litterata  :  Reportagen  :  Reportagen von 2008  :  Samuel P. Huntington (1927-2008)  
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Obwohl es selbstverständlich ist, möchten wir an dieser Stelle darauf verweisen, dass es uns hier um den Text, ausschließlich um den Text des Buches »The Clash of Civilizations« geht. Die Lebensumstände des Harvard-Professors, seine politischen Überzeugungen, seine Tätigkeit als Sicherheitsberater usw. dagegen sind aus unserer Sicht dafür nicht von Bedeutung.
Leider wird von vieldiskutierten Büchern schon nach kurzer Zeit nur noch der Titel zur Kenntnis genommen. Neu ist heute, dass selbst Wissenschaftler und Journalisten dieser Tendenz verfallen. Nur so ist es zu erklären, dass Arno Widmann in der Frankfurter Rundschau vom 28.12.08 allen Ernstes behaupten konnte, dass die Thesen Huntingtons mit dem 11.09.01 zur Handlungsanleitung für die Kriegspolitik der Bush-Administration geworden sei.
Alan Posener würdigte am 27.12.08 in der Welt Huntington beispielhaft sachlich, bewertet ihn aber letztlich als »Untergangspropheten«.
Georg-Paul Hefty feierte Huntington am 27.12.08 in der FAZ als »Wiederentdecker der Religion« in der Weltpolitik. Das ist sicher nicht falsch. Aber selbst im Kalten Krieg erfolgte immer auch die ideologische Instrumentalisierung der Religion. Für Huntington war Religion das Wesen von Kultur.
Barbara Petsch bescheinigte Huntington in der Wiener Zeitung »Die Presse« am 28.12.08, dass seine These von der Rolle der Kultur »wahr« sei, setzt aber Kultur mit »emotionalen Grundstimmungen, Tradition und Irrationalem« gleich.
Christian Geyer behauptet in der FAZ vom 30.12.08, dass Huntington, selbst von seinen eigenen Thesen Abstand genommen habe.
Thomas Steinfeld legte in der Süddeutschen den bislang gründlichsten Versuch vor, das Buch Huntingtons zu verstehen. Er stilisiert Huntington jedoch einerseits zum »Seher von Weltruf«, und wertet das »Prognostische« in dessen Buch andererseits jedoch als »Propaganda«. Der Artikel endet mit der Zwischenüberschrift »Denken ohne Rückkopplung«. Damit wird uns auch die Überschrift »Der Parteiliche« erklärbar.
Man muss also konstatieren, dass sich der Medienbetrieb treu geblieben ist. Wer einmal einen Blick in Huntingtons Buch warf, der muss sich angesichts der Nachruf-Texte verwundert die Augen reiben. Huntington schränkt im Vorwort ein, dass er kein sozialwissenschaftliches Werk vorlege. Er unterbreite einen Vorschlag, ein Paradigma, um die Weltpolitik nüchtern zu analysieren. Er wolle nicht alles und jedes erklären, sondern eine globale Perspektive ermöglichen.
Um die Zielstellung zu erfüllen, legt Huntington seine Ausgangsthesen offen: die Welt ist multipolar und multikulturell geworden. Das globale Machtgleichgewicht verschiebt sich zu Ungunsten des Westens. Es ist eine auf kulturellen Werten basierende Weltordnung im Entstehen. Die universalistischen Ansprüche brächten den Westen zunehmend in Konflikte. Das Überleben des Westens hänge davon ab, dass man sich damit abfände, dass die westliche Kultur einzigartig, aber nicht universell sei. Und als Fazit: »Ein weltweiter Kampf der Kulturen kann nur vermieden werden, wenn die Mächtigen dieser Welt eine globale Politik akzeptieren und aufrechterhalten, die unterschiedliche kulturelle Wertvorstellungen berücksichtigt.«
Von der Pose eines »Sehers von Weltgeltung oder eines »Untergangspropheten« findet sich bei Huntington keine Spur.
Huntington polemisierte gegen das Konzept vom »Ende der Geschichte«. Der Mitarbeiter des US-Außenministeriums Francis Fukuyama hatte in »prophetischer Vorwegnahme« bereits im Frühsommer 1989 (!) in einem Zeitschriftenartikel den »Sieg der liberalen Demokratie« im Kalten Krieg verkündet. Im Hegelschen Duktus meinte er, dass es noch Entwicklung geben werde, aber keine Geschichte.
Huntington polemisierte gegen diesen Ansatz, der die US-Strategie des Kalten Krieges einfach fortsetzte, weil diese unter veränderten Bedingungen aus seiner Sicht zu verhängnisvollen Folgen führe. Er verglich Fukuyamas Position mit einer »Fata Morgana der Unsterblichkeit«, wie Arnold Toynbee solches Denken genannt habe. In der Wirklichkeit hätten solche Träume meist schon bald abrupt geendet.
Zur Erinnerung: Samuel Huntington kritisierte die dominierende Strategie seines Vaterlandes, in einer Zeit des Sieges im Kalten Krieg, in einer Zeit, da sich der Rest der US-Elite in einem Zustand der trunkenen Euphorie befand. Aus Verantwortung für sein Land verwies Huntington darauf, dass die simple Fortschreibung einer einmal erfolgreichen Politik in die Katastrophe führt.
Das Besondere dieser Kritik bestand darin, dass er die neokonservativen/neoliberalen Denkansätze von einem liberal-konservativen Ansatz her kritisierte.
Manchen Kritiker störte allein dieser Umstand. Dabei verfuhr Huntington vorbildlich. Man kann eine Denkströmung nur an ihren eigenen Zielen messen. Wenn Thomas Steinfeld diese Haltung »parteilich« nennt, so offenbart er seine eigenen vefehlten Kritik-Maßstäbe. Aber eine Kritik, die eine Denkströmung nicht an deren eigenen Maßstäben misst, die ist wertlos.
In zahlreichen Anmerkungen belegte Huntington seine These mit Details des Krieges gegen die Republik Jugoslawien, den die Clinton-Administration begann. Huntington versuchte auch mit Tageszeitungsartikeln, mindestens einer erschien in der Süddeutschen, auf die verheerenden Folgen dieser Art von Politik und von Kriegführung hinzuweisen.
Selbst die schärfsten Kritiker stimmten mit Huntington in der politischen Analyse der Weltpolitik nahezu überein. Die Differenzen fanden sich vorwiegend auf philosophischem Gebiet. Ohne Zweifel ist der Kulturbegriff bei Huntington abstrakt und einseitig. Man sollte jedoch bedenken, dass es bis heute in der Wissenschaft keinen allgemein anerkannten Kulturbegriff gibt. Die westliche Wissenschaft hat sich »ausdifferenziert«, und den Überblick über sich selbst verloren.
Fairerweise muss man darauf verweisen, dass in der Politikwissenschaft des Westens bis zu Huntington der Kulturbegriff keine Rolle mehr gespielt hatte. Es herrschten die sogenannten »Analytiker« vor, die ihre Analysen in Zahlen gebracht hatten. Dies ermöglicht Politikern »objektive« Entscheidungen, ohne die Probleme zu kennen. (Etwa so, wie die Präsidenten-Figur im neuen Simpsons-Film.) Wenn also in der Politikwissenschaft seither wieder über Kultur nachgedacht wird, so ist das auch ein Verdienst von Huntington.
In einem wichtigen Aspekt lag Huntington jedoch richtig: Die Kultur des Westens ist eine besondere Kultur, wie alle anderen, jedoch keine universale. Im Jahre 2004 stellte der damalige Kardinal Ratzinger in einer Diskussion mit dem einstigen Star-Philosophen Jürgen Habermas diesen Punkt klar. Diese Einsicht ist vielen linksliberalen Intellektuellen bis heute nur schwer erträglich. Keiner von ihnen kam auf die Idee bei dem Annales-Historiker Fernand Braudel nachzuschlagen, von dem Huntington offensichtlich den Ausdruck »clash of civilizations«, den dieser für das Vordringen der Europäer in Amerika um 1500 gebrauchte, übernommen hat.
Insgesamt kann man Huntingtons Buch schon mit Oswald Spenglers »Untergang des Abendlandes« vergleichen. Henning Ritter nannte Huntington in der FAZ seinerzeit auch den »amerikanischen Spengler«. Im Nachhinein wissen wir, dass auch Thomas Mann, Hermann Hesse, Theodor Adorno, Ernst Bloch u.a. die Gedanken Spenglers als Anregung schätzten. Spengler versuchte seinerzeit vergeblich dem Publikum zu erklären, dass der »Untergang« nicht wie bei der Titanic zu verstehen sei.
Auch Huntington verweist darauf, dass der Niedergang des Westens um 1900 begann, dass es nur der Verlust der Dominanz in der Welt sei, und sich im Normalfall über 300 Jahre hinziehe. Er fügt aber an, dass dieser Prozess schneller vor sich gehen könne, wenn der Westen weiterhin überlebten Politik-Ansätzen folge.
Zusammenfassend kann man Huntingtons Buch also eine Ausnahmerolle zubilligen.
In seinem Hauptanliegen scheiterte Huntington jedoch: er vermocht nicht die Bush-Administration davon zu überzeugen, dass die Welt multikulturell und multipolar ist. Statt dessen folgte die Politik dem völlig überlebten Imperium-Konzept von Zbigniew Brzezinski, das unter dem Titel »Die einzige Weltmacht« auch in deutscher Sprache veröffentlicht wurde. Selbst heute, wo das Scheitern des »Imperiums« offensichtlich ist, noch ehe es eigentlich in die Existenz trat, vermögen führende Publizisten kaum zu erkennen, dass Huntingtons Buch ein alternativer Strategie-Vorschlag war. Mit wenigen Federstrichen hätte man daraus ein Strategiepapier machen können. Als Titel hätte sich »Der Streit der Kulturen und unsere gemeinsame Sicherheit« angeboten.
Es war vielleicht der größte Fehler von Huntington, dass er in seinem Buch versuchte, sich auf das Denkniveau heutiger Berufspolitiker herab zu begeben. Wissenschaft darf aber keine Rücksicht auf Beschränktheit und Befangenheit nehmen. Die Lage unserer Welt ist zu ernst für solch vergebliche Bemühungen.
Johannes Eichenthal


Information
Samuel P. Huntington: The Clash of Civilizations. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. Europaverlag München-Wien 1996
ISBN 3-203-78001-1

 
 

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Samuel P. Huntington (1927-2008)
Zur Erinnerung an den Autor von »The Clash of Civilizations«
 

Am 24. Dezember 2008 verstarb der Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington. Sein 1996 veröffentlichtes Buch mit dem Originaltitel »The Clash of Civilizations« wurde in 39 Sprachen übersetzt. Der Buchtitel wurde zum Medienschlagwort. Die Zahl der Artikel und Bücher, die sich mit Huntingtons Buch auseinandersetzen, war schon 1997 kaum noch überschaubar. Man könnte glauben, dass Huntington einen fruchtbaren wissenschaftlichen Diskurs initiierte. In Wirklichkeit überwiegen aber abstrakte Verrisse oder falsche Vereinnahmungsversuche. Differenzierte Auseinandersetzungen mit Huntingtons Buchtext, so Ulrich Menzel, findet man kaum. Selbst in den Nachrufen setzt sich diese Tendenz fort.

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