litterata  :  Reportagen  :  Reportagen von 2008  :  Zum Rüstungskommando Chemnitz  
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Die »Laienhistoriker« laden Wissenschaftler ein, um sich zu speziellen Themen vertieft vorzuinformieren und um gleichzeitig von der Methode der Wissenschaftler zu lernen. Mit den Jahren erarbeitet man sich über alle Unterschiede in den Auffassungen hinweg den Grundsatz, dass Wissenschaft im besten Falle nüchtern und kalt konstatieren kann. Wissenschaft kann Geschichte nicht zurückdrehen und Wissenschaft kann auch keinen Sinn stiften. Dafür sind Kunst, Religion und Philosophie zuständig. Wissenschaft kann auch nicht über Geschichte richten. Wenn sie das versucht, wir erleben täglich Beispiele, wird sie zur Ideologie. Doch wo Ideologie anfängt, da hört die Wissenschaft auf. So etwas wollen die Historiker des Kreises unbedingt vermeiden. Insofern vertreten die »Laienhistoriker« des Geschichtskreis durchaus eine anspruchsvolle Methodologie.
 

 
 

Am 1. November hielt der junge Historiker Jens Hummel aus Glauchau einen Einführungsvortrag für das nächste Jahr. Unterstützung erfuhr er bei der Vorbereitung durch den erfahrenen Historiker Wolfgang Bönitz. Aufgaben, Struktur und Entwicklung des Rüstungskommandos Chemnitz während des Zweiten Weltkrieges standen im Mittelpunkt seiner Ausführungen. Stichwortartig geben wir seine Argumentation wieder:

Die Rüstungsproduktion machte bereits in den 1930er Jahren koordinierende Dienststellen notwendig, die als Bindeglied zwischen Militär und Wirtschaft auf regionaler Ebene angesehen werden können. Zum 1. April 1935 erfolgte eine vom Reichswehrminister angeordnete Neuorganisation der Wehrwirtschaft. Es entstanden auf Wehrkreisebene die Wehrwirtschaftsinspektionen, welchen die Wehrwirtschaftsstellen als regionale ausführende Dienststellen nachgeordnet waren.
Am 22. November 1939 wurden die Wehrwirtschaftsinspektionen in Rüstungsinspektionen und die Wehrwirtschaftsstellen in Rüstungskommandos (Rükdo) umbenannt.
Die räumliche Zuständigkeit der Wehrwirtschaftsinspektionen bzw. Rüstungsinspektionen entsprach anfangs den Wehrkreisen. Für Sachsen und das Sudetengebiet war die Rüstungsinspektion IV Dresden verantwortlich. 1942/43 wurden die Gebietseinteilungen der Rüstungsinspektionen den Gaueinteilungen der NSDAP angeglichen. Dadurch machte sich bei einigen Rüstungsinspektionen, so auch bei der Dresdner, eine Teilung des Zuständigkeitsbereichs notwendig. Nunmehr gab es die Rüstungsinspektion IVa Dresden und die Rüstungsinspektion IVb Reichenberg.
Der Rüstungsinspektion IVa Dresden unterstanden drei Rüstungskommandos mit entsprechender regionaler Zuständigkeit. Dies waren das Rükdo Dresden, das Rükdo Leipzig und Rüstungskommando Chemnitz.
Das Rükdo Chemnitz war für den Raum Westsachsen die ausführende Dienststelle des Rüstungsinspekteurs in Dresden.
Die Rüstungskommandos stellten die kleinsten Dienststellen des Reichsministers für Bewaffnung und Munition dar und waren die koordinierenden und betreuenden Dienststellen für alle Unternehmen, welche Aufträge für die Teilstreitkräfte der Wehrmacht ausführten.
Zu den Aufgaben des Rükdo Chemnitz zählten z.B. die Mobilmachung der Rüstungsbetriebe, die Zuteilung von Arbeitskräften und Produktionsmitteln je nach Priorität der Rüstungsaufträge, die Betreuung der laufenden Fertigung und die Kontrolle von Luftschutz- und Werkssicherheitsmaßnahmen in den Betrieben.
Das Rüstungskommando Chemnitz war in verschiedene Fachgruppen untergliedert.
Im Rükdo waren Offiziere der Teilstreitkräfte, Fachpersonal wie Ingenieure, Sekretärinnen und Fahrer beschäftigt.
Dienststellenleiter und Kommandeur des Rüstungsbereichs war Major Paul Spangenberg, welcher ab 1.6.1940 zum Oberstleutnant und mit Wirkung vom 1.4.1942 zum Oberst befördert wurde.
Das Rüstungskommando hatte seinen Sitz in Chemnitz in der Bahnhofstraße 2. Doch nach der allgemeinen Mobilmachung Ende August 1939, bei der auch der Mannschaftsbestand dieser Dienststelle durch zusätzliches Personal wie Fahrer und Schreibkräfte ergänzt wurde, waren die Räumlichkeiten nicht mehr ausreichend.
Im September 1940 erfolgt der Umzug in eine neue Dienststelle Am Hauptbahnhof 7 und 9
Zu den Aufgaben der beschäftigten Offiziere und Angestellten gehörten auch Besuche in den Rüstungsbetrieben, deren Anzahl stetig zunahm.
In den Kriegsjahren wurden zwei Außenstellen des Rüstungskommandos geschaffen. Ab Dezember 1941 bestand eine Außenstelle in Aue, die zweite gab es ab April 1942 in der Stadt Plauen.
Insgesamt kann die Tätigkeit des Rüstungskommandos während der Kriegsjahre in erster Linie als Versuch bezeichnet werden, die vielen Defizite zu verringern.
Mangel herrschte in vielfältiger Weise. Lieferrückstände der Firmen traten auch ohne Feindeinwirkung häufig auf. Ob Rohmaterial, Betriebsstoffe, Kohle, Transportkapazität oder Werkzeugmaschinen, oft musste das Rüstungskommando eingreifen und dies alles den Herstellerfirmen nach Priorität der Rüstungsaufträge zuteilen.
Das größte und konstanteste Manko war der Mangel an Arbeitskräften, und hier vor allem an Facharbeitern. Nach Kriegsbeginn standen zu keinem Zeitpunkt allen Herstellerfirmen ausreichend Arbeitskräfte zur Verfügung. Trotz vielfältiger Anstrengungen konnte dieses Problem nicht gelöst werden. Die ständige Ausweitung der Rüstungsproduktion ließ den Mangel an Arbeitskräften zum Dauerproblem werden. Alle Betriebe verloren durch die häufigen Einberufungen von männlichen Mitarbeitern wertvolle Facharbeiter die kaum ersetzt werden konnten.
Ab 1943 begann sich die Kriegslage für das Deutsche Reich erheblich zu verschlechtern. Die Rüstungsbetriebe in Nord- und Westdeutschland waren im weiteren Kriegsverlauf zunehmend das Ziel der alliierten Bomberflotten. Mit dem Erlass über die Verlegung kriegswichtiger Betriebe und Betriebsteile vom 26.08.1943 versuchte man der Zerstörung von Rüstungsbetrieben entgegenzutreten. Wichtige Produktionen sollten in weniger luftkriegsgefährdete Gebiete des Deutschen Reichs verlagert werden.
Die Gesamtplanung der Verlegung von Betrieben und Betriebsteilen lag beim Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion. Auch die Lösung der mit den Betriebsverlagerungen verbundenen Probleme viel in den Zuständigkeitsbereich des Rüstungskommandos Chemnitz.
 Trotz aller Versuche konnte oft keine reibungslose Produktion gewährleistet werden.
Die Spur des Rüstungskommandos Chemnitz verliert sich im letzten Quartal des Jahres 1944. Ab Oktober 1944 sind keine Unterlagen dieser Dienststelle mehr erhalten.

Der Vortrag von Jens Hummel wurden von den vorwiegend älteren Teilnehmern des Geschichtskreises mit großem Interesse aufgenommen. Erfahren Historiker, wie Gerhard Hofmann aus Rochlitz, Dr. Gerhard Birk aus Chemnitz, Günter Assmann aus Freiberg, Günter Eckhart aus Schneeberg, Werner Ulbrich aus Glauchau u.a. zollten dem jungen Historiker große Anerkennung. Einhellig wurde die Meinung vertreten, dass hier neue Erkenntnisse und Unterlagen für die historische Regionalforschung auf vorbildlich nüchterne Weise erschlossen wurden.

 
 

In einem zweiten Teil der Veranstaltung stellte Dr. Andreas Eichler, der Moderator der Runde, übrigens auch kein studierter Historiker, den Jahresband des Geschichtskreises der Öffentlichkeit vor. In diesem Band sind, nach den Worten Eichlers, Beiträge aus zwei Veranstaltungen von 2007/2008 versammelt.
Johannes Eichenthal

Dokumentation
»Von der Memel bis an die Mulde. Ankunft von Evakuierten, Flüchtlingen und Vertriebenen in der Region während und nach dem Zweiten Weltkrieg«.

Inhaltsverzeichnis
Gerhard Birk:     Flüchtlinge und Vertriebene in Sachsen
Kurt Trenkmann: Zum Schicksal der deutschen Flüchtlinge vor dem Ende und der Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg   
Günter M. Braun: Erinnerungen eines Flüchtlingsjungen aus Ostpreußen in Wittgensdorf-Herrenhaide-Burgstädt
Inge Milkau/Rainer Heidrich: Ankunft in Lunzenau und Umgebung. Zur Situation von Flüchtlingen
Christoph Ehrhardt: Ankunft in Grüna
Werner Ulbrich: Ankunft der Heimatvertriebenen in Glauchau   
Klaus Oehmig: Flüchtlinge in Chursdorf
Karl-Heinz Lungwitz: Flüchtlinge und Vertriebene in Röhrsdorf   
Ursula Weise/René Fleischer: Mit dem Treck nach Langenchursdorf       
Konrad Vogel: Zeitzeugen aus Burgstädt   
Andreas Eichler: Zeitzeugen aus Niederfrohna       

Im Anschluss geben wir den Wortlaut des Vorwortes zum Jahresband wieder:

Unser Heimathistoriker-Kreis legt wieder einen Band mit detaillierte Untersuchungen vor. Sie finden sicher manche wichtige Erinnerungen und auch ungewöhnliche Details, die in großen Untersuchungen und im historischen Vergleichen in der Regel verloren gehen.
Aber wir hatten diesmal auch unsere Probleme. Ich erinnere mich an die Tagung im November 2007. Es gab eine kontroversen Diskussion. Einerseits wurde von einigen Teilnehmern hervorgehoben, dass Deutschland den Zweiten Weltkrieg begonnen und besonders im Osten eine brutale Kriegführung an den Tag gelegt habe, und dass die Flucht und Vertreibung der Deutschen eine Folge und ein »Echo« auf diese Art der Kriegführung gewesen sei. Das ist nicht zu bestreiten. Noch heute wird kaum davon gesprochen, dass der Krieg die damalige UdSSR zwischen 20 und 30 Mio. Menschenleben gekostet hat.
Andererseits wurde von einigen Teilnehmern vorgebracht, dass die Zivilbevölkerung 1939 nicht gefragt wurde, ob sie für einen Krieg sei oder nicht, sondern dass der Krieg von den Herrschenden einfach begonnen worden war. Ebenso seien die Forderungen an das deutsche Volk, sich nach Kriegsausbruch der verbrecherischen Politiker zu entledigen, an die falsche Adresse gerichtet gewesen. So etwas sei unter normalen Umständen schon kaum möglich, unter Kriegsbedingungen erst recht nicht. Dieses Argument ist sicher auch nicht falsch. Selbst in demokratisch verfassten Staaten wird das Volk vor einem Kriegseintritt in der Regel nicht gefragt, obwohl es sich hier um existenzielle Fragen der Nation handelt. Vom Volk als Souverän bleibt gerade in Fragen Krieg und Frieden nichts übrig. Der Jurist Carl Schmitt pflegte zu sagen, dass der »Souverän« derjenige sei, der die Macht habe, den »Ausnahmezustand« zu verhängen.
Gestatten Sie mir den Versuch einer Antwort auf dieses Dilemma: Als die Front zurück nach Berlin rollte, wurde, ähnlich wie beim Luftkrieg, die deutsche Zivilbevölkerung in Ostpreußen und Schlesien Hauptleidtragende des Krieges. Das Elend der Bevölkerung wurde durch die Realitätsferne des Oberkommandos der Wehrmacht, das die Rückzugsbefehle viel zu spät gab, noch verstärkt. Verantwortungsbewusste Offiziere, wie Oberst von Stauffenberg, hatten schon im Dezember 1941 bemerkt, dass die Wehrmacht bereits ein Drittel des Mannschaftsbestandes verloren hatte. Das Kriegsabenteuer war zu diesem Zeitpunkt bereits verloren – und die Führung wusste das. Spätestens als die zurückrollende Front wieder die Landesgrenze erreichte, wäre es die Pflicht der NS-Führung und des Oberkommandos gewesen, zu kapitulieren. Von Sommer 1944 bis Mai 1945 verlor die Wehrmacht täglich rund 13.000 Mann. Ähnlich wie Friedrich II. ging diese Führung aber die Unkalkulierbarkeit der Risiken für die Zivilbevölkerung und für die Soldaten bewusst ein.
Der Jurist Carl Schmitt hob hervor, dass »politisch denken, an den Ernstfall denken« bedeute, d.h. an den schlimmst möglichen Fall. Von der Erwägung der Folgen ihrer Entscheidung wollten die Politiker des NS-Regimes aber nichts wissen. Sie waren kritikresistent und nicht mit Selbstzweifeln belastet. Diese Art von Politikern vermochten nicht aus Fehlern zu lernen. Die einfachen Menschen waren für diese Leute bloße Statisten auf einem großen »Schachbrett«.
Es bleibt uns die Frage, warum dieser Zweite Weltkrieg überhaupt begonnen wurde. Die westliche etablierte Wissenschaft hat sich bisher auf eine alleinige Schuld Deutschlands verständigt. Mittlerweile erwägen aber britische und amerikanische Historiker, ob eine solche eindimensionale Ursachenbestimmung der Komplexität der Situation gerecht wird. Wenn wir die Entstehung des Krieges konkreter bestimmen wollen, dann müssen wir, so eine alte wissenschaftliche Regel, zwischen Ursache und Anlass unterscheiden. Bislang wurden von der westlichen etablierten Wissenschaft eher beide Aspekte einfach gleichgesetzt. Wenn wir also die Ursachen bestimmen wollen, dann kommen wir um die Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1932 nicht herum. Diese Krise platzte 1929 wie eine Bombe in die Welt hinein. Zu den im Gefolge des Ersten Weltkrieges ungelösten zwischenstaatlichen Problemen kamen neue, in ungekannter Dimension. Wolfgang Schivelbusch zeigte in seiner spektakulären Untersuchung »Entfernte Verwandtschaft«, dass die Politiker aller großen Staaten keine Lösung für die Finanzkrise und die folgende Massenarbeitslosigkeit hatten. Die Politiker hantierten statt dessen mit symbolischer Politik, d.h. man versuchte mit groß angelegten staatlichen Beschäftigungsprogrammen so zu tun, als ob man etwas gegen die Krise tun könne: High-Way-Bau in den USA, Sumpftrockenlegungen in Italien und Autobahnbau in Deutschland. Das gab spektakuläre Fotos, z.B. Benito Mussolini mit Spaten, aber keine Lösung struktureller Probleme.
Hinter diesen Als-ob-Aktionen der Politiker spielten sich aber gigantische Interessenkonflikte der großen multinationalen Aktiengesellschaften und Banken ab. Entgegen einem weit verbreitetem Vorurteil wirken Handel und Wirtschaft nicht nur friedenstiftend. Die Wirkung wirtschaftlicher Interessen im kapitalistischen System ist ambivalent. Bereits im Ersten Weltkrieg wirkten große Wirtschaftsakteure in ihrem Gewinnstreben über nationale Grenzen hinaus und beförderten gleichzeitig nationalistische Politik. Eine ähnliche Gemengelage ist vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg zu verzeichnen.
Man wendet in der Regel ein, dass ja die Politiker die Macht innehatten, dass die Wirtschaft also keinen Einfluss habe. Hans Freyer, ein Mann, der es wissen musste, meinte, dass Macht immer eine komplexe Konstellation sei. Das industrielle Verhältnis zur Natur bestimmte in der westlichen Welt seit 1800 das soziale Leben. Noch heute dominiert die Industrie selbst den Lebensrhythmus, die Lebensvorstellungen und die Konsumgewohnheiten der Mehrheit. Diese Industrie und ihre Akteure werden jedoch vom Streben nach maximalem Gewinn getrieben. Ging es nicht im »Großen Schachspiel« des Zweiten Weltkrieg um das Erdöl von Baku, die Kohle von Donezk und das Erz des Ural? Die Akteure aus großer Wirtschaft und Politik waren aber blind für die langfristigen Folgen ihrer Entscheidungen, hörten zwar die »Glocken läuten«, wussten aber nicht, wo diese hängen. Der nüchterne Analytiker Niccolò Machiavelli meinte, dass es in der Politik keine Regeln gäbe, dass alles erlaubt sei. Aber, man müsse mit den Folgen leben können. Insofern kam in diesem Zweiten Weltkrieg die zentrale Schwäche eines völlig überlebten Typus von Politik konzentriert zum Ausdruck: man handelte geheime Abkommen aus, ohne die mittel- und langfristigen Folgen auch nur zu kennen oder zu bedenken.
Die Menschen sind in diesem Spiel nur »Figuren« auf dem »Schachbrett«. Die Folge war, dass die einfachen Menschen auch die Zeche für den großen Krach bezahlen mussten. Und, wie der Niederfrohnaer Bürgermeister Lothar Philipp im Vorwort zu unserem letzten Jahresband einwarf, die Ansprüche auf Entschädigung für Folgen des Zweiten Weltkrieges sind immer noch nicht abgegolten. 
Die Zeitzeugen in unserem Jahresband mussten in der Regel mit dem Verlust der Heimat, ihres Hauses und ihres Grundstückes für die Kriegsfolgen bezahlen. In unseren einleitenden Beitrag wird darauf verwiesen, dass wir unsere Vorstellungen von »Heimat« verändern können. In der Regel hielten sich die Frauen unter den Flüchtlingen nicht lange bei Erinnerungen an die alte Heimat auf, weil das Leben weitergehen musste. Einige Zeitzeuginnen wollen bis heute nicht darüber sprechen, was sie erlebten. Aber auch dieses Schweigen war begründet. Man konnte zunächst nicht lange grübeln, wieso und warum. Das Leben musste weitergehen. Man brauchte Nahrung, Unterkunft und Heizmaterial.
Zudem zeigt unsere Untersuchung, dass es neben vielen Grausamkeiten im Kriege auch beeindruckende, selbstlose Hilfsbereitschaft gab. Die Evakuierten, Flüchtlinge und Vertriebenen berichten in der Mehrzahl, dass sie gut in unserer Region aufgenommen wurden, gleichwohl gab es auch einzelne Probleme zwischen der ansässigen Bevölkerung und den »Zugezogenen«.
In der Mehrzahl wurde unsere Region aber als »neue Heimat« angenommen. Doch selbst bei freiwillig ausgewanderten Menschen kommt, besonders in der zweiten Lebenshälfte, eine Sehnsucht nach der alten Heimat auf. Diese Gefühle muss man erst recht den Menschen zugestehen, die aus ihrer Heimat evakuiert, geflüchtet oder vertrieben wurden.
Eine Zeitzeugin, die in Burgstädt ein neues Zuhause fand, wies darauf hin, dass sie sich trotz der guten Aufnahme und dem Aufbau einer neuen Existenz nicht mit dem sächsischen Dialekt habe abfinden können. Diese Sprache tue ihr mitunter immer noch weh. Damit verweist uns diese Zeitzeugin auf den Kern von Heimat, den wir in unserer Sprache finden können: »Dialekt ist Heimat«, sagte Martin Heidegger einst. Der Verlust der heimatlichen Sprache ist daher vielleicht am schwersten zu verkraften. Dies ist eine Erfahrung, von der auch diejenigen berichteten, die vom NS-Staat ins fremdsprachige Exil getrieben wurden. Insofern war Sachsen aber vielleicht immer noch eine annehmbare Landschaft für eine neue Heimat?                                    


 
 

Information
»Von der Memel bis an die Mulde. Ankunft von Evakuierten, Flüchtlingen und Vertriebenen in der Region während und nach dem Zweiten Weltkrieg«. Brosch, A5, 194 Seiten 9,50 € ISBN 978-3-937654-32-4

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Zum Rüstungskommando Chemnitz
Wissenschaftliche Tagung des Geschichtskreises in Niederfrohna
 

Am 1. November traf sich der Geschichtskreis beim Heimatverein Niederfrohna im Rathaus der kleinen Gemeinde, etwas 15 km westlich von Chemnitz zu seinem zweiten Jahrestreffen 2008. Seit Mitte der 1990er Jahre besteht dieses offene Diskussionsforum, in dem jeder Teilnehmer gleichberechtigt ist. Ziel der Veranstaltung ist der Austausch unterschiedlicher Meinungen. Seit einigen Jahren werden jährlich Themen bearbeitet, die die Sozialgeschichte der Region zwischen 1939 und 1960 unter verschiedenen Aspekten behandeln. Diesmal kamen Heimathistoriker aus der Region zwischen Freiberg und Schneeberg.


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