litterata  :  Reportagen  :  Die Revolution, die aus der Kirche kam  
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Michael Schneider, der Inhaber der Schwarzenberger Bücherwelt, strahlt über das ganze Gesicht, denn die Aula des Gymnasiums füllt sich mehr und mehr. Einige Tage zuvor gab es nur wenige Kartenbestellungen. Doch plötzlich ist er da, der Pfarrer im Ruhestand Christian Führer, die Hauptperson des heutigen Abends: in Jeansweste und weißem T-Shirt, genau so, wie wir ihn vom Titel seines neuen Buches kennen.



 
 

Christian Führer liest aus seiner Autobiographie. Er beginnt chronologisch bei Kindheit und Jugend. Der Vater Pfarrer und Thomaner, die Mutter vermag Schubert-Lieder zu singen. Die Kindheit in Langenleuba-Oberhain taucht auf. Abitur an einer Oberschule in Eisenach. 1961 Theologiestudium in Leipzig. 1968 Ordination in Lastau, einem Ort in der Nähe von Colditz. Schließlich 1980 die Besetzung einer Pfarrstelle an der Leipziger Nikolaikirche. Jetzt legt Pfarrer Führer das Buch bei Seite. Mit einigen Sätzen ruft er bei den Zuhörern die Atmosphäre der 1980er Jahre wach. 1981 startete er mit einer Veranstaltung im Rahmen der sogenannten Friedensdekade. Die Veranstaltung sollte um 22.00 Uhr beginnen. Mit 10–15 Besucher rechnete er. Es kamen 130 junge Leute aus der alternativen Szene, kaum Gemeindemitglieder. Für die jungen Leute wurde die Veranstaltung zum Erlebnis, dass man tatsächlich miteinander reden kann. Pfarrer Führer begriff an diesem Abend, dass sich die Kirche für so genannte Rand- und Protestgruppen öffnen müsse. In der Folge senkte er die Schwelle der Nikolaikirche weiter ab und öffnete alle Türen: Kommt einfach rein! 1982 wurden auf Vorschlag der Jungen Gemeinde die Friedensgebete wöchentlich abgehalten, nicht mehr nur an zehn Tagen im Jahr. Die Öffnung der Kirche ging so weit, dass selbst alternative Rockgruppen auftreten durften. Allein die Haar- und Bekleidungsmode dieser jungen Leute verunsicherte die alten Männer an der Spitze der DDR. Dabei hatte die Jugend auch nur Angst um die Zukunft, in einem Land, auf das die Raketen beider Seiten gerichtet waren, in dem die Wirtschaft von Exporterfordernissen dominiert wurde, die nur mit Raubbau an der Substanz und der Umwelt realisiert werden konnten. In der Nikolaikirche wurde für die Jugend das Gespräch über ihre bedrohte Zukunft möglich. Schließlich kam das Jahr 1989 und der 9. Oktober. Der Staat, so Pfarrer Führer, hatte ein gewaltiges Drohszenario aufgebaut. Noch am Morgen des Tages wusste keiner, wie er zu Ende gehen würde. Letztlich gelang aber der Durchbruch, so der Pfarrer, der friedlichen Revolution. Der Geist dieser Revolution sei die Losung »Kein Gewalt« gewesen. Diese Losung sei aus den Friedensgebeten der Kirchen entsprungen. Die Zuschauer waren, obwohl sie fast alle die Zeit vor 20 Jahren miterlebt hatten, von der Schilderung des gewaltfreien Protestes gegen verkrustete Zustände beeindruckt. Ein Zuschauer fragte ungläubig, ob Pfarrer Führer 1981 die Entwicklung vorausgesehen habe, obwohl er im Vortrag gehört hatte, dass es nicht so war. Pfarrer Führer wiederholte aber nocheinmal für diesen einen Zuhörer, dass er es nicht vorausgesehen hatte, und dass die Losung »keine Gewalt« wahrscheinlich das Unterpfand für den Erfolg der Protestbewegung war.
Johannes Eichenthal

 
 

Mit Beifall dankten die Zuhörer Pfarrer im Ruhestand Christian Führer für seine Lesung.

 
 

Der Autor signierte im Anschluss geduldig die Bücher seiner Leser.

Information

Christian Führer: Und wir sind dabei gewesen. Die Revolution, die aus der Kirche kam.
Ullstein-Verlag. ISBN 9783550087462
www.ullstein-verlag.de

www.buecherwelt-szb.de

 
 

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Die Revolution, die aus der Kirche kam
Buchlesung im Schwarzenberger Bertold-Brecht-Gymnasium
 

In diesem Jahr ist der Sommer ein Trauerspiel. Auf der Autobahn fast nur LKW, kaum Urlauber-PKW. Es regnet und regnet, seit Tagen und Wochen. Aus dem Autoradio quält sich ein Bericht über irgendeinen Weltwirtschaftsgipfel. Der Reporter beschreibt, wie die »mächtigsten Leute« der Welt, die Billionen für die Rettung von Banken zum Fenster hinauswarfen, beim Bildungssystem aber knausern, durch eine Region spazieren, die von einem Erdbeben zerstört wurde. Fototerminlächeln vor Ruinen. Der beabsichtige Optimismus gelingt dem Reporter nicht so recht. Aber je näher ich Schwarzenberg komme, um so mehr klart der Himmel auf. Bei abendlichem Sonnenschein schwenke ich auf den Parkplatz des Bertolt-Brecht-Gymnasiums in Schwarzenberg.


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