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Klaus Walther fragte zunächst, warum sich Eberhard Görner entschlossen habe an dem Buchprojekt mitzuarbeiten. Dieser antwortete, dass mit dem 31. Juli 2008 der ehemalige Landkreis Stollberg verschwand, und in einen größeren Kreis aufging. Eine solche Situation bringt die Frage mit sich: was bleibt? Viele Menschen in unserer Zeit kommen in solche Situationen. Deshalb sei die Problematik auch so interessant. Er sei in diesem Landkreis, in der Gemeinde Niederwürschnitz geboren worden. Mit dem Dorf Niederwürschnitz seien seine Kindheitserinnerungen verbunden. Sein Vater habe immer gesagt: »Die ganze Welt ist ein Dorf. Und unser Dorf ist die Welt.« Das habe er in das Buchprojekt einbringen wollen, um anderen Menschen Identifikationsmöglichkeiten zu geben. Er habe das Buch zahlreichen Freunden und Bekannten vorgestellt. Aber ob es in Texas oder China war, alle Leser wurden bei der Lektüre an ihre eigene Kindheit erinnert. Dies sei für ein selbstbestimmtes Leben sehr wichtig. Es lohne sich immer wieder die Landschaft der Kindheit zu besuchen. Jeder der das tun kann sollte das tun.
Klaus Walther warf ein, dass es schon eigenartig sei: Die drei Herausgeber seien in ihren Texten unabhängig voneinander auf Szenen aus ihrer Kindheit gekommen.
Eberhard Görner antwortete, dass das Buch zu einem ähnlichen Ergebnis geführt habe, wie der Film den er derzeit über das Zisterzienserinnen-Kloster Waldsassen drehe. Der Film dokumentiere eine bestimmte Landschaft in einem Zeitfenster. Dieses Fenster öffne sich, und schließe sich wieder. Die Publizistik habe die Verantwortung solche Zeitfenster zu dokumentieren, um gegen das Vergessen tätig zu werden.
Klaus Walther warf hier ein, dass wir ja in einer Zeit des Vergessens lebten, dass im Zusammenhang mit der Globalisierung so ziemlich alle Identitäten verloren gingen.
Eberhard Görner antwortet mit einem Bibel-Zitat, wonach alles seine Zeit habe. Die Verantwortung der Künstler bestehe auch darin, auf die Besonderheit, auf den Geist unserer Zeit aufmerksam zu machen. So werde die Region für die Menschen wieder zunehmend bedeutsam.

 
 

Foto: Prof. Eberhard Görner (li.) und Dr. Klaus Walther (re.)

Klaus Walther warf ein, dass man Regionalität nicht mit Provinzialität verwechseln dürfe. Erst aus einer gewissen Weltläufigkeit heraus könne man dem Anschein nach die heimatliche Region mit Distanz annehmen.
Eberhard Görner stimmte dem zu. Man müsse sich jedoch heute mit der Regionalisierung gegen die Auswüchse der Globalisierung verteidigen. Einerseits sei in der heutigen Welt alles miteinander verbunden. Andererseits berge die sächsische Landschaft ein großes kulturelles Erbe. Man könne die Globalisierung nicht aufhalten, aber man müsse Pflöcke einschlagen. Zudem leben wir an einer Nahtstelle der internationalen Entwicklung. So erlebten wir den Zusammenbruch des Staatssozialismus und die Probleme, in die der heutige Kapitalismus geraten sei. Wir lebten in einer Zeit, in einem historischen Prozess, in dem alles zusammenkomme. Dies sei einerseits sehr gefährlich. Andererseits sei Geschichte nie anders verlaufen. Aber gerade in einer solchen Situation habe er den Einwohnern des Landkreises Stollberg ein Buch vorlegen wollen, dass helfe die eigene Identität zu bewahren.
Klaus Walther warf hier ein dass ja die Regionalität, die Anbindung von Literatur an eine Landschaft, immer eine Rolle gespielt habe. So sei Grass nicht denkbar ohne Danzig und Strittmatter nicht ohne die Lausitz. Die Herausgeber hätten im Buch versucht für die Sichtbarmachung dieses Verhältnisses eine eigene Bildersprache zu finden. Deshalb sei der Auftrag für die Fotos an eine junge Absolventin der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst gegangen, die die Texte nicht kannte, und die auch den Landkreis nicht kannte. Die Fotos sollten eine subjektive Entdeckung einer Landschaft sein, und sie seien es auch auf hervorragende Weise geworden.
Gerhard Birk lobte die Qualität der Fotos ausdrücklich und fügte an, dass sich vielleicht nur die älteren Leute für solche Dinge interessierten. Die Jugend wolle nichts von Heimat und Herkunft wissen. Doch der Mensch brauche die Verbindung zur Landschaft seiner Heimat, dies sei eine Art Kraftfeld.
Eberhard Görner stimmte im ersten Punk zu und widersprach im zweiten Punkt. Die Jugend habe schon einen Sinn für Landschaft und Heimat, aber man suggeriere ihr, dass sie sonstwohin gehen müsse, weil dort ihr »Marktwert« einige Cent höher sei. In vielen Familien gäbe es dramatische Auseinandersetzungen um diese Fragen. Man müsse aber den jungen Leuten sagen, dass es ihre Pflicht sei zu bleiben, und die Kultur der Heimat, das Elternhaus zu verteidigen. Man müsse den jungen Leuten sagen, dass wenn sie blieben, sie hier ein besseres Leben finden könnten, als wenn sie ein paar Cent nachjagten.
Uwe Hastreiter dankte nach einstündiger Diskussion Eberhard Görner und Klaus Walther für die anregenden Gedanken. Ohne Zweifel war das Gespräch in der Stadtbibliothek das Ereignis am 4. November in Chemnitz. Uwe Hastreiter verwies zum Abschluss auf ein neues Chemnitzer Autorenlexikon, dass seit einer Woche auf der Internetseite der Chemnitzer Stadtbibliothek zu finden ist.


 
 

Auf der Heimfahrt ging mir nocheinmal der Abend durch den Kopf. Ein Vorzug des Buches ist es offensichtlich, dass die Herausgeber ihre Position zum Verhältnis von Globalisierung und Regionalisierung in poetischer Form vorlegen. Im Unterschied zur Wissenschaft, die das gleiche Thema abstrakt, in einigen Millionen Zahlen bearbeitet, vermögen es Literaten und Filmemacher dem Anschein nach Sinn zu stiften. Das ist ein unschätzbarerer Vorteil gegenüber trockenen vergleichenden Zahlendiskussionen, die am Ende doch nur darauf hinauslaufen, dass unsere Welt im Durchschnitt durchschnittlich sei.
Mit den Mittel der Poesie müsste man diese Problematik weiter diskutieren. Hans Freyer hatte in der 20-bändigen Weltgeschichte, die Golo Mann in den 1950er Jahren herausgab, darauf verwiesen, dass man sich der globalen Entwicklung nicht entgegenstellen könne, denn man werde sonst überrollt. Freyer verwies auf sogenannte »haltende Mächte«, die der globalen Entwicklung widerstehen könnten, wie die Blumen im Getreidefeld. Darunter verstand er Familie, Nachbarschaft, Freundschaft, gegenseitige Hilfe. Der Ausdruck »haltende Mächte« geht eigentlich auf Johann Gottfried Herder zurück, den Freyer nicht erwähnt. Bei Herder heißt es »haltende Kräfte«.
Jean Baudrillard schrieb vor einigen Jahren, dass das, was heute Globalisierung genannt werde, eigentlich nur der Versuch der kapitalistischen Vereinheitlichung sei. Die große Industrie wolle weltweit einheitliche Bedingungen und Kunden. Alle Besonderheiten stören in diesem Gewinnstreben. Gegen diesen abstrakten Prozess der Vereinheitlichung aller Verhältnisse, der wie eine Dampfwalze funktioniert, müsse man das Besondere verteidigen.
In der Tat finden wir den globalen Zuammenhang bereits in unserer Region, aber nicht abstrakt, sondern in besonderer Form. Den haltenden Kräften muss man heute, im Anschluss an Hans Freyer, deshalb noch weiter Elemente hinzufügen: Regionalisierung, Dezentralisierung, Selbstständigkeit und Selbstregierung.
Johannes Eichenthal



 
 



Information
Ortstermin. Bilder aus dem Stollberger Land.
Herausgegeben von Eberhard Görner, Uwe Schneider und Klaus Walther
Fotos von Johanna Diehl
Format 21,7 × 25 cm, fester Einband, Fadenheftung, 144 Seiten, 125 Farbfotos.
ISBN 9783937654287     Verkaufspreis 16,00 €
www.mironde.com

Das Buch ist in allen Buchhandlungen erhältlich

www.stadtbibliothek-chemnitz.de/Autorenlexikon

 
 

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Globalisierung versus Regionalisierung
Diskussionsveranstaltung in der Chemnitzer Stadtbibliothek
 

Die Stadtbibliothek Chemnitz und der Sächsische Schriftstellerverein hatten am 4. November 2008 den Filmemacher Prof. Eberhard Görner und den Publizisten Dr. Klaus Walther zu einem Gespräch in das Chemnitzer Literaten-Café eingeladen. Die Thematik war mit »Globalisierung versus Regionalisierung« umrissen worden. Anlass für die Veranstaltung war die Herausgebertätigkeit beider Autoren für das Buchprojekt »Ortstermin. Bilder aus dem Stollberger Land.«

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