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Der Formgestalter Prof. Claus Dietel führte in die Keramikausstellung von Barbara Toelke ein. Neben den Sachinformationen zu Leben und Werk der Künstlerin nutzte er diese Bühne, um im Namen »der Moderne« die Porzellan-Manufaktur Meißen und die Dresdner Kulturpolitik zu kritisieren. Vielleicht übersah er dabei, dass »die« Moderne schon längst selbst in der Musealisierung erstarrt ist. Das ist zudem kein alleiniges Dresdner Problem. Kulturpolitik orientiert sich sei den 1980er Jahren in der alten Bundesrepublik an der Konzeption des »kulturellen Gedächtnisses«. Maurice Halbwachs formulierte einst aus einer Widerstandssituation heraus die Idee des »kollektiven Gedächtnisses«. Maßgeblich die Wissenschaftler-Familie Assmann transformierte diesen Ansatz, mit Anleihen am ägyptischen Totenkult in den des »(kollektiven) kulturelles Gedächtnisses«. Dieser Vorgang ist im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung zur deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert zumindest nachvollziehbar. Doch in Ägypten ging es einst ausschließlich um Überdauern, nicht um Erneuerung. (Die Reformatoren mussten auswandern!) Erinnerung ist zudem in der sozialen Wirklichkeit seit etwa 20 Jahren individualisiert. Ideologische Kollektiv-Muster, in denen Politik und etablierte Wissenschaft die Deutungshoheit beanspruchen, greifen nicht mehr. Erstarrung in der Tradition und zwanghafte Kanonisierungs-Versuche sind daher wesentliche Merkmale der vorherrschenden kulturpolitischen Strategie. Das Resultat, darin hat Dietel wieder recht, ist die Musealisierung des geistigen Lebens, die Unfähigkeit zur kulturellen Erneuerung. Hier sprach er vielen Besuchern aus dem Herzen. Da verzeiht man auch solche Leerformeln wie die der »Poesie des Funktionalen«.

 
 

Foto: Schmuckelemente von Bianca Hallebach

Christiane Kleinhempel sprach dann über die Ausstellung Schmuck-Zeichen-Schrift, die sie gemeinsam mit der Goldschmiede-Meisterin Bianca Hallebach und der Formgestalterin und Buchillustratorin Birgit Eichler bestreitet. Diese Ausstellung wurde am 26. Februar 2009 in der Laden-Werkstatt von Bianca Hallebach erstmals gezeigt. Die Goldschmiedin arbeitet Textpassagen in den Schmuck ein. Daher entstand die Idee den Schmuck in Verbindung mit Schriftgestaltung zu präsentieren. Gerade die Großzügigkeit der Räume und die bewusst schlichte Gestaltung des Hintergrundes machten die Exponate eindrucksvoll erlebbar. Neben den Sachinformationen zu Leben und Werk der Künstlerinnen versuchte Frau Kleinhempel etwas zu den Absichten und Motiven zu sagen. Die Frage ist, ob sie damit gut beraten war. Müssen sich Künstler erklären? Eher nicht.
Johannes Eichenthal

 
 

Foto: Schriftgestaltung von Birgit Eichler

Information


Dokumentation der Ansprache von Christiane Kleinhempel
Schrift, Schreiben, Schmuck – es ist die Verbindung verschiedener Künste, Techniken; der Gedanke, diese zu kombinieren. Mit welchen Techniken, Themen, Materialien können wir uns, Bianca Hallebach, Birgit Eichler und Christiane Kleinhempel gemeinsam darstellen?... Alle guten Gedanken brauchen seine Zeit – und schließlich brachte die Arbeit von Bianca Hallebach das verbindende Element: seit einiger Zeit schon arbeitet die auch in Chemnitz bereits bekannte und mehrfach ausgezeichnete Schmuckgestalterin aus Plauen mit dem Material Kunststoff. Wo der eine meint, sich Plastikbecher oder ähnliches vorstellen zu müssen beweist sie, dass Kunststoff auch „Stoff für Kunst" sein kann: z.B. durch das Einbetten in Silber gegossener Pflanzenteile, durch Einfärben des Materials und – hier ist der Bogen zu dieser Ausstellung – durch das Einlegen von Original-Kalligraphien.
Eine Idee, die uns sofort begeistert und inspiriert hat. Texte, Techniken, Ideen, Gedanken, Musik, Gefühle auf Papier zu bringen, die Bianca weiter in den Schmuck einarbeitet.

Immer wieder erweckt es ein besonderes Gefühl, diese Schmuckstücke zu sehen, die oft nur einen nur winzigen Bruchteil einer unserer Schriftarbeiten enthalten. Nicht unrettbar verloren, sondern für immer (ausnahmsweise drücke ich diese Unendlichkeit einmal bewusst so aus) erhalten, konserviert.
Lange überlegt Bianca Hallebach, in welche Form in wie vielen Schichten welche Schriftstück-Ausschnitte eingegossen werden; in großen oder kleinen Teilen, gerissen oder geschnitten; dicht übereinander oder großzügig übereinander, so dass man untere Schichten fast noch lesen kann (über die Lesbarkeit wird gleich noch ein Wort gesagt werden ...).

Das war jedoch nur der erste Schritt. Sie hat ein Stück Kunststoff mit Schrift vor sich. Jetzt fängt ihre Kunst an: die Teile werden lange gedreht, betrachtet, interpretiert, vor ihren Augen bearbeitet – und dann geschnitten, zersägt, geschliffen, gefeilt, gebohrt, poliert. Die gesamte Bandbreite der Handwerkskunst einer Schmuckgestalterin eben – nur mit einem doch noch etwas ungewöhnlichen Material.
Mir geht es selber oft noch so, dass ich vor diesen Werken stehe und mein Kopf sagt: das ist Kunststoff – Plastikschmuck gibt's bei Bijou Brigitte und im Supermarkt. Aber wer sich von den Schmuckstücken bezaubern lässt, wer sich überlegt, wie Bianca Hallebach wohl gedacht und gefühlt haben mag als die diesen Ring oder jenes Collier geschaffen hat, der schiebt diese billigen Modeschmuck-Gedanken schnell beiseite und realisiert mit Staunen und Begeisterung: dies ist nicht nur Handwerkskunst, sondern in der Tat wahre Kunst. Kunst – Stoff.

Birgit Eichler studierte Industrielle Formgestaltung in Burg Giebichenstein. Und es zeigt sich auch bei ihr die große Vielfältigkeit, die diese Kunstrichtung zutage bringt. Man muss sich nicht auf eine bestimmte Technik festlegen. Viele Jahre war es für sie die Textilkunst, insbesondere hat sie Strickarbeiten für den Modebereich entworfen und hergestellt; inzwischen sind es viele Werke auf Papier – Graphiken, Drucke und eben auch Schriftstücke.

Im Alltag, d.h. zwischen Dozententätigkeiten und der Arbeit in dem Verlag Mironde, den sie mit ihrem Ehemann Andreas Eichler gegründet hat und führt und in dem sie für den graphischen Bereich verantwortlich ist, nutzt sie das Schreiben als Meditation, als Mittel und Weg, um der Schnelllebigkeit des Alltags zu entfliehen und dabei den eigenen Rhythmus aufzuspüren. Gedanken werden durch die Hand zur Schrift, zum Bild.

Hier kommt der erste bereits angedeutete Hinweis auf die Lesbarkeit. Diese ist nicht immer wichtig. Texte werden durch Strukturen, Formen und Kontraste neu erzählt. Es entstehen Bilder aus Buchstaben,

In dieser Ausstellung präsentiert sie eine weitere Variante dieser Schreibmeditation.
Der Text, den sie ausgewählt hat, das Johannes-Evangelium wird nicht neu sondern durch die individuelle Schrift, die Handschrift, die in einheitlicher Schriftgröße ruhig diese große Geschichte erzählt, erlebt. Für Birgit Eichler ermöglichte diese Arbeit neben dem Zur-Ruhe-Kommen auch zwangsläufig eine neue und intensive Auseinandersetzung mit dem Inhalt. Und sie findet für sich eine neue Formensprache.

Der Betrachter soll nicht beeinflusst werden. Aber ich denke, dass sich keiner der Wirkung dieser 17 transparenten Blätter, die die Anfangsbuchstaben des ersten Satzes des Evangeliums „Im Anfang war das Wort" bilden, entziehen kann. Diese Texte kann man lesen und das ist auch gewollt.

Zweiter Einschub zum Thema Lesbarkeit. Hier freut sich sicher der eine oder andere; die Lesbarkeit in unseren Köpfen ist eben immer noch scheinbar eine Voraussetzung dafür, dass etwas Geschriebenes auch wirklich als Geschriebenes erkannt und – so finde ich: leider – anerkannt wird. Aber auch Besucher dieser Ausstellung können sich weiter entwickeln, wachsen!...

Lassen Sie sich führen, lassen Sie Ihr Auge zufällig auf Worte, Sätze in diesen Blättern fallen, und geben Sie den Gedanken und auch dem Herzen Raum und Zeit, diese Worte nachzuspüren und vielleicht auch etwas länger noch nachwirken zu lassen. (Übrigens: nachzulesen ist diese Geschichte in der Bibel!)

In einem Ring ist ihre Schrift mit einem Aphorismus von Heraklit enthalten:
»Die Gold suchen, graben viel Erde und finden wenig.«
Natürlich mit einer Interpretation von Bianca Hallebach zu finden: es drängte sich nahezu auf, in dieses Stück Gold mit einzuarbeiten!

Außerdem sind von Birgit Eichler drei Blätter zu sehen, Texte von Meister Eckhart und Heraklit, geschrieben mit Rohrfeder und Bandzugfeder. Worte, die zu Flächenkompositionen werden durch verschiedene Buchstabengrößen.
Lassen Sie sich verführen von den Schriften und den Texten, die Birgit Eichler ausgewählt und geschrieben hat.

Jetzt kommt der schwierigste Teil meiner kleinen Ansprache – der über mich selber.

Schrift – Schreiben – Kalligraphie
Kalligraphie, die Kunst des schönen Schreibens, des Schriften schreibens.
Fraktur, Capitalis, Englische Schreibschrift, Unziale. Die japanische und chinesische Kalligraphie. Dies alles gehört dazu.
Und wie man in der Tischlerlehre lernt, die Hölzer zu unterscheiden und Werkstücke richtig auszumessen und herzustellen, zu bearbeiten, so gehört das Erlernen dieser eben genannten Schriften zum Handwerkszeug.
Daneben auch die Beherrschung der klassischen Werkzeuge, wie z.B. der Bandzugfeder.

Kalligraphie, das ist für mich die Lust am Schreiben. Die Lust, mich dem Papier, dem Schreibmaterial hinzugeben.
Ein stiller Raum – Stille – das äußere abschalten.
Schreiben.
Schon das Üben, das monotone Schreiben von Buchstaben, Worten, Texten, mit dem Zweck der Übung ist schon Meditation. Versinken. Nicht mehr denken. Nur noch sich konzentrieren auf die Buchstaben, auf die Materialien.
Es schreibt mich.

Um so mehr, wenn die Phantasie angesprochen ist.
Text und Musik sprechen mich an, bewegen mich, bringen Saiten in mir zum Schwingen, führen meine Hand, mein Herz.
Die Interpretation von Worten.
Und die von Musik.
Welche Farbe hat c-moll?! Oder wie sieht die Matthäus-Passion von J.S. Bach auf eine Seite gebannt aus?
Die Hand wird geleitet durch den Rhythmus, die Tonhöhe. Schneller, laut, leise, dazu die Worte.
Es schreibt mich.
Es ist wie eine Meditation, auch wenn sie nicht mehr so ruhig abläuft wie eben  beschrieben. Papiere, Untergründe, die verrücktesten und merkwürdigsten Schreibmaterialien, erfundene Techniken sind Mittel, um das auszudrücken, was mich treibt. Was mich schreibt.

Ein kleiner Ausschnitt dieser Arbeit ist hier zu sehen.
Ausgangspunkt waren Texte, Sätze, die Bianca Hallebach dann in ihre Kunstwerke integriert hat.
Sätze wie: Die leisen Kräfte sind es, die das Leben tragen.
Und es ist genau so, dass genau diese leisen Kräfte uns tragen, vorwärts bringen. Als dauerhafte Erinnerung dessen in ein Schmuckstück gebracht.

Es sind aber auch »musikalische« Werke dabei. Chormusik von Antonin Dvorak, Johann Sebastian Bach.
Magnifikat: Maria staunt – ausgerechnet sie wurde auserwählt, die Mutter Jesu zu sein. Das Gedicht von Rainer Maria Rilke und die Musik von Johann Sebastian Bach bewegen mich und inspirieren mich. Faszinieren mich und rühren mich an.
Stabat Mater – die Schmerzensmutter steht am Kreuz und beweint ihren sterbenden Jesus. Eine große Traurigkeit, die Dvorak in Musik ausgedrückt hat.
Kurz:
Es schreibt mich.


Wir wünschen Ihnen und uns allen das Erlebnis, Kunst zu erleben.
Die Begeisterung, die uns bei der Erstellung der Werke erfasst hat, auch ein Stück weit anhand der Werke zu erleben.
Wir freuen uns, dass Sie alle da sind.

Vielen Dank.

 
 

Foto: Im Hintergrund Schriftelemente von Christiane Kleinhempel

Information

Die Ausstellung ist noch bis zum 16.08.09 zu sehen
www.wasserschloss-klaffenbach.de

 
 

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Ausstellungseröffnung im Wasserschloss Klaffenbach
 

Zum Sommeranfang, am 21. Juni, wurden im Saal des Wasserschlosses Klaffenbach gleich zwei Ausstellungen eröffnet. Erstaunlich viele Besucher kamen. Fast alle Plätze im großen Saal waren besetzt. Dem Gesicht von Museumsdirektorin Eva Kühnert konnte man die Freude ob dieses Zuspruches ansehen. Ein Quartett der Chemnitzer Musikschule regte mit Cello-Klängen zur Nachdenklichkeit an. Bei diesen jungen Musikern spürt man, was bei sogenannten »Profis« oft verloren ist: die Freude am Musizieren.

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