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Der Vortrag
Rüdiger Bernhardt konzentrierte seine Überlegungen stark auf das Werk Volker Brauns. Namen anderer Literaten tauchten kurz auf, verblassten im Vortrag aber gleich wieder. »Prometheus«, so Bernhardt, sei eine der längerfristigen Themen von Volker Braun, von seinen schriftstellerischen Anfängen bis 1989.  Das Jahr 1989 sei ein tiefer Einschnitt im Schaffen des Künstlers gewesen. Vorher habe man ihn als »Oppositionellen« oder »Abweichler« bezeichnet. Danach sei, obwohl er mit dem renommierten Büchner-Preis ausgezeichnet wurde, die Bezeichnung »trotziger Melancholiker« noch eine der freundlichsten Wertungen gewesen. Unbeachtet blieb nach 1989, dass Braun ein dialektischer Denker ist. Gerade deshalb hatte er es in der DDR nicht leicht, weil die cherrschenden Greise« den Widerspruch nicht auszuhalten vermochten.Wie Christoph Hein so thematisierte Volker Braun Entfremdung. Hein mehr im sozialen Leben und Braun die im Produktionsprozess. Beiden ging es um die Frage nach dem gesellschaftlichen Eigentum als Voraussetzung von Lebensqualität. Die erste Fassung eines Braunschen Prometheus-Gedichtes entstand 1963 als Fragment. Danach veröffentlichte Braun verschiedene Varianten. In der zehnbändigen Werkausgabe Brauns von 1990/1993 sei die zwölfte Fassung zu finden. Am Anfang des Gedichtes taucht der Ausdruck »blinde Hoffnung« auf. Dies sei ein Zitat aus Aischylos »Der gefesselte Prometheus«. An zentraler Stelle verwende Braun die Formulierung »auf andere Art so große Hoffnung«. Dies sein ein über Johannes R. Becher vermitteltes Shakespeare-Zitat. Das Prometheus-Gedicht Goethes sei im Braunschen Text immer gegenwärtig. Dies gehe bis in dessen Studentenzeit und die Prometheus-Vorlesungen von Hans Mayer in Leipzig zurück. Goethe habe die Begründung, die Prometheus gegen Zeus in Stellung brachte (meine Erde, meine Felder) auf Eigentum konzentriert. Bei Braun heiße es dann »unsere Felder«. Im Unterschied zu Goethe, der auf das bürgerliche Eigentum rekuriert, habe Braun das gesellschaftliche Eigentum im Sinn gehabt. Der Schluss des Braunschen Gedichtes sei in den verschiedenen Fassungen unverändert geblieben »Wenn wir unser Feuer tragen in den Himmel«.
Die Bewertung der gesamten DDR-Literatur wurde zu Beginn der 1990er Jahre mit der Bemerkung eines »Experten«, wonach die DDR-Literatur nicht einmal eine Fußnote zur Fußnote darstelle, extrem vereinseitigt. Aber selbst ein Literat wie der in diesem Jahr verstorbene Adolf Endler haben den Bezug der DDR-Literatur zur Wirklichkeit in Frage gestellt.
Rüdiger Bernhardt konzentrierte sich hier auf die Widerlegung des Vorwurfes. So verwies Bernhardt auf ein umfangreiches Forschungsprojekt in der DDR zum Wirklichkeitsgehalt der Literatur. Dabei sei offiziell festgestellt worden, dass die politischen Ziele des Staates kaum oder gar nicht behandelt wurden. Statt dessen seien existenzielle Probleme, Defizite, Krankheit, Einsamkeit, Geburt, Tod u. a. thematisiert worden. Das Fazit dieses Projektes war: über die DDR-Literatur erfuhr der Leser mehr über die soziale Wirklichkeit als über Massenmedien. Die DDR-Literatur habe demzufolge einen großen Anteil an der Herausbildung einer Gegen-Öffentlichkeit gehabt. Dies geschah auf unterirdische, sanfte und deshalb unaufhaltsame Weise. Die Rahmenbedingungen hätten sich jedoch gravierend verändert, als Ende 1990 plötzlich der politisch Slogan »Wir sind das Volk« in »Wir sind ein Volk« umgebrochen wurde. Die Mehrzahl der DDR-Schriftsteller, deren Werk die Kontinuität ihres Denkens repräsentiert, und die, obwohl es auch dafür Beispiele gibt, ihre Gesinnung nicht wie ein Hemd zu wechseln vermögen, gerieten in  diesem Umbruch in die Defensive. Die meist zitierte Gedichtzeile Volker Brauns aus dieser Zeit sei vielleicht »mein Land ging nach dem Westen« gewesen. In einer andere Zeile bei Braun heißt es, dass er »bleibe, wo der Pfeffer wächst«. Dies sei eine Replik auf die Äußerung eines Zeit-Redakteurs gewesen, der DDR-Schriftstellern, die ihre Hoffnungen nicht aufgeben wollten, empfohlen hatte zu bleiben »wo der Pfeffer wächst«.

 
 

Foto: Prof. Rüdiger Bernhardt während seines Vortrages

1996 habe Braun dann eine Erzählung mit dem Titel »Die vier Werkzeugmacher« veröffentlicht. Auch hier habe er wieder zeitgenössische Entfremdung thematisiert. Die vier Proletarier würden aber als vier Personen dargestellt, die sich eng aneinander klammern, wie eine Plastik. Im Text heißt es dann, dass Fritz Cremer für diese Plastik nicht den Titel »Die Aufsteigenden« gefunden hätte. (Eine Plastik Fritz Cremer mit dem Titel »Der Aufsteigende« steht vor dem UNO-Hauptgebäude.) Damit deute Braun an, dass die mythologische Gestalt Prometheus nicht mehr benötigt wird. In seinem Roman »Machwerk oder das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer« von 2008  habe sich Volker Braun eher der skeptischen Auffassung Heiner Müllers von der Menschheitsgeschichte angenähert. Aus neueren Gedichten Brauns, die in der Zeitschrift »Sinn und Form« veröffentlicht wurde, könne man einen neuen Ansatz erkennen. Das Publikum dankte dem Autor mit Beifall. Es schloss sich eine Diskussion an.


 
 

Abbildung: In Band 2 der zehnbändigen Werk-Ausgabe Volker Brauns findet sich auch die zwölfte Fassung seines Prometheus-Gedichtes

Kommentar
Man muss vielleicht bedenken, dass ein solcher Vortrag nur einen Aspekt aus dem Schaffen von Volker Braun herausheben konnte. Brauns Texte aus der Zeit vor 1990 waren ja gerade deshalb so streitbar, weil Braun aus der Sicht des Individuums schrieb. Nicht nur die Theaterstücke, auch die Hinze-und-Kunze-Geschichte lösten Debatten aus. Mit dem Prometheus-Gedicht thematisierte er auch die »heroischen Illusionen« von einer besseren Welt.
Nun ist der Wind für die gesamte Menschheit aber im Jahre 2009 kälter geworden. Es überwiegt das Unverständnis für frühere Illusionen. Doch einerseits hatten vor 50 Jahren, noch in Erinnerung des gerade überstandenen Weltkrieges, viele Menschen die Illusion von einer besseren Welt. Andererseits ist die bessere Welt heute notwendiger denn je.
Illusionen, welcher Art auch immer, haben die Eigenschaft sich in Luft aufzulösen. Gerade hat sich gezeigt, dass die neoliberalen/neokonservativen Illusionen vom alleinseligmachenden Rezept der Verkäufe kommunalen Eigentums an Investmentfonds geplatzt sind. Damit hat sich die andere große Illusion des 20. Jahrhunderts in Luft aufgelöst. Einerseits haben solche Investmentfonds ausschließlich kurzfristige Interessen. Rationalität im Sinne der langfristigen Existenz von Familien und Kommunen, also Gesellschaft, war von dort nicht zu erwarten. Nun zeigte sich auch, dass diese Fonds, multinationalen Banken und Konzerne nicht einmal mehr die Rationalität für ihre kurzfristigen Existenzsicherung aufzubringen vermögen. Es entstanden »Sozialfälle« mit Billionen-Dimension.
Heute rächt es sich, dass bislang das Selbstlob der Sieger im Kalten Krieg dominierte, dass die Notwendigkeit einer nüchternen wissenschaftlichen Untersuchungen des Zusammenbruch der DDR durch ideologische Pamphlete verdrängt wurde. Es überwiegen Ver-Urteilungen. Damit schiebt man ein Problem in den Bereich des Unterbewusstseins. In der Regel wird der DDR vorgeworfen, dass in ihr kein Kapitalismus herrschte. Aber selbst das ist vielleicht falsch. Günter Reimann verwies im Briefwechsel mit Herbert Wehner 1946 darauf, dass das Gesellschaftsmodell der UdSSR kein irgendwie gearteter Sozialismus, sonder Staatskapitalismus sei. Eine ähnliche Einschätzung traf Hans Freyer in der von Golo Mann herausgegebenen zehnbändigen Weltgeschichte.
Wo können wir heute Orientierung finden? Bei den technisch hochgerüsteten Experten der Wissenschaft? Nein, die etablierte Wissenschaft versagt in Krisen. Bei den Dilettanten und Literaten? Ja, für die Erkundung unserer menschlichen Existenz erweist sich die Literatur nach wie vor als unverzichtbar, trotz aller Vorurteile und Bedrohungen. Die Bedrohung der Literatur geht heute nicht mehr von einer politischen Zensur aus, sondern von den Bestseller-Verlagen. Auch darauf verwies Rüdiger Bernhardt. Man sollte dankbar sein, dass ein Literat vom Range Volker Brauns, der in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag beging, unsere Existenz weiterhin kritisch begleitet. Wünschen wir ihm, dass wenigstens ein Teil seiner Leser erhalten bleibt. Das dürfte übrigens das größte Problem sein, denn momentan sinkt das Niveau in unserem Land, mit seinem reichen kulturellen Erbe, auf triviale Bestseller und unsinnige Ratgeberliteratur, bis in die Jury einst angesehener Literaturpreise hinein.
Wir brauchen heute wieder eine Hoffnung anderer Art.
Doch vielleicht sollten wir auch das Prometheus-Gedicht Volker Brauns neu lesen? Vielleicht steckt mehr Sinn im Text als wir einst erlasen? Heißt es dort nicht: »Das Leben fällt in den Schoß/Zu unseren Händen? die Bücher/ Leben? Woher denn/Woher auf andre Art/So große Hoffnung?«
Ja, woher denn? Und der Wolkendunst«, mit dem sich Zeus einst verhüllte, beschlägt bei Volker Braun inzwischen die Städte (als Smok?).
Vielleicht sollten wir auch noch einmal die Fassung von Prometheus-Gedicht und Fragment des Weimarer Geheimrats neu lesen? Ging es bei ihm nicht um die Selbstbehauptung des Menschen gegenüber Natur und Göttern? Der Jurist Goethe wusste bereits, dass Eigentum mehr ist als Besitz: der gesellschaftliche Stoffwechsel Mensch-Natur, Naturalisierung des Menschen und Vermenschlichung der Natur.
Und Aischylos »Der gefesselte Prometheus«? Prometheus wurde hier zum Schöpfer der Menschheit. Er war es, der ihnen eine »blinde Hoffnung« einpflanzte und ihnen das Feuer von den Göttern raubte.
Johannes Eichenthal

 
 

Abbildung: Titel des Romanes Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer. Suhrkamp, Frankfurt 2008, ISBN 9783518420270

Der Kritiker Martin Lüdke schrieb am 05.12.2008 in der Frankfurter Rundschau in einer Rezension zu Brauns Buch: »Mit unserer Hände Arbeit lässt sich kaum noch ein Blumentopf gewinnen. Kritik an unseren Verhältnissen muss an anderer Stelle ansetzen. Die Kategorien des 19. Jahrhunderts haben sich als untauglich erwiesen. Geschichtsphilosophische Spekulationen helfen ebenso wenig weiter. Was wir brauchen, sind Modelle, die eine gerechtere Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums erlauben. Von Volker Braun ist in dieser Hinsicht nichts zu erwarten. Er ist sich nämlich treu geblieben.«

Dieser Tonfall dürfte Volker Braun bekannt sein. Die offiziösen Kritiker des einstigen »Zentralorgans« pflegten sich auch darüber auszulassen, was »wir« brauchen und was nicht. Aber ob sich der Kritiker nur nicht täuscht? Man kann ihn nicht einmal damit entschuldigen, dass er vor der Krise .... nein, die war schon da. Er hätte vielleicht einmal Richard Sennetts letztes Buch lesen sollen?
Von Volker Braun ist noch viel zu erwarten: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

Information

Volker Braun wird voraussichtlich am 25. September 2009 in der Stadtbibliothek Chemnitz anlässlich der Finisage der Ausstellung anlässlich des 400. Geburtstages von Paul Fleming lesen
www.stadtbibliothek-chemnitz.de

Die Mitglieder des Sächsischen Schriftstellervereins werden in den nächsten Wochen im Regierungsbezirk Chemnitz weitere Veranstaltungen bestreiten.

 
 

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Abschied vom Proletariat
Von Prometheus zu den Werkzeugmachern
 

Am 1. September 2009 begrüßte Uwe Hastreiter von der Stadtbibliothek Chemnitz Prof. Rüdiger Bernhardt zum ersten Literatencafé des Sächsischen Schriftstellervereins nach der Sommerpause im Café im Tietz. »Von Prometheus zu den Werkzeugmachern. Volker Braun u.a. vor und nach 1989.« lautete der Titel des Vortrages. Mit der Veranstaltung eröffnete der Verein eine Lesereihe unter dem Titel »1949 – 1989 – 2009«. In den nächsten Wochen werden weitere elf Veranstaltungen folgen. Die Reihe wird dankenswerter Weise vom Sächsischen Kulturfonds unterstützt.


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