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Eine Tagung zum Werk Herders ist im heutigen Wissenschaftsbetrieb eher eine Ausnahme. Selbst Fachleute kennen in unserer Zeit kaum noch die Texte Herders. Um so mehr muss man den Mut der Veranstalter loben. Die Tagung mit Teilnehmern aus Kanada, den USA, Italien, der Schweiz und Deutschland begann am 10. Juli und endete am 12. Juli 2009. Am Vormittag des 11. Juli trat im Senatssaal der Bibliothek Marion Heinz, Professorin an der gastgebenden Universität und eine der Organisatorinnen der Tagung mit einem Diskussionsbeitrag »Die Vernunftkonzeption in Herders Metakritik« auf. Sie hob hervor, dass Herder ein neues Konzept gesucht habe. Dabei grenzte er sich sowohl von der alten Metaphysik, wie vom Ansatz Kants ab. Herder habe hervorgehoben, dass die Metaphysik an Erfahrungen gebunden sei, und sie deshalb eine »Nach-Wissenschaft« genannt. Um die Grundlagen Herders zu verdeutlichen, verwies sie auf Herders Arbeit mit dem Titel »Gott«. Dort habe dieser Gott mit dem All und einer Kraft als das Alles und Eine gleichgesetzt. In diesem Zusammenhang habe Herder Momente der Identitätsphilosophie (von Fichte, Schelling und Hegel) vorweggenommen. Herders Metakritik könne man als das Projekt einer spinozistischen Lebensphilosophie verstehen. Für Herder seien Sinnlichkeit und Vernunft nur verschiedene Ausprägungen einer Kraft gewesen, die nur einem Gesetz folgte: erkenne Eines in Vielem. Die Operationen der Vernunft bezögen sich nicht auf bestimmte Gegenstände, sondern auf Sprache. Sprache sei bei Herder Verstandesausdruck. Der Verstand habe sich Sprache geschaffen. Sprache und Worte seien bei Herder immer als Ausdruck der Tätigkeit des Verstandes zu verstehen. Herder habe Sprache mit der geistig-sinnlichen Aneignung der Welt gleichgesetzt und mit Erfahrung verbunden. Weil es für Herder keine leeren Verstandesbegriffe geben könne, deshalb setzt sich Herder mit Kant auseinander. Metaphysikkritik vollzog sich bei Herder als Sprachkritik. Die Vernunft waltet bei Herder, so Marion Heinz, als Richterin über die Sprache. Das Richten vollziehe sich als Element des (logischen) Schließens. Herder habe betont, dass es beim Schließen darum gehe, dass ein gegebenes Allgemeines, das Gesetz auf einen bestimmten Fall angewendet werde. Dabei sollte das Schließen für Herder kein bloß formallogische Operieren sein, sondern eine höhere Form der Bearbeitung des Seienden. Abschließend nannte sie, trotz allen Versuches des Verstehens von Herders Argumentation, dessen Auffassung »eigenwillig«. Das Ergebnis des Herderschen Metaphysik-Ansatzes sei die Überprüfbarkeit, ob sich die Erkenntnis auf Erfahrung stütze oder ein Phantasieprodukt sei. Die Überführung in den Erfahrungszusammenhang habe Herder »Entnebeln« genannt. Gegen Kant habe Herder vorgebracht, dass Vernunft nicht auf ein unbedingtes Ganzes hinausgehe. Das Vorgehen Herders nannte Marion Heinz »partikularisierende Totalisierung«. Für Herder sei die Aufgabe des Erkennens gewesen, aus dem dunklen Allgemeinen ein helleres Bild zu schaffen. Er habe aber keine Theorie des Begriffs ausgearbeitet und keinen Begriff der Totalität gebraucht. Das Absolute sei für Herder der Begriff für Gott gewesen. Deshalb sei Naturerkenntnis in der höheren Form der Vernunft für ihn auch Gotteserkenntnis gewesen. Gleichzeitig sei aber Gotteserkenntnis auch nur über Naturerkenntnis möglich. Der »Preis« für dieses Vernunftkonzept bestehe darin, dass Vernunft in sich selbst zurückkehre. Metaphysik sei bei Herder die Reflexion der Vernunft auf ihre eigenen Bedingungen.
In der Diskussion wurde Marion Heinz gefragt, wo die Differenz Herders zu Kant liege. Sie antwortete, dass der Hauptunterschied zwischen Herders und Kants Vernunftkonzeption  in folgenden Punkten bestehe:
1. für Kant hat die Vernunft keine Erkenntnisfunktion, sie hat nur einen regulativen Gebrauch für die empirische Erkenntnis, um sie zu größerer Einheit zu bringen; für Herder hat die Vernunft die Funktion konstitutiver Gegenstandserkenntnis
2. Herder setzt zwar für die Bestimmung des Vernunftvermögens wie Kant bei der Funktion des Schließens an; bei ihm findet sich jedoch keine Trennung zwischen reiner und formaler Logik auf der einen Seite und transzendentaler Logik auf der anderen Seite wie bei Kant. Herder konzipiert eine Logik des Ontischen (Gunter Scholz), der Erkenntnis des Seienden.
3. Während Kant die Funktion der Vernunft dahingehend bestimmt, dass sie auf das Unbedingte geht; also entweder auf die ganze Reihe der Bedingungen oder auf ein Erstes in der Reihe, verhält es sich für Herder so, dass die Vernunft darauf zielt, dass durch die Erfahrungserkenntnis gegebene Allgemeine zu bestimmen und zu bedingen, d.h. es so auf Seiendes zu beziehen, dass dessen Bestimmungen als aus begrifflich-logischen Verhältnissen abgeleitete erwiesen werden.
4. Währed für Kant der Begriff Gottes als das ens realissimum als transzendentales Ideal bloß logisch notwendig ist, aber keine Erkenntnis Gottes aus diesem Begriff möglich ist, ist Herder der Auffassung, daß Gott als das »Allbedingte und höchst Bedingende Eins« in jeder Erkenntnis von Seiendem als dessen Grund erkannt wird und dass sich die menschliche Vernunft in der Erkenntnis Gottes als des Grundes alles Seienden der Objektivität ihrer eigenen Leistungen vergewissert.

Aus all dem werde klar, dass Kant die Metaphysik als rein rationale Erkenntnis des Übersinnlichen für unmöglich erklären muss, während Herder einen neuen Typ von Metaphysik als Nachphysik konzipiert. Diese Metaphysik setzte Erfahrung und Sprache voraus; Herder sei der Meinung, es sei die Leistung der Vernunft im Ausgang von der Erfahrung und der in der Sprache sedimentierten Erfahrungserkenntnis die an sich bestehende Vernünftigkeit der Dinge als solche zu erkennen.

Ein anderer Kollege fragte, ob Herder nicht das Problem der Totalität durch die Hintertür wieder hereingelassen habe und mit dem Gottesbegriff in die Theologie abgeschoben habe. Marion Heinz antwortet, dass Herder spinozistisch vorgegangen sei. Seine Lebensphilosophie sei Onto-Theologie. Er habe Gott als höchste Vernunft bezeichnet und als Grund des Seins angesehen. Auf den Einwand, dass diese Art der Verallgemeinerung nicht mehr den Horizont der Begriffsbestimmung erkennen lasse antwortete Marion Heinz, dass Herder aber ohne Logifizierung und abgeschlossene Systemmacherei ausgekommen sei. Ein Teilnehmer verwies in Sachen Differenz von Kant und Herder darauf, dass die Folgerung für Herder Gegenstandserkenntnis sei, für Kant nicht. Ein weiterer Teilnehmer verwies darauf, dass wenn Herder Gott in Allem ansehe, dies ein mystischer Ansatz sei. Marion Heinz antwortet, dass für Herder die menschliche Vernunft Teil eines Ganzen sei. Die menschliche Vernunft könne sich aber aus seiner Sicht nur anerkennen, wenn sie Gott anerkenne.

Unmittelbar auf Marion Heinz folgte der Vortrag von Professor Andreas Arndt, Präsident der Hegel- und der Schleiermacher-Gesellschaft. Er hob auch sogleich seine Distanz zu Herder hervor: er wolle durch dieses »sperrige Ding« (die Metakritik) eine Schneise schlagen. Die Lektüre der Metakritik könne einen nicht für Herder einnehmen. Es sei ihm unverständlich, wie ein Schüler Kants nahezu alle Fehldeutungen Kants versammle, vor denen man schon im »Pro-Seminar« gewarnt habe. (Warum eigentlich immer im Pro-Seminar?) Dennoch fänden sich Denkfiguren Herders im deutschen Idealismus. (An dieser Stelle hätte sich angeboten, die Hegelsche Bemerkungen aus der Logik-Einleitung zu zitieren, dass Kant ein ganzes Volk in die Orientierungslosigkeit geführt habe.) Der Vorwurf Herders an Kant, dass es ohne Erfahrung keine Vernunft geben könne, der sei im Grunde auch von Adorno erhoben worden. Doch im Unterschied zu Herder habe Adorno Vernunft und Erfahrung in der höheren Einheit im Bewusstsein gesehen. Für Herder dagegen sei der Kantische Ansatz einer transzendentalen Vernunft von vornherein obsolet, weil Kant diese isoliert habe. Dialektik sei für Herder immer mit der sophistischen Kunst des Scheins verbunden. Doch Kant habe die Kritik der Vernunft betrieben, um den falschen Schein, den transzendentalen Schein als notwendigen Schein aufzudecken. Die Widersprüche der transzendentalen Vernunft seien für Herder nur Widersprüche der Sprache. Es sei fraglich, ob man wie Herder, mit Sprachkritik das Problem des notwendigen Scheins erfassen könne. Indem Herder Bacons Organon gegen Kant in Stellung bringe, sei dem Anschein nach sein Urteil über die Kritik der reinen Vernunft bereits gefällt. Die Anführung von empirischen Erfahrungen gegen Kant sei keine Problemlösung. Kant habe versucht darauf aufmerksam zu machen, dass wir mit subjektiven Begriffen (aus Hegelscher Sicht waren es bei Kant nicht einmal Begriffe, sondern nur allgemeine Vorstellungen) objektive Sachverhalte zu erfassen versuchen, dass wir auf das Unbedingte zielen, und dass reine Verstandesbegriffe in der menschlichen Natur begründet seien. Kant habe darauf verwiesen, dass sich die Vernunft bei ihrem Geschäft in gegensätzliche Optionen verwickle, die die Form eines Widerspruches annehmen. Für Herder seien Begriffe sprachlich vermittelte Konditionen, die das Bildhafte des Ausdruckes behielten. Das Problem bestehe für Herder darin, dass Begriffe immer Anschauungen, immer auf Gegenstände bezogen bleiben. Von dieser Position aus kritisierte er die Kantischen Kategorien als zufällig aus der Sprache herausgeklaubte Erdichtungen, als Wahnideen. Der transzendentale Schein sei deshalb für Herder nur ein Irrtum. Andreas Arndt fasste hier die Unterschiede zwischen Kant und Herder zusammen: es ist die Konzeption des Begriffes und damit des begreifenden Denkens, die beide voneinander trennen. Bei Herder, so das vernichtende Urteil, seien keine Antworten auf die Probleme zu finden, die Kant bearbeitete. Bei Kant folge aus der Systemazität der Vernunft, der Einheit der »unteren« und »oberen« Vermögen, die Systemazität der Erkenntnis. Nicht umgekehrt. Herder dagegen sei der »vorkantischen« Anschauung gefolgt. Nicht die Gegenstände seien auf die Begriffe bezogen, sondern die Begriffe auf den Gegenstand. Deshalb habe Herder bei Kant einen Missbrauch des Verstandes kritisiert. Wahrheit sei für Herder Widerspruchsfreiheit des Verstandes. Da Kant diese Auffassung nicht vertrete, deshalb sei die transzendentale Vernunft für Herder erledigt. Herder betrachte das Dasein im All als anthropologisches Faktum. Aber er interpretiere das Unbedingte auf eine kühne Weise um. Das Allgemeine werde als Totalität des zu Bestimmenden gesehen. Das Unbedingte werde bei Herder zu Bedingtem der Vernunft. Über eine solche Totalität könne man nicht mehr in Begriffen sprechen. Herder nähme das Unbestimmte schließlich in eine prozessierende Totalität zurück. Es sei dies ein »additives Weiterbestimmen« des Unbedingten.
Andreas Arndt bemühte sich trotz der sichtlichen Differenzen dennoch Herders Ansatz zu verstehen. Er verwies auf den vergleichbaren Ansatz von Hans Blumenberg, der auch versucht habe Begriffe nicht vom Bildhaften zu lösen. Herder und Blumenberg unterstellten aber, dass sich Begriffe auf Identität beziehen. Doch Begriffe schlössen auch die Differenz ein. Hier zitierte er Spinoza/Hegel, wonach eine Bestimmung eine Negation sei. Die Probleme der Erfahrung blieben bei Herder unbestimmt. Das Anliegen Kants habe Herder nicht einmal in den Blick bekommen.
In der Diskussion meinte ein Teilnehmer, dass doch die Positionen Herders und Kants zum Begriff gar nicht so weit voneinander entfernt seien. Andreas Arndt antwortete, dass Herder Kant vorwerfe, dass dieser den subjektivistischen Ursprung der Kategorien nicht durchschaut habe. (Übrigens ein Vorwurf, den auch Hegel erhob.)
Darauf folgte der Einwurf, ob Herder in seiner Metakritik nicht vielleicht Kant parodiert habe. Darauf hatte Andreas Arndt keine Antwort.
Marion Heinz warf ein, dass man bei Herder nur an einer Stelle etwas zur Theorie des Begriffes finden könne: »Wir sehen immer nur Eines in Mehreren«. Andreas Arndt antwortete, dass man dieses Zitat vor dem Hintergrund der Gegenstandsgebundenheit verstehen müsse. Marion Heinz frage, wie es mit der Anschaulichkeit sei. Andreas Arndt antwortet, dass man diese Forderung Herders als Postulat lesen müsse.
Hier kam ein Einwurf, ob man das Problem nicht eher von Herders Essay zum Ursprung der Sprache her begreifen könne. Statt eine Antwort zu geben, beklagte sich statt dessen ein Teilnehmer über die Unverständlichkeit des Herderschen Textes. Andreas Arndt meinte, dass Herder die Kant-Kritik schwach durchführte. Er habe nur darstellen wollen, dass Herder mit seiner Theorie nicht weiterkomme, wenn er an Gegenstände gelangt, die nicht zum Bereich der Erfahrung gehören, zumal Herder den Widerspruch ausdrücklich auf ein Problem der Sprache reduziere.

Zugegeben, wir waren vom Vortrag des Herrn Professor Arndt etwas verwirrt. Das sollte Herder sein? Traurig fuhren wir in die Provinz zurück. Daheim holten wir die alten Herder-Bände aus dem Regal hervor und lasen in den verstaubten Büchern nach. Da erinnerten wir uns dunkel, dass Herder mit den »Ideen einer Philosophie der Geschichte der Menschheit« eine Arbeit vorlegte, in der er die Geschichte der Menschheit mit der Entstehung unseres Sonnensystems, der Erde, der unbelebten Natur, der Pflanzen und Tiere darstellte. Das ganze in anschaulichen Begriffen, ohne philosophische Spezialtherminologie. Die Darstellung erfolgte offen, kein philosophisches System, kein »Prinzip« was sich in Natur und Vernunft auf Teufel komm heraus durchsetzen sollte. Im Gegenteil, Herder folgte dem Gegenstand, aber nicht auf simple Weise. Seine Methode umreißt er in der Einleitung mit einfachen Worten: »Wenn ich das große Himmelsbuch aufschlage, ... so schließe ich, so ungeteilt ich kann, vom Ganzen aufs Einzelne und vom Einzelnen aufs Ganze« (Herder J. G.: Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit. SWS, Bd. XIII; S. 14). Im August 1799, in einem Brief an den Sohn, der eigentlich Bergwerkswesen studieren sollte, aber mit Fichte liebäugelte,  taucht diese Formulierung nocheinmal auf: »Man betrachte ... das Allgemeine im Besonderen, das Besondere im Allgemeinen. An sich eine kahle Regel, durch Anwendung wird sie reich und klar.«
Durch diesen Hinweis wird die Struktur der »Ideen« lesbar. Herder entwickelt deduktiv den Weltzusammenhang und im gegenläufigen Verfahren induktiv die empirischen Erkenntnisse. Dadurch gelingt es ihm den Umschlag von Allgemeinem in Besonderes und umgekehrt dazustellen. (Hegel nannte das Moment des Umschlagens von Allgemeinem in Besonders und umgekehrt später das dialektische Moment.) Herder ist ein Mann des Besonderen. (Eine Wissenschaft, die das Besondere nicht zu erklären vermag, ist keine. Karl Marx) Herder braucht alle Bände seiner »Ideen«, um den Begriff von Humanität (vermenschlichte Natur, Kultur, schließt bei Herder auch die Barbarei ein) zu entwickeln. Dieses Verfahren verwendeten vor ihm Spinoza und nach ihm u.a. Hegel und Marx.
Die Bemerkungen in den »Ideen« sind so unscheinbar, dass sie selbst großen Herausgebern von moderenen Herder-Ausgaben nicht kommentierungswürdig erschienen.
Doch die Wirkung der »Ideen« war gewaltig. Goethe und die gebildeten Zeitgenossen sind begeistert. Dieses Buch, der erste Band erschien 1784, wirkte das ganze 19. Jahrhundert hindurch. Kant freilich konnte der Darstellung nichts abgewinnen, monierte »fehlende Pünktlichkeit« der Begriffe, eine gewisse »Poetelei und Sagazität«.
Und Kant? Hat er mit seinen Grundsätzen wenigstens eine Metaphysik der Natur zustande gebracht? Eher nicht, oder?
Vielleicht sollten wir vom Schluss her anfangen und zuerst das letzte Kapitel der Metakritik lesen. Herder diagnostiziert aus der Kantischen Arbeit »Der Streit der Fakultäten«, dass es bei aller Hervorhebung einer »reinen Vernunft« letztlich um die Ersetzung der Dominanz der theologischen Fakultät durch die Dominanz der philosophischen Fakultät, um Lehrstuhlbesetzungen und Macht ging. Man muss hier anfügen, dass Kant mehrfach Rektor der Königsberger Universität war. Für Herder war der Kampf um Dominanz der Philosophie, wie auch die Gründung einer philosophischen Schule ein Holzweg. In einem späten Brief notierte Karoline, dass Herder gesagt habe, wenn der Streit mit dem Kantischen Dogmatimus vorbei sei, wieder jeder Verständige seine Philosophie haben könne, wie seine Art zu leben. In der Philosophie gäbe es keine allgemeinen Gesetze, sondern nur allgemeine Voraussetzungen, die jeder unter seinen besonderen Umständen anwenden müsse.
Hier liegen also fundamentale Unterschiede in den Auffassungen vor. Auf der einen Seite der paternalistisch geprägte Kant, der Begründer einer philosophischen Schule, der den Staat als die Institution sah, die dem von »Natur aus bösen« Menschen zur Kultur bringen solle. Auf der anderen Seite Herder, der den Staat weder für das Kulturbringen, noch zur Problemlösung, sondern einzig zur Verwaltung fähig sieht. Die Probleme müssten die Menschen schon selber lösen.
In seinem Dialog »Gott« beschreibt Herder Spinoza als einen ehrenwerten Mann, der aber leider keinen Humor und keinen Sinn für Poesie hatte. Ähnlich dürfte er Kant eingeschätzt haben.
In diesem Kontext müssen auch die Differenzen zwischen Kant und Herder gesehen werden. Bernhard Suphan hat in der Einleitung zu Band XXI der Sämtlichen-Werke-Ausgabe (SWS) auf vorbildlich nüchterne Weise die Meinungsbildung Hamanns und Herders im Zusammenhang mit dem Erscheinen der »Kritik der reinen Vernunft« dokumentiert. Die theoretischen Differenzen waren Hamann und Herder frühzeitig klar. Aber erst ein Verriss der Herderschen Schrift vom »Geist des Christentums« durch den Theologen Stäudlin, einem Anhänger Kants, der Herder in einen Gegensatz zur reinen Wissenschaft stellte und Popularphilosophie vorwarf, bewegte Herder zur Abfassung der Metakritik. Bereits auf den ersten Zeilen macht Herder aber klar, dass es ihm um die Wirkung des Buches auf die Jugend gehe, nicht um die Person seines alten Lehrers. Als Adressat der Herderschen Kritik ist daher eher der junge Fichte anzusehen, der die Kantischen Auffassung radikal in Richtung Denken ohne alle Erfahrung vereinseitigte. Dieser Fichte war aber wiederum ein Urheber der so genannten »Identitätsphilosophie«. Wenn Herder die Schwachstellen dieser »Identitätsphilosphie« bereits im Geburtsstadium kritisiert, dann muss man fragen, welche Tragweite der Ansatz haben kann, wonach bei Herder Denkfiguren dieser Identitätsphilosophie vorweggenommen würden? Messen wir Herder dabei nicht mit dem Maße Fichtes, Schellings und Hegels? Wenn ja, was bringt das für das Begreifen der Besonderheit Herders? Kann man ein angemessenes Urteil von Fichte,  Schelling und Hegel in Sachen Herder angesichts der Lage überhaupt erwarten? (Die Ironie der Geschichte wollte es, dass sich Fichte im Alter mit seinen Kommentaren zum Anfang des Johannisevangeliums – Im Anfang war das Wort – eher auf Herdersche Einsichten zubewegte.) Bernhard Suphan bringt das Anliegen Herders mit einem Hamann Zitat auf den Punkt: »Vernunft ist Sprache«. (Der Theologe Oswald Bayer verfasste eine ganze Monographie zu den Hintergründen der Hamanschen Metakritik und zur These »Vernunft ist Sprache«.)
Für Herder gibt es kein reines Denken, kein Denken ohne Erfahrung, und kein Denken ohne Sprache. Daher unterteilt er seine Kant-Kritik in die zwei Abschnitte: 1. Verstand und Erfahrung; 2. Vernunft und Sprache. Im Detail folgt er der Struktur der »Kritik der reinen Vernunft«. Seine Methode ist eigentlich die, permanent zu demonstrieren, dass die Kategorien der Logik nicht ohne Erfahrungsinhalt denkbar sind und das es eine »reine« Vernunft nicht geben kann. Insofern konterkariert er die »Kritik der reinen Vernunft«, und parodiert diese, wie es ein Diskussionsteilnehmer auch vermutete. Parallel stellt Herder seine Position dar: Wir können nur denken, was wir sprechen können. Die Sprache bringt die Denkformen hervor, nicht umgekehrt. In der »Kalligone« wird Herder später darstellen, dass es kein Denken ohne Gefühl geben kann. Diese Zusammenhänge werden heute von der Hirnphysiologie empirisch bestätigt.
Wenn man die Genesis von Herders Auffassung verstehen will, dann muss man auf seine frühen Arbeiten zur deutschen Literatur, auf den Essay zum Ursprung der Sprache, auf den Plastik-Essay, auf den Essay zu Empfindung und Gefühlt zurückgehen. Um 1770 entwickelte Herder bereits ein Konzept, wonach die Differenz von Mensch und Tier in der »Besonnenheit« zu suchen sei. Diese versteht er nicht als Zurückhaltung und auch nicht als rein geistige Reflexion. Besonnenheit ist das Zusammenwirken aller Sinnesorgan. Der Verstand, die Sprache, die Vernunft sind für ihn nur als Zusammenhang unserer Sinneswahrnehmungen begreifbar, nicht als verschiedene Stufen der Erkenntnis, wie bei Kant. Herder reduzierte also Denken nicht auf den Kopf. Wir denken mit dem ganzen Körper, mit der Seele, oder wem das Wort zu metaphysisch klingt, der Psyche. Es wird von allen Sinnen gemeinsam ein inneres Bild aufgebaut. (Herder verwies in diesem Zusammenhang auch auf die besondere Bedeutung des Traumes.) Sprache, ob Lautsprache, Schriftsprache oder Bilder- und Zeichensprache, ist in dieser Sicht zentrale Widerspiegelungsinstanz und gleichzeitig Handlungssteuerungszentrale. Wir konstituieren uns nicht in Bewusstsein, in reinem Denken, sondern in Sprache. Unsere Sprache widerspiegelt die Wirklichkeit nicht nur, sondern schafft sie auch.
Die Herdersche Methode wird deutlich, wenn wir beachten, dass er die Entwicklung der Sprache schon in seinem preisgekrönten Essay zum Sprachursprung mit ihrem Gegensatz, der Entwicklung des Gehörs in Zusammenhang bringt.
(Die Ironie der Geschichte wollte es, dass die Kopflastigkeit des deutschen Idealismus in unserer Zeit durch Körper-Philosophien, Leib-Philosophien kompensiert werden soll, aber eigentlich nur ein Extrem durch ein anderes ersetzen.)
Bereits auf seiner Schiffsreise nach Frankreich notierte Herder seine Zweifel an der alten scholastischen Logik. Es gehe darum, dass die Begriffe nicht einfach angenommen werden, sondern zu entwickeln seien. Schon damals war ihm klar, dass man dieser alten Logik alles beweisen kann, was man annimmt. (Gründe kann man für alles finden – Hegel)
Herders Vernunft-Konzept, auch in der Metakritik spricht er nur von menschlicher Vernunft, ist in den »Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit« deutlich zu finden. Dort definiert er Vernunft als eine der beiden Säulen der Humanität, Kraft, als die Gesamtheit der Methoden und Verfahren, als Fähigkeit aus unserem Irrtümern zu lernen, im Kern als Skepsis. (Hier wird der Ursprung des Marxschen Begriffes von den produktiven Kräften deutlich) Die zweite Säule der Humanität ist für Herder die Religiösität, die er als Gegensatz zur Vernunft sieht. Nicht Zugehörigkeit zu einer Kirche, sondern unsere Sehnsucht nach Unsterblichkeit, also etwa in der Bedeutung von Existenz. Im Kern ist für Herder Religiösität daher die Hüterin der Tradition, Hoffnung.
In der Poesie kommen die Gegensätze von Vernunft und Religiösität und Vernunft, die sich ausschließen und bedingen, praktisch zusammen. Philosophie beginnt für Herder dort, wo die Gegensätze von Hoffnung und Skepsis gleichzeitig gedacht werden. Philosophie ist für Herder soetwas, wie der Geist von Poesie.
In diesem Bereich ist vielleicht auch das Lebenswerk Herders zu suchen. Deshalb schätzte er wahrscheinlich seine Schrift vom »Geist des Christentums« höher als die Metakritik. Wenn man den »Geist des Christentums« liest, dann wird man eher an Ernst Bloch erinnert. (Leider hatte auch dieser kaum Kenntnis von Herder-Texten). Statt einer Widerlegung von Gottesbeweisen, wie sie Kant unternahm, versuchte Herder mit einem hermeneutischen Verfahren den Geist des Christentums gegen dümmliche und kurzsichtige Blasphemie, aber auch gegen das »Staatschristentum« und die »fromme Lüge« zu verteidigen. Das Fazit ist für Herder die Erkenntnis des christlichen Universalismus, wonach der Kern des Christentums Geist ist, dass die »Waffen« dieses Geistes nicht zerstören, sondern heilen, und das christliche Credo in der Einsicht bestehe, dass es uns nur wohl ergehen kann, wenn es den Menschen um uns wohl geht.
Damit wird aber vollends deutlich, dass uns Herder noch sehr viel zu sagen hat, wenn es um unsere Zukunft geht. Vielleicht schauen Sie, liebe Leserinnen und liebe Leser auch einmal in ihrem Bücherregal nach?
Wie schrieb doch Theodor W. Adorno einst: »Philosophie, die einmal überholt schien, erhält sich im Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward.«
Johannes Eichenthal

 
 

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Herder neu lesen
Eine Tagung an der Universität Siegen
 

Wer nach dem Veranstaltungsort einer wissenschaftlichen Tagung zu Johann Gottfried Herders »Metakritik der Kritik der reinen Vernunft« an der Universität Siegen suchte, der hatte es nicht ganz leicht. Die Zufahrt zum Parkplatz, die auf der Karte unkompliziert erschien, die wurde uns kurz vor dem Ziel durch eine Sperre verwehrt. Aber selbst zu Fuß war es nicht leicht. Wohin man sich auch wendete, man geriet in Sackgassen. Die Universität präsentierte sich dann als durchaus singuläres, aufwändiges Bauwerk. Doch irgendwie hatte man das Gefühl, dass der Komplex mehr vom Kopf aus, weniger von den Sinnen her geplant wurde. Und immer wieder Sackgassen, keine verbindenden Wege. Vielleicht vergleichbar mit dem Zustand des Bildungssystems?

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