litterata  :  Reportagen  :  Paradies ist Sehnsucht  
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Frau Schmidt verwies zunächst darauf, dass ihr Vater das Buch den früheren Lößnitzer Schnitzern widmete. Er war zeitlebens ein Sammler der kleinen Krippenfiguren, der sich stundenlang die Figuren und ihre Schatten ansehen konnte. Das Buch sei über mehrere Jahre entstanden. Der Vater habe die Angewohnheit gehabt, das Buch als 1 : 1-Entwurf vollständig in einem aufwändigen Klebeverfahren herzustellen. Der Buch-Stapel sei mitunter auf 30, 40 oder 50 Zentimeter Dicke angewachsen. Dem Buch habe ein großer Teil der Energie ihres Vaters in seinen letzten Lebensmonaten gegolten.

 
 

Dr. Andreas Eichler erinnerte daran, dass Hans Brockhage einer der wenigen Künstler der Region Chemnitz-Erzgebirge war, dessen Werke international anerkannt wurden. Die Besonderheit seines Skulpturen-Werkes resultiere aus einer Generations- und Schicksalsgenossenschaft mit Künstlern wie Joseph Beuys und Frei Otto. Auch Hans Brockhage konnte in der Kunst eine Errettung aus dem Trauma und den Versehrungen seiner Kriegserlebnisse finden
Seit einigen Jahren trat Hans Brockhage auch als Buchautor hervor. »Paradies ist Sehnsucht« sei nicht sein erstes Buch. Vorher erschien »Signatur 2008«, »Sie kamen aus Schlesien« (2005), »Umgang mit Holz« (2004), »Hab ich je an Kunst gedacht. M.B.« (Eine Marianne-Brandt-Biographie mit R. Lindner und K. Walther im Jahre 2001).
Mit seinem Artikel, den Abbildungen und Bildunterschriften in der Ma­rianne-Brandt-Biographie legte Hans Brockhage einen interessanten Diskussionsbeitrag vor. Er fragte, ob es nicht langsam an der Zeit sei, über den bloßen Vergleich und die Einordnungsmanie der Kunsthistoriker hinauszugehen, und die Besonderheiten seiner Lehrerin in den Blick zu nehmen. Dazu müsse die Beschränkung auf die Werke, die das Klischee von »dem« Bauhaus erfüllten, endlich überwunden werden. Das ganze Werk müsse erforscht werden. Zudem gelte es die Beziehungen zwischen der Malerei und dem plastischen Schaffen zu verstehen.
Was dem Anschein nach ein Nachdenken über das Verhältnis von Malerei, Plastik und Architektur im Werk seiner Lehrerin war, dass zeigte sich letztlich aber auch als Nachdenken über das eigene Werk. (In dieser Internetzeitschrift erfolgte seinerzeit die Veröffentlichung der Langfassung eines Interviews mit Hans Brockhage)
Hier kam Eichler wieder auf seinen Lieblingsdenker zu sprechen: er habe Hans Brockhage vor einigen Jahren Johann Gottfried Herders Aufsatz »Plastik« zur Lektüre empfohlen. (Plastik. Einige Wahrnehmungen über Form und Gestalt aus Pygmalions bildendem Traum 1770/78.)
Hans Brockhage meinte, dass es das Beste sei, was er je über Plastik gelesen habe.
Frau Brockhage brachte noch während des Gespräches aus der Bibliothek eine Broschüre mit Auszügen aus Herder-Texten aus dem Jahre von 1954 (Lehrmaterial der Kunsthochschule Dresden, herausgeben von Heinz Begenau, einem Mitarbeiter der Klassik-Gedenkstätte in Weimar, und Bekanntem von Marianne Brandt.)
Hervorzuheben ist, dass Heinz Begenaus Sicht auf die Herdersche Ästhetik in jener Zeit singulär war. Selbst Wolfgang Harich, der gegen große Widerstände eine im Berliner Aufbau-Verlag die Neuherausgabe der »Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit« durchsetzte, stand im Banne der Kantisch/Hegelschen Sicht.
Johann Gottfried Herder (geb. 1744) veröffentlichte zwischen 1770 und 1778 mehrere Arbeiten, die sich mit Erkennen, Empfinden, Gefühl und Sprache befassten. Noch nicht dreißigjährig empfing er damals den Preis der Berliner Akademie der Wissenschaften für seinen Essay »Ursprung der Sprache«.
Besonders interessant für Hans Brockhage war, dass Herder in seinem Plastik-Essay, ausgehend von den Erfahrungen blindgeborener Menschen, herausarbeitet, dass erst Tasterfahrungen (bei Herder Gefühl, man ist geneigt in Heideggerscher Manier Ge-Fühl zu lesen) komplexe, räumliche Ansicht möglich machen. Ohne Ge-Fühl nimmt der Gesichtssinn zunächst nur eine Fläche war.
Die von Herder aufgezeigten Zusammenhänge der Sinneswahrnehmungen waren für Hans Brockhage von besonderem Interesse. Wenn die Sicht auf eine Fläche eine Vorstufe auf die räumliche, körperliche Sicht ist, muss auch die Malerei mit dem plastischen Schaffen eines Künstlers zusammenhängen.
Für Herder sei deshalb auch keine abstrakte Trennung von Bildhauerei und Malerei möglich.
Die Besonnenheit (d.h. das Zusammenwirken aller Sinneswahrnehmungen) ist für Herder die Besonderheit des Menschen gegenüber dem Tier. Diese Besonnenheit (Denken ist für Herder der innere Zusammenhang der Sinneswahrnehmungen, ist inneres Sprechen) ist für ihn eine Disposition der Kräfte des Menschen, des Denkens, verbunden mit der Organisation des Körpers.
Diese Sichtweise war für Hans Brockhage vielleicht die interessanteste Entdeckung. Nach Herder, der in diesem Punkt die Kopflastigkeit der Aufklärung aufzuheben vermochte, denken wir mit dem ganzen Körper (Fläche-Ton-Körper / Gesicht, Gehör, Gestalt / Raum, Zeit, Kraft), nicht nur mit dem Kopf. Die Darstellung des menschlichen Körpers in der Plastik ist aus dieser Sicht die Darstellung von Denken. (Joseph Beuys: Denken ist Plastik)
Für Herder, der den Begriff der Seele dem des Bewusstseins vorzieht, stehen Seele und Körper in einem Zusammenhang. Die Seele spiegelt sich im Körper, gleichzeitig ist der Körper aber auch eine (aktive, verändernde, schaffende) Vorstellung der Seele.
Die Darstellung des menschlichen Körpers in der Plastik ist deshalb für Herder das zentrale Genre der bildenden Kunst, der Poesie. (Poesie ist für Herder die Vereinigung des Gegensatzes von Vernunft und Religiösität. Vernunft ist dabei eine organische Kraft, menschliche Kraft, die Gesamtheit der Methoden und Verfahren, der Zusammenhang von Erkennen und Verändern; im Kern ist für Herder Vernunft Skepsis, die Fähigkeit zur Selbstkorrektur. Religiösität ist für Herder die menschliche Existenz, die Auseinandersetzung mit Sterblichkeit und Vergänglichkeit, Sehnsucht nach Unsterblichkeit, Tradition, im Kern Hoffnung.)
In der Kunst fallen beiden Momente praktisch zusammen. Vielleicht ist das Moment von Poesie, in der bildenden Kunst das Sichtbarmachen des Nicht-Sichtbaren, sogar das Merkmal von echter Kunst.


 
 

Für Hans Brockhage war die Einsicht wichtig, dass im Werk seiner Lehrerin Marianne Brandt das plastische Schaffen eine zentrale Stellung einnahm. Die berühmte Teekanne, aber auch der kaum bekannte Räuchermeiler waren für ihn Plastiken. Gleichzeitig wurde es ihm sonnenklar, dass die Malerei von Marianne Brandt für das Verstehen des Werkes unverzichtbar ist.
Im Lichte der Herderschen Auffassungen wird aber auch deutlich, dass das Werk von Hans Brockhage in einem hohen Maße Religiösität aufweist, Sehnsucht, Hoffnung. Der Titel seines letzten Buches ist deshalb nur konsequent. Dabei können wir sicher sein, dass Hans Brockhage, der auch das Bild des vom Sturme aus dem Paradies vertriebenen Engels der Geschichte kannte, wie es Walter Benjamin formulierte, jede Simplifizierung fern lag. Aber wir Menschen können ohne Sehnsucht, ohne Hoffnung nicht leben. Die Vernunft allerdings vermag solche Sinnstiftung nicht zu leisten.
In letzten Jahren wendete sich Hans Brockhage mehr der Tradition der Krippenschnitzerei, der Erlebniswelt seiner Kindheit zu. Sein letztes Buch dokumentiert eine Glanzzeit der Lößnitzer Schnitzer. Dabei macht Hans Brockhage mehr als einmal deutlich, dass die kleinen Figuren für ihn Anregungen für das eigene Schaffen waren. Er zeigte sich immer wieder begeistert von den Proportionen, den Gesten und dem Habitus der Figuren.
Aber, auch hier war er konsequent, der würdiger Umgang mit dem Erbe konnte keine einfache Nachahmung, keine Wiederholung in Serie sein. Nur die eigenständige, verändernde Fortsetzung des Erbes kann Tradition bilden. So sind die meterhohen Skulpturen von H.B. die Form des Anknüpfens an seinen Wurzeln, gebrochen durch seine und seiner Generation Lebenserfahrung.

 
 

Es ist immer wieder erstaunlich, dass Eichler die Kurve von Herder zum vorzustellenden Buch doch noch  hinbekommt. Naja, die sachkundigen Zuhörer honorierten dem Anschein nach dessen Weitschweifigkeit sogar. Kaum zu glauben. Selbst nach dem Ende der Veranstaltung gab es Gesprächsbedarf zwischen den Gästen. Buchhändler Michael Schneider war ohne Zweifel wieder einmal ein Ereignis gelungen.
Johannes Eichenthal

Information
Am 14.05.09 findet die Vorstellung des neuen Buches von Hans Brockhage, um 19.00 Uhr, im Kultur- und Freizeitzentrum Baldauf-Villa in Marienberg statt.
www.baldauf-villa.de

Am 27.05.09 findet die Buchvorstellung um 18.00 Uhr in der Buchhandlung Walther am Markt in Annaberg-Buchholz statt.
www.buecher-walther.de

Hans Brockhage: Paradies ist Sehnsucht. Zur westerzgebirgischen Schnitzkunst.
23,5x23,5 cm, geb. 152 Seiten, 225 Farbfotos, Essays u.a. Verkaufspreis 39,80 Euro. In jeder Buchhandlung oder direkt beim Verlag zu beziehen. ISBN 978-3-937654-36-2

 
 

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Paradies ist Sehnsucht
Letztes Buch des Skulpturisten Professor Hans Brockhage vorgestellt
 

Am 7. Mai 2009 begrüßte der Schwarzenberger Buchhändler Michael Schneider Frau Sabine Schmidt, die jüngste Tochter von Professor Hans Brockhage, und Dr. Andreas Eichler vom Mironde-Verlag in seiner Buchhandlung. Zahlreiche Gäste waren erschienen, um eine Vorstellung des letzten Buches des am 18. Februar 2009 verstorbenen Skulpturisten Hans Brockhage, einem Schüler der legendären, in Chemnitz geborenen Künstlerin Marianne Brandt, mit dem Titel: »Paradies ist Sehnsucht. Zur westerzgebirgischen Schnitzkunst« zu erleben.

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