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Prof. Dr. Carsten Gansel und Birka Siwczyk hatten zum Tagungsbeginn eine kommentierte Materialsammlung mit dem Titel »Gotthold Ephraim Lessings ‹Nathan der Weise› im Kulturraum Schule (1830–1914)« vorgelegt. Die beiden Herausgeber machen Quellentexte aus Schulprogrammschriften von Karl Riebe, Ernst Köpke, Ferdinand Naumann, Gustav Eisfeldt, Bernhard Hölscher, Czeslaw Pieniążek, Johann Sternat, Antal Hermann, Adolf Hynitzsch, Karl Albrecht, Gustav Kettner, Hugo Hartung, Friedrich Kortz und Hermann Stier der Forschung zugänglich. Den Quellentexten sind Kurzbiographien und bibliographische Angaben zu den Autoren beigefügt.
In den Vorbemerkungen deuten die Herausgeber mit dem Ausdruck »kollektives Gedächtnis« ihre Ausgangsposition an. Die Rezeption von Lessings »Nathan« biete sich als Gegenstand an, da es bis heute im »Schulkanon« fest verankert sei. Das Problem bestehe darin, dass Lessing erst durch seine Einbeziehung in die höhere Schulbildung zum »Kanonautor« geworden sei, und dass andererseits die Schulprogramme und Jahresberichte der höheren Schulen von der Lessing-Forschung bisher nur begrenzt zur Kenntnis genommen wurden.
In seinem einleitenden Essay versucht Carsten Gansel das bisherige Forschungsdefizit zu erklären, indem er es auf einen, wie er es nennt »ideologiekritischen Ansatz« zurückführt. Die Arbeiten der 1970er Jahre hätten die Lessing-Rezeption in den Gymnasien in einen direkten Weg vom Nationalstaat zum »Dritten« Reich eingeordnet. Im Jahre 1974 habe Dominik König auf die Notwendigkeit der Einbeziehung neuer Textsorten in die Forschung verwiesen (Lehrpläne, ministerielle Verfügungen, Lesebücher, Literaturgeschichten, Schulausgaben, Kommentare, Interpretationen). Eine eigene Sichtung solcher Quellen erfolgte von Dominik König aber nicht.
Wolfgang Albrecht habe 1997 einen Gesamtüberblick über die neuere Lessing-Forschung und Rezeption gegeben. Seine Zusammenfassung zur Institution Schule falle geradezu vernichtend aus: man sei in der Schulbildung vereinseitigend und verflachend verfahren. Von solch entstellender Indienstnahme Lessings bis zur antisemitischen Diskreditierung sei es nur ein kleiner Schritt gewesen.  Diese Position von Albrecht könne als repräsentativ für den Stand der Lessing-Rezeptionsforschung in den Bereichen Schule/Gymnasien gelten.
Im Kontext der Kamenzer Lessing-Tagung von 2004 habe Albrecht jedoch seine Position von 1997 etwas modifiziert.
Die Defizite der bisherigen Forschung beginnen also im empirischen Bereich. Es verwundert daher nicht, dass die aktuelle Tagung sich empirischen Befunden widmete. Prof. Dr. Werner Nell sprach am 11. Dezember zur Behandlung Lessings im Schulwesen von Galizien, Dr. Cezary Lipinski (Zielona Gora) zur Behandlung Lessings in höheren Schulen von Breslau und Kattowitz, Monika Hernik-Młodzianowska (Zielona Gora) zur Behandlung Lessings in Schulprogrammschriften der Grünberger Gymnasien, Prof. Dr. Heinrich Kaulen (Marburg) zur Bedeutung von Lessings Fabeldidaktik für den Deutschunterricht und Senta Stiller (Gießen) zur Behandlung Lessings an Mädchenschulen im 19./20. Jahrhundert.

 
 

Am Morgen des 12. Dezember sprach zunächst Norman Ächtler (Gießen) zur Thematik »Christliche Orthodoxie oder religiöse Toleranz? Anmerkungen zur Rezeption von Lessings Ringparabel in ausgewählten Schulprogrammschriften des 19. Jahrhunderts.« Norman Ächtler untersuchte fünf Quellentexte. Der jüngste stammte aus dem Jahre 1913. Er kam zusammenfassend zum Schluss, dass »das« Christentum Maßstab der Autoren in ihrer Beurteilung Lessing gewesen sei. Keiner der Autoren habe Lessing diffamiert. Alle Autoren hätten das Gewicht Lessings betont. Nationalistische Ansätze seien an keiner Stelle zu finden gewesen.
Prof. Dr. Manfred Beetz (Halle) fragte den Referenten, was der Begriff »Christliche Orthodoxie« bedeuten solle und ob dieser nicht aus den 1970er Jahren stamme? Anerkannt sei doch, dass Lessing zwar die Kirche seiner Zeit kritisierte, gleichzeitig aber eine Summe des Christentum gezogen habe.
Norman Ächtler stimmte dem Hinweis zu, dass der Titel überholt sei.
Carsten Gansel warf ein, dass hinter der Nathan-Kritik der behandelten Autoren eine Kritik von Lessings Literaturbegriff stecke. Man habe Lessing vorgehalten, dass er eine normative Ästhetik und nicht die Position der Kunst-Autonomie vertreten habe.
Heinrich Kaulen warf ein, dass die Position der Kunstautonomie hier auch als normative Ästhetik instrumentalisiert wurde, obwohl sie sich gar nicht dafür eignete. Aber man habe Lessing als Vorgänger von Goethe gebraucht und deshalb eine Abwertung vorgenommen, um Goethe mehr herausstellen zu können.
Birka Siwczyk ergänzte, dass die Einordnung Lessings als bloßen »Vorläufer« ein Grundvorurteil der Forschung darstelle.
Carsten Gansel ergänzte zum Verständnis der Quellentexte, dass die Lehrer im 19. Jahrhundert keine Germanisten, sondern Altphilologen gewesen seien.
Matthias Hanke (Kamenz) gab im Anschluss einen Zwischenbericht zur Untersuchung der Lessingrezeption zwischen 1933 und 1945. Als Quellentexte erschloss er Zeitschriftenartikel, da die Schulprogrammschriften nur bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts geführt wurden. Matthias Hanke verwies darauf, dass es kaum Untersuchungen zum Zeitraum gäbe. Am Beispiel von einzelnen Texten ganz unterschiedlichen Gewichtes wies Hanke nach, dass durchgehend zwei sich widersprechende Ansätze zu verfolgen seien: man versuchte Lessing zu vereinnahmen und ihn gleichzeitig gegen kurzsichtige Ideologen zu verteidigen.
In der Diskussion verwies Carsten Gansel darauf, dass auch die Materialbasis bei der Untersuchung der Lessing-Rezeption im »Dritten« Reich bisher schwach sei. Man sollte stärker zwischen dem öffentlichen Gedächtnis und den Gesprächen in Familie und Schule unterscheiden.
Frau Monika Hernik-Młodzianowska fragte nach der Rolle von Lessing-Verfilmungen im Dritten Reich.
Matthias Hanke antwortete, dass man aus biographischen Erinnerungen wisse, dass Lehrer, obwohl Lessings »Nathan« nicht zum Schulstoff gehörte, einzelne Schüler im persönlichen Gespräch darauf hingewiesen hätten. Zudem ging er auf Lessing-Verfilmungen im Detail ein.
Manfred Beetz fragte, ob man bei der Konstatierung der widersprüchlichen Tendenzen  (Vereinnahmung/Verteidigung) stehen bleiben könne.
Herr Vorein (Rostock) fragte, ob es in den Jahren 1933 bis 1945 wirklich eine Lessing-Rezeption für den Schulbereich gegeben habe. Darauf konnte im Moment kein Teilnehmer eine befriedigende Antwort geben.
In der zusammenfassenden Diskussion am Tagungsende betonte Heinrich Kaulen, dass die aufgegriffene Problematik bislang wissenschaftlich kaum behandelt wurde. Herr Beetz fügte an, dass noch weitere Forschungsarbeit notwendig sei.
Norman Ächtler verwies darauf, dass man mit der Infragestellung der bisherigen Ergebnisse begründen könnte, dass die Schule viel heterogener funktioniert habe, differenzierter Inhalte vermittelt habe, als bisher angenommen. Die Frage sei aber, durch welche Methodologie man das Methodensystem der Forschung aus den 1970er Jahren ersetzten wolle. Auf diese Frage erhielt er keine Antwort.
Carsten Gansel verwies darauf, dass auf alle Fälle die Untersuchung über das Jahr 1945 hinausgeführt werden müsse,
Heinrich Kaulen warf ein, dass allein die Zäsur 1945 Ausdruck einer teleologischen Geschichtssicht gewesen sei.
Er würdigte den vorgestellten Neuansatz und verwies jedoch darauf, dass man nicht in das Extrem verfallen dürfe zu behaupten, dass alles ganz anders gewesen sei, als bisher dargestellt. Zudem müsse man Universität, Wissenschaft, Theater und Film in die Untersuchung einbeziehen. Gleichzeitig sei die Frage zu beantworten, wie man von den Programmschriften zur Untersuchung des tatsächlichen Schulunterrichtes komme.
Carsten Gansel erwiderte, dass die letzte durchgehende Darstellung der institutionellen Geschichte der Schule aus den 1970er Jahren stamme.
Cezary Lipinski ergänzte, dass er es für äußerst wichtig halte die Quellen zu untersuchen. Man habe doch feststellen können, dass es, trotz aller staatlichen Versuche, einen einheitlichen Unterricht und eine vereinheitlichte Schule nicht gegeben habe. Der Unterricht selbst an den Schulen ein und derselben Stadt seien unterschiedlich verlaufen. Regionale Unterschiede und die Vorlieben der Lehrer hätten eine wichtige Rolle gespielt.
Heinrich Kaulen ergänzte, dass die Bestrebungen nach Vereinheitlichungen immer von der Bürokratie ausgängen. Die Wirklichkeit sei aber komplexer gewesen als die Vorstellungen der Bürokraten. Deshalb müsse die Forschung aber bei Kenntnisnahme der Vorgaben die Suche nach den Unterschieden in den Vordergrund stellen.
Monika Hernik-Młodzianowska würdigte ebenfalls die Untersuchung der regionalen Besonderheiten.
Matthias Hanke hob hervor, dass sich die Beiträge zu einem »Mosaik« zusammengefügt hätten. Für ihn stelle sich auch die Frage: was müsse an die Stelle der Ideologiekritik gesetzt werden.
An Fragestellungen für die weitere Forschung mangelte es also nicht.

 
 

Man muss den Organisatoren der Tagung unbedingt danken. Dem Zuhörer bleibt die Arbeitsatmosphäre der Tagung im Gedächtnis. Besonders interessant ist das Wechselspiel von vorgebrachten Thesen und Fragestellungen in der Diskussion. Eine solche Tagung kann eine Vorstellung davon vermitteln, wie wissenschaftliche Kommunikation funktioniert.

1. Sicher ist die Feststellung, dass es eine einheitliche Behandlung Lessings im Schulunterricht nicht gab, und dass sowohl im deutschen Kaiserreich als auch im »Dritten« Reich gegensätzliche Tendenzen der Vereinnahmung und der Verteidigung von Lessing gleichzeitig existierten, von grundsätzlicher Bedeutung.
Interessant ist, dass mit dem diskutierten Forschungsbericht die »Besonderheit« wieder in den Mittelpunkt der Wissenschaft rückt. In der Tat gibt  es ja nur die Geschichte die vor Ort abläuft. Ohne Zweifel muss Wissenschaft abstrahieren, die Frage ist nur welche Art der Abstraktion vorherrscht. Die »vergleichende« Geschichtswissenschaft, die dem Anschein nach auch der zitierten »ideologiekritischen Richtung« zugrunde lag, versteht Begriffe im mathematischen Sinne als »Summe gemeinsamer Merkmale«, bleibt letztlich beim Vergleich stehen. Dies führt dazu, dass auch die Resultat des »Vergleiches« der Annahme eines »abstrakt Allgemeinen« ähneln. Statt eines »Vergleiches« führt eine solche Methodologie nur zur Vereinheitlichung des Blickes auf den Geschichtsprozesses. Die Ausgangsthese wird flächendeckend »bestätigt«. In unserem Falle stießen die Forscher immer wieder auf eine direkte Linie vom Nationalstaat zum »Dritten« Reich. Gerade die Besonderheit der Geschichte ist mit dieser bloß vergleichenden Geschichtswissenschaft nicht zu erfassen.
Man kann also gespannt sein, wie die Lessing-Rezeptionsforschung ihre Kritik an überlebten Positionen fortsetzt.

2. Eine weitere Frage wäre, ob der gewählte Ansatz des »kollektiven Gedächtnisses« die notwendige Tragweite besitzt. Ursprünglich von Maurice Halbwachs entwickelt, wurde dieser Ansatz vor allem von der sogenannten »Oral History« aufgenommen, die sich einst als Alternative zum etablierten Wissenschaftsbetrieb gerierte. In der alten Bundesrepublik mutierte die Position in die des »kulturellen Gedächtnisses«, und erlangte in den 1980er Jahren, mit Arbeiten zum ägyptischen Totenkult u.a. große Popularität. Vielfach wurde auf dem Wege großer Museums-Events Sinnstiftung versucht, z. T. mit Besucherzahl-Rekorden. Gleichzeitig führte diese kontemplative Position aber zu einer »Musealisierung« und zu einer Konzentration des geistigen Lebens auf Denkmäler. Die Frage ist, ob nicht gerade dieser heute vorherrschende Ansatz des kollektiven Gedächtnisses« der offiziellen Position am Ende des 19. Jahrhunderts/Anfang des 20. Jahrhunderts fatal ähnelt, wenn auch mit anderem Vorzeichen.
Um die Erbschaft unserer Zeit lebendig zu erhalten, bedarf es jedoch Anstrengungen ganz anderer Art. Unabhängig von allen kulturpolitischen und kommerziellen Erwägungen gehörte und gehört das Werk Lessings zu unserem kulturellen Erbe, ob wir das wissen oder nicht, ob wir wollen oder nicht. Eine andere Frage ist, in welchem Umfang eine Gesellschaft ihr Erbe zur Tradition auswählt, verändert und bewahrt. Dieses Bewahren durch Verändern (und umgekehrt) ist jedoch mit einem Museumsbesuch oder einem »Event« nicht vergleichbar. Herder gebrauchte hier die Metapher von Entfachung der »Glut« in der »Asche«. Um Tradition erneuern zu vermögen, muss man sich selbst in Frage stellen können. Dazu gehört Selbstbewusstsein und Risikobereitschaft. Wenn das eine Generation nicht vermag, vollzieht eine andere Generation diesen Schritt, jedoch dann oft als abstrakten Bruch oder kritiklose Affirmation. Selbst wenn eine Generation die Anstrengung nicht scheut, birgt der Prozess Risiken. Man kann auch scheitern. Die Generationenfolge, die »Goldene Kette der Generationen« (Herder), ist die entscheidende Ebene der »kulturellen Vererbung«. Politische Zäsuren sind dagegen eher drittrangig.

3. Die empirische Forschung ist eine wichtige Voraussetzung für weitere wissenschaftliche Erkenntnisse. Der eingeschlagene Weg der Lessingrezeptionsforschung kann aber nur erfolgreich sein, wenn er mit neuen Untersuchungen zu Lessings theoretischer Position ergänzt wird. Die bisherigen philosophischen Erkenntnisse der Aufklärungs-Forschung zum Verhältnis von Glauben und Vernunft reichen nicht hin, um das immanente philosophische Werk solcher Schwergewichte wie Lessing, Wieland, Herder oder Jean Paul adäquat zu begreifen. Somit fehlt ein immanenter Maßstab für die empirische-historische Untersuchung.
Johannes Eichenthal

 
 

Information
Carsten Gansel/Birka Siwczyk (Herausgeber); Gotthold Ephraim Lessings »Nathan der Weise« im Kulturraum Schule (1830–1914)
Vandenhoek & Rupprecht, Göttingen, 2009. 408 S., fester Einband, gebunden.
ISBN 978-3-89971-522-5
www.vr-unipress.de

www.lessingrezeption-kamenz.de

www.lessingmuseum.de

 
 

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Lessing in der Schule
Workshop in Kamenz
 

Die Westlausitz lag am 12. Dezember unter einer Schneedecke versteckt. Romantische Gefühle kamen bei mir trotzdem nicht auf: Der Schnee bedeckte auch die Straße. Vor Kamenz immer noch diese ärgerliche Vollsperrung. Auf Schleichwegen hinter den Einheimischen her. Dann tauchte das Ortsschild von Kamenz endlich auf. Ankunft 8.30 Uhr. Noch eine halbe Stunde Zeit. Parkplatz kein Problem. Das Lessingdenkmal und das Lessingmuseum auch verschneit. Pünktlich um 9.00 Uhr eröffnet Professor Carsten Gansel aus Gießen den zweiten Tag des Workshop zur Lessing-Rezeption im Kulturraum Schule im Zeitraum von 1800 bis 1945.

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