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Porträtfoto Gert Hofmann/Ausschnitt (Copyright Ursula Hasenkopf München)

Gert Hofmann, der am 29. Januar 1931 im sächsischen Limbach das Licht der Welt erblickte, schloss die Leipziger Sprachschule in Englisch, Französisch und Russisch ab. Bereits als Student las er in Leipzig Werke der europäischen Klassik im Original. Nach einem Jahr wechselte er an die Universität in Freiburg/Breisgau. Dort schloss er nach einem Diplom in Germanistik mit einer Dissertation in Anglistik ab. »Interpretationsprobleme bei Henry James« war der lapidare Titel dieser Arbeit. Hofmann skizzierte mit jugendlicher Emphase und gleichzeitiger beeindruckender Nüchternheit die literarische Methode des amerikanischen Romanciers Henry James (1843–1916). Erst aus dem historischen Rückblick wird deutlich, dass Hofmann damit auch seine eigene literarische Methode entwickelte: Kunst, die für James mit Literatur identisch war, dürfe nicht versuchen aktualistisch sein zu wollen. Wenn sich die Kunst auf einen Wettlauf mit dem Leben einließe, dann verlören am Ende beide. Das Leben selbst habe keinen Sinn in sich. Dieser müsse von außen, z.B. von der Kunst in das Leben hineingetragen werden. So könne Kunst den Menschen vom tristen Alltagsleben erlösen. Dieses sei u.a. möglich, indem der Schriftsteller Größe darstelle. Jene finde man im Leben jedoch kaum, deshalb könne sie der Dichter notfalls auch erfinden. Größe sei aber keinesfalls Heldentum, Sterben für das Vaterland o.ä., sondern Denkversessenheit und Wachheit. Der Schriftsteller dürfe weder Handlungen »realistisch« beschreiben noch sich in psychologistischen Deutungen verlieren. Vielmehr gelte es, die Geschichte von einem bestimmten Punkt aus zu erzählen. Dies solle dann mit der Stimme eines Mediums erfolgen. James bezeichnete jenes Verfahren als »indirekte Methode«. Literatur hat nach James die Aufgabe, wahrhaftig zu sein. Doch Wahrheit sei ein komplexer Zusammenhang. Es gebe also keine einfachen Wahrheiten. Deshalb könne der Dichter im besten Falle Feinheiten und Nuancen deutlich machen. Dafür bedürfe der Schriftsteller jedoch einer mehrdeutigen, ambivalenten, assoziationsreichen Sprache.
Spätestens seit seiner Dissertation im Jahre 1957 war sich Gert Hofmann dieses literarischen Verfahrens bewusst. Obwohl er die Romane von James ausführlich analysiert hatte, scheute er damals dieses Genre. Er hielt es zunächst nicht mehr für möglich, eine abgeschlossene Epoche in einem abgeschlossenen Werk, so wird ein Roman allgemein bestimmt, darzustellen. Er zitierte mit Vorliebe den Satz von Thomas Mann, wonach heute alles als Roman gelte, was mit Sicherheit keiner sei. Zwischen 1951 und 1979 entstanden daher vorwiegend Hörstücke, Hörspiele, Theaterstücke, Fernsehspiele. Als Hörspielautor errang Hofmann 1983 den Hörspielpreis der Kriegsblinden und mehrere Preise europäischer Radiosender.


 
 

Am 30. Juni 2008 erinnerten Stadtbibliothek Limbach-Oberfrohna und Freundeskreis Gert Hofmann im Sächsischen Schriftstellerverein gemeinsam vor einem kleinen und interessierten Kreis an den Dichter.


Schließlich wandte sich Gert Hofmann aber doch der Prosa zu. Anlass für diese Wende soll ein Hörspiel von Thomas Bernhard gewesen sein, das Hofmann im Autoradio hörte. Von da an hielt er Romane wieder für möglich. Allerdings setzte er an der Linie an, die von Henry James zu Thomas Mann führte: Gert Hofmann gestaltete die Romane mit einer Dialog-Struktur. Das ganze Werk bestand fast ausschließlich aus Gespräch. Damit wird die epische Tradition mit dramatischen Mitteln erneuert. Der Roman vermochte in diesem Stil plötzlich Geschichte zu vergegenwärtigen.
Der Erfolg gab Gert Hofmann zunächst Recht. Mit einem Kapitel der »Fistelstimme« gewann er den Ingeborg-Bachmann-Preis und mit »Auf dem Turm« von 1982 erhielt er den Alfred-Döblin-Preis. Danach tauchte bei Hofmann ein neues stilistisches Moment auf: Er setzte in den Romanen »Unsere Eroberung« (1985), »Veilchenfeld« (1987), »Der Kinoerzähler« (1990) und »Das Glück« (1992) Kinderstimmen als Medium ein. Alle vier Romane handeln in Limbach in der Zeit zwischen 1933 und 1945. In diesen Arbeiten entfaltet Gert Hofmann einen Stil, der in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seinesgleichen sucht (Klaus Walther). Hofmann selbst ist bewusst, dass es Kinderstimmen aus der Erinnerung eines Erwachsenen sind. Er versucht nicht »kindlich« zu sein. Vielmehr ermöglicht ihm dieses Stilmittel eine nüchterne, vorurteilsarme Darstellung der Absurditäten und Abgründe des Lebens in jener Zeit.
Viele Kritiker und Juroren vermochten aus ideologischen Gründen dieser literarischen Weiterentwicklung dem Anschein nach nicht zu folgen. Manch einer bemerkte, dass man das Bekenntnis des Autors zu einer Weltsicht vermisse. In der Tat fehlen in jenen Werken direkte Hinweise auf eine politische Verurteilung der NS-Herrschaft und von Personen. Wenn sich Hofmann einmal über Adolf Hitler äußert, dann verwendet er eine mehrdeutige Formulierung. So berichtet ein Bekannter des Kinoerzählers im Roman, dass er neben »IHM« gestanden habe, in einem »Münchener Pissoir«.
Jede gute Literatur vermag beim Leser Assoziationen auszulösen. Hofmann vermag mit seiner Sprache in uns sogar die Geräusche, Emotionen, Farben und Gerüche zu assoziieren. Mitunter erinnern die entstehenden Bilder auch an Filmsequenzen, Alpträume oder sogar schizophrenes Denken.
Doch diese assoziative Sprache macht uns zunächst nicht nur nachdenklich, sondern verwirrt und verstört uns. Wir werden an unsere eigenen Vorurteile und Lebenslügen, unsere falschen Kompromisse und folgenreichen Verirrungen, unsere fatalen Fehlleistungen und bequemen Verdrängungen erinnert. Mit keinem Wort belehrt Hofmann den Leser über das NS-Regierungssystem, die Machthaber und deren Verbrechen. Eher assoziiert er jenen schmalen Grat, der in uns selbst Humanität und Inhumanität trennt. Damit verlagert er die Auseinandersetzung über Moral und Amoral, Recht und Unrecht in unseren Kopf. Er vertraut darauf, dass jeder Mensch in der Lage ist, sich über sein eigenes Tun Rechenschaft abzulegen. Er weiß, dass nur eine solche selbständige Verinnerlichung Sinn macht. Gert Hofmanns Werk bestärkt uns in unserer von der Natur gegebenen Individualität. Die Hofmannsche Sprache ruft bei jedem Leser andere Bilder hervor, selbst beim gleichen Leser werden in unterschiedlichen Lektüre-Situationen andere Bilder aufgebaut. Die Leseeindrücke verraten mehr über uns selbst, als über den Autor. Eine eindeutige »Interpretation« eines Hofmannschen Textes kann es erst recht nicht geben. Schon aus diesem Grund ist der Autor Gert Hofmann schon eine »harte Nuss« für Interpreten.
Manche Journalisten, Literaturwissenschaftler, Jurymitglieder und Anhänger einer »Volkspädagogik« waren daher schon zu Lebzeiten Hofmanns irritiert. So kam es, dass man damals keine Preisverleihung wagte, die dem Werk von Gert Hofmann angemessen gewesen wäre.
Zur Milderung unseres Urteiles müssen wir vielleicht anführen, dass weder damals noch heute, der Roman-Tod des Kinoerzählers, während einer Kindervorstellung im Apollo-Kino, in Folge eines alliierten Luftangriffes mit der offiziösen Sprachregelung »kompatibel« ist. Selbst bei der Verfilmung dieses Romans umging man dieses Problem mit einem grob-zensierenden Eingriff in den Roman.
Kaum ein Kritiker ist jedoch bislang auf die Idee gekommen, das mindestens Doppeldeutige in diesem Roman-Schluss verstehen zu wollen, oder zu können.
Zur Entlastung der Wissenschaft muss man darauf verweisen, dass die großen Literaturgeschichts-Projekte für den Zeitraum nach 1945 in beiden deutschen Staaten Ende der 1970er Jahre in Angriff genommen wurden. Das führte dazu, dass man das Werk Gert Hofmanns, der gerade in dieser Zeit zur Prosa überging, vielfach nicht zur Kenntnis nahm. Die simple Textunkenntnis setzt sich bei Lehrstuhlinhabern und Literaturjournalisten bis heute fort.
In unserer Gegenwart kommt ein weiterer Aspekt hinzu: die Kulturindustrie hat Ausmaße angenommen, die vielleicht nicht einmal ihr früher Kritiker Theodor W. Adorno ahnte. Im Bestseller-Geschäft geht es heute um sechs- und siebenstelligen Auflagen und um weltweite, zeitgleiche Buchpremieren in allen Weltsprachen. Der Traum dieser Industrie ist der vereinheitlichte Konsument. Diese Vereinheitlichung ist der Hauptinhalt dessen, was man heute »Globalisierung« nennt. Aber ein Autor, der nicht für »die Masse«, sondern für das Individuum schreibt, ist unter diesen Bedingungen von großen Verlagen erst recht nicht gefragt.

 
 

Am 1. Juli 2008 erinnerten die Stadtbibliothek Chemnitz und der Sächsische Schriftstellerverein in einer öffentlichen Veranstaltung im Literaten-Café gemeinsam an Leben und Werk von Gert Hofmann.


Gert Hofmann verstarb, kaum dass er seinen Lichtenberg-Roman beendet hatte, am 1. Juli 1993, dem Geburtstag Lichtenbergs, in Erding bei München, ohne dass sein Werk eine angemessene literarische Anerkennung erfahren hatte. Den Kunstpreis der Stadt München nahm stellvertretend seine Witwe Eva Hofmann entgegen.
Gert Hofmann beleidigte, brüskierte oder beschämte keinen Leser. Anders als Thomas Bernhardt benutzte er Worte nicht als Waffe. Vielleicht beruht die enorme Kraft dieser Sprache sogar hauptsächlich auf dem Verzicht des Autors, den Leser beherrschen oder manipulieren zu wollen.
Das Vergessen ist, wie Walter Benjamin schrieb, eine Voraussetzung für eine Wiederentdeckung. Eine neue Generation von Lesern könnte Gert Hofmann im 21. Jahrhundert auf der Suche nach einem selbstbestimmten Leben, Selbstbeherrschung und Selbstregierung ganz neu für sich entdecken.

Andreas Eichler




 
 

Unter den Gästeen der Veranstaltung in der Stadtbibliothek Chemnitz waren fast alle prominenten Gegenwartschriftsteller des Sächsischen Schriftstellervereins.


Das Werk Gert Hofmanns wird heute vom Carl-Hanser-Verlag München/Wien und dem Deutschen Taschenbuchverlag München veröffentlicht. Sein Sohn Michael Hofmann lebt in England und verfasst englischsprachige Lyrik.


Weitere Informationen
www.hanser.de
www.dtv.de

 
 

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Verteidigung der Individualität
Zum 15. Todestag von Gert Hofmann
 

In der Nacht vom 30. Juni zum 1. Juli 1993 verstummte der Erzähler Gert Hofmann im Alter vom 62 Jahren für immer. In einer kaum vorstellbaren Produktivität hatte Gert Hofmann seit Ende der 1970er Jahre fast im Jahresrhythmus einen Roman oder einen Erzählungsband veröffentlicht. Gerade hatte man ihm den Kunstpreis der Stadt München zugesprochen; sein Werk lag nahezu in alle europäischen Sprachen übersetzt vor. Seine Freunde waren in ganz Europa und in weiten Teilen der Welt zu finden. Aber seither ist Gert Hofmann nahezu völlig vergessen worden.


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