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Bernward Küper, der Oberbürgermeister der Stadt, begrüßte wie in jedem Jahr die Gäste sehr herzlich. Er verwies auf das entstehende Nietzsche-Dokumentationszentrum und machte darauf aufmerksam, dass dies Teil des Stadtentwicklungskonzeptes sei und unter die Rubrik »Bildung« falle. Ohne Bildung sei nach Meinung des Stadtrates die Stadtentwicklung nur schwer zu realisieren. Deshalb hätten die Aktivitäten zur Erinnerung an Nietzsche in der Stadt auch besonderes Gewicht.


 
 

Foto: Oberbürgermeister Bernward Küper

Der Kultusminister des Landes Sachsen Anhalt, Jan-Hendrik Olbertz, der am Folgetag die Verleihung des des Nietzsche-Preises an Ludker Lütkehaus vornehmen wird, war zur Eröffnungsveranstaltung leider verhindert. Seine Vertreterin verwies auf die hohe Dichte von kulturellen Erinnerungsstätten von nationaler Bedeutung  in Sachsen-Anhalt. Man hätte anfügen können, dass dies auf ganz Mitteldeutschland zutrifft.

 
 

Foto: Rita Berning, Referatsleiterin Kultur, sprach in Vertretung des Kultusministers von Sachsen-Anhalt

Professor Volker Caysa, einer der beiden wissenschaftlichen Leiter der Tagung, erläuterte zunächst das Tagungskonzept: Mit der so genannten Postmoderne sei nicht nur das Ende der Metaphysik, der Geschichtsphilosophie und der Großen Erzählung eingeleitet worden, sondern auch jede Art von Pathos, Erhabenheit und Größe unter Verdacht gestellt worden. Doch mittlerweile sei deutlich geworden, dass die Großen Erzählungen in unserer Zeit von anderen, anders erzählt würden. Das Thema der Tagung bedürfe in Deutschland immer noch einer Erläuterung, weil Nietzsches Texte im imperialen Sinne missbraucht wurden. Nietzsche denke zwar groß, aber nicht imperial.
Caysa kündigte darauf den ersten Plenumsbeitrag der Tagung an. Frau Professor Annemarie Pieper aus Basel sei nicht nur Wissenschaftlerin, sondern auch erfolgreiche Buchautorin und trete mit einer Sendung im Schweizer Fernsehen auf.

Der Vortrag
Annemarie Pieper stellten ihren Vortrag unter den Titel »Das große Ereignis. Nietzsches narrative Dekonstruktion der Metaphysik.« Die Gegenstände der Metaphysik hätten kein Ereignis, sondern seien erstarrt. Ein Ereignis dagegen werde augenscheinlich erfasst.  Als Beispiel zitierte sie die ersten Sätze aus »Zarathustra«. Zarathustra begrüßt vom Eingang seiner Höhle auf dem Berge aus die Sonne, die zu ihm aufgestiegen ist: »Du großes Gestirn! Was wäre dein Glück, wenn du nicht Die hättest, die du leuchtest! Zehn Jahre kamst du herauf zu meiner Höhle: du würdest deines Lichtes und dieses Weges satt geworden sein, ohne mich, meinen Adler und meine Schlange. Aber wir warteten deiner an jedem Morgen, nahmen dir deinen Überfluss ab und segneten dich dafür.«
Frau Pieper verglich dieses Bild mit Platons Höhlengleichnis. Bei Plato gelingt es nur einzelnen Menschen sich zum Ausgang der dunklen Höhle zu bewegen und in das grelle Sonnenlicht zu schauen. Bei Nietzsche steige die Sonne zum Menschen auf. Deren zyklische Bewegung, die ständige Wiederholung eines gleichen Prozess sprenge die starre Identität der Sonne bei Plato. Bei Plato sei die Sonne von sich aus ein Ganzes, eine statische, erhabene, unveränderliche Größe. Wärme und Licht verströme sie absichtslos. Gott sei für Plato selbstbezogen, ebenso für Spinoza.
Anders bei Nietzsche. Die Sonne müsse sich über den Tag entleeren, um am Abend untergehen zu können. In der Nacht erfolge die Wiederherstellung der Sonne.Wie die Sonne so habe auch die Idee des Guten keinen Sinn ohne den Menschen. Plato habe zwar versucht eine Brücke zwischen Menschen und Ideen zu denken, die Teilhabe der Menschen an den Ideen in der intellektuellen Anschauung, eine Art Urmuster. Doch diese Urmuster blieben bei Plato starre Gegenstände der äußeren Lebenswelt. Bei Nietzsche dagegen bemühe sich die Sonne um Zarathustra und seine Tiere. Diese Teilhabe sei für beide Seiten segensreich. Im Unterschied zu Plato setzte die Sonne bei Nietzsche »Fleisch« an. Unter naturwissenschaftlichem Aspekt  benötige die Sonne die Umwelt nicht.  Aller Sinn der Erde sei aber in zyklischer Kreisbewegung begründet. Zarathustra und seine Tiere hätten den Kreis in ihr Leben integriert, bis in die Bewegung hinein: der Adler fliege im Kreis, die Schlange bewege sich in Kreisbewegungen. Der Kreis sei das Beziehungsgefüge zwischen Gegensätzen. Das Kreisprinzip begründe nach Kierkegaard die Existenzdialektik. Der Mensch bewege sich wie ein Seiltänzer zwischen den Gegensätzen. Daher müsse man versuchen den Seiltanz in sein Leben zu integrieren, so dass das Leben aus sich heraus Sinn erhalte, einen gelebten Sinn. Damit habe Nietzsche das alt metaphysische Menschenbild mit seiner Trennung von Körper und Geist, in seinem Dualismus überwunden. Dabei werde Sinn von Nietzsche in zweifacher Hinsicht gebraucht: Übergang ist der Sinn der Existenz und Übergang sei der Sinn der Existenz. Die antike wie die christliche Metaphysik hätten die Sinne in die Empirie »ausgelagert«. Plato schicke alle, die den Anblick der Sonne genossen, in die Höhle zurück, um den Höhlenbewohnern die Idee des Guten zu erläutern. Aber zur Differenz von Sein und Wollen sage Plato nichts. Nietzsche dagegen habe Höhle und Lebenswelt aus dem Alleinvertretungsanspruch der Vernunft befreien wollen. Die Vernunft solle sich in die Netzwerke des hier und heute einbringen. Für die Vernunft, die sich als »reine« Vernunft verstehe, existierten bestimmte Probleme wie Geburt, Tod, Krankheit, Existenz u.a. nicht. Nietzsche dagegen reduziert den Vernunftbegriff auf die »kleine Vernunft« und bindet diese in die »große Vernunft« des Leibes ein. Der Leib wird von Nietzsche als sinngebende Instanz betrachtet. In der Existenz fallen zudem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen. Mit Kamel (lässt sich von fremdem Willen beladen), Löwe (erobert sich Freiheit) und Kind (ist unvoreingenommen) beschreibe Nietzsche drei Stufen der Freiheit. Im Leben laufe die Vernunft immer im Kreis und weise gleichzeitig über sich hinaus, in Form einer Spirale. In diesem Zusammenhang könne man von Fortschritt sprechen, nicht im horizontalen Sinne, sondern im vertikalen. Dabei fallen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in jedem Augenblick zusammen. In diesem Zusammenhang spreche Nietzsche von der ewigen Wiederkehr des Gleichen. Dazu seien einige Anmerkungen zu machen: Nietzsche spreche vom Gleichen, nicht von dem Selben. Nietzsche habe eine nichtlinear Vorstellung. Im Zarathustra tauche oft der Ausdruck des Ja-Sagens auf. Das werde ihm oft als »Fatalismus« angerechnet. Aber Nietzsche meine, dass man bei jeder Handlung bedenken müsse, dass die Folgen immer wiederkehrten. Das sei vergleichbar mit Kants kategorischem Imperativ. Obwohl Nietzsche die kopernikanische Wende durchaus mit vollzogen habe, gäbe es aber Differenzen in Sachen Bedenken der Folgen. Kant tendiere zu Plato. Kants Vernunft beziehe sich nicht auf die gesamten Sinne. Für Nietzsche haben die Sinne und der Leib Anteil an der Sinnproduktion. Hier sei Nietzsches Unterschied zur christlichen Metaphysik zu finden. Für Nietzsche sei auch die Seele eine Bezeichnung für etwas am Leibe. der Leib sei ein tätiges Apriori, dass sich tätig organisiere. Die Sinnkonstruktionen seien nur durch Bezug auf den Leib zu erfassen: Leibhaftigkeit, Durchdringung von Welt und Mensch. Die Einheit von Vernunft und Sinnen entsteht im Leib und wird durch den Leib zusammengehalten. Doch Nietzsches narrative Dekonstruktion der Metaphysik habe nicht nur einen ontologischen Aspekt, sondern auch einen ethischen. Der Wille sei für ihn die ethische Instanz schlechthin gewesen. Die Welt von innen gesehen sei Wille zur Macht und nichts außerdem. Diese Äußerung dürfe man nicht ontologisch verstehen. Im Ursprung alles Lebens fänden wir einen Willen, eine Kraft, einen Antrieb sich selbst zu übersteigen, zu einer Weiter- und Höherentwicklung aus sich selbst heraus, und nicht weil ein Gott dies lenke.Nietzsches revolutionäre Methodologie stütze sich darauf, dass sich die Vernunft auf den Tastsinn verlassen müsse. Die Aufklärung habe den Gesichtssinn hervorgehoben. (Das Sonnenbeispiel war dann aber etwas unglücklich gewählt?) Nietzsche dagegen vergleiche Vernunft mit einem Maulwurf, der die Wurzeln der Moral berühre und radikal erneuere. Dabei gehe es Nietzsche nicht um eine Abschaffung der Moral, sondern um die Infragestellung der Legitimierung von Moral durch klassische Begründungen. Nietzsche habe keinen Naturalismus vertreten. Seine Hypothese sei, dass die Urwurzeln der Moral im Wollen zu suchen seien. Damit ziele er auf einen Ursprung der alles aus sich heraus generiere. Das erinnere zwar wieder an Kant, unterscheide sich aber von der Kritik der praktischen Vernunft. Nietzsche bemängelte, dass Kant unter Kritik der praktischen Vernunft nur eine Selbstkritik der Vernunft verstanden habe. Die Kantische »Reinigung« der Vernunft von den Sinneseinflüssen sei für Nietzsche unannehmbar gewesen. Das Maulwurf-Bild Nietzsches symbolisiert Blindheit, Nacktheit und die Unvoreingenommenheit des Grabenden, der keine Tabus kennt. Nietzsche kündigte der Moral die Gefolgschaft aus Moralität auf. Doch die Ablösung von der herkömmlichen Moral ist ein schmerzlicher Prozess. Die Idee des Guten wird aufgegeben, indem man die über 2000 Jahre alten Wurzeln abtrennt. Der tolle Mensch, im zweifachen Sinne, schreit die Konsequenzen aus sich heraus: Gott sei vom Horizont weggewischt und die Erde von der Sonne losgekettet. Doch irren wir nun nicht durch unendliches Licht, findet sich der Mensch nicht als Löwe in der Wüste wieder? Doch die neue Wüste bringe andere Freiheiten hervor. Daher werde die Tötung Gottes von Nietzsche als größtes Ereignis gefeiert. Eine Tötung Gottes sei im antiken Denken unvorstellbar gewesen.  Der christliche Gott sei nach der Tötung wieder auferstanden. Für Nietzsche ist die Tötung Gottes die Möglichkeit eines radikalen Neubeginns »wie von der Morgensonne angestrahlt, ... das Meer liegt wieder offen vor uns«. Erst nachdem das Gängelband des Glauben durchbrochen worden, sei der unverstellte Blick auf die Zukunft wieder möglich. Das mache Nietzsche autonom. Hinaus ins Offene, ins nicht Festgelegte. Nietzsche habe darauf hingewiesen, dass wir die Metaphysik aufgeben sollten, um wieder Physiker zu werden. Das Große sei nur groß in seinem Werden. Die Geschichte des Werdens müsse man erzählen. Die Metaphysik habe das System favorisiert. Aber das System könne man nicht erzählen. Das System existiere in der Vernunft und durch die Vernunft. Das System schließe individuellen Bezug aus. Deshalb schreibe Nietzsche aphoristisch gegen das System und mache aus den Fragmenten eine große Erzählung.

 
 

Foto: Prof. Annemarie Pieper

Kommentar
Hier endete der Vortrag von Frau Professor Pieper. Nach dem Beifall des fachkundigen Publikums wurden Fragen zugelassen. Die Fragen richteten sich nicht auf den Ansatz des Vortrages (Nietzsches narrative Dekonstruktion der Metaphysik), sondern auf Details und Kategorien. Das ist nicht verwunderlich. Philosophie-Professoren, Assistenten und Studenten machten den größten Teil des Publikums aus. Dies, obwohl oder vielleicht sogar weil Nietzsche an den staatlich bezahlten Lehrstuhlinhabern kein gutes Haar gelassen hatte, und dabei die Philosophen nocheinmal besonders negativ beurteilte. So kam es, dass grundsätzliche Fragen im Nachgang zum einleitenden Vortrag leider nicht diskutiert wurden.
Es ist insgesamt zu begrüßen, dass sich die Philosophen von der Kopflastigkeit der akademischen Philosophie befreien wollen. Zu diesem Zwecke werden gleich mehrere Kunstaktionen, Videoprojektionen u.ä. in den Tagen des Kongresses gestartet. Der renommierte Lyriker Durs Grünbein wird ebenso auftreten, wie der Aktionskünstler Jonathan Meese. Konstanze Schwarzwald, eine der beiden wissenschaftlichen Leiterinnen, schreibt im Prospekt, dass Kunst und Philosophie verschwistert seien. Diesem Ansatz einer Philosophen-Tagung dürfte in unserem Medienzeitalter Aufmerksam gewiss sein.
Doch wie tragfähig war der Einleitungsvortrag? Gab es in der Geschichte nicht schon oft spektakuläre Metaphysik-Dekonstruktionen? Erledigten sich diese »revolutionären« Kritiken nicht nach einiger Zeit immer wieder von selbst? Entstand die Metaphysik nicht immer wieder neu? Dass sich Nietzsche für genial hielt, das mag ja sein. Aber muss man ihm deshalb jedes Wort glauben? Kann man überhaupt die Maßstäbe der akademischen Philosophie anlegen, um Nietzsche zu verstehen? Oder ist Zarathustra nicht eher ein literarisches Werk und muss nach literarischen Maßstäben beurteilt werden? Kann man den deutschen Pastorensohn Friedrich Nietzsche nicht vielleicht als einen doppelten »Vatermörder« begreifen? Nicht nur das protestantische Moralisieren, sondern auch die Philosophie Kants sind Gegenstand dieses »Doppel-Vatermordes«. Aber, wie der Psychoanalysen-Altmeister sagte, wer seinen Vater am meisten hasst, der wird ihm am ähnlichsten. In diesem Licht wird manche extreme Diktion Nietzsches (Helden, Waffen, Krieg usw.), dieser peinliche Propheten-Habitus, die verzweifelte Suche nach Jüngern, die Alüren und Marotten (Manche Passage aus Ecce Homo erinnert an Karl May.) vielleicht verstehbar. Ohne Zweifel erfordert eine solche Lesart nicht nur Nähe zu den Nietzsche-Texten, sondern gleichzeitig Distanz. Vielleicht ist das aber noch zuviel verlangt, von den Teilnehmern einer Tagung der Nietzsche-Gesellschaft? Deshalb sei hier erinnert, dass ein Literat, ein philosophischer Geist, zwei Kritikpunkte zur Problematik formulierte. Einerseits verwies Heinrich Heine darauf, dass Immanuel Kant weder ein Leben noch einen Leib habe, sondern nur aus einem Kopf bestehe. Andererseits schrieb Heine, nach dem er die oft von akademischen Philosophie-Professoren zitierten Worte auf die Kantische Widerlegung der Existenz Gottes, dass nach dieser radikalen Kritik das Haupt Gottes in seinem Blute schwimme, dass sich Kant getäuscht habe: das Christentum ist unsterblich, weil es eine Idee ist!
Wenn man einmal die Klischees von »der« christlichen Metaphysik und »der« Aufklärung zur Seite legt, dann kann man vielleicht sehen, dass um 1300 ein in Hochheim bei Gotha geborener Dominikaner eine Alternative für die katholische Kirche formulierte. Für Eckhart war das höchste Wesen nur in der Natur, in uns vorstellbar. Das Wesen als den Erscheinungen immanent. Das Wesen, (Also auch das höchste Wesen, also Gott.) ist kein hinter dem Busche hockendes Tier – sagte Hegel später in seiner Moses-Kritik. Andererseits bedarf bei Eckhart das Wesen auch der Erscheinung. Gott bedarf also auch des Menschen zur Existenz. Dieses Immanenzdenken Eckharts hatte zur Konsequenz, dass wir Vernunft und Sinne ernst nehmen müssen. Gott wird in dieser Denkweise über eine personalisierte Vorstellung als transzendendes, d.h. übersinnliches Wesen hinausgeführt, und als Wesen des Universums gedacht. Meister Eckhart fügte an, dass wir Menschen die Wirkungen dieses Wesens erfahren, aber dieses Wesen nicht adäquat erfassen können. Der Zusatz, dass wir nicht einmal begründet sagen könnten, dass Gott gut sei,  spielte später in der päpstlichen Anklageschrift eine Rolle. (Zudem folgte aus dieser Ontologie auch, dass Gebete keine »Abgabe von Wünschen an Gott«, sondern Meditation seien, um mit seinem Schicksal zurecht zu kommen.) Die katholische Kirche schlug seinerzeit, auf dem Höhepunkt ihrer Macht, die Alternative aus, die zukunftsfähig war, aber durch die Entpersonalisierung der Gottesvorstellung die Hierarchie des Apparates in Frage stellte.
Dafür griff der junge Luther diese Thematik auf. Der Zschopauer Pfarrer Valentin Weigel ging in der Tauler/Eckhart-Rezeption noch wesentlich über Luther hinaus. Johann Georg Hamann und Johann Gottfried Herder brachten eine auf dieser Tradition beruhende  Denkweise gegen Kant in Anschlag. In der Herderschen »Metakritik der Kritik der reinen Vernunft« von 1799 konnte man lesen, dass es keine reine Vernunft geben kann, dass man Vernunft und Verstand nur als Zusammenhang aller Sinneswahrnehmungen denken kann, dass wir mit allen Sinnen die Wirklichkeit erkennen usw. usf. (Ähnliche Sätze konnte man bei Hamann und Herder schon um 1770 lesen.)
Herder zeigte in seiner Kant-Kritik auch, dass die Philosophie nicht mit der Tradition des Gottesbegriffes brechen muss, die über Jahrtausende zur Bezeichnung des Wesen des Universums weitergegeben wurde, um die Einseitigkeiten des Protestantismus und Kants zu überwinden.
Es ist anzunehmen, dass Nietzsche das Werk Hamanns und Herders kannte. Aber die verborgene Herder-Rezeption des 19. Jahrhunderts ist ein anderes Kapitel.
Kommt es in unserer Zeit nicht vordringlich darauf an, dass wir Menschen begreifen, dass wir ein Teil der Natur sind, dass die Natur keines Umweltschutzes bedarf, dass sie sich selbst vor uns schützen wird, dass es die Natur gab, lange bevor der Mensch auftrat, und dass es die Natur noch geben wird, wenn es schon lange keine Menschen mehr geben wird?
Da sind wir wieder beim »Übermenschen« und dem Kongressthema »Größe«. Wie kann man Größe verstehen?
Gert Hofmann, der Namensgeber des Freundeskreises, der die Zeitschrift Litterata herausgibt, schrieb einst ein Hörspiel auf Friedrich Nietzsche. Er meinte damals, dass ihn am meisten interessiert habe, wie der alte, kranke Nietzsche immer noch Gedanken auf sein Butterbrotpapier geschrieben habe. Hier sah er die Größe Nietzsches, in seinem mühsamen, dem Anschein nach aussichtslosen Kampf um Selbstbehauptung. Theoretisch bezog sich Hofmann auf den Schriftsteller Henry James (1843–1916), einen Zeitgenossen Nietzsches. Dieser hatte proklamiert, dass die Kunst, die er mit Literatur gleichsetzte, nicht den langweiligen Alltag, sondern Größe darstellen solle, wenn es sein müsse, weil im Alltag nicht existent, auch erfinden könne. Größe sei aber nicht etwa mit »Sterben für das Vaterland« und »Heldentum« zu verwechseln. Vielmehr sei Größe Denkversessenheit und Wachsein.
Da sind wir wieder bei Matthäus 25.13: »Darum wachet! Denn ihr kennt weder den Tag noch die Stunde!«
Ist das zu weit her geholt? Nein. Jacques Derrida diskutierte 1994 auf Capri mit Hans-Georg Gadamer und Gianni Vatimo über das Verhältnis von Wissen und Glauben. Dabei stellte Derrida klar, dass Wissen und Glauben Brüder seien. Man könnte sich in unserer Zeit eine Nietzsche-Tagung vorstellen, in der Kunst, Philosophie und Religiösität als »Geschwister« betrachtet würden. Oder?
Johannes Eichenthal

Information
www.nietzsche-gesellschaft.de
www.nietzsche.net
www.empraxis.net


 
 

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Nietzsche Macht Größe
Eröffnung der Nietzsche-Gesellschaft-Jahrestagung in Naumburg
 

Naumburg an der Saale ist eine Stadt mit einem reichen historischen Erbe. Allein der Dom zieht jährlich tausende Besucher an. Unter das Kapitel Erbschaft fällt sicher auch der Weinbau, der hier beheimatet ist. Seit 1990 treffen sich im Monat August die Mitglieder und Gäste der Nietzsche-Gesellschaft anlässlich ihrer Jahrestagung in der Stadt. Bekannt ist, dass Friedrich Nietzsche (1844–1900) einen großen Teil seines Lebens in Naumburg verbrachte. In diesem Jahr stand die Tagung unter dem Motto »Nietzsche – Macht – Größe«. Professor Andreas Urs Sommer, der stellvertretende Vorsitzende der Gesellschaft, eröffnete am 27. August im Tagungszentrum Naumburg-Haus die Zusammenkunft. Bereits an diesem Tag war der Besucherandrang so groß, dass zu spät gekommene Gäste stehen mussten.


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