litterata  :  Reportagen  :  Diskussion im Kirchgemeindehaus  
Veranstaltungen
Freundeskreis
Reportagen
Mironde Verlag
      login
  E-Mail  
  Passwort  
      login
  Registrieren Sie sich hier oder bearbeiten Sie Ihr Profil
Suche  
   

Foto: Pfarrer Werner

Zunächst erhielt der Herausgeber des Dokumentationsbandes Dr. Andreas Eichler das Wort. Dieser erinnerte daran, dass der Geschichtskreis des Heimatvereines Niederfrohna, dieser umfasst eine Diskussionsrunde von etwa 25 Heimat- und Geschichtsvereinen, seit Jahren die Sozialgeschichte der Region in der Zeit von 1939 bis 1960 untersucht. Die Thematik sei insgesamt von ideologischen Diskursen überlagert. Bei der heute zur Diskussion stehenden Thematik sei diese in höchstem Maße der Fall. Man müsse die Problematik zunächst unter den ideologischen Diskursen freilegen, eine Art Archäologie betreiben (Michel Foucault). Aus diesem Grunde unterscheide der Geschichtskreis zwischen einer wissenschaftlichen Untersuchung und Sinnstiftung. Wissenschaft könne einen nüchterne Analyse leisten, aber keinen Sinn stiften. Den Historiker könne man eher mit einem Arzt vergleichen, die Wissenschaft mit einem Seziermesser. Dies sei für eine Operation sehr wichtig, bei unsachgemäßer Handhabung könne man aber auch Menschen verletzten. Deshalb habe sich der Geschichtskreis darauf geeinigt, dass das wissenschaftliche Ziel der Untersuchung im besten Falle die Dokumentation dessen sein könne, was geschehen ist. Dies bedeute einerseits Dokumentation von Ereignissen und andererseits Dokumentation der Erinnerungen, Gefühle, Wünsche und Illusionen der beteiligten Menschen. Neben einem großen analytischen Artikel finden sich im Diskussionsband deshalb zahlreiche Interviews und Erinnerungen von Zeitzeugen. Damit, so Eichler, habe man einen Zugang zur Geschichte, wie sie vor Ort abgelaufen sei. Etablierte Historiker erhöben Einwände gegen Zeitzeugen. Sicher könne man mit Christa Wolf sagen: »So wie wir uns erinnern, so ist es nicht gewesen.« – Aber das gehe allen Menschen so. Letztlich werde aber Geschichte von den Millionen einzelnen Menschen gemacht. Evakuierung, Flucht und Vertreibung hätten am Ende des Zweiten Weltkrieges mehr als 14 Millionen Menschen betroffen. Eine Geschichtsschreibung, die auf der Höhe der Zeit sein wolle, könne ohne Zeitzeugen nicht mehr antreten.
Die bloß »vergleichende« historische Forschung, die in der Regel nur einen vereinheitlichten Maßstab, ein abstraktes Allgemeines, auf die unterschiedlichen Prozesse auftrage, und nach Wiederholungen von Ähnlichkeiten suche, verfehle ebenfalls ihr Ziel. Geschichte verlaufe nur so, wie sie vor Ort ablaufe. In jedem Dorf sei dies anders gewesen. In jeder Straße einer Stadt anders.
An dieser Stelle brachte Eichler in anderen Vorträgen immer sein Lieblingszitat: »Die Geschichte lehrt uns, dass Völker und Regierungen aus der Geschichte nichts gelernt haben« (Hegel). Diesmal verwies er nicht einmal darauf, dass dafür ausschließlich die abstrakte Suche nach Ähnlichkeiten verantwortlich sei. Wissenschaft, die auch Wissenschaft sein wolle, müsse über den Vergleich hinausgehen, und nach den Besonderheiten eines Prozesses fragen, weil sich Geschichte zwar wiederhole, immer aber auf besondere, nie auf gleiche Weise.
Aber Eichler bekam dann wenigstens den Bogen heraus: Wenn man diese Selbstbeschränkung der Wissenschaft durchhalte, dann könne man auch die ethische Zielstellung der historischen Untersuchung anerkennen. Wie üblich brachte er dann, dass vor einigen Jahren Chester Eliot, ein Veteran der IV. US-Panzer-Division, der am 14. April 1945 in Rochlitz schwerst verwundet worden war, bei einer Diskussionsveranstaltung in Rochlitz gesagt habe: Völkerverständigung sei schön und gut, aber viel wichtiger sei es, dass sich die Menschen verstehen lernen!
Diese Haltung, so Eichler, sei auch das außerwissenschafliche Ziel des Geschichtskreises.
Er hätte hier auch Kant zitieren können: »Man muss das Wissen einschränken, um dem Glauben Platz zu machen«, aber er mag den Kant ja nicht besonders. Naja.

 
 

Foto: Moderator Konrad Vogel und eine Zeitzeugin

Der evangelische Pfarrer im Ruhestand Günter M. Braun, der einen Beitrag im Dokumentationsband veröffentlichte, und der für diese Diskussion aus Hannover anreiste, fesselte die Gäste mit seinem Vortrag. Eine Gelbsucht-Erkrankung rettete ihn, im Unterschied zu seinen ebenfalls 14/15-jährigen Klassenkameraden vor dem Einsatz im »letzten Aufgebot«. Keiner seiner Kameraden überlebte. Günter Braun kam nach abenteuerlicher Flucht schließlich in Wittgensdorf bei Burgstädt an. Von 1945 bis 1951 besuchte er hier die Oberschule. Später musste er in die Bundesrepublik flüchten.
Das Credo seines Lebens bestehe im Einsatz für die Versöhnung. Man müsse den Kreis von Hass-Leid-Hass durchbrechen. Deshalb müsse man deutlich machen, dass alles Leid, was durch Krieg und Gewalt hervorgebracht werde, Leid sei. Kein Leid könne gerechtfertigt werden, etwa mit dem Verweis darauf, dass »die Anderen« angefangen hätten. Es gäbe keinen Unterschied zwischen den Tränen einer französischen, einer polnischen oder einer deutschen Mutter.
In seiner Geburtsstadt Lötzen/Gizycko habe ihm die Bürgermeisterin ein Buch überreicht, in der die Geschichte der Stadt vom 19. Jahrhundert bis 1945 dargestellt sei. Die Bildunterschriften seien polnisch und deutsch gehalten. Ähnliche Erfahrungen habe er in Frankreich und Schottland gemacht. Die europäische Einigung sei, so Pfarrer Braun, eine Möglichkeit der Versöhnung der Menschen miteinander. Diese Möglichkeit gelte es zu nutzen. Dieser Versöhnung widme er seine gesamte Kraft. Die Grundlage für die Versöhnung sei eine wissenschaftlich-nüchterne Untersuchung. Aber gleichzeitig bedürfe dieser Prozess auch der Hoffnung, des Glaubens.
Weitere Zeitzeugen gaben hier zu Protokoll, dass die Versöhnung mit den Menschen, die heute in ihren Geburtsorten in Polen oder in Ungarn lebten, durchaus geglückt sei. Die gegenteilige Darstellung in den großen Medien und in der Politik hätten nichts mit der Wirklichkeit zu tun.

 
 

Foto: Pfarrer Günter M. Braun

Gerhard Birk, ein promovierter Historiker, der den Einleitungsartikel des Dokumentationsbandes verfasste, sollte am Ende der Diskussion eigentlich aus seinem Erzählungsband »Von der Katzbach bis an den Main« lesen. Die Diskussion hatte ihn aber emotional so aufgewühlt, dass er ein flammendes Plädoyer für Erinnerung und Versöhnung hielt. Traurig sei er darüber, dass keine Jugendlichen den Weg zur Abendveranstaltungen gefunden hatten. Die Erinnerung sei aber notwendig, um aus den alten Kreisläufen von Hass und Leid auszubrechen. Millionen Menschen seien in der Gegenwart irgendwo auf der Erde auf der Flucht.
Pfarrer Werner dankte am Ende allen, die sich aktiv an diesem Diskussionsabend im Kirchgemeindehaus beteiligt hatten.
Johannes Eichenthal

 
 

Foto: Gerhard Birk

Information

Von der Memel bis an die Mulde. Die Ankunft der Evakuierten, Flüchtlinge und Vertriebenen in der Region, während und nach dem zweiten Weltkrieg. ISBN 978-3-937654-32-4

Gerhard Birk: Von der Katzbach bis an den Main. Eine Erzählung. ISBN 978-3-937654-33-1

 
 

Copyright © 2009 Mironde Verlag.
Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Die Nachrichten sind nur für die persönliche Information bestimmt. Jede weitergehende Verwendung ist untersagt.

Diskussion im Kirchgemeindehaus
Vertreibung, Ankunft und Versöhnung
 

Der Abend des 26. März wurde von kaltem Wind und Regenschauern beherrscht. Dennoch kamen viele interessierte, vorwiegend ältere Besucher in das Burgstädter Kirchgemeindehaus. Pfarrer Werner, eigentlich im sogenannten Ruhestand, eröffnete im Namen des Fördervereines Kirchgemeindehaus e.V. die abendliche Runde. Moderator Konrad Vogel verwies auf die geplante Vorstellung des Diskussionsbandes »Von der Memel bis an die Mulde. Die Ankunft der Evakuierten, Flüchtlinge und Vertriebenen in der Region, während und nach dem zweiten Weltkrieg.« Zu diesem Zwecke seien Herausgeber, Autoren und Zeitzeugen eingeladen worden.

Artikel versenden
Artikel drucken
Mapsite
litterata