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Foto: Mit Musik begann die Festveranstaltung im Kongresssaal des Naumburg-Hauses

Ralf Eichberg dankte nocheinmal allen, die die Bürgerstiftung bisher unterstützten. Bisher seien über 70 Gründerstifter aus ganz Europa und den USA dem Aufruf gefolgt. Ziel der Stiftung sei es, die Gedenkstätten in Naumburg und Röcken zu unterhalten und zu pflegen. Momentan reiche der Kapitalstock aber für die Erfüllung dieser Aufgaben noch nicht aus.
Dr. Gramlich vom Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt dankte allen Ini­tia­toren und Unterstützern der Stiftung. Er hob hervor, dass es um einen qualitativ neuen Umgang mit dem Erbe Friedrich Nietzsches gehe. Gleichzeitig sichert er die weitere Unterstützung des Kultusministeriums für das Projekt zu.
Der Naumburger Oberbürgermeister Bernward Küper stellte die rhetorische Frage, warum sich die Stadt Naumburg für die Bewahrung des Erbes von Friedrich Nietzsche engagiere: »Schlicht gesagt«, antwortete er selbst, »geht es um Heimatkunde.« Wer Philosophie in der Gesellschaft beheimaten wolle, der müsse dafür sorgen, dass sie nicht nur an Universitäten stattfinde. Zudem sei die Zusammenarbeit, wie sie in diesem Projekt zwischen den verschiedenen Seiten gepflegt werde, nicht selbstverständlich. Abschließend informierte er darüber, dass die Arbeiten am neuen Nietzsche-Dokumentationszentrum bereits begonnen haben, und dass die Grundsteinlegung wahrscheinlich im Oktober erfolgen werde.

 
 

Foto: Ralf Eichberg

Werner Stegmaier hatte den ersten Festvortrag unter den Titel: »Nietzsche im 21. Jahrhundert. Mittel und Ziele einer neuen Nietzsche-Philologie« gestellt. Er hob zunächst hervor, dass im entstehenden Nietzsche-Dokumentationszentrum die Sammlung an Originalen einsehbar werde. Der Standort Naumburg spiegele den Kreis vom Beginn zum Ende von Nietzsches wissenschaftlicher Laufbahn wider. Mit dem Dokumentationszentrum werde Naumburg Gedenkstättenstandort und Forschungsstandort zugleich. Die Konkurrenz zu Weimar und Sils-Maria werde die Forschung beflügeln.
Das Werk Nietzsches sei im 20. Jahrhundert so vielfältig, wie umstritten rezipiert worden. Nietzsche selbst hatte seinen Lesern selbst den Rat gegeben geduldig und langsam zu lesen. Zudem solle man seine Texte nicht nur mit den Augen lesen, sondern auch mit zarten Fingern. Die Nietzsche-Philologie sei diesen Anforderungen aber kaum gerecht geworden.
Die Kürze der Nietzsche-Texte sei von der Sache erzwungen worden. Es gäbe Wahrheiten, von denen man sich entweder überraschen lassen, oder sie lassen könne. Zudem wollte Nietzsche nicht von »Eseln« verstanden werden. Er habe sich seine Leser wählen und selektieren wollen. Deshalb habe Nietzsche auch auf wissenschaftliche Gerätschaften, wie Anmerkungen und formelle Zugeständnisse verzichtet.
Gerade auch Wissenschaftler könnten »Esel« im Sinne Nietzsches sein. Selbst Kenner sähen Nietzsches Wahrheiten oft noch als abenteuerlich an.
Es gehe also darum, Nietzsches Texte im Kontext zu lesen, sein Werk »auszuloten«. Erst seit relativ kurzer Zeit seien die verschiedenen Dimensionen seines Werkes erschlossen worden.
Nietzsche selbst habe gemeint, dass die schlechtesten Leser die seien, die wie plündernde Soldaten vorgängen, sie würden sich nehmen, was ihnen beliebt und letztlich über das Ganze lästern.
Martin Heidegger habe Nietzsche z.B. auf wenige Gedanken reduziert (Übermensch, ewige Wiederkunft, Wille zur Macht) und sie Zarathustra in den Mund gelegt. Doch Nietzsche wollte nicht mit Zarathustra verwechselt werden. Nietzsche wollte, dass die Wissenschaftler Europas wieder froh werden könnten, wollte eine fröhliche Wissenschaft. In diesem Zusammenhang verweise er darauf, dass eine wichtige Linie in Nietzsches Werk die philosophische Orientierung sei, obwohl das Wort »Orientierung« bei ihm nicht vorkomme.
Die Wissenschaft setze bis heute auf Vernunft, als eine Art zeitloses Gewissen, deren Allgemeingültigkeit bedinge, dass die Individuen von ihren individuellen Erfahrungen absehen müssten.
Nietzsche nahm dagegen an, dass die Orientierung immer von Individuen ausgehe und dass allgemeine Erfahrungen nur aus der Kommunikation der Individuen gewonnen werden könnten.
Stegmaier fügte hier ein, dass wir in der Tat immer auf individuelle Erfahrungen angewiesen seien und nur von einem individuellen Horizont ausgehen könnten.
In der Wissenschaft werde Aristoteles Konzept von einem zeitlosen Allgemeinen weitergetragen. Nietzsche habe dagegen auf Evolution gesetzt. Wenn sich aber alles ändert, müssen sich auch Orientierungen ändern.
Im Zusammenhang mit dieser Problematik habe Nietzsche vom »Wille zur Macht« gesprochen: nichts steht fest, alles ist zu neuem Schaffen offen.
Im Sommer 1884 habe Nietzsche seine Grundanschauungen niedergeschrieben. Dies könne man als Programm der Philosophie Nietzsches verstehen.
Nach der Aufzählung einzelner Grundsätze ging Stegmaier zu Grundsätzen einer Nietzsche-Philologie im 21. Jahrhundert über. Man solle sich nicht auf allgemeine Lehren und allgemeine Grundsätze festlegen. Zudem müsse man erschließen, was Nietzsche unter »individueller Orientierung« verstand. Letztlich müsse man sich konsequent auf Nietzsches Texte einlassen, in dem Kontext, in dem Nietzsche sie hinterlassen habe. Erschwerend käme hinzu, dass Nietzsche seine Texte selbst ständig in neue Kontexte stellte. In seinem Werk sei nichts abgeschlossen und endgültig, doch Nietzsche habe seine Gedanken immer vorläufig abschließen müssen. Der Aphorismus sei für Nietzsche die Form gewesen, in der sich Unabgeschlossenheit und vorläufige Abgeschlossenheit verbinden ließen, eine Form des Philosophierens auf Zeit. Mit dieser Form wollte er überraschende Gedanken vortragen, nicht begründen. Das Mittel der Begründung setzte Nietzsche selbst als Überraschung ein. Der Aphorismus halte die Sinne im Fluss.
Eine Nietzsche-Philologie müsse deshalb eine Philologie des Aphorismus sein. Aber die Untersuchung dieser Aphorismen im Kontext sei ein ernstes Problem für die Wissenschaft. Es könne nur darum gehen Perspektiven zu gewinnen, auszuloten und Überblick zu gewinnen.
Die neue Edition des späteren Nietzsche Nachlasses machten den Prozess des Nietzscheschen Denkens verstehbar. Es handle sich nicht um »abgebrochene Gedanken«, sondern es seien Dokumentationen des Denkprozesses; man könne sehen, warum Nietzsche manches nicht oder nicht in der vorliegenden Form veröffentlichte.
Man müsse sich darüber klar werden, dass wir alle die Leser seien, an die Nietzsche hohe Ansprüche stellte. Selbst der profilierteste Kenner könne bei Nietzsche auf die Nase fallen. Die Editionen lägen vor, es gehe darum, auf dem skizzierten Weg Stück für Stück weiterzukommen. Vielleicht könnte man am Ende dann einmal den »Zarathustra« in seinem Kontext verstehen. Davon sei man noch weit entfernt.
Einen Moment lang konnte der Laie nach diesem Vortrag glauben, dass sich die Nietzsche-Philologie am Punkt Null befinde. Und, gibt es nicht noch andere Denker, deren Werk sich durch Unabgeschlossenheit auszeichnet? Hat man in Weimar nicht Erfahrungen, z.B. in der Edition des Werkes von Johann Gottfried Herder gesammelt? Aber da folgte schon der zweite Festvortrag.

 
 

Foto: Werner Stegmaier

Steffen Dietzsch hatte seine Rede unter die Thematik » Zarathustra – Geist in geistloser Zeit« gestellt. Er könne sich die Aphorismen Nietzsches auch als Untertitel zum Film »Modern Times« von Charlie Chaplin vorstellen. Nietzsche habe in der Geistlosigkeit die Verkehrsform der Moderne vermutet. Renate Reschke habe in diesem Punkt ein Paradigma für die Kulturkritik der Moderne ausgemacht. Nietzsches Kritik richte sich gegen das in der Moderne hochgefahrene Credo »wie haben wirʼs so herrlich weit gebracht«. Man meint auf Geist verzichten zu können, auf das Vermögen zur Reflexion, zur Infragestellung, zur Poisis, eben auf alles, was in der griechischen Sprache als »theoria« gefasst wurde.
Dabei sei Geist, wie in Nietzsche begriff, nicht so sehr als denkende, sondern mehr als zeugende Kraft zu verstehen. In der öffentlichen Meinung, so Nietzsche, werde der Geist nur noch als Feinschmeckerei gelten. Aber die Aktivierung des Geistes sei für ihn eine Frage des Überlebens, des Hinübergehens gewesen. Nietzsches Philosophie war immer eine, die nicht den Zeitgeist repräsentierte, obwohl er den Zeitgeist zu analysieren vermochte.
Nietzsche engagierte sich deshalb, weil er glaubte, dass sich in geistlosen Zuständen die Schwere einniste. Aber der Geist dürfe sich durch keine »Schwere« belasten. Die »Schwere« zieht die Gesellschaft hinunter.
Nietzsche wollte kein »Zukunftssoziologe« sein, eher habe er mit einem ethnologischen Blick auf die Welt geschaut. Er habe vor der Geistlosigkeit nicht aus psychologischen oder ästhetischen Gründen gewarnt, sondern, weil er so etwas wie »soziale Entropie« bemerkt habe. Damit sei ihm eine Zivilisationskritik mit Röntgenaugen gelungen: Monismus, Nationalismus, Parlamentarismus, Bildungsverfall waren für Ihn Hinweise auf einen drohenden »Wärmetod« der Gesellschaft. Nietzsche sei klar gewesen, dass man ihm mit solcher Diagnose in Deutschland zu den »Verrückten« zählen werde. Wenn man die Textsorte des Zarathustra eingrenzen wolle, dann sei man auf Texte des 19. Jahrhunderts (Jenaer Frühromantik, Hebbel u.a.), aber auch auf die Bergpredigt und ältere Texte verwiesen.
Die Idee des Werdens habe Nietzsche Schutz vor der Verquickung mit der Teleologie geboten. Die Idee des Werdens gibt uns größten Mut und Freiheit. Gleichzeitig verschwinde bei Nietzsche der Ich-Begriff. Doch dies sei nicht der »Tod des Individuums«. In Zarathustras Welt des umgekehrten Platonismus entstehe eine neue Subjektivität. Die werdende Welt sei das Experimentierfeld für diese Subjektivität.
Hans-Georg Gadamer habe den Zarathustra-Text als Abfolge von Parodien verstanden. Diese Form sei die Antwort auf die Frage: Wie kann der Geist in geistlosen Zeiten überleben? Gottfried Benn habe von einem »Ecce-homo-Schauer« gesprochen: Nihilismus als Glücksgefühl. Nietzsche habe die Herankunft des Nihilismus verkündet. Der Nihilismus sei für ihn nicht Ursache, sondern Logik des Heraufkommenden gewesen. Also kein resignativer Gestus Nietzsches in Erwartung irgendeines »Endes«, auch kein »Taumel«.
Philosophie fange für Nietzsche dort an, wo der Respekt aufhöre. Das dionysische Ja-Sagen und Nein-Tun sei die erforderliche Form, sich der Gewalt des Nichts zu stellen. Dies führe zu einer modernen Variante der Don Quichotterie. Auch der spanische Ritter habe seinen Kampf nicht gegen die Dummheit, sondern gegen Einbildungen geführt. Nietzsche habe in seine Religionskritik das Lachen aufgenommen. Das Lachen sei die physische Antwort auf Geistlosigkeit. Es sei bei Nietzsche eine verzweifelte Sehnsucht nach dem Lachen, die philosophische Pointe auf die Tristes der modernen, entzauberten Welt. Man müsse über sich selbst zu lachen vermögen. Der Mensch bedürfe des Komischen zur Existenzsicherung. Das Lachen ist die Antwort des Leibhaftigen. Die großen deutschen Idealisten hätten sich einen »höheren Menschen« eingebildet. Aber diese »höheren Menschen« in Deutschland lachen nicht. Im Lachen antizipieren wir Unausgesprochenes und die »Nacktheit aller Majestät.« Es gehe bei Nietzsche um ein »Wahrlachen«. Das Lachen erweitert sich bei Nietzsche als konstitutiv im Umgang mit feststehenden philosophischen Erkenntnissen: »Das Lachen ist aller freier Geister freier Geist«.
Einen Moment lang glaubten wir hier, der Meister selbst habe ... zu uns ... gewissermaßen ... Doch schon ging es weiter im Programm. Nach einer musikalischen Einlage gründete sich die Friedrich-Nietzsche-Stiftung in Naumburg am 7. September 2008.
Johannes Eichenthal

 
 

Foto: Steffen Dietzsch

Information
Details und Informationen zur Friedrich-Nietzsche-Stiftung unter www.friedrich-nietzsche-stiftung.de

 
 

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Friedrich-Nietzsche-Stiftung gegründet
Friedrich Nietzsche im Film: Festveranstaltung schloss internationale Tagung ab
 

Die diesjährige internationale Tagung der Friedrich-Nietzsche-Gesellschaft fand vom 5. zum 7. September in Naumburg statt. Die Veranstalter hatten als Thematik der Tagung »Nietzsche und der Film« vorgeschlagen. Über zwei Tage wurde nicht nur diskutiert, sondern auch Filme vorgeführt. Der abschließende Sonntag begann ungewöhnlich früh: bereits um 9.00 Uhr trat die Versammlung zur Gründung einer Friedrich-Nietzsche-Stiftung zusammen, während die Bürger Naumburgs zum größten Teil noch schliefen (und dass in Sachsen-Anhalt!) Aber die Nietzscheaner wollten wohl auch ein Mal unter die Schlafenden gehen ...

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