litterata  :  Reportagen  :  Liebe in Zeiten der Krisera  
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Als wir die weitgehend fensterlose Chemnitzer Thalia-Buchhandlung am Roten Turm betraten, glaubten wir unseren Augen nicht zu trauen: besetzte Stuhlreihen, an der Kasse Schlangen von Eintritt Begehrenden. Es wurde fast ein Kampf um jeden Sitzplatz geführt. Geduldig setzten wir uns in die Menge der Harrenden. Selbst die Nachricht, dass sich der Anfang wegen eines »Getriebeschadens« einer Lokomotive verzögere, und dass der Autor die letzten 70 Kilometer mit dem Taxi zurücklege, wurde nahezu stoisch hingenommen.

 
 

Dann trat er endlich auf: Richard David Precht. Er verkündete sogleich, dass er nicht aus seinem Buch »Liebe – ein unordentliches Gefühl« lesen werde, sondern erzählen, was darin stehe. Ohne Vorrede kritisierte er darauf, nicht ohne Humor, etwa dreißig Minuten lang Ratgeberliteratur in Sachen Liebe und Ehe. Besonders hart ging er mit Naturwissenschaftlern um, die mit den Mitteln ihrer Disziplin solche Phänomene, wie das der Liebe zu erklären versuchen. Biologie, Evolutionsbiologie, Soziobiologie, Psychologie, Hirnphysiologie – der Autor bewegte sich in allen diesen Disziplinen, wie ein Fisch im Wasser – und entrollte vor dem breiten Publikum eine Problemsituation, die einem Hörsaal alle Ehre gemacht hätte. Im zweiten Teil des Vortrages versuchte der Autor sodann über die Definition von »Verliebtsein« den Sprung zur Definition von »Liebe« zu erreichen. Er setzte aber hier das Adjektiv »romantisch« vor das Wort »Liebe«. Das Gefühl des Verliebtseins sei nicht dauerhaft, sondern vergehe mit dem gemeinsamen Kennenlernen und gemeinsam verbrachter Zeit. Die Argumentation des Autors gipfelte in der These, dass die »Idee der romantischen Liebe« höchstens 300 Jahre alt sei, aus den Groschenromanen des 19. Jahrhunderts ins »Leben »gesickert« sei, und sich erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Bundesrepublik durchgesetzt habe. Die Zuschauer waren der Argumentation aufmerksam gefolgt, vermochten aber nach dem etwas abrupten Schluss nicht sofort Fragen zu stellen. Dann fragte ein Zuhörer, ob nicht die Minnesänger romantische Liebe kannten? Nein, das hatte nichts mit Liebe zu tun. Eine Zuhörerin fragte, ob der Autor sagen wollte, dass wir nicht besser die Hände von der Liebe lassen sollten? Nein, nur müsse man sich der Schwierigkeiten bewusst sein. Ein Zuhörer fragte, ob man nicht so wenig wie möglich Zeit gemeinsam verbringen sollte, um das Gefühl des Verliebtseins zu erhalten. Ja, die Leidenschaft leide unter der gemeinsam verbrachten Zeit. Hier wird ein Schwachpunkt der Argumentation des Autors und der faktischen Gleichsetzung von »Verliebtseins« und »Liebe« sichtbar: am besten wäre es demnach, wenn man überhaupt keine Zeit miteinander verbrächte. An anderer Stelle sagte Precht auch: die einzige Liebe, die nicht vergänge, sei die unerfüllte Liebe. Aber in seinen Eingangsworten hatte der Autor eine ausgewogenere Position geäußert: in der Liebe zum Anderen wertschätzen wir uns selbst. Von hier ist es nur ein kleiner Schritt zu Sokrates in der Fassung Platons. Wir lieben das, was wir nicht haben. (Und die Philosophen, die lieben die Weisheit.) Vielleicht könnte man es so formulieren: wir lieben am Anderen das, was wir nicht haben. Und umgekehrt, wir hassen am Anderen eigentlich unsere eigenen Fehlleistungen, Verdrängungen, Kompensationen und Schwachstellen.
Nach etwa anderthalb Stunden, kurz vor 22.30 Uhr, endete der interessante Abend.

 
 

Ohne Frage baut der Autor eine Brücke zwischen Wissenschaft und Publikum. Wissenschaft ist heute von Arbeitsteilung dominiert. Es existieren etwa 2400 Wissenschaftsdisziplinen. Deren hochspezialisierte Vertreter vermögen nicht mehr miteinander zu kommunizieren. Selbst den Vertreter ein und derselben Disziplin gelingt das heute schon oft nicht mehr. In dieser Situation ist ein Autor, der den Versuch unternimmt, dem breiten Publikum den Zusammenhang der Disziplinen und die technische Problemlösungsfähigkeit der akademischen Philosophie wieder nahe zu bringen, eine Ausnahme.
Und das Publikum, das ist dem Anschein nach auf der Suche nach Orientierung, in einer Zeit, in der die alten Werte wieder einmal schwinden, und neue geistige Orientierungen noch nicht gesehen werden.
Der Verkaufserfolg des Buches und der Besucherandrang bestätigen in diesem Falle einmal die Wichtigkeit des anspruchsvollen Unternehmens. Ein freier Autor leistet, was die hochsubventionierten Universitäten nicht mehr zu leisten vermögen.
Die Konzentration des Autors auf Naturwissenschaft und akademische Philosophie ist aber nicht nur Stärke, sondern auch Schwäche des Autors. Richard Rorty meinte einmal, dass auf einer Seite eines Buches des Literaten Henry James mehr philosophische Gedanken zu finden seien als in ganzen Fachbibliotheken philosophischer Institute.
Johannes Eichenthal

 
 

Information
Precht, Richard David: Liebe – ein unordentliches Gefühl.
ISBN 9783442311842

www.thalia.de
www.goldmann-verlag.de
www.randomhouse.de/goldmann

 
 

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Liebe in Zeiten der Krisera
Der Meta-Ratgeber
 

Der 25. Mai 2009 zeigte sich in Chemnitz von seiner besten Seite: blauer Himmel und Sonnenschein. Die Temperaturen ließen den nahen Sommer ahnen. Die Außenbereiche der Gaststätten wurden endlich einmal genutzt. Gute Laune allüberall. Eine Freude, dieses Wetter zu genießen. Wer es nur irgendwie konnte, der strebte an diesem Tag hinaus, in die Natur, ins Offene!


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