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Vergangenheit
Der Großvater von Michael Schneider arbeitete mit dem Großvater von Andreas Eschbach in einer Branche, ohne es zu ahnen. Andreas Schneider und Michael Eschbach hatten mit Büchern zu tun. Andreas Schneider wollte in den 1920er Jahren ein berühmter expressionistischer Schriftsteller werden. Doch sein Vater war Analphabet. Immer wenn der kleine Andreas sich mühsam ein Buch zusammengespart hatte, da nahm es ihm der brutale Vater weg. Von wegen Schriftsteller, Du sollst mal einen ordentlich Beruf ergreifen, so wie wir Schneiders alle.
Michael Eschbach dagegen ging nach der Schule immer bei einem alten Buchhändler vorbei. Stundenlang stöberte er, auch an Sonntagen, in diesem Laden. Zu gern wäre er Buchhändler geworden. Doch auch seine Eltern ...


 
 

Gegenwart
Als ich das Schwarzenberger Hotel »Neustädter Hof« betrat, merkte ich sofort, dass hier irgendetwas nicht so war, wie an gewöhnlichen Montagabenden. In einem langen Gang stand ein rotes Ölfass. Was hatte das zu bedeuten? Offenbar waren mehrere Leute vor mir angekommen. In einem unauffälligen Raum standen erstaunlich viele Stühle. Nach und nach drängten immer mehr Menschen in den Saal. Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass sie auf etwas warteten. Da. Drei identische schwarze Limousinen fuhren vor. Die Fahrer hatten Mühe noch einen Parkplatz zu finden. Ein junger Mann stieg aus. Beifall brandete auf.

 
 

Vergangenheit
Andreas Schneider lief irgendwann, mit 15 Jahren, von Zuhause weg. Er arbeitete zunächst als Sekretär eines Schriftstellers in Venezuela, dann wechselte er nach Indonesien. Auch dort war er Sekretär eines Schriftstellers. Später ging er nach Afrika. Irgendwann hatte er seinem Schriftsteller einmal gesagt, wie er diesen oder jenen Satz anders schreiben sollte. Begründen konnte er es nicht: „Ich habe das im Gefühl!" Doch er ernte nur Hohn und Spott. Von diesem Tage an stand seine Entscheidung fest.  
Michael Eschbach hatte gegen den Widerstand seiner Eltern eine Buchhändlerlehre absolviert. Als sein Vater starb, verkaufte er das elterliche Bauerngut und erwarb eine Buchhandlung. Doch Inflation und Weltwirtschaftskrise machten ihm schwer zu schaffen. Seine Lage änderte sich erst, als er per Zufall Andreas Schneider kennen lernte. Von diesem Tage an liebte und verkaufte er die Bücher von Andreas Schneider. Schon damals sagten Schneider und Eschbach voraus, dass das Fernsehen die Verblödung der Bevölkerung vorantreiben würde. Doch niemand schenkte ihnen Glauben. Im Gegenteil. Die Unwissenden lachten und höhnten. Die Politiker ignorierten die Ratschläge.

 
 

Gegenwart
Der Schwarzenberger Buchhändler Michael Schneider begrüßte am Abend des 17. November 2008 den Schriftsteller Andreas Eschbach. Man hatte den Eindruck, er treffe einen alten Bekannten. Etwa 100 Gästen zogen es an diesem kalten Novemberabend vor, einer Lesung zu lauschen, statt sich verblöden zu lassen. Eschbach las zügig. Eine gute Stunde. Man konnte sich nach dieser Lesung das Ende des Fernsehzeitalters vorstellen, auch wenn wir noch nicht wissen wie das geschehen soll. Von der glotzenden Mehrheit ganz zu schweigen. Es wurden Fragen zugelassen: wann, wie und warum er schreibe. Das Übliche. Zur Zukunft des Fernsehens sprach Eschbach einen nahezu prophetischen Satz: » ... es wird nicht von einem Tag auf den anderen ausgehen, sondern langsam auslaufen ... Wir werden es aber noch erleben ...«

Epilog
Kurz vor Mitternacht fuhr ich wieder von der Autobahn ab. Die Preisschilder der Tankstellen waren schon auf den Dienstag eingestellt: 1.19 der Liter Diesel. Ich guckte zwei Mal hin. Ja: 1,19. Vor ein paar Stunden waren es noch 1.13 gewesen. Ist das nicht erstaunlich, wie der freie Weltmarkt jeden Montag nachgibt, und uns günstige Preise beschert, über alle Firmenunterschiede hinweg. Man könnte eine Uhr danach stellen, wie einst nach den Spaziergängen von Immanuel Kant in Königsberg. Am Dienstag bringt der freie Weltmarkt, dann wöchentlich wieder einen einheitlichen Preisanstieg. Ist diese Einheitlichkeit nicht erstaunlich, trotz der freien Konkurrenz? Was wird wohl dahinter stecken? Eine Verschwörung? Die unsichtbare Hand, wie es Adam Smith nannte? Oder ein Monopol?
Plötzlich wurde mir klar, dass Andreas Eschbach ja aus seinem neuen Buch mit dem Titel »Ausgebrannt« gelesen und das Ende des Ölzeitalters gemeint hatte.
Johannes Eichenthal


Information
www.buecherwelt-szb.de

Andreas Eschbach: Ausgebrannt. Lübbe-Verlag. ISBN 978-3-404-15923-9
www.luebbe.de

 
 

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Ausgeglotzt
Leseabend in Schwarzenberg
 

Die Nadel meiner Tankanzeige hatte sich bedrohlich nach links geneigt. Am Ortsausgang huschten die Preisschilder der Tankstellen vorbei. Der Liter Diesel 1.13 Euro. Günstig. Vielleicht hätte ich ... doch ich war in Eile. Auf der Autobahn wenige PKW. Fast ausschließlich LKW, immer nur LKW. Ich wollte zur Abfahrt Hartenstein. Auf der Straße nach Aue wieder ein LKW vor mir. Der fuhr konstant 100. Es regnete nicht. Ich hatte mein Heatset am Ohr: »Ja, ich weiß, dass Ihr Laden nicht mit Äpfeln und Birnen handeln, doch ich muss unbedingt Herrn Schneider sprechen. Was? 03774/24407. Danke!« Der LKW fuhr auch bergauf stur seine 100. Es regnete immer noch nicht. Ich wollte nicht überholen. Im Rückspiegel raste ein rotes Fahrzeug heran und vorbei.

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