litterata  :  Reportagen  :  Reportagen von 2008  :  Fasziniert von der Parodie des Bösen  
Veranstaltungen
Freundeskreis
Reportagen
Mironde Verlag
      login
  E-Mail  
  Passwort  
      login
  Registrieren Sie sich hier oder bearbeiten Sie Ihr Profil
Suche  
   

1. Ins Grübeln mag man indes bei der Überschrift »Die Wohlgesinnten« kommen. Wer wem in einem solchen Buch wohlgesinnt sein soll, etwa die Täter den Opfern oder gar umgekehrt, wenn man sich Strafe, Reue und Schicksal des gescheiterten SS-Ordens vorzustellen versucht, bleibt offen. Der Titel des Buches lässt eine Rätselhaftigkeit mitlaufen, die auch durch den Schlusssatz des Romans nicht gelöst wird. Dieses Finale erscheint in dem Augenblick, als der Held in den Trümmern Berlins seine stolze Uniform wegwirft, um zu einer neuen bürgerlichen Existenz nach Frankreich aufzubrechen. Der zwielichtige Schlusssatz lautet: »Die Wohlgesinnten hatten meine Spur wieder aufgenommen.«
Aber Hand aufs Herz. Wer von uns Lesern weiß, dass mit den »Wohlgesinnten« die Eumeniden oder Erinnyen aus der griechischen Mythologie gemeint sein dürften? Bei diesen handelt es sich um Rachegöttinnen von Freveln, besonders von Bluttaten(!). In diesen Rache- oder Fluchgöttinnen mag auch das Bild der Seelen der Ermordeten aufgegangen sein, die nach Rache suchen. Littell greift zu einem Euphemismus (einer Schönrednerei), in dem er die anstößige Sache (also die Judenvernichtung) aus taktvoller Rücksichtnahme oder zur Vermeidung von Wortzauber verbirgt. Um einen solchen Wortzauber handelt es sich, wenn etwa der Teufel als »Gottseibeiuns« oder das Sterben als Hinscheiden bezeichnet wird. Ob bei dem Roman eine solche Ausdrucksweise, die eher Verwirrung stiftet, angebracht ist, dürfte des Schweißes edlen Nachdenken würdig sein.

2. In meiner Erinnerung verkörpert ein SS-Offizier als meist hochgewachsene und auch schlanke Figur Autorität und Strenge. Der Respekt war allerdings auch auf die ingeniöse schwarze Uniform und die an ihr getragenen Ordenszutaten zurückzuführen. Einem solchen Herren gegenüber, der trotz der verzweifelten Kriegslage sehr selbstbewusst auftrat und zackig mit Heil Hitler grüßte, sah ich als fünfzehnjähriger Gymnasiast im Dezember 1944 im Dresdner Rathaussaal keine Aussichten, mich seinem Ansinnen zu widersetzen, bei der SS freiwillig einzutreten. Kurzerhand hatte ich mich deshalb vor dem Termin als Reserveoffiziersbewerber beim Heer gemeldet und hielt dem verdutzten SS-Offizier meine Zulassung vor die Nase, so dass er mich von dannen ziehen lassen musste. Wie erleichtert ich war, als ich im damals noch unzerstörten Dresden wieder auf der Straße stand. Solche Gefühle im zeitgerechten Kolorit zu beschreiben, dafür halte ich nach der Lektüre seines Werkes den erst vierzigjährigen Littell mir turmhoch überlegen, obwohl er damals noch gar nicht geboren war!
Die durch ihre Freundschaft mit Martin Heidegger bekanntgewordene Philosophin Hannah Arendt, die als Jüdin rechtzeitig in die USA emigriert war, hatte sich schon in ihrem 1963 erschienenen Buch »Eichmann in Jerusalem« mit dem Problem auseinandergesetzt, dass auch einem Schergen und Schreibtischtäter der Schutzstaffel (SS) individuelle menschlich glaubwürdige Gesichtszüge nicht abgesprochen werden können, wenn man über ihn überzeugend schreiben will.
Die Ausnahmesituationen des Krieges bringen es mit sich, dass Töten in das dienstliche Leben selbst eines Schreibtischtäters eintritt, auch ihm nicht erspart bleibt. Über das, was in einem solchen Helden innerlich vorgeht, darüber hat nach meinem Eindruck Jonathan Littell wie kein anderer geschrieben.

3. Littell gibt zu Recht die Idee des starken NS- und SS-Staates auf, die sich in der Forschung lange Zeit behauptete. Seine realistischere Sichtweise hat für die Tätigkeit seines Helden unter der Regie Himmlers im Rahmen des SD (Sicherheitsdienstes des Reichsführers) die grandiose Chance, den Roman für den Leser beziehungsreich satirisch und animierend werden zu lassen. Littell geht von dem inzwischen erkannten Trugbild in dieser Kernfrage aus. Tatsächlich soll demzufolge das dritte Reich, man glaubt es kaum, kein totalitärer Staat gewesen sein, wohl aber dessen Karikatur – nämlich eine Karikatur all der Träume, Hoffnungen und Ideen, die einst die NS-Führer in den Aufbau eines totalitären Staates investiert hatten. (Heinz Höhne, Der Orden unter dem Totenkopf. Die Geschichte der SS, Basser-Tann, 1967, Neuausgabe 2008, Seite 15). Der Führerstaat, so fand auch der Historiker Buchheim, »war kein bis ins kleinste ausgeklügelter Apparat, sondern ein Gewirr von Privilegien, politischen Beziehungen, Kompetenzen und Bevollmächtigungen und schließlich ein Kampf aller gegen alle, der seinerzeit mit dem Ausdruck NS-Kampfspiele bezeichnet wurde« (Hans Buchheim, SS und Polizei im NS-Staat. Verlag der Studiengesellschaft für Zeitprobleme, Duisdorf bei Bonn, 1964, Seite 16/17).
Total war im NS-Deutschland nur der Wille Hitlers, der mit sogenannten Führer-Erlassen und Führer-Befehlen regierte. Soweit die Absichten des Führers formuliert und dekretiert wurden, besaß auch die SS absolute Macht. Auch die Tätigkeit Dr. Aues leidet darunter, dass der Führer nicht immer in den Befehlen kund tat, was er wollte, nicht jeder Lebensbereich von Führerbefehlen gedeckt war. Da das Reichskabinett nicht mehr tagte und Hitler in seinem Führerhauptquartier den Mitarbeitern immer ferner rückte, waren oft die Objekte der Führerbefehle Produkte des Zufalls. Nicht monolithische Einheit bestimmte das NS-Regime, sondern »die Anarchie der Vollmachten.«
Auf diesem Hintergrund erzielte Dr. Aue in seinen »Ressortgesprächen« auch nur Teilerfolge, als er im Auftrag Himmlers im Spätherbst 1943 zu untersuchen hatte, ob und wie man weniger Juden der Vernichtung preisgeben könnte, um sie als Arbeitskräfte für die kriegswichtigen Betriebe zu erhalten. In den Sitzungen erhält er zum Beispiel von Seiten des Rüstungsministeriums unter Speer Unterstützung, zu dem er ein persönliches Verhältnis aufbauen kann. Demgegenüber trat der berüchtigte Eichmann für den Vorrang von Sicherheit und die Vermeidung von Risiken ein.
Führte die SS nicht unmittelbar Befehle Hitlers aus, fehlte ihr Hitlers Autorität, so dass sich auch ein Himmler mit den anderen Hackordnungen des Reiches zu arrangieren hatte. In diesen Auseinandersetzungen war oft nicht entscheidend, wer der gläubigere Nationalsozialist war, sondern nur, wer die stärkere Hausmacht hatte, das größere persönliche Gewicht besaß. Es gab also keine Monopolstellung für die SS. Die SS musste sich im Gestrüpp dieser Machtkämpfe mühsam voranarbeiten, so dass sie kaum Zeit hatte, die Alleinherrschaft an sich zu reißen. Insbesondere zwei Mächte konnte sie überhaupt nicht überwältigen: Die Partei und die Wehrmacht!
Dr. Aue, der auch die KL(Konzentrationslager)-Maschinerie in Auschwitz, Lublin und an anderen Orten zu untersuchen hatte, wird sich darüber klar, dass die Juden von niemandem geschützt wurden und die SS-Stellen, die sich auf eindeutige Führer­befehle beriefen, schwer wieder davon abzubringen waren, die Vernichtungsöfen mit Blick auf die erwähnte Arbeitskraftmobilisierung abzustellen. In der abgeschlossenen Welt der KLs waren die Insassen echte Sklaven, an sich einem unrettbaren Fatum ausgeliefert. Obwohl seine Berichte von Himmler im Prinzip gutgeheißen wurden, gelang es kaum noch, der Vernichtungsorgie Einhalt zu gebieten. Es gibt nur wenig Fälle, wo die zur Vernichtung transportierten Juden in die Fabriken oder gar ins Ausland entkommen konnten.

4. Als Sinnbild für die soeben erwähnte Satire der Macht treten im Roman zwei undurchsichtige Drahtzieher und Hintergrundmentoren in Zivil auf. Zuerst ein dickleibiger Dr. Mandelbrod (dessen jüdisch klingender Name als gezielte Parodie zu betrachten ist), der an den Rollstuhl gefesselt ist und sich der stinkenden Gase, die er ständig ausstößt, nicht bewusst ist. Bei seinem äußerlich eher unscheinbar aussehenden Kompagnon Leland handelt es sich um einen gewieften Intriganten, der seine Wichtigkeit unterstreicht, indem er Dr. Mandelbrod ständig etwas ins Ohr flüstert. Die Herren erfreuen sich einer unbestimmt gelassenen hohen Wertschätzung, ja Machtstellung bei Himmler, der sie zu Rate zieht, und anderen Größen. Auch an Dr. Aues Karriere haben sie, die seine Berichte aus Stalingrad gelesen haben, mitgewirkt.
Dr. Aue war Ende April 1945 wegen eines Affronts am Führer während der allerletzten Ordensverleihung des Reiches zum Tode verurteilt worden. Hatte er doch vor ihm stehend, wegen dessen übel riechendem Atem, dem Führer in die Knollennase gebissen, bis Blut floss. Dr. Aue konnte entfliehen und fand sich im Chaos der letzten Schüsse im Büro von Dr. Mandelbrod wieder.
»Der Führer ist gescheitert«, sagte Leland kalt. »Doch der ontologische Krieg, den er begonnen hat, ist noch nicht vorbei. Wer außer Stalin könnte die Arbeit vollenden.«
Umgeben von vielen Koffern und Gepäckstücken sind die Herren auf dem Sprung zu ihren neuen Herren, den Sowjets in Moskau, und bieten Dr. Aue an, mit ihnen zu kommen. Das gescheiterte Nazireich haben sie abgeschrieben. Dr. Aue lehnt ab.

5. Die Überlebenden des schwarzen Terrors, etwa der ehemalige Buchenwaldhäftling und spätere Professor für Politologie Eugen Kogon, – sein Bestseller von 1965 trug den bezeichneten Titel »Der SS-Staat«, beschrieben wie andere auch die SS als monolithische, von einem dämonischen Willen angetriebene Organisation fanatischer Ideologen und gewissensfreier Herrschaftsfunktionäre, die allmählich alle Machtpositionen im Dritten Reich eroberte, um schließlich den SS-Staat zu errichten.
Die Romanfigur Dr. Aue unterscheidet sich in mehr als einer Weise von dem Typ dieses Herrenmenschen mit den maskenhaft verzerrten Gesichtszügen, den Fischglanzaugen und dem fehlenden Seelenleben. Dr. Aue wird als hochbegabt, feinfühlig, voller Sehnsucht nach Liebe und auch als ein Mensch sichtbar, den im Krieg und seinen Vernichtungsorgien Ängste, Verzweiflung aber auch Sehnsüchte der verschiedensten Art bewegen, zum Beispiel nach der französischen Literatur. Einmal rettet er sein völlig durchnässtes Lieblingsbuch, Gustav Flauberts »l’Education sentimentale«, das er oft mit sich trug, aus dem Wasser und versucht es zu trocknen, während er auf die Granaten ringsherum hätte achten sollen.
In bruchstückhaften Rückblicken kommt Dr. Aue mitten in seiner dienstlichen Existenz häufig auf seinen familiären Hintergrund zurück, verliert sich in Jugend­erinnerungen, der Liebe zur Zwillingsschwester, sehnt sich auch wieder nach der in Frankreich gebliebenen französischen Mutter aus dem Elsass, obwohl er sich ihr auch entfremdet glaubt. Hatte sie doch wieder geheiratet, als sein deutscher Vater die Familie unerwartet und ohne Abschied verlassen hatte. Inzwischen volljährig war Aue später nach Deutschland gezogen.
Während eines Genesungsurlaubs, veranlasst durch seine Verwundung im belagerten Stalingrad, wird der Drang unentrinnbar, die Mutter und den Stiefvater ganz kurz in Antibes/Südfrankreich zu besuchen. Seitenweise wird dieses problematische Wiedersehen beschrieben. Als Dr. Aue schon am nächsten frühen Morgen wieder abreisen muss, findet er die Eltern bestialisch ermordet in ihren Räumen auf dem Boden liegend vor. Kein Zweifel, die heimtückische Tat unbekannter Täter hatten sie nicht überlebt. Sie waren ein für alle Mal endgültig und unabänderlich tot, wie Dr. Aue in Panik feststellte. Er hatte nur noch den einen Wunsch, sich zu entfernen. Ohne jedoch Behörden zu verständigen, verlässt er in SS-Uniform das Haus. Er hat keine Schwierigkeit, aus dem unbesetzten Vichy-Frankreich mit der Bahn zum Dienst nach Berlin zurückzukehren.
Monate später wird er dort von zwei seltsamen Typen der Berliner Kriminalpolizei verhört, die von den französischen Behörden kontaktiert worden waren. Nun wird er in einen Jahre dauernden Mordverdacht hineingezogen, verhört und immer wieder von den skurril wirkenden Beamtenkarikaturen bedrängt, die auch seine Vorgesetzten informiert hatten. Letztlich hatten sie keinerlei Beweise und auch die besondere, damals bestehende SS-Gerichtsbarkeit lehnt es auf Drängen Himmlers ab, Dr. Aue weiter da hineinziehen zu lassen. Jedoch muss Dr. Aue im Laufe vieler Monate immer erneut auch nicht mehr angekündigte ärgerliche Besuche der Kriminalbeamten dulden, die ihn beispielsweise über Blutspuren an einem angeblich von ihm stammenden Hemd verhören, das die französische Kriminalpolizei gefunden habe. Eine in die Tätigkeit des Dr. Aue verwobene, ihn peinigende Fortsetzungsgeschichte, die erst am Ende des Krieges ihre grausame Lösung findet, als die bei den Kripoleute im russischen Feuerhagel des attackierten S-Bahntunnels untergehen.

6. Von der Dramatik des Krieges belastet, legt sich Dr. Aue, der Romanheld, als Mitleidender in seinen Träumen, Durchfallschüben, Ohnmachtsanfällen, Monologen immer häufiger Seelendaumenschrauben an, die ihn überwältigen und die vom Autor in immer längeren Passagen ein fast poetisches Gewand erhalten. Der Leser kann nicht umhin, durch die Sprachgewalt an dem teilzunehmen, was in der Psyche des Helden, die zu einem Inferno wird, an Angst, an gnadenloser Selbstjustiz sichtbar wird.
Als Leser werde ich mit der Figur des Dr. Aue nach und nach vertraut. Das führt dazu, dass ich seine Selbstbekenntnisse nicht nur verstehe, sondern für sie sogar Verständnis, ja Achtung aufbringe.
Meine Gefühle vermag der Autor zu einer Art Wohlwollen, ja Sympathie zu führen. Das ist seiner psychologischen Feinarbeit zu danken, die bis in die letzten Winkel der Seele eindringt. Auch in nebensächlichen Szenen verzichtet der Autor nicht auf manchmal dämonisch anmutende Tiefgründigkeit. Es ist ihm daran gelegen, die ineinander verschachtelten Triebkräfte und Motive der Handlungsgründe des Dr. Aue bloßzulegen. Versteckt sich doch der Held oft hinter Vorwänden; vor allem eine Folge seiner inneren Spannungen im Krieg. Die Falle monströser Banalität des Bösen geht mir wie im Sinne von Kafka nahe, da auch hier ein armseliges Menschenwesen ausweglos in einer von ihm als Einzelwesen gar nicht zu ändernden Situation festsitzt. Kann er doch allein mit den ihn umgebenden Mächten nicht fertig werden. Im Roman reihen sich nicht ständig explodierende Höhepunkte, Schlachten und Führerbefehle aneinander. Glaubwürdig bezieht Littell auch den wohl viel stärker als heute »genossenen« Alltag in sein magisches Schreiben ein: seine nicht immer bescheidenen Freuden, etwa die Feste, Einladungen, eine Jagdpartie in Brandenburg mit dem Rüstungsminister Speer oder auch die Liebe.
Dr. Aue als Hauptfigur würde dem Leser sicher langweilig vorkommen, wenn ihr nur Züge von Güte, Hilfsbereitschaft und Liebe verliehen würde und der unglaubwürdig gewordene Held im Inferno wie ein Heiliger aufträte. Das ist eine Binsenwahrheit der Literaturkritik.
Littell bricht demgegenüber mit der eingefahrenen, überkommenen Vorstellung, wenn er seiner SS-Gestalt positive Züge verleiht, eine Mischung, die für den Leser im Laufe des viele Seiten andauernden Vertrautseins mit dem Helden glaubwürdig und realistisch wird.
Der häufig zu hörende Vorwand, das über 1350-seitige Riesenwerk nicht zu lesen, betrifft eher vordergründig den Einwand, dass die Opfer, die Leidenden, die vom SS-Terror Verfolgten, nicht zu Wort kommen. Aus dieser Apokalypse des Todes, die mit dem Krieg einherkam, erzählt jedoch ein SS-Offizier, der 1944 noch von Himmler, der ihn schätzte, zum Obersturmbannführer befördert wurde. Hier handelt es sich bei der SS um eine hohe Position vergleichbar mit dem Range eines Oberstleutnants in der Wehrmacht.

7. Dr. Aue, Jurist, tritt schon während seines Studiums der Partei und SS bei. Hochintelligent und das heißt vor allem schreibgewandt, gerät er durch seine Berichte aus dem belagerten Stalingrad, seine Verwundung, die Rettung durch den Ausflug in der JU 52 in letzter Minute zum ersten Mal auf dem Krankenbett ins Visier des Reichsführers Heinrich Himmler, der ihn mit einem Orden und einem ekligen nassen Kuss auf die Stirn auszeichnet. Die ihm später zugewiesene Hauptaufgabe betrifft die von Himmler für notwendig erachtete Mobilisierung von arbeitsfähigen Juden aus den KLs für die Rüstungsindustrie. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion hatte der damalige SS-Obersturmführer in Lemberg, der Ukraine und im Kaukasus im Rahmen seiner Arbeit für den SD (Sicherheitsdienst des Reichsführers SS) Aktionen der Judenvernichtung, gelegentlich auch durch ukrainische Nationalisten, beobachtet und innerlich gespalten darauf regiert. Im Roman, der sich beeindruckend nachhaltig auch mit diesen Etappen seiner Laufbahn befasst, ist schon bald von den seelischen Begleitsymptomen als Reaktion auf die schrecklichen Geschehnisse die Rede, die ihn auch in Stalingrad und später in Berlin und anderswo heimsuchen.
Sein Insiderwissen, wenn notwendig auch detail- und sachgerecht, selbst über die Reaktionen höheren Ortes Bescheid zu wissen (inzwischen zugängliche Protokolle), erweist sich mehr und mehr als eine Last. In Dr. Aues Gefühlswelt spiegelt sich gebrochen die immer verzweifelter werdende Kriegssituation. Vergnügen, Saufereien in trotz der Luftangriffe noch geöffneten Nachtlokalen, psychische Attacken bleiben nicht aus. Immerhin genießen die SS-Uniform und der Hitlergruß noch erzwungene Autorität, die jedoch mit dem Niedergang des Reiches in Berlin immer mehr abnimmt.

8. Mit dem Roman »Die Wohlgesinnten« bricht dennoch ein Ärgernis zu einem Zeitpunkt über uns herein, da die Forschung zum NS- oder SS-Staat und seine Folgen heute kein aktuelles Thema mehr ist. Die nachgewachsenen Generationen in Deutschland weisen es oft von sich, sich der kollektiven Schuldfrage zu stellen, die als selbstquälerisch und nicht mehr weiterführend betrachtet wird.
Aus dieser Trägheit erweckt ein Roman, der zum ersten Mal auf einer literarischen, und das heißt viel komplexeren Ebene als die Geschichtsforschung den Anspruch erhebt, »ein detailgenaues Bild des Zweiten Weltkriegs und der Verfolgung und Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten zu geben.« Dieses Versprechen wird von dem Autor erstaunlich stimmig eingelöst.
Wer das Buch liest, sieht deutlich genug, wie, wo und in welch unterschiedlicher Stärke sich die historische Realität äußert.
Littell spannt den Bogen zu dem »Orden unter dem Totenkopf« in dialektisch anmutenden Schüben. Wie sich im Lebensweg, dem Lebensstil des Obersturmbannführers die Realität offenbart, das verdient Achtung und Beachtung. Er ist ein Mensch, kein Monster. Das dürfte mit späteren Quellen und Dokumenten zum »SS-Staat« vereinbar sein.
Die Idee des Autors ist genial. Er schildert die Welt eines SS-Offiziers nicht von außen mit ständig erhobenem Zeigefinger, sondern aus dessen eigener Sicht. Sein Erzählen mutet nüchtern, sachlich an oder endet im seelischen Vakuum. Ein Erzählen, das sich zu allen Zeiten bewährt hat. Das sieht manchmal chaotisch aus, so als ob einer unter Alkohol ohne Punkt und Komma daher schwadroniert. Da will jemand einfach etwas loswerden.
Imaginierte Realität wie Sitzungen, Gespräche, Zweifel am Sinn von Befehlen, deren teuflische Seite sichtbar wird, also auch Lamentos im Befehlsnotstand, die näherrückende Niederlage lösen einander ab. Die menschliche Verstrickung in die Ausweglosigkeit einer Situation ohne voraussehbare Regeln wird sichtbar. Dem Obersturmbannführer ist andererseits zuzutrauen, sich dienstlich geordnet,
das heißt diplomatisch oder gar kurzangebunden zu äußern. Er rückt selbstbewusst mit der Sprache heraus, wobei er sich elegant der Masken von Glaubwürdigkeit, Heuchelei oder Saloppheit bedient. Als zumindest »theoretisch« noch überzeugter Nationalsozialist hat er wenig Ängste, sich ideologisch provokant zu äußern. Seine dienstlichen Rücksprachen bei dem Reichsführer Himmler, dessen Vertrauen er genießt, sind eher eine Sache angemessener Manieren. Offener Widerspruch gegenüber einem Halbgott ist (wie heute auch) nicht angebracht, vom Vorgehen her falsch. Er artikuliert sich entsprechend. Andererseits bekundet der Reichsführer sogar schulterklopfend seine Anerkennung.
Das durch Dr. Aue wiedergegebene Bild des zweiten Weltkrieges setzt sich einmal aus flüchtigen Tageseindrücken zusammen. Diese Nacht ist etwa auch das Regierungsviertel in Berlin wieder einmal von einem Luftangriff heimgesucht worden. Wie reagiert ein »Betroffener« darauf, dieser Frage geht der Autor erstaunlich feinfühlig und anteilnehmend nach. Dank Aues hoher Denkgeschwindigkeit sind jedoch seine längerfristigen Betrachtungshorizonte den Konkurrenten meist überlegen.
Das Modell Dr. Aue versetzt den Leser mehr als es ein flüchtiger Film vermöchte in die damalige Wirklichkeit. Es macht die Faszination des Romanes aus, dass die Realität »Zweiter Weltkrieg« von uns heute nicht mehr geahnte Blickwinkel und Sichtweisen annimmt: Mal ist sie hautnah präsent, mal bleibt sie unter einem »Mantel von Illusionen« verborgen. Wie er sich in dieses Geschehen hineinziehen lässt, das bestimmt der Leser selbst. Kann er doch werten, atemlos schmökern, überfliegen, monatelang liegen lassen oder sein Kopfschütteln in eingebildeter Besserwisserei zum Besten geben.
Günter Johne


Information

Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten, 2008 Berlin-Verlag
ISBN 9783827007384
www.berlinverlag.de
www.diewohlgesinnten.de

Die Originalausgabe erschien 2006 unter dem Titel »Les Bienveillantes«, Edition Gallimard, Paris.

 
 

Copyright © 2009 Mironde Verlag.
Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Die Nachrichten sind nur für die persönliche Information bestimmt. Jede weitergehende Verwendung ist untersagt.

Fasziniert von der Parodie des Bösen
Zu Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten
 

Mit schwarzer Satire tritt der neue Roman des Franzosen Jonathan Littell »Die Wohlgesinnten« gegen die Versteinerung unserer Klischees über den zweiten Weltkrieg auf.
Die unerschöpfliche Vitalität und sinnliche Intelligenz des jungen SS-Obersturmbannführers Dr. Maximilian Aue, der zentralen Hauptfigur, haben die »Wohlgesinnten« zu einem groß angelegten und sogar geschichtsphilosophischem Roman werden lassen, der uns alle angeht. Obwohl der Autor die Judenvernichtung im zweiten Weltkrieg und die damit verbundene Verstrickung von Deutschen, hauptsächlich den SS-Tätern, zum Gegenstand hat, vermag er die ernste Sache des Krieges auch bis ins Komische zu ziehen. Die freie Form des Romans ist beispiellos geeignet, damaligen Abgöttern und Leittypen einen satirischen Abgesang zu gewähren.

Artikel versenden
Artikel drucken
Mapsite
litterata