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Zunächst war es außerordentlich schwierig die Arbeiten von Klaus Hirsch überhaupt zu Gesicht zu bekommen. Erst nach und nach wurden die Arbeiten des Künstlers den Besuchern überhaupt sichtbar.

 
 

Handwerkliche Gediegenheit und ein fast britisches Understatement sind die Markenzeichen von Klaus Hirsch.

 
 

Am Ende, nachdem der große Ansturm über die kleine Galerie gegangen war, verabschiedet der sichtlich zufriedene Künstler Klaus Hirsch (re.) seinen Laudator Matthias Zwarg (li.). In der Bildmitte der Maler und Graphiker Joseph Wetzel.
Johannes Eichenthal

 
 

Dokumentation der Eröffnungsrede von Matthias Zwarg

Für Klaus Hirsch
 
Galerie Laterne: Zeichnungen und Lithographien
 
Franz Fühmann hat einmal gesagt, ein Gedicht müsse vor allem eins sein: dicht. Es soll nichts Überflüssiges enthalten, soll sich auf das Wesentliche konzentrieren, auf das, was dem Dichter am Herzen liegt. Das gilt für jede Kunst.
 
So sind die Zeichnungen und Lithographien von Klaus Hirsch, die wir ab heute in der Galerie Laterne sehen dürfen – viele davon zum ersten Mal in einer öffentlichen Ausstellung.
 
Dass sie so »dicht«, »verdichtet« und auch dichterisch, poetisch wirken, liegt nicht daran, dass in ihnen das Schwarz dominiert, dass dunkle Flächen den Blättern Halt und Tiefe geben – es liegt vielmehr daran, dass Klaus Hirsch sich in ihnen auf das konzentriert, was ihn am meisten interessiert, was ihm am wichtigsten ist: der Mensch. Das mag fast banal klingen und irgendwie selbstverständlich sein – zumal ja letztlich jede Kunst für Menschen gemacht ist. In Wahrheit aber ist dies gar nicht banal, sondern eine tägliche Herausforderung – nicht nur an den Künstler – es ist auch der Maßstab für unser eigenes Leben. Und eine Kunst ist es, damit nicht vordergründig zu belehren, sondern zu berühren – im besten Falle so, dass wir das, was der Künstler möglicherweise will, gar nicht als seinen Willen spüren, sondern die Kunst zu einem Teil unserer selbst wird.
 
In Klaus Hirschs Arbeiten gibt es kaum Bezüge zu konkreter Zeit und konkreten Räumen – bei ihm werden Kind und Frau und Mann zum Menschen – und dennoch nicht zu Menschen, die außerhalb von Zeit und Raum leben, die nur noch Metaphern sind, losgelöst vom wirklichen Leben, in dem es Hunger und Durst, Schulden, Liebe und Lied, Hartz IV, schlechtes Wetter, Hochwasser und Schnee bis Ostern gibt.
 
Die Kraft seiner Zeichnungen steht zweifellos in der Tradition großer Künstler wie Käthe Kollwitz und Ernst Barlach. Deren Zeichnungen waren auch inspiriert von den großen Klassenkämpfen jener Zeit, in denen Gut und Böse, Verlierer und Gewinner noch deutlicher erkennbar waren. Und indem man die einen oder die anderen zeichnete, konnte man schon Stellung beziehen in diesen Kämpfen.
 
Das ist heute anders, nicht mehr so einfach, nicht einmal scheinbar, und dies spiegelt sich auch in den Zeichnungen und Lithographien von Klaus Hirsch wider. Die Hintergründe – im wahrsten Sinne des Wortes – sind oft undurchdringlich und scheinbar verworren, erfüllen nicht nur einen kompositorischen Zweck. Sie sind, was der Hintergrund in unserem Leben oft wirklich ist: Ein schier undurchdringliches Geflecht aus Vergangenheit und Gegenwart, aus Gewinnen und Verlusten, Trauer und Hoffnung, aus Wissen und Gefühlen, Gedanken, Träumen und Albträumen – und nicht immer wollen wir uns eingestehen, was uns zu dem gemacht hat, das wir sind. Die Menschen aber, die in diesen abstrakten Kulissen agieren, sind Menschen von heute. Geprägt von diesem Leben, das wenig Sicherheiten bietet, von einer Welt, deren Konflikte nur all zu offensichtlich sind, ohne dass sie immer einfach zu erklären wären, ohne dass sie von Visionen einer besseren Zukunft begleitet würden. Schon gar nicht von Visionen, die uns, die so genannten »einfachen« Menschen erreichen würden.
 
Es sind die Angst und Unsicherheit, die Anspannung und Bedrohung, die Kraft und die Zerbrechlichkeit von heute in diesen Bildern – wie in »Das Angebot«, wie im »Spiegel« – Blätter, in denen ein einziges Wort im Titel manchmal gewohnte Sichten verändert, umkehrt, auf bestürzende Weise, aber ohne aufdringlich und vordergründig zu erschrecken. Die Mütter in Klaus Hirschs Blättern sorgen sich um ihre Kinder, der Hoffnung auf neues Leben ist immer auch die Angst vor den und das Wissen um die Gefahren dieses Lebens beigemischt. Und doch ist all diesen Figuren auch eine schwer zu beschreibende Hoffnung eigen – etwas, das Bob Dylan in seinen weisen Altersliedern nennt: »Trying to get to heaven before they close the door« – versuch, den Himmel zu erreichen, bevor sie die Tür schließen.
Die Figuren in Klaus Hirschs Bildern sind selten allein, sind oft umgeben von anderen – das heißt auch, wir sind nicht allein, es ist jemand da, der all das tun könnte, was Menschen miteinander tun können, was Menschen einander antun können – sogar das Gute.
 
Und es ist vielleicht deshalb in diesen oft dünnen, zerbrechlichen Figuren, die sich nie ganz zerbrechen lassen, diese Hoffnung, die wohl unausgesprochen jeder hat:
 
»Was wir am meisten brauchen, ist ja nur, dass uns einer hält … und uns sagt … dass alles (alles ist etwas Komisches, ist Kindermilch und Papas Blicke, ist krachende Scheite an einem kalten Morgen, ist Eulengeschrei und der Junge, der dich nach der Schule zum Weinen bringt, ist Mamas langes Haar, ist Angst haben und Grimassen an der Schlafzimmerwand) … alles gut werden wird.«
 
So hat das der große Truman Capote geschrieben, der als Mensch auch ein arroganter Arsch sein konnte, weil es wohl schwer ist, gleichzeitig ein guter Mensch zu sein und solche Sätze zu schreiben. Aber – wenn ich mir Klaus Hirschs Bilder anschaue – ganz unmöglich scheint es doch nicht zu sein.
 
Es ist eine Wärme in diesen Bildern, die man auch erlebt, wenn man ihm persönlich begegnet. Selbst die Techniken, die er als die ihm gemäßesten empfindet, belegen dies. Zeichnungen – das sind aufwändige Einzelstücke, nicht als Massenprodukt angelegt, und mit ihnen lässt sich kaum etwas verdienen. Immerhin sind die Lithographien, auf die ihn Heinz Tetzner gebracht hat, ein Zugeständnis an die kleine Serie.
 
Klaus Hirsch hat etwas gemeinsam mit Zeitgenossen wie dem von ihm verehrten Heinz Tetzner, dem Hainichener Günter Hofmann – beide vor kurzem verstorben – oder mit dem ebenso bildgewaltigen Bildhauer Fritz Böhme, die ihre Kunst mit einer ebensolchen unaufdringlichen Ernsthaftigkeit betreiben – hat etwas mit ihnen gemeinsam, wofür noch einmal Bob Dylan herhalten muss. Dylan wurde vor langer Zeit einmal gefragt, was er mit seinen Liedern sagen wolle. Und er antwortete: »Viel Glück, und ich hoffe, du schaffst es.« Klaus Hirsch würde vielleicht noch hinzufügen: »Und wenn ich dir dabei helfen kann, will ich’s versuchen.«
 
In diesem Sinne …
 
 
 
Matthias Zwarg
Chemnitz, 30. März 2009

(Wir danken Herrn Matthias Zwarg für die freundliche Genehmigung zum Abdruck seiner Eröffnungsrede.)



Information
Galerie Laterne
Chemnitz, Karl-Liebknecht-Straße 19
Geöffnet: Mo–Mi 12–16 Uhr, Do/Fr 10–12 Uhr
www.galerie-laterne.de

 
 

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Licht in der Laterne
Eröffnung einer Klaus-Hirsch-Personalausstellung in Chemnitz
 

Wer am 30. März die Eröffnung der Klaus-Hirsch-Personalausstellung im Chemnitzer Kunstverein Laterne besuchen wollte, der hatte Mühe noch durch die Tür zu kommen. Das Ereignis hatte derartige viele Besucher, unter ihnen die Chemnitzer Kulturbürgermeisterin Heidemarie Lüth, angelockt, dass kaum noch ein Plätzchen frei war. Fast alle, die in der Chemnitzer Kunst Rang und Namen haben, waren vertreten. Der Schriftsteller und Künstler Matthias Zwarg hielt die Laudatio auf Klaus Hirsch. (Den Text der Rede finden Sie am Ende unseres Artikels.) Mit herzlichem Beifall wurde die Ausstellung eröffnet.

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