litterata  :  Reportagen  :  Ueber-Leben in der Moderne  
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Foto: Am Rednerpult Prof. Gert Ueding

Wir leben also in einer Zeit des Überganges. Die alten Gewissheiten gelten nichts mehr, neue sind noch nicht in Sicht. Dem Anschein nach wird uns alles und jedes zur Sinnstiftung angeboten. Im Grunde ist es jedoch alles und nichts. Viele Menschen basteln sich daher selbst eine Orientierung aus allen möglichen Weltreligionen, Extremsport und Ratgeberliteratur. Die Eliten geben Geld in Größenordnungen aus, um sich von irgendwelchen Betrügern mit Guru-Habitus beraten zu lassen. Neben äußerlicher Armut nehmen in den reichen westlichen Ländern geistige Verarmung, Langeweile und Depressionen zu. Das Thema Lebenskunst ist also kein bloß akademisches. Die Tagung begann am Freitagnachmittag. Um 19.00 Uhr wurde im Rahmen der Veranstaltung auch der e.o.plauen-Nachwuchspreis für Handzeichnungen vergeben.

 
 

Foto: Prof. Burkhard Liebsch

Der gesamte Sonnabend stand dann im Zeichen von Vorträgen und anschließender Diskussion. Wir konnten leider erst am Sonntag den Vorträgen zuhören. Prof. Burghart Schmidt (Hochschule für Gestaltung Offenbach) leitete die Diskussion. Als erster Redner trat Prof. Burkhard Liebsch (Universität Bochum) ans Rednerpult. Er stützte seine Ausführungen auf die Arbeiten von Canetti, Pessoa und Bohrer. Canetti habe in »Masse und Macht« die Intensität des Lebens, den Unterschied zwischen »Leben« und »bloßem am Leben sein«, aus dem Überleben über den Tod anderer Menschen hinaus erklärt.
Pessoa habe mit der Tradition gebrochen und das »bloße am Leben sein« als »nicht wirkliches Leben« bezeichnet. Hier sei nicht einmal Fühlen möglich. Auch das, was noch nicht geschehen sei, sei bereits verloren. Man leide an noch nicht eingetretenem Verlust, befinde sich in einer vorzeitigen Trauer. Auch die Zukunft verspreche keine Veränderung. Selbst die Verluste seien bereits verloren. Im Traum ergebe sich die Möglichkeit der Imagination eines unmöglichen Seins. Nur die reine Gegenwart und Empfindungen versprächen eine Erlösung.
Bohrer steigere diese Sichtweise in eine ästhetische Negativität. Das Leben werde vom Zeitverlust beherrscht. Mit dem Zeitverlust in Bezug auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sei der Sinnverlust verbunden. Die Philosophie versage angesichts dieser Situation. Nur die poetische Rede habe noch eine ästhetische Substanz. Mit Leopardi spreche Bohrer von einem radikalen »Augenblicksdefizit« und wende sich gegen die falschen Tröster von Nietzsche bis Foucault. Mit Cioran formuliere Bohrer »Sein bedeutet sich täuschen. Du bist nur so lange, wie du es nicht weißt.« Als Ausweg für das Leben empfehle Bohrer die »pragmatische Illusion«, aber die sei eben keine Kunst.
In der Diskussion fügte Prof. Bernd Wirkus (Deutsche Sporthochschule Köln) an, dass ihn die Person der Hauptgestalt Pessoas an Robert Musils »Mann ohne Eigenschaften« erinnere.
Prof. Bernhard Irrgang (TU Dresden) fragte, ob Zeitverlust nicht der Sinn des Lebens sei? Der Referent verwies auf die Differenz von Leben und bloß biologisch verstandenem Leben. Prof. Andreas Urs Sommer (Universität Freiburg, Vizevorsitzender der Nietzsche-Gesellschaft) meinte, die ästhetische Negativität Bohrers habe unausgesprochen die starre Seinsvorstellung Parmenides zur Grundlage. Prof. Claus-Artur Scheier (TU Braunschweig) fragte den Referenten, wie man verlieren könne, was man nicht habe, und was er gewonnen hätte, wenn er es nicht verlöre?
Die Frage richtete sich eigentlich an den besprochenen Karl-Heinz Bohrer. So konnte Burkhard Liebsch nur darauf verweisen, dass er literarische Ansätze vorgestellt habe.
Prof. Gert Ueding (Universität Tübingen) sprach über Rhetorik als Lebenskunst. Er verwies auf die Zentralstellung von Rede und Sprache in der Antike und verwies darauf dass es dabei im Kern um die Form, die Lebensform gehe. »Form« gebrauchte er dabei im Sinne von Aristoteles/Hegel als Bewegung des Wesens, also nicht im heute üblichen Sinne von »Hülle«, Äußerlichkeit und PR-Blase. Der »Stil« ist für ihn nur ein anderer Ausdruck für die formbewusste Bewegung.
In einem zweiten Teil betonte Ueding die Rolle der »Metapher« in der formbewussten Rede/Sprache am Beispiel von Friedrich Nietzsche und Hans Blumenberg.
Burkhard Schmidt verwies in der Diskussion darauf, dass es nicht nur den Prozess der Metaphorisierung, sondern auch den der Entmetaphorisierung gäbe.
Andreas Urs Sommer verwies auf die Unterschiede im Ansatz von Nietzsche und Blumenberg.
Abschließend trat Bernd Wirkus, der Organisator der Tagung, an das Rednerpult. Er setzte sich mit der Lebenskunst-Konzeption von Wilhelm Schmid auseinander. Schmid erhebe nicht nur den Anspruch einer Lebenskunst, sondern sogar den einer Philosophie der Lebenskunst. In seinen Ausführungen gehe er besonders auf das Selbst/Selbstverhältnis ein. Eine philosophische Begründung seiner Auffassung suche man allerdings vergeblich. Nicht einmal eine Definition des Selbst sei zu finden. Das sei für eine Philosophie der Lebenskunst zu wenig.
Weiter Wirkus: Schmid begebe sich zudem in die Nähe von Oswald Spengler, nehme des Motive auf. (Nicht nur Thomas Mann, Hermann, Hesse, Theodor Adorno, sondern auch Ernst Bloch hoben die anregende Wirkung von Spenglers Gedanken hervor.) Aber weiter mit Bernd Wirkus: Schmid versuche seine Auffassung mit antiker Philosophie zu begründen. Aber der Rückgriff sei selektiv.
Claus-Artur Scheier verwies in der Diskussion auf Lacan, und darauf, dass sich der Begriff des Selbstbewusstseins seit Hegel stark gewandelt habe.
Andreas Urs Sommer fragte, ob es sinnvoll sei, Schmid mit Hegel zu kritisieren. (Das ist eine beliebte Argumentation. Sie wäre stichhaltig, wenn sich Denkgeschichte im Hegelschen Sinne entwickeln würde, d.h. wenn die Nachfolger die Vorgänger vollständig ersetzten. Dies ist aber nicht der Fall. Es gibt keine überlebte Philosophie. Das Unabgegoltene beherrscht die geistige Erbschaft unserer Zeit. Es geht bei diesem Einwand eigentlich eher um die Art und Weise unseres Zuganges zur Denkgeschichte.) Sommer schwächte seinen Einwurf aber ab, indem er anfügte, dass es vielleicht sinnvoll sei die Wirkung der Lebenskunst-Literatur zu kritisieren. (Abgesehen davon, dass Kritik eigentlich die Weiterführung der Gedanken des Anderen bedeutet, dürfte Sommer der wirklichen Problematik am nächsten gekommen sein. Die Ratgeberliteratur, auch die der philosophischen Ratgeber, gewann in den letzten Jahren große Auflagen und Bestsellerstatus. Viele Menschen verlangen nach Regeln für ihr Leben. Doch die Suche nach direkten Ratschlägen endet in der Regel mit einer Enttäuschung. Das Problem besteht darin, dass es in der Philosophie, Kunst  und Religion keine allgemeinen Regeln geben kann. Es gibt nur allgemeine Voraussetzungen, die jeder Mensch nur unter den besonderen Bedingungen, unter denen er lebt, selbst anwenden kann. Deshalb muss aber jeder Mensch auch seine eigene Philosophie haben, wie er seine eigene Art zu leben hat – Johann Gottfried Herder.)

 
 

Foto: Prof. Bernd Wirkus

Kommentar

Schade, dass wir nur den Sonntag erleben konnten. Man muss den Organisatoren des 4. Plauener Symposiums danken. Sie scheuten weder Anstrengungen, Mühen noch Kosten. Man muss auch den Teilnehmern für ihre Reise nach Plauen danken. Eine Tagung mit einer solchen Besetzung findet in unserer Region nicht alle Tage statt. Die Frage ist, warum das Tagungsthema unbedingt an der »Moderne« fest gemacht werden musste. Damit ist unsere Gegenwart nicht präzise beschrieben. Nach 1968 entstand eine geistige Bewegung, die sich mit der Erneuerung der westlichen Gesellschaft beschäftigte. Die Etiketten Post-Strukturalismus, Dekonstruktion und Postmoderne drücken nur teilweise deren Anliegen aus. Eine Ausstellung in New York wurde 1985 gemeinsam von dem niederländischen Architekten Rem Kohlhaas und dem französischen Philosophen Jacques Derrida konzipiert. Ausgehend davon könnte man Postmoderne mit Um-Bau übersetzen. Dieser Um-Bau der westlichen Gesellschaft geriet nach 1990 in Verzug, erschien auf einmal unnötig, kommt gerade wieder in Gang, und wird uns noch Jahrzehnte beschäftigen. Der einzelne Mensch ist davon betroffen. Der einzelne Mensch sucht nach Antworten. Insofern war die Thematik Lebenskunst klug ausgewählt. Vielleicht könnte sich der Veranstalter des 4. Plauener Symposiums zu einem 5. durchringen? Vielleicht könnte man neben akademischen Philosophen auch Architekten, Künstler, Literaten und Theologen hinzuziehen.
Johannes Eichenthal

 
 

Foto von links: Burkhard Liebsch, Detlef M. Müller (Beitrag: Ein Stenogramm der Lebenskunst: Vater und Sohn & die Berliner Illustrirte Zeitung), Andreas Urs Sommer (Beitrag: Religionsverzicht um der Lebenskunst willen?), Tina Haase (Beitrag: ZeifelsGut oder die vertrauensbildende Unsicherheit), Gert Ueding, Bernhard Irrgang (Beitrag: Philosophie zwischen Lebenskunst und Wissenschaft), Claus Artur Scheier (Beitrag: Konkurrenz und Kooperation - Leben in der medialen Moderne), Francesca Vidal (Beitrag: Ernst Bloch und das Bauhaus), Elena Iourkova (Beitrag: Ikone und Russische Avantgarde: Überlebenschancen des Sakralen in der modernen Welt), Theodor Leiber (Beitrag: Spiel, Ästhetik und Selbstbestimmung - Elemente der Lebenskunst), Markus Fahlbusch (Beitrag: Musik als Lebensform in der Moderne), Bernd Wirkus, Burghart Schmidt (Beitrag: Design und Natur).


Information


Forschungsvorhaben Plauener Symposien
www.erichohser.de

e.o.plauen Gesellschaft       
www.e.o.plauen.de

e.o.plauen-Galerie               
www.galerie.e.o.plauen.de

Stadt Plauen                         
www.plauen.de

 
 

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Über-Leben in der Moderne
4. Wissenschaftliches Symposium der e.o.plauen-Gesellschaft
 

In Plauen, der »Hauptstadt« des sächsischen Vogtlandes, trafen sich in der Staatlichen Studienakademie vom 11.–13. September Wissenschaftler aus Köln, Gießen, Landau, Moskau, Braunschweig, Chemnitz, Dresden, München, Freiburg, Augsburg, Offenbach, Bochum und Tübingen zu einer interdisziplinären Diskussionsveranstaltung »Kunst und Lebenskunst. Aspekte des Über-Lebens in der Moderne«. Die Thematik Lebenskunst berührt das Interesse breiter Kreise aktiver Menschen. Spätestens seit der Krise von 1965/75, die als eine der Kulminationspunkte im so genannten Kondratjeff-Zyklus (aller 50–60 Jahre) eingestuft wird, gibt es eine Leerstelle im ideologischen Sinn-Angebot der westlichen Gesellschaft. Das Ende des Kalten Krieges besiegelte den Bedeutungsverlust der alten Ideologien. Menschen finden neu zum Glauben, aber die Kirchen verlieren weiter Mitglieder. Es bleibt allein der Konsum, aber der vermag keinen Sinn zu stiften.

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