litterata  :  Reportagen  :  Erich Ohser und die Berliner Illustrirte Zeitung  
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Foto: Prof. Dr. Bernd Wirkus (li.), Kultur-Direktor Friedrich Reichel (Mi.) und Autor Detlef Manfred Müller

Der Plauener Autor Detlef Manfred Müller legte soeben ein Untersuchung zur Bildergeschichten-Serie »Vater und Sohn« vor, die Erich Ohser zwischen 1934 und 1937 in der »Berliner Illustrirten Zeitung« (Diese Zeitschrift wurde wirklich so geschrieben. Der Sätzer) veröffentlichte. Dabei stellte er fest, dass sich in dieser Bilderserie versteckte kritische Anspielungen auf Marotten einzelner höchster NS-Würdenträger, ja selbst auf IHN persönlich finden.
Der Überraschungseffekt dieser Ergebnisse spricht eher gegen die etablierte Wissenschaft, die uns heute noch glauben machen will, der NS-Staat sei ein homogener Block gewesen, den man nur mit einer simplen schwarz/weiß-Sicht begreifen müsse.
Detlef Manfred Müller besann sich auf sein hermeneutisches Handwerkszeug und machte sich die Mühe langwieriger Archivstudien. Dabei stellte er fest, dass man tatsächlich die »Berliner Illustrirte Zeitung« vollständig zur Kenntnis nehmen muss, um Ohsers Karikaturen auch verstehen zu können, denn Ohser bezieht sich zum Teil auf die Berichterstattung über politische Ereignisse in der Zeitung, auf das Titelfoto oder einzelne Reportagen. Dem Anschein nach, so Müller, setzte die Redaktion Ohsers Bilderserie ganz bewusst ein, um eine eine gewisse Distanz zur Regierung deutlich zu machen.

 
 

Für den 6. April 2009 hatte die Galerie e.o. plauen zu einer Diskussion über diese Publikation eingeladen. Moderator Friedrich Reichel, der Direktor des Kulturbetriebes der Stadt, begrüßte den gebürtigen Plauener Prof. Dr. Bernd Wirkus, emeritierter Philosoph in Köln, und den Autor Detlef Manfred Müller.
Auf die Frage, wie die Vater-und-Sohn-Karikaturen Erich Ohsers in seiner Zeit gesehen wurden, antwortete Müller, dass es ganz unterschiedliche Sichtweisen gab. Der Durchschnittsleser habe beim Betrachten der Geschichten nur das Amüsement wahrgenommen, ein kleiner Insider-Kreis habe die kritischen Anspielungen verstanden. Um die Anspielungen sei es ihm gegangen.
Auf die Frage nach den grundsätzlichen Möglichkeiten der kritischen Äußerungen in jener Zeit antwortete Professor Wirkus, dass die Mehrheit der Künstler nach 1933 nicht ins Exil ging, sondern versuchte sich »unpolitisch« zu äußern. Einerseits habe es die Zeitschrift »Das innere Reich« als Ausdruck innerer Emigration gegeben. Andererseits hätten sich aber Künstler den neuen Machtverhältnissen angepasst.
Müller fügte an, dass Erich Ohser der einzige ihm bekannte Künstler sei, der nach 1933 in einer deutschen Zeitschrift NS-Machthaber karikiert habe. Vor 1933 sei dies möglich gewesen, wenn auch Ohser bereits zu dieser Zeit oft nicht mit vollem Namen zeichnete, mitunter mit Kürzel und in den letzten Monaten vor der Machtübergabe überhaupt nicht. Dass Ohser nach 1933 kritisch karikierte, sei nur möglich gewesen, weil er Partner in der Verlagsleitung des Ullstein-Verlages und möglicherweise weitere Mittelsmänner gehabt habe. Am Beispiel einer Göring-Karikatur versuchte Müller seine These zu belegen: Wenn man die Zweideutigkeit der Karikatur verstehe, dann werde sie eindeutig. (Wir verstehen was er meint. Er hätte es anders formulieren sollen. Metaphern, auch Bild-Metaphern, sind nie eindeutig. Gerade ihre Mehrdeutigkeit regt den Betrachter an, den einen in diese Richtung, den anderen in jene.)
Auf die Frage nach den Mechanismen des Massenmedien-Kontextes, in dem die Vater-und-Sohn-Geschichten in der »Berliner Illustrirten Zeitung« erschienen, verwies Professor Wirkus auf den Philosophen Georges Sorel, der die Rolle des Mythos bei der Beeinflussung von Massen höher schätzte, als die Theorie. (Das Mittel, um die Handlungen von Massen zu beeinflussen, ist, so schrieb es schon Johann Gottfried Herder vor 200 Jahren, das Symbol. Die katholischen Kirche kann ein Lied davon singen. Insofern geht es vielleicht in diesem Punkt eher um »politische Theologie« als um »Mythos« oder »Mythus«?) Die Karikaturen von NS-Größen im Ausland hätten, im Sinne der Aufklärung, eine Entzauberung, eine Entlarvung und Enthüllung zum Ziel gehabt. Hitler sei in der Regel als brutaler Politiker dargestellt worden. Damit sprach man nur ausdrückliche Gegner des NS-Regimes an. Eine solche Beschränkung habe es bei Erich Ohser nicht gegeben. Mit seinen Karikaturen sei dieser sehr subtil vorgegangen, und habe ein breiteres Spektrum des Publikums erreicht. Müller fügte an, dass die NS-Regierung über Film-, Rundfunk- und Fotojournalismus massiv ihre Interessen in die Massenkommunikation einbrachte. Auch insofern seien die Karikaturen von Erich Ohser singulär. Die Vater-und-Sohn-Geschichten erschienen von 1934 bis 1937 in der BIZ. Es habe kein Vor- und kein Nachspiel gegeben. Auf den ersten Blick könne man erkennen, dass die Figuren von Vater- und Sohn nicht in die NS-Presselandschaft passten. Auf den zweiten und dritten Blick könne man erkennen, dass Erich Ohser den Mythos vom NS-Staat auf subtile Weise zu demontieren versuche.
Nach etwa anderthalb Stunden endete die Vorstellung der neuen Publikation.

 
 

Den drei Akteuren ist für ihre Anregungen zu danken. Die Diskussion und die Publikation von D. M. Müller machen manch sicher geglaubte Erkenntnis fragwürdig. Es ist wieder einmal nicht die etablierte Wissenschaft, sondern ein unabhängiger Autor, der eine differenzierte Sicht auf unsere Geschichte wagt. Dabei steht Müller der größte Teil der Arbeit noch bevor. Die Karikatur-Erkenntnisse deuten an, dass es zwischen 1933 und 1945 einen Alltag gab, nicht nur Ideologie und Propaganda. Die Möglichkeit des Erscheinens der Bilder-Geschichten lässt erahnen, dass es auch die NS-Elite von Interessengegensätzen durchzogen war. (Vor Jahren hatte Werner Mittenzwei auf vorbildliche Weise die Interessenkonflikte zwischen Joseph Goebbels und Hermann Göring in ihren Auswirkungen auf der Schicksal der Akademie der Künste herausgearbeitet. Im vergangenen Jahr erregte Jonathan Littel, der ebenfalls die Interessengegensätze in der NS-Elite verdeutlichte, mit seinem Roman »Die Wohlgesinnten« große Aufmerksamkeit.)
Müller hob heraus, dass die Karikatur, trotz der Dominanz von Film, Foto und Rundfunk, eine wichtige Rolle zu spielen vermochte. Gleichzeitig dokumentiert er, dass Ohser mit der Vater-und-Sohn-Figur eine Identifikationsmöglichkeit, eine Metapher, ein Symbol für das ganz normale Publikum schuf, dass Ohser damit gleichzeitig die paternalistische Tradition der Deutschen thematisieren konnte (Hindenburg wurde in den 1920er Jahren bereits als der »Führer« präsentiert, der den verblichenen Kaiser in dieser Rolle ablöste. Selbst Thälmann wurde als »Arbeiter-Führer« dargestellt) und gleichzeitig die Rolle der Jugend aufnahm. (Die Zäsur von 1929/32 brachte einen drastischen Generationsbruch in Politik und Wirtschaft hervor. Die NS-Regierung war im Altersdurchschnitt eine der jüngsten der Welt.)
Letztlich hat Müller sicher Recht: man kann die Vater-und-Sohn-Geschichten nur verstehen, wenn man ihren Kontext kennt. Gleichzeitig macht es die Größe von Ohser aus, dass in seinen Geschichten Allgemein-Menschliches erfasst ist. Die Wirkung der Bilder geht über ihre Entstehungszeit hinaus und vermag noch heute Assoziationen bei uns auszulösen. Die Vater-und-Sohn-Figur hat als Kunstwerk eine eigenständige Existenz gewonnen. Fragen nach der politischer Überzeugung, Nähe zu Parteien oder gar der politischen Gesinnung von Erich Ohser sind gegenüber seinem Werk gegenstandslos. Auf das Werk kommt es ausschließlich an.
Johannes Eichenthal


Information

Die Galerie e.o. plauen zeigt eine Ausstellung zur Publikation: Müller, D. M.: »Vater und Sohn« und die »Berliner Illustrierte Zeitung«.

Bahnhofstraße 36
Di-So (und Feiertag) 13.00-17.00 Uhr
und nach telefon. Vereinbarung

www.galerie.e.o.plauen.de

e.o.plauen Gesellschaft e.V.
www.e.o.plauen.de

 
 

Zur Diskussion

Unser Leser Dr. Werner Abel meldete sich per E-Mail zu Wort. Zunächst unterstützt er die Bemerkung, dass man sich das NS-System nicht als homogenes Ganzes vorstellen dürfe. Auf diese Tatsache hätten hinsichtlich des politisches Systems schon die US-Emigranten wie Ernst Fränkel mit dem »Doppelstaat« und Franz Neumann mit dem »Behemoth« hingewiesen, und das schon in den 1940er Jahren!
Was aber nun das Karikieren Hitlers angehe, so halte er das, was o. e. plauen getan hat, für nicht besonders sensationell. Die Nazis hätten sich vermutlich so stark gefühlt, dass sie Karikaturen gelassen hinnehmen konnten.
Ernst Hanfstengl  habe im August 1933 bzw. 1934 im Verlag »Braune Bücher« drei Bücher mit den kritischsten Karikaturen Hitlers aus der ganzen Welt herausgebracht. Hanfstengl habe dabei hervorgehoben,  dass das mit der Billigung des »Führers« selbst geschehen. Die Bücher heißen auch »Hitler in der Karikatur der Welt«. (s. Abbildung)

Unser Leser Dr. Klaus Walther schrieb uns, dass Joseph Goebbels die Zeitschrift »Das Reich«, für die auch Erich Ohser tätig war, mit ausdrücklicher Distanz zur NSDAP-Parteipropaganda herausgegeben habe, um die nicht emgrierten Intellektuellen anzusprechen.

Unser Leser Utz Rachowski verwies darauf, dass er eine andere Meinung zu Erich Ohser hat. Unter dem Titel »Pseudonym und Fallbeil« ist sein Artikel unter http://www.dickinson.edu/glossen/heft25/rachowski.html zu lesen.
Johannes Eichenthal

 
 

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Erich Ohser und die Berliner Illustrirte Zeitung
Podiumsgespräch in der Galerie e.o. plauen
 

Am 6. April 1944 wurde Erich Ohser (geb. 1903) in seiner Zelle in der Untersuchungshaftanstalt Berlin Alt-Moabit tot aufgefunden. Nach einem ersten Selbstmordversuch waren seine Hände gefesselt.
Das Andenken des Künstlers, der auch unter dem Pseudonym e.o. plauen bekannt geworden ist, wird in seiner Heimatstadt auf vorbildliche Weise gepflegt. 1993 gründete sich die e.o.plauen-Gesellschaft als Verein, gleichzeitig wurde die städtische Galerie e.o. plauen eröffnet. In regelmäßigen Ausstellungen wird das Werk des Künstlers der Öffentlichkeit vorgestellt.

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