer Klärung. Aber Rüstungsproduktion fand sicher, zumal seit 1944 in diesen »Kraußwerken« statt. Aber das war nahezu in allen noch arbeitsfähigen Fabriken der Fall, gleich was diese Firmen früher produzierten.

Die Enteignung der Kraußwerke hatte mit marxistischer Politik eigentlich nichts zu tun, erinnert eher an Sektierertum?

H. B.: So ermahnen uns die heute noch fast als Industrieruine stehenden »Kraußwerke« an sein und unser Schicksal und fordern zu einem Dialog. Ob es nun gefällt oder auch nicht, die Würdigung des Sozialen im Aufbau eines mittelständigen Betriebes, sein Kampf um dessen Entwicklung als Fundament einer menschlichen Gesellschaft, bedarf deren Beachtung.
Wenn unser Region eine Zukunft haben soll, dann ist das nicht ohne Bewahrung des Besten der 300-jährigen industriellen Tradition möglich; denn über Jahrhunderte war die Vielfalt der Eigentumsformen in Handwerk und Industrie das Reservoir für jede Erneuerungsfähigkeit. Noch heute finden wir die daraus resultierende technologische Kreativität, die ihre Ideen aus der Kunst bezog, fast als Erbsubstanz unserer Erzgebirgs-Region. Vergangenheitsbewältigung ist eine ständige historische, moralische und politische Pflicht, ein anhaltender Prozess, dem man nicht entkommt.
Eine Sicht, auch eine Lobpreisung auf Menschen, wie Friedrich Emil Krauß, kann uns helfen; denn wir bleiben dort lebendig, wo wir gefährdet oder gefordert sind.

Sehr geehrte Herr Professor, vielen Dank für das Gespräch. (27.04.08)

 
 

Richtigstellung
Frau Irmgard Zeitelmann, eine Tochter von Friedrich Emil Krauß, merkte per Telefon kritisch zum vorliegenden Interview an: Wir, der Vater, die beiden Töchter Käthe und Irmgard, die Lebensgefährtin Mie und einige Fachleute aus dem Betrieb, wurden am 20. August 1945 von einem sowjetischen Offizier, der sehr gut deutsch sprach und wahrscheinlich jüdischer Abstammung war, zusammengerufen, um mitgeteilt zu bekommen, dass der Betrieb unter den Demontage-Befehl falle, und dass Herr Krauß der Demontage behilflich sein sollte. Weiterhin fragte der Offizier in einem überaus höflichen Ton, ob Herr Krauß diesen Betrieb in der UdSSR, entweder in der sibirschen Stadt Krasnogarsk oder in einer Stadt in Weißrussland wieder aufbauen würde.
Ihr Vater, so Frau Zeitelmann, habe sich darauf Bedenkzeit erbeten, die ihm der Offizier auch zubilligte.
Zu einem weiteren Gespräch kam es aber dennoch nicht, weil eine andere Gruppe der SMAD und der sogenannten - Aktivisten der ersten Stunde in Schwarzenberg - Friedrich Emil Krauß kurz darauf verhafteten und zwölf Jahre ins Zuchthaus brachten.
Eine formelle Enteignung der Krauß-Werke hat es 1945 nicht gegeben.
(Mitgeteilt von Prof. Hans Brockhage, am 10. September 2008)

 
 

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Schwarzenberg und F. E. Krauß
Einen Dialog wagen zwischen gestern und heute
 

Nachfolgend dokumentieren wir ein Gespräch zwischen dem Bildhauer Professor Hans Brockhage (Schwarzenberg) und Johannes Eichenthal.

Herr Professor Brockhage, woher kennen Sie den Schwarzenberger Unternehmer Friedrich Emil Krauß und in welcher Beziehung hat dessen Lebenswerk für Sie historische Bedeutung? Kritiker halten Krauß ja nicht nur sein Engagement für das Amt eines »Kulturwartes von Sachsen« vor, sondern unterstellen auch, dass er sich für Rüstungstechnik engagierte. Halten Sie diese Vorwürfe für berechtigt und bleiben Sie bei der historischen Bedeutung des Lebenswerkes von F. E. Krauß?


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