litterata  :  Reportagen  :  Reportagen von 2008  :  Die anmutige Rebellin  
Veranstaltungen
Freundeskreis
Reportagen
Mironde Verlag
      login
  E-Mail  
  Passwort  
      login
  Registrieren Sie sich hier oder bearbeiten Sie Ihr Profil
Suche  
   

Jugend im Norden
Gunna Wendt widmet sich dem Leben ihrer Heldin mit großer Detailkenntnis. Die Geburtsstadt Husum und die Kindheit der Franziska werden mit Einfühlungsvermögen geschildert. Der Vater, der bei der Geburt Franziskas bereits 47 Jahre alt ist, verfügt dem Anschein nach nicht über eigenen Grundbesitz. Obwohl er von Zeitzeugen als eigenständiger Geist, der Wichtigtuerei und Karrierismus mit ironischer Distanz gegenübersteht, geschildert wird, kommt es bald zu Spannungen mit seiner jüngsten Tochter. Auch die Mutter, vom Nachbarn Theodor Storm als gebildete Frau geschildert, vermag dem erwachenden Selbstbewusstsein der kleinen Franziska nur überkommene, traditionelle Erziehungsmethoden entgegenzusetzen. Gunna Wendt schildert eine Episode zu Franziskas sechstem Geburtstag. Aus irgendeinem Grund glaubt Franziska, dass sie an diesem Tag zum »Jungen« werde. Sie beschaffte sich heimlich Hose und Hemd eines Bruders. Die Familie ist schockiert. Franziska fühlt sich unverstanden.
Dieses Situation setzt sich in verschiedenen Variationen über einige Jahre fort. Franziska unternimmt Ausbruchsversuche. Zigeuner, Artisten, Zirkus und Jahrmarkt ziehen sie magisch an. Die Familie schickt sie in ein Adelsstift im thüringischen Altenburg. Aber die Konfrontation mit dem überlebten Erziehungskonzept, die permanenten Versuche zur Erzeugung schlechten Gewissens, verordnete Selbstkasteiungen usw. drängten die qualitativ hochwertige Vermittlung von Wissen in den Hintergrund und führten bereits nach einem Schuljahr zur Rückkehr Franziskas nach Husum. In Ihrer Überforderung schickten die Eltern die jüngste Tochter zu Verwandten aufs Land. Dort lernte sie jedoch mit Fräulein Heine erstmals eine Frau kennen, die als Malerin und Bildhauerin in München und Paris lebte, der sie nacheifern wollte.
1893 verstirbt der Vater und Franziska gerät in eine persönliche Krise. Damit wird aber offenbar, dass die permanente Kritik am Vater, den sie nur »den Greis« nannte, auch eine Form der Bindung gewesen war. Am Ende wird deutlich, dass Franziska vielleicht vom Vater mehr an Habitus übernommen hatte, als ihr bewusst war.

 
 

Flucht in den Süden
Die Krise löst Franziska, die sich ein Studium an einem Lehrerseminar erkämpft hatte, durch eine Reise nach München. Sie wurde Schülerin an der Malschule von Anton Ažbé in Schwabing und lernte die dortige Boheme kennen. Ohne Zweifel beeindruckte die Ausstrahlung unserer Heldin eine große Schar von Männern in Schwabing. Die Reventlow wurde Teil der Künstlerszene. Dabei bewahrte sie sich jedoch immer eine gewisse kritische Distanz zur Szene, gab ihr Rebellentum nicht auf, wie ihr Vater. Diese Distanziertheit verhinderte zwar nicht, dass sie einigen Guru-Machos von Schwabing auf den Leim ging, aber die Distanz ermöglichte die schriftstellerische Darstellung jener kulturellen Szene, die sich in Schwabing zusammenfand. Allerdings zahlte die Reventlow einen hohen Preis für ihre Zeitzeugenschaft. In einer Zeit, in der die selbständige berufliche Existenz einer Frau noch kaum möglich war, in der wilde Ehen verrufen waren, versuchte sie genau dies zu leben. Das war nicht ohne Erniedrigungen möglich. Teilweise verkauft sie sich als Prostituierte, und versucht dieser Tätigkeit noch eine höhere kulturelle Weihe zu geben. Immer wieder neue Affären, Trennungen, Enttäuschungen, Abtreibungen, Fehlgeburten und Erkrankungen nimmt sie in Kauf, nur um freizukommen. Sie stirbt am 26. Juli 1918 und hinterlässt ein umfangreiches schriftstellerisches Werk.

 
 

Gunna Wendt gelingt mit der Biographie eine gut lesbare Einführung in das Werk der Reventlow. Dem Anschein nach ist die Heldin eine Personifizierung jener Jugendrevolte, die sich um die Jahrhundertwende formierte. Das deutsche Kaiserreich war von einem technisch-technologischen Entwicklungsschub ohne Beispiel dominiert, aber die politische Elite zeigte sich dieser Entwicklung nicht gewachsen. Das deutsche Bürgertum verzichtete auf die Forderung nach einer demokratischen Republik zu Gunsten von schnödem Mammon. Der Kaiser flüchtete zunächst in überlebtes Denken und dann in einen Weltkrieg.
Die Unfähigkeit zu wirklichen Reformen der Alten und Etablierten provozierte die Radikalität der Jugendproteste. Im Leben der Reventlow wird auch die Gefahr dieser Radikalität deutlich: der Kampf um Emanzipation der Frau droht am Ende in ihr Gegenteil umzuschlagen, wenn er nur auf die Übernahme »typisch männlicher« Verhaltensmuster zielt. Aber die Reventlow und viele herausragende Vertreter ihrer Generation haben versucht freizukommen. Das ist der Punkt. Karrieristen, Mitläufer und Durchschnittsmenschen aller Couleur warfen der Jugend später solche Rebellionen vor. Aber wie sprayte man es 1968 an die Pariser Wände: Seit Realisten, fordert Unmögliches! Ohne die periodisch wiederkehrenden Rebellionen der Jugend würde sich im Leben nicht einmal notwendige Neuerungen durchsetzen. Der Durchschnittsmensch sieht das sicher ganz anders, gerade weil solche Leute gern nachträglich durch die Breschen spazieren, die andere geschlagen haben.
Gunna Wendt ist ein interessantes Buch gelungen. Der Leser erhält einen individuellen Einblick in eine interessante Zeit und sieht sein Interesse für das schriftstellerische Werk der Reventlow geweckt. Auch eine Reise nach Husum kann man erwägen, um das Werk der Reventlow besser zu verstehen.
Johannes Eichenthal

 
 

Foto: Theodor-Storm-Denkmal im Schlosspark Husum

Information

Gunna Wendt: Franziska zu Reventlow. Die anmutige Rebellin. Aufbau Verlag Berlin, 2008. ISBN 978-3-351-02660-8
www.aufbau-verlag.de
www.husum.de


Auszug aus den Literaturhinweisen

Werke der Franziska zu Reventlow:
Der Geldkomplex, München 1916 (Neuausgabe Berlin 2002)
Ellen Olestjerne, München 1903 (Neuausgabe in der Edition Monacensia 2002)
Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil. München 1913.
Von Paul zu Pedro. Amouresken. München 1912 (Neuausgabe unter dem Titel »Amouresken. Von Paul zu Pedro«. München 1994).
Romane. Hrsg. von Else Reventlow. München/Wien 1976
Sämtliche Werke in fünf Bänden. Hrsg. von Michael Schardt u.a., Oldenburg 2004.
Band 1: Ellen Olestjerne. Von Paul zu Pedro. Hrsg. und mit einem Nachwort von Karin Tebben.
Band 2: Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil. Der Geldkomplex. Der Selbstmordverein. Hrsg. und mit einem Nachwort von Andreas Thomasberger.
Band 3: Tagebücher 1886 bis 1910. Hrsg. und mit einem Nachwort von Brigitta Kubitschek.
Band 4: Briefe 1890 bis 1917. Hrsg. und mit einem Nachwort von Martin M. Langner.
Band 5: Gedichte, Skizzen, Novellen, Kritisches, Schwabinger Beobachter, Übersetzung. Hrsg. und mit einem Nachwort von Baal Müller.
Jugendbriefe. Hrsg. von Heike Gfrereis. Stuttgart 1994.
Reventlow, Franziska Gräfin zu; Suchocki, Bohdan von: Wir üben uns jetzt wie Esel schreien. Briefwechsel 1903–1909. Hrsg. von Irene Weiser, Detlef Seydel, Jürgen Gutsch. Passau 2004.
Briefe Franziskas zu Reventlows im Nachlass Anna Magnussen-Petersen. Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek, Kiel.
»Wir sehen uns ins Auge, das Leben und ich«. Tagebücher 1895 bis 1910. Hrsg. von Irene Weiser und Jürgen Gutsch. Passau 2006.

 
 

Copyright © 2009 Mironde Verlag.
Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Die Nachrichten sind nur für die persönliche Information bestimmt. Jede weitergehende Verwendung ist untersagt.

Glauben Sie mir, die Boheme kriegt jeder einmal satt
Die anmutige Rebellin Franziska zu Reventlow
 

Die Stadt Husum in der Weite Schleswig-Holsteins wird ohne Zweifel von seinem Hafen und den Schiffen dominiert. Die Nordsee, in ihrer beständigen Veränderung, gewährt uns einen Eindruck von Ferne und Unendlichkeit.
Wenn wir aber Hafen und Markt hinter uns lassen, so kommen wir in wenigen Minuten zu einer alten Wasserburg, dem Husumer Schloss. Hier wurde am 18. Mai 1871 Franziska Gräfin zu Reventlow, als Tochter von Emilie Gräfin zu Reventlow, geb. Gräfin zu Rantzau (1834–1903), und Ludwig Graf zu Reventlow (1824–1893) geboren. Das Husumer Schloss war der Dienstsitz des Vaters, der seinerzeit als Landrat amtierte.
Gunna Wendt legte in diesem Jahr eine Biographie der Franziska zu Reventlow vor.

Foto: Schloss Husum

Artikel versenden
Artikel drucken
Mapsite
litterata