litterata  :  Reportagen  :  Reportagen von 2008  :  Lessing in Kamenz  
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Hugh Barr Nisbet trug zunächst einige Passagen seiner Einleitung vor, um zu begründen, warum er sich in zehnjähriger Arbeit mit Leben und Werk Gotthold Ephraim Lessings beschäftigte, um am Ende eine mehr als 1000 Seiten fassende Biographie vorzulegen. Er erinnerte an Erich Schmidt und sein Werk »Lessing. Geschichte seines Lebens und seiner Schriften«, dass 1882/84 bei Weidmann in Berlin in zwei Bänden mit mehr als 1400 Seiten erschien, und 1899 bzw. 1909 erneut aufgelegt wurde. Seither seien nur kleinere Biographien mit dem Charakter der Einleitung in Lessings Werk erschienen. Die monumentale Lessing-Biographie Schmidts stehe immer noch allein, sei aber im Detail von der Forschung überholt worden. Deshalb habe er Leben und Werk Lessings in ihrem Zusammenhang neu untersucht, und sei auf zahlreiche Details gestoßen, die bisher übersehen wurden.
(Wie unser Leser Günter Arnold aus Weimar schrieb, erschien 1919 in der Beckschen Verlagsbuchhandlung in München noch eine wichtige zweibändige Lessing Biographie - Lessing und seine Zeit - von Waldemar Oehlke, einem Mitherausgeber der Lessing-Gesamtausgabe von Julius Peters.)

 
 

Foto: Hugh Barr Nisbet (re.) im Disput mit Wolfgang Albrecht (li.)

Im Anschluss trugen eine Vorleserin und drei Vorleser Passagen aus ganz unterschiedlichen Teilen der Biographie vor.
Der Moderater Michael Wieler, Intendant des Theaters Görlitz, verwies in Anspielung auf den Umfang der Lessing-Biographie, darauf, dass Thomas Mann noch bei den Arbeiten am zweiten Band der Trilogie Joseph und seine Brüder gemeint habe, er schreibe eine Novelle, um dann die Frage zu stellen, die in dieser Situation fast immer an Autoren gestellt werden: Wie sind sie an die Aufgabe herangegangen?
Der Autor antwortete, dass er eigentlich eine intellektuelle Biographie Lessings habe schreiben wollen, es ihm aber klar geworden sei, dass man die Lessingsche Intellektualität nicht von Leben und Werk trennen könne. Hans-Dietrich Irmscher habe ihn immer wieder ermuntert eine Lessing-Biographie in Angriff zu nehmen.
Er selbst habe sich Lessings Biographie immer als eine Art Bildungsroman vorgestellt. Diese Genre sei aber auf Lessing nicht anwendbar, denn dessen Entwicklung sei sprunghaft verlaufen, Lessings Leben sei ganz und gar fragmentarisch, aber es gäbe einen Zusammenhang in diesem fragmentarischen Leben. In unterschiedliche Zeiten habe Lessing unterschiedliche Ideen favorisiert. Ähnlich wie die Monaden bei Leibniz alle einen unterschiedlichen Blick auf das Universum hatten, habe Lessing seine verschiedenen Denkphasen mit einem unterschiedlichen Blick auf die eine Wahrheit verglichen.
Der Moderator fragte nach, wie man das Planvolle von Leben und Werk zusammenbringen könne?
Der Autor antwortete, man kann das nicht zusammenbringen. Stellenweise sei Lessing unschlüssig gewesen, habe selbst nicht gewusst, was er wollte, habe der Spielleidenschaft gefrönt usw.
An dieser Stelle fragte der Moderator Wolfgang Albrecht (Stiftung Weimar Klassik und Kunstsammlung), der an einer Chronik von Lessings Leben arbeitet, wie sich bei ihm das Wechselspiel von Leben und Werk darstelle? Erwartungsgemäß antwortete Albrecht, dass in der Chronik eine streng nüchterne Sicht herrsche. Kommentare des Autors, wie in einer Biographie, seien in einer Chronik nicht möglich. (Die Chronik soll übrigens Ende diesen Jahres erscheinen.)
Der Moderator fragt Matthias Hanke, von der Arbeitsstelle für Lessing-Rezeption in Kamenz, wie die neue Biographie die Lessing-Rezeption vorantreiben könne? Nun sind Prognosen eigentlich die Sache dieser Einrichtung nicht, Hanke zog sich aber diplomatisch aus der Affäre, in dem er das Buch als ein Grundlagenwerk bezeichnete, als einen Baustein für ein neues Lessing-Bild. Vielleicht, so Hanke, könne das Buch in einer Zeit der Sinnsuche Anregungen bieten.
Die nächste Frage ging wieder an den Autor: Was er an Lessings Werk besonders schätze. Nisbet antwortete, dass er eigentlich das Spätwerk als den schwierigsten Teil eingeschätzt habe. Bei der Arbeit  habe er aber auch die Herausgebertätigkeit Lessings in Sachen mittelhochdeutscher Texte in Wolfenbüttel untersuchen müssen. Da er kein Mediävist sei, fiel ihm das besonders schwer. Letztlich seien für Ihn aber die Änderungen in der Denkweise Lessings zwischen 1770 und 1776 besonders interessant geworden. Dieter Hildebrand habe in seiner Lessing-Biographie die Widersprüche bei Lessings in jener Zeit deutlich gemacht, sie aber einfach stehen gelassen.
Schließlich fragte der Moderator noch Wolfgang Albrecht nach der Kritik der Frankfurter Schule an Lessings Toleranz-Begriff in dem Buch über die Dialektik der Aufklärung. Auch Albrecht konnte sich nur diplomatisch mit der Wiederholung des Buchtitels aus der Affäre ziehen. (Soweit wir sehen, gab es eine solche Kritik am Lessingschen Toleranz-Begriff in der Schrift von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno wohl eher nicht. Lessing wird nur ein Mal erwähnt, und als »paradoxer Christ« in eine Reihe mit Pascal und Kierkegaard gestellt. )
Schließlich fragte der Moderator den Autor, ob Lessing mit seinem »Nathan« auf den 11. September 2001 geantwortet hätte.
Hugh Barr Nisbet antwortet, dass Lessing in einer ganz anderen Welt lebte als wir. Die Differenz komme konzentriert im Optimismus Lessings zum Ausdruck. Dies sei daher das vergänglichste Moment im Lessingschen Werk. Aber wenn er heute lebte, dann hätte er nicht mit dem »Nathan« geantwortet. Die Frage sei, ob Toleranz heute noch Bedeutung habe, in einer Zeit, in der im Westen immer mehr Minderheiten Sonderrechte geschaffen worden seien. Lessing gebrauchte nur ein Mal das Wort Toleranz. Eine zweite Erwähnung stamme von seinem als späterer Herausgeber fungierendem Bruder. Für John Locke, Voltaire, selbst für Lessings Großvater sei Toleranz noch ein zentrales Problem gewesen. Für Lessing war Toleranz zu wenig. Er habe Benachteiligte und Außenseiter zeitlebens aktiv unterstützt. Diese Lebenshaltung sei vorbildlich.
Abschließend sprach der Autor seinen Dank an den Harvard-Kollegen Karl S. Guthke aus, der nicht nur eine elegante Übersetzung lieferte, sondern auch noch Korrektur las und selbst am Register arbeitete.
Wolfgang Albrecht machte an dieser Stelle auf den allzu früh verstorbenen Hallenser Literaturwissenschaftler Hans-Georg Werner aufmerksam, der auch an einer Lessing-Biographie gearbeitet hatte, diese aber nicht vollenden konnte.
Für einen Moment blitzt bei uns die Erkenntnis auf, welche günstigen Umstände zusammen kommen müssen, dass am Ende nach zehnjähriger Arbeit ein solches Monumentalwerk auch wirklich erscheinen kann. Oft reicht ein Wissenschaftlerleben nicht aus, um ein solches Werk zu vollenden. In diesem Lichte wird deutlich, dass jene 1024 Seiten, mit ihren schätzungsweise zwei Kilogramm ein ausgesprochener Glücksfall sind. Verlag und Autor gilt unser Glückwunsch. (Zumal C. H. Beck erst im vergangenen Jahr das Werk von Jan Philipp Reemtsma: »Lessing in Hamburg« veröffentlichte.)
Man muss auch die Veranstalter dieser Buchvorstellung, die im Rahmen der 5. Sächsischen Literaturtage als Veranstaltung der Arbeitsstelle für Lessing-Rezeption in Zusammenarbeit mit dem Verlag C. H. Beck und dem Sächsischen Literaturrat stattfand, beglückwünschen. Eine Diskussion war dem Gegenstand angemessen. Leider vermochte es der Moderator nicht, auch das Publikum in die Diskussion einzubeziehen.

 
 

Das Publikum dankte den Diskutanten am Ende mit Beifall

Aber in dieser Stunde des Erfolges muss es auch erlaubt sein, an die vielen Arbeiter im Weinberg des Gotthold Ephraim Lessing zu erinnern, die an diesem Tage nicht genannt wurden ... Da sind die Teilnehmer an den Tagungen der Lessing-Society, die regelmäßig auch in Kamenz stattfinden, da sind die Autoren von verschiedenen Lessing-Biographien, da ist der Aufbau-Verlag, der 1954 ein zehnbändige Ausgabe der gesammelten Werke Lessings herausbrachte. In Band 10 findet sich übrigens eine Biographie »Lessing und sein Zeitalter« von Herausgeber Paul Rilla. Der essayistische Charakter dieser Biographie erscheint dem Leben Lessings durchaus auch angemessen.
Aber es gilt auch an die Leistungen der Bearbeiter der Lessing-Werke-Ausgabe in vierzehn Bänden (plus drei Briefbänden) zu erinnern, die der deutsche Klassiker-Verlag in Frankfurt/Main im vergangenen Jahrzehnt veröffentlichte. Die Herausgeber dieser Ausgabe sind regelmäßig in Kamenz zu Gast, um das zu befördern, was man dann Lessing-Forschung nennt.
Letztlich muss aber auch die Frage gestattet sein, ob der Trend zu derartig umfangreichen Biographien nur ein Segen ist. Welcher Leser, der diesen Umfang bewältigte, nimmt dann noch ein Werk Lessings in die Hand? Geht es nicht aber um das Werk Lessings? Vermag nicht das Lessingsche Werk uns über die Zeiten immer wieder neu anzuregen? Finden wir nicht im Werk die intimsten Gedanken Lessings? Reicht es nicht, wenn man die Briefe Lessings zur Kenntnis nimmt, um den »Menschen« Lessing kennen zu lernen?
Die Frage ist vielleicht  auch, ob nun Bildungsroman oder nicht, ob Historiker und Germanisten mit den Monumentalbiographien eine Textsorte vorlegen, die den überholten Anspruch eines Romans – abgeschlossene Darstellung einer abgeschlossenen Epoche – auch noch mit überholten epischen Mitteln einzulösen versucht.
»Heute wird alles als Roman bezeichnet, was garantiert keiner mehr ist«, sagte einst Thomas Mann. Vielleicht wäre »Novelle« dann doch besser?
Johannes Eichenthal

 
 

Foto: Nach der Diskussion signierte der Autor seine Bücher

Information


Hugh Barr Nisbet: Lessing. Eine Biographie. Historische Bibliothek der Gerda von Henkel Stiftung. Aus dem Englischen von Karl S. Guthke. C. H. Beck Verlag. München 2008. 1024 Seiten. 45 Abbildungen. Leinen. 39,90 €.
ISBN 978-3-406-57710-9

www.chbeck.de

www.lessingmuseum.de

www.lessingrezeption-kamenz.de

 
 

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Lessing in Kamenz
Hugh Barr Nisbet stellte neue Lessing-Biographie vor
 

Im historischen Saal des Rathauses von Kamenz war auch am dunklen Abend des 26. September noch Licht. Bürger der Stadt folgten der Einladung zur Vorstellung einer neuen Lessing-Biographie. Ältere und jüngere Besucher waren zu sehen. Oberbürgermeister Roland Dantz saß in der ersten Reihe. Gäste aus Cambridge (UK), Weimar und München waren angereist.  Pressevertreter fotografierten, notierten oder packten ihre Laptops aus. Und dann ging es endlich los: Mit einer kleinen Verspätung, wie bei solchen Veranstaltungen üblich, betrat Hugh Barr Nisbet, emeritierter Germanistik Professor, das Podium. Ihm zur Seite traten einige Diskutanten, um die neue Lessing-Biographie von Nisbet im Gespräch vorstellen zu können.

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