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Das Besondere an dieser Buchvorstellung war zunächst der Ort: die Erzählung, die im 16. Jahrhundert angesiedelt ist, handelt genau hier auf Schloss Wildeck. Klaus Walther verwies darauf, dass Kurt Wieland im Jahre 1927 die vorliegende Erzählung unter dem Titel »Cornelius von Rüxleben, Jägermeister zu Zschopau. Eine kulturgeschichtliche Erzählung aus dem 16. Jahrhundert« veröffentlichte. Das Buch erschien im Schwarzenberger Glück-Auf-Verlag und wurde dann im gleichen Verlag nochmals 1941 aufgelegt.
Wenn man nach biografischen Daten jenes Autors Kurt Wieland suchte, so sei man zunächst lediglich auf eine kleine Buchbesprechung in der Zeitschrift des Erzgebirgsvereins »Glück auf« gestoßen, die wiederum auch nur auf das eine Buch über Cornelius von Rüxleben verweist und dabei betont, dass der Autor über Jahre seine Forschungen betrieben habe. Walter Fröbe, ein bekannter Autor des Erzgebirges habe im Märzheft 1928 des »Glück auf« davon geschrieben, dass dem Autor vieljährige Arbeit den Stoff gab«.
Mitherausgeber Dr. Andreas Eichler fügte an, dass der Autor Kurt Wieland bis zur Entdeckung durch Klaus Walther selbst Kennern der Literatur des Raumes Chemnitz-Erzgebirge kaum bekannt gewesen sei. Nur mit der freundlichen Unterstützung des Stadtarchives Chemnitz habe man feststellen können, dass Kurt Wieland am 3. Februar 1871 in Chemnitz geboren wurde, das königlich-sächsische Lehrerseminar in Zschopau absolvierte, und nach Hilfslehrertätigkeit in Oberrabenstein und Chemnitz, im Jahre 1903 festangestellter Lehrer an der Höheren Mädchenbildungsanstalt in Chemnitz wurde. In Chemnitz verstarb Kurt Wieland am 16. Februar 1931. Mehr wissen wir nicht über Wieland, die Lexika versagen. Aber vielleicht führt unsere Belebung seiner Geschichte auch zu einer Spur, auf denen wir dem Werk des Verfassers näher kommen.

 
 

Foto: Schloss Wildeck im Abendlicht des 13. Oktober 2008

Wieland selbst hebt in seinem kurze Nachwort von 1927 hervor, dass seine Geschichte den Fakten verpflichtet sei. Nicht die erzählerischen Passagen erscheinen so als das Interessante, sondern das dahinter sichtbar werdende historische Geschehen. Die Erzählung schildert die Entwicklung eines vertrauten Verhältnisses zwischen dem Kurfürsten und dem verarmten Adligen Cornelius von Rüxleben. Die Unbefangenheit und Treue Rüxlebens erwidert der junge Herzog und, nach dem Tode seines Bruders Moritz, der Kurfürst August mit einer Fülle von Gunstbeweisen. Als Kurfürst ist August vollauf mit der Anhäufung von privatem Besitz beschäftigt. Ebenso überhäuft er Rüxleben mit Ämtern, Titeln und Besitz. Der Kurfürst lädt Rüxleben wiederholt zu Gelagen ein. Neureiche Maßlosigkeit dominiert die Etikette. Einmal sollen pro Teilnehmer dreißig Liter Bier getrunken worden sein.
Rüxleben ist zweifellos ein Günstling der Macht und erfährt damit die Möglichkeit eine Familie zu gründen. Ruhm und Besitz reißen nicht ab.
Doch es kommt, wie es kommen muss. Der strahlende Glanz zieht Neider an. Allen voran der Schellenberger Forstmeister Paul Gröbel, angetrieben von seiner Frau. In seiner Arglosigkeit tappt Rüxleben in so ziemlich alle aufgestellten Fallen. Gröbel denunziert Rüxleben schließlich im Oktober 1576 wegen Verleumdung des Kurfürsten und seiner Gattin.
Wie reagiert der Monarch, den uns die Dresdner Hofgeschichtsschreiber bis heute als eine »Vatergestalt«, »Burgen- und Schlössererbauer«, »rastlosen Unternehmer« und »ersten Wirtschaftsfachmann auf dem Throne« verklären? Entgegen den Urteilen mehrere Gerichte verbannt der Monarch Rüxleben, nach ausgiebiger Folter, lebenslänglich ins Gefängnis. Selbst nach dem Tode des Kurfürsten, den ein Schlaganfall ereilte, als er, kaum drei Monate nach dem Tode seiner Frau Anna von Dänemark, die ihm fünfzehn Kinder gebar, eine dreizehnjährige Erbin geheiratet hatte, wurde Rüxleben von Thronfolger nicht begnadigt. So starb Cornelius von Rüxleben am 12. November 1590 im Leipziger Gefängnis.
Wieland erzählt die Geschichte von Macht und Verrat nüchtern und distanziert. Er enthält sich eines moralisierenden Tones. Gerade dadurch macht er zeitübergreifende Verhaltensmuster verstehbar. So schildert uns der Verfasser mit vorbildlicher dramatischer Zuspitzung, dass der Kurfürst Entscheidungen bald nur noch mit einem »Punktierbuch« traf. Dieses Relikt des Aberglaubens funktioniert so, wie heutige »objektive« Gutachten: der Kurfürst dreht und wendet, bis der Ratschlag mit seinen eigenen Vorurteilen übereinstimmte. Die Willkür dominierte daher in Dresden.

 
 

Foto: Bibliotheksleiterin Marion Berger eröffnete die Buchvorstellung

Wir könnten uns mit dieser Ebene der Geschichte begnügen, wenn da nicht die Frau Martha von Rüxleben wäre. Wieland nimmt sich dieser Figur in der Erzählung ebenfalls ohne Sentimentalität und Pathos an. Gerade dadurch macht er große Gefühle erlebbar. Kurt Wieland schildert Martha als kluge Ratgeberin Ihres Mannes. Gleichfalls aus verarmten adligen Kreisen stammend, weiß sie die wirtschaftliche Unabhängigkeit, die das junge Ehepaar rasch gewinnt, zu schätzen. Dennoch kommen bei ihr Zweifel auf, ob das bloße Streben nach Ruhm, Ehre und Besitz ein menschliches Lebensziel sein kann.
Hier lässt Wieland an zentralen Punkten der kleinen Erzählung den Zschopauer Pfarrer Valentin Weigel (1533–1588) auftreten. Dieser promovierte Theologe, der St.-Afra besucht und in Leipzig und Wittenberg studiert hatte, knüpfte an den jungen Luther an, der die »Theologie deutsch« mehrfach herausgab: »Je mehr Eigentum an Willen und Gütern, je größere Unruhe und Höllenpein, je weniger Eigentum an Willen und Gütern, je mehr Ruhe und ewige Seligkeit; was wir mit Lust besitzen, verlieren wir mit Angst und Schmerz; wer Christum nicht im Herzen hat, der findet ihn weder hier noch dort; die Seligen haben den Himmel in sich selbst«, lässt Wieland Weigel sagen. Hier deutet sich eine Position an, die über eine anonyme Schrift aus dem 14. Jahrhundert, die so genannte »Theologie deutsch« (im Untertitel »Anleitung zum vollkommenen Leben«), und Johannes Tauler auf Meister Eckart zurückgeht. Valentin Weigel schrieb u.a. einen Kommentar zur »Theologie deutsch«. Eckhart (1260–1328) war Mönch des Dominikaner-Ordens, der gegründet wurde, um die »Ketzer« aus der sogenannten »Laienmystik« zu bekehren. In diesem Spannungsfeld erarbeitete Eckhart, der bereits um 1300 in deutscher Sprache predigte, einen philosoph-theologischen Neuansatz. Aber die römische Amtskirche vermochte auf dem Höhepunkt ihrer Macht nicht die­se Reform-Alternative ernst zu nehmen. Eckart wurde selbst als »Ketzer« angeklagt, verstarb aber noch vor seiner Verurteilung in päpstlicher Haft.
Auch Valentin Weigel musste sich Anschuldigungen erwehren, wird aber dennoch 1574 zum Kirchenaufseher über Chemnitz bestimmt. In Zschopau erfreut sich Weigel auf Grund seiner Tätigkeit jedoch allgemeiner Beliebtheit.
Weigel war es auch, der der todkranken Martha von Rüxleben seelsorgerischen Beistand gewährt. In Weigels Worten findet Martha von Rüxleben einen neuen Halt. Kurt Wieland geht ausführlich auf Marthas neu gewonnenen Blick auf den Zschopenberg und die umgebende Natur ein. Er erwähnt hier auch, dass das Himmelschlüsselchen Marthas Lieblingsblume geworden sei. Wie nebenbei stellt uns Wieland das Himmelschlüsselchen, die Wunderblume des Erzgebirges als Symbol für eine Lebenshaltung vor.
Wieland lässt in die Geschichte einfließen, dass Caesar von Breitenbach, ein Bruder Marthas, Studienfreund Weigels ist. Es kommt zu einem regen Gedankenaustausch. Schließlich besucht Weigel das Haus Rüxlebens fast täglich. Er hielt auch die Grabrede für Martha von Rüxleben. Und diese Rede, ist das einzige schriftliche Zeugnis Weigels, was zu Lebzeiten veröffentlicht wurde.
Die sächsischen Geistlichen mussten 1576/77 starke Bevormundungen und Disziplinierungsmaßnahmen durch den Kurfürsten erdulden. Der dem Glauben und dem Christentum fern stehende Herrscher, der 1573 noch der aufgeklärten-reformatorischen Richtung von Philipp Melanchthon den Vorzug gab, instrumentalisiert 1574 die Landeskirche, um sich dem katholischen Kaiser besser annähern zu können. Mit der Bevorzugung der fundamentalistischen evangelischen Richtung verketzerte der Kürfürst gleichzeitig die Anhänger Melanchthons als »Calvinisten«. Selbst nahestehende Menschen, wie seinen Leibarzt, den Schwiegersohn Melanchthons, brachte er ins Gefängnis, setzte auf brutale Weise Folter und physische Vernichtung ein. Die Verhaftung Rüxlebens fällt auch in jenen Zeitraum.
Es ist vorstellbar, dass sich Gegenkräfte zur wettinischen Willkürherrschaft formierten, und dass Rüxleben zu diesen Kräften gehörte oder dessen verdächtigt wurde. Möglicherweise war die Verleumdung von Paul Gröbel nur der Anlass für die Vernichtung Rüxlebens.

Am Ende sehen wir, dass die Hinwendung zu den »erwiesenen Tatsachen«, die Wieland in seinem Nachwort von 1927 anführte, nur die Hinwendung zur Oberfläche dessen ist, was wir als »Geschichte« verstehen. Wieland verfügte jedoch über die handwerklichen Voraussetzungen, um uns die tieferen Schichten der sächsischen Geschichte ahnen zu lassen. Damit regt er seine Leser immer wieder an, sich ihr eigenes Lichtlein anzuzünden, um in das Dunkle der Geschichte eindringen zu können.
Gleichzeitig lenkt Kurt Wieland unsere Aufmerksamkeit auf eine bis heute vernachlässigten Denktradition im Erzgebirgsraum. In der Wissenschaft ist anerkannt, dass Valentin Weigel selbst auf philosophische Schwergewichte, wie Jakob Böhme, Johann Georg Hamann, Johann Gottfried Herder, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling u.a. anregend wirkte. Auch im Erzgebirgsraum selbst erfolgte diese Wirkung, etwa bei Gottfried Arnold (1666–1714) aus Annaberg oder Gotthilf Heinrich von Schubert (1780–1860) aus Hohenstein.
Der etablierte Wissenschaftsbetrieb arbeitet mit der Methode des Vergleiches und der Einordnung. So wurde Weigel schon in einige Schubkästen eingeordnet: Ketzer, Mystiker, Pantheist (Ernst Bloch, Siegfried Wollgast), Pansoph (Gerhard Wehr) oder neuerdings als Esoteriker.
Wenn wir aber heute neu auf Valentin Weigel, die »Theologie deutsch« und Meister Eckhart zurückgehen, dann bemerken wir, dass Eckhart mit seiner Konzeption von Gott als dem Wesen der Welt ein philosophisches Immanenzdenken neu belebte, dessen Anregungen aus der arabischen Aristoteles-Rezeption gekommen sein sollen. Damit überwindet Eckhart personale Gottesauffassungen, die immer auf Über-Sinnlichkeit, auf Transzendenz begründet, und die immer mit einer Geringschätzung unserer Sinnlichkeit, und der Hypertrophierung einer »reinen Vernunft« verbunden waren und sind.
Für Eckhart und seine Schüler kann Gott aber nur in uns und in der Natur, das Wesen nur in den Erscheinungen, die Ursache nur in der Wirkung gesucht und gefunden werden. Das Wesen ist kein hinter dem Busche hockendes Tier, sagte Hegel später. Sinnlichkeit und Vernunft sind Momente eines einheitlichen Prozesses. Vernunft kann nur in der Sinneserkenntnis, in den Sinnen gesucht und gefunden werden, nicht davor oder dahinter, nicht unter oder über, sondern in den Sinnen. Alles andere ist Un-Sinn. In der Natur können wir unsere Grenzen sinnlich erfahren und zugleich geistigen Trost finden. Gott ist kein strafender Vater, sondern Mutter Natur liebt alle ihre Kinder gleichermaßen. Staubkorn und Planet unterliegen den gleichen Gesetzen, wie Herder später sagte. Die Natur, und auch wir tragen göttliche Züge in uns. Wenn Gott das Wesen ist, und Natur und Menschen die Erscheinung, so Eckhart, dann bedarf auch Gott unserer Existenz.
Wenn wir bedenken, dass Kurt Wieland seinen Lesern dieses philosophische Angebot im Jahre 1927, in einer Zeit zwischen Inflation und Weltwirtschaftskrise unterbreitete, dann wird uns vielleicht verstehbar, warum das Angebot auch im Herbst 2008, nach dem Versagen der neoliberalen/neokonservativen »Lifestile«-Utopie, noch gültig ist. Wieland empfiehlt uns durch seinen Text hindurch ein einfaches Leben. Das muss nicht schlechter sein, als der kollabierende Konsumismus. Im Gegenteil.
Johannes Eichenthal

 
 

Foto: Die Zuschauer, hier ein Teil der Zuschauer, verfolgten aufmerksam die Lesung.
Vorn rechts: Oberbürgermeister Klaus Baumann.

Information

Kurt Wieland: Tod in Vater Augusts Kerker. Cornelius von Rüxleben. Jägermeister zu Zschopau. Mit Zeichnungen von Birgit Eichler; (= Band 2 der Edition Kammweg) Mironde-Verlag 2008, 80 S., engl. Broschur, 8,90 €, ISBN 978-3-937654-29-4

 
 

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Buchvorstellung in Zschopau: Tod in Vater Augusts Kerker
Dramatische Erzählung von Kurt Wieland neu aufgelegt
 

In der Zschopauer Stadtbibliothek »Jacob Georg Bodemer«, auf Schloss Wildeck, wurde am Montag, dem 13. Oktober 2008, um 19.00 Uhr, ein neu erschienenes Buch von Kurt Wieland vorgestellt: »Tod in Vater Augusts Kerker. Cornelius von Rüxleben. Jägermeister zu Zschopau.« Bibliotheksleiterin Marion Berger begrüßte zahlreiche interessierte Besuchern, auch den Zschopauer Oberbürgermeister Klaus Baumann. Herausgeber Dr. Klaus Walther verwies auf die Edition Kammweg, die gemeinsam vom Kulturraum Erzgebirge und vom Sächsischen Schriftstellerverein initiiert wurde, und in deren Rahmen dieses Buch als Band 2 erschien. Mit der Reihe solle auch erzgebirgische Literatur neu aufgelegt werden, die mittlerweile vergessen wurde.

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