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Die Ausgangsfrage von Harald Welzer ist: welche Macht hat der Staat noch? Einen Augenblick lang habe es so ausgesehen, als könne der Staat, später nennt er ihn den »Planungsstaat«, in der Krise des Neoliberalismus eine Renaissance erleben: »Inzwischen zeigt sich: Auch diese Krise ist bloß eine weitere Runde in der Externalisierung von Kosten und der Privatisierung von Gewinnen, wenn auch spektakulärer als je zuvor.« Weiter schreibt Welzer, dass nicht dieser oder jener Teilbereich der Gesellschaft in der Krise sei, sondern »das Bezugssystem, die atlantisch-kapitalistische Kultur der Ressourcennutzung«. Das Problem bestehe darin, dass global etwas Neues geschehe, dass sich mit den bewährten (Analyse-)Verfahren wahrscheinlich nicht einmal beschreiben lasse. Und weiter: »Planungen sind in Phasen verdichteter Veränderungen und beschleunigter Veränderungsgeschwindigkeiten so starr und unflexibel, dass sie dazu tendieren, Fehlentwicklungen fortzuschreiben, wenn sie sie erst einmal in Gang gesetzt haben. Daher ist der Planungsstaat keine Lösung, sondern Teil einer gesellschaftlichen Problemlage, die auch dadurch entstanden ist, dass zu viele Fragen und Entscheidungen aus dem politischen Gemeinwesen ausgelagert und der professionellen Politik und der Expertokratie überlassen worden sind.«
Leider vertieft und differenziert Welzer diese allgemeine Kritik hier nicht, sondern verweist zunächst auf Ergebnisse organisationspsychologischer Untersuchungen der Reaktion auf unerwartete Ereignisse in Atomkraftwerken, auf Flugzeugträgern, bei der Feuerwehr, bei Krisenteams und Katastrophenschützern. Welzer zitiert hier zwei Psychologen: Erfahrung an sich sei noch kein Grund für Sachkenntnis, sie könne sogar zur Falle werden, wenn das Ereignis so aussehe, wie das Bekannte. Welzer führt weiter aus: Erfahrungen sind dann hilfreich, wenn man es mit Vorgängen zu tun hat, die jenen gleichen, an denen man die Erfahrungen gemacht hat – für die zutreffende Einschätzung präzedenzsloser Ereignisse sind Erfahrungen oft irreführend. Auch Planungen sind nach Daten und Abläufen entwickelt, die man schon kennt, und daher haben sie oft die verhängnisvolle Wirkung, haargenau an jenen Anforderungen und Aufgaben vorbeizuführen, die man anzugehen hätte, um ein unerwartetes Problem zu bewältigen.
Die Schlussfolgerung von Welzer: »Für den Umgang mit Unerwarteten kommt es vor allem darauf an, Sensorien dafür zu entwickeln, dass sich etwas ankündigt oder abzeichnet, das die routinemäßige Behandlung sofort überfordern würde – das heißt, es geht darum, misstrauisch gegenüber der Erfahrung zu sein und die Phänomene immer aufs Neue in Augenschein zu nehmen. Und es geht auch darum, auf Unerwartetes nicht mit Rückgriff auf bewährte Rezepte zu reagieren« Um wenigstens eine hinreichende Problembeschreibung zu erhalten, sei eine »Kultur der Achtsamkeit« notwendig. Dies sei wichtiger als »Illusionen rationaler Planung zu erzeugen«. Als Resümee formuliert Welzer: es gehe um eine in Echtzeit lernende Gesellschaft, eine Gesellschaft, die sich für ihre Fehler und Fehlentwicklungen interessiere, um das Unbekannte, Unerwartete zu bewältigen.

 
 

Kommentar
Vielleicht ist es angebracht die Ausführungen Welzers zunächst in fünf Punkten zu unterscheiden: Staatliche Planung, Lernen, Staat, Krise, Globalisierung.

1. Das Wort von der »Planwirtschaft« wurde vom linken Kommunisten, Proletkult-Theoretiker und Begründer der Allgemeinen Systemtheorie Alexander A. Bogdanow entwickelt. Nikolai I. Bucharin nahm diesen Ansatz in seiner »Ökonomik der Transformationsperiode« (Transformation vom reinen Imperialismus zum reinen Kommunismus) auf.
Wladimir I. Uljanow formulierte in seiner grundsätzlichen Kritik dieses Ansatzes, dass es Planung gäbe, seit es Menschen gibt. Deshalb könne »Planwirtschaft« keine Spezifik einer Produktionsweise sein. (Ebenso verhält es sich übrigens mit der Leerformel »Marktwirtschaft«.)
Das Grundproblem von Planung ist mit der zwecksetzenden Tätigkeit der Menschen verbunden. Uljanow strich in seiner Lektüre der Hegelschen Logik die Passage an, in der Hegel sagt: die Menschen verwirklichen ihre Zwecke, Wünsche und Absichten, aber gleichzeitig vollbringen sie noch etwas, was nicht in ihren Absichten lag, was darüber hinausgeht. Anders gesagt: selbst die perfekteste Planung führt in der sozialen Wirklichkeit zu Resultaten, die sich von der Planung unterscheiden, die davon abweichen, die der Absicht entgegengesetzt sind, und die die weitere Entwicklung beeinflussen. Bei nicht-perfekter Planung ist die Bilanz noch negativer. Soziales Lernen wird daher aus der ständigen Differenz von Planung und Wirklichkeit notwendig.
Anhänger der Planwirtschaft führen heute mitunter als Argument die neuen Möglichkeiten groß angelegter Computer-Hochrechnungen an. Doch haben diese Hochrechnungen bei komplexen Prozessen Grenzen, man kann eben z.B. das Wetter nur maximal drei Tage vorhersagen.

2. Bis heute haben formalisierte Lernverfahren den Anschein von Objektivität und Wissenschaftlichkeit. Sir Karl-Raimund Popper propagierte in den 1970er Jahren die Fehleranalyse und das Lernen in Politik und Wirtschaft. Das grundsätzliche Problem solcher Verfahren besteht aber darin, dass man nur die Folgerichtigkeit unseres Denkens nachweisen kann, nicht Wahrheit. Popper stellte allerdings die klassische Logik auf den Kopf, und machte die Un-Richtigkeit zum Kriterium. Aber auch das ist keine Wahrheit. Solche Verfahren sind ungeeignet, um neue Erscheinungen zu erfassen und zu analysieren. Sie eignen sich nur für ohnehin Bekanntes. Die Poppersche Variante geht zudem davon aus, dass wir immer wieder beim Punkt Null beginnen müssten. Dem ist aber nicht so. Harald Welzer vertritt ebenso eine ungeeignete Position, wenn er Erfahrungen an Analogien festmacht, als sinnvoll bezeichnet, wenn sich die gleiche Situation wiederholt, und umgekehrt. Die menschliche Geschichte wiederholt sich zwar, sagte Hans Freyer, nie aber auf gleiche Weise. Das ist das Problem, an dem formalisierte und analoge Lernverfahren scheitern: Die Geschichte lehrt uns, dass Völker und Regierungen aus der Geschichte nichts gelernt haben. (Hegel) Das nicht, weil die Geschichte unerkennbar ist, sondern weil die etablierte positivistische Wissenschaft auf den Vergleich reduziert wird, d.h. auf die Bildung eines abstrakt-allgemeinen Maßstabes, an dem die Wirklichkeit dann gemessen wird. Unsere Erfahrungen sind ohne Zweifel aus der Vergangenheit gewonnen, also aus der Retrospektive. Diese Erfahrungen enthalten aber nicht nur Besonderes, sondern auch Allgemeines. Dies sind über Vergangenheit und Gegenwart hinausweisende Momente. Sie können uns helfen Künftiges in Angriff zu nehmen, Planungen vorzunehmen. Aber von der Zukunft können wir auf der Basis der Retrospektive eben nur allgemeine Momente vorwegnehmen. Im günstigsten Falle stützt sich Planung also auf aus der Geschichte gewonnenes Allgemeines. Bei der Verwirklichung von Planung kommt jedoch Neues, Besonderes hinzu. Das Resultat weicht deshalb immer von der Planung ab. Resultate sozialer Tätigkeit müssen deshalb immer korrigiert werden, selbst bei »perfekter« Planung.
Die Ursache dieser Abweichung sind im Idealfall keine Denkfehler. Aber Denkfehler kommen häufig hinzu, selbst bei komplexen Methodensystemen und dem Anspruch der Rationalität, Vernunft usw..

3. Der Staat wurde in der Neuzeit vielfach mit dem Sitz der Vernunft gleichgesetzt. Bekannt ist Hegels Variante, der die Vernunft nach mehrtausendjähriger Wanderung im preußischen Staat an das Ende der Geschichte gelangen ließ. Es war ein preußischer Konservativer, der in Deutschland den Typ des »Sozialstaates« einführte. Doch Hans Freyer, der Bismarck sehr schätzte, wies schon 1961 in Band 10 der Propyläen-Weltgeschichte, auf die Fehlentwicklung hin: Der Staat, der verfassungsgemäß zur wirtschaftlichen Neutralität verpflichtet sei, verteile mehr als 40 % des Bruttosozialproduktes um. Zudem erfolge diese Umverteilung unter dem Einfluss mächtiger Interessengruppen. Freyer nannte Unternehmerverbände und Gewerkschaften, die beide keine demokratische Legitimation besäßen. Bis heute hat sich an der Situation nichts geändert, außer dass bereits mehr als 50 % des BSP umverteilt werden. Zudem ist heute auch nachweisbar, dass auf Zentralisierung basierende Planungen von Anfang an notwendig mit Informationsdefiziten verbunden sind.
Der Einfluss der Interessengruppen lässt den Anspruch der Staats-Vernunft in ihr Gegenteil umschlagen. Aus dem »Gemeinwohl« wurde eine Chimäre. Hegels Auffassung vom Staat als Sitz der Vernunft wird als das sichtbar, was sie war: eine Illusion der preußischen Reformkräfte. Hegel hatte sich auch in diesem Punkt auf Kant gestützt, der dem Staat die Aufgabe zugewiesen hatte, den »von Natur aus bösen Menschen« zur Kultur zu bringen.
Johann Gottfried Herder formulierte in seinen »Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit« 1784 die Gegenposition: der Staat kann weder Kultur bringen, noch Probleme lösen, der Staat ist einzig zur Verwaltung fähig.

4. Harald Welzer führt die »Krise der kapitalistisch-atlantischen Kultur der Ressourcennutzung« als wesentlichen Hintergrund für das Wiederaufleben der Illusion vom der Fähigkeit des Staats zur Überwindung der Krise an. Wolfgang Schivelbusch belegte in seiner Untersuchung »Entfernte Verwandtschaft« nicht nur, dass die Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise von 1929/32 bei allen führenden Staaten vergleichbar war. Er belegte auch, dass die Politik schon damals unfähig war, die Probleme zu lösen. Statt dessen verlegte man sich darauf so zu tun, als ob man etwas gegen die Krise unternähme. Roosevelt ließ Autobahnen bauen, Mussolini ließ Sümpfe trocken legen und Hitler ließ ebenfalls Autobahnen bauen. Die Arbeitslosigkeit wurde aber nicht dadurch überwunden, sondern durch Rüstungsprogramme, die alle führenden Staaten auflegten. Der Typ des Staates, der sich auf die große Industrie, die Nation und die Zentralisierung stützt, der war schon 1929/32 überlebt. Alle großen Staaten flüchteten sich in Kriegsvorbereitung als Ausweg aus der Krise. Japan begann den Zweiten Weltkrieg am 18. September 1931 mit dem Überfall auf China. Die Folgen bezahlte die Bevölkerung. Die Aktienkurse waren erst in den 1950er Jahren wieder auf dem »Niveau« von 1929.

5. Was heute »Globalisierung« genannt wird, ist eher ein Versuch der Vereinheitlichung der Welt nach dem Muster der »atlantisch-kapitalistischen Kultur der Ressourcennutzung«, wie Welzer sagt. Die westlichen Sieger im Kalten Krieg gaben der Versuchung nach, die einst erfolgreiche strategische Konzeption einfach fortzuschreiben. In der Situation des Triumphes wurden kritische Stimmen, wie der Hinweis von Samuel Huntington, dass die Kulturen an die Stelle der alten Ideologien getreten, und die Welt multikulturell und polyzentrisch geworden sei, überhört. Von neokonservativ/neoliberaler Seite wurde Huntington als »Kassandra« abgetan, und von linksliberalen Vertretern der »westlichen Universalkultur« (auch in der taz) als »Kulturrelativist« oder als »Kulturkriegstreiber« verunglimpft. Paul Kennedy hatte mit seiner Untersuchung zum Aufstieg und Fall großer Mächte schon die Kosten, benannt, mit denen die USA und der Westen die Hochrüstung zum Sieg über den Osten erkauft hatten. So waren die USA 1990, im Augenblick des Sieges im Kalten Krieg das mächtigste Land der Welt, aber, so Paul Kennedy, gleichzeitig begann der Niedergang des Zentrums der westlichen Kultur. Die These von Francis Fukuyama vom »Ende der Geschichte« verstärkte das westliche Gefühl den Olymp der »Universalkultur« erreicht zu haben. Man glaubte sich endgültig allen anderen Kulturen voraus. Dem Rest der Welt verblieb nur noch die »nachholende Entwicklung«.
Kann es die eine Universalkultur geben? Nein! In jeder Kultur gibt es allgemeine Züge, aber die Kultur im Allgemeinen, die kann es nicht geben. Die westliche Kultur ist eine regionale Kultur, wie jede andere. Die Vorstellung von der westlichen Kultur als Universalkultur, als höchster Stufe der Geschichte und vom Ende der Geschichte bezeichnete Huntington mit einem Ausdruck von Arnold Toynbee als »Fata Morgana der Unsterblichkeit«.
Das Problem besteht darin, dass man sich von der Vorstellung einer linearen Höherentwicklung, einer Logik des Fortschritts o.ä. lösen muss, um die Einwände Huntingtons überhaupt ernst nehmen zu können. Man muss die abstrakt-allgemeine Sicht auf die globale Entwicklung überwinden. Aus Allgemeinem entstehen Besonderungen, die nach Ablauf ihrer Zeit wieder in ein Allgemeines aufgehen. Unsere Erde, das Leben auf unserer Erde entstanden aus kosmischem Staub und werden einst wieder zu kosmischem Staub.
Hans Freyer zitierte gern ein Bild Wilhelm Diltheys, das allerdings von Herder geprägt wurde: das Auftreten Roms auf der Bühne der Weltpolitik sei mit dem Auftauchen eines neuen Kontinentes aus dem Ozean der Geschichte vergleichbar, der nach Ablauf seiner Zeit wieder überflutet wurde.
Das Besondere entsteht in unserem Universum aus dem Allgemeinem und geht nach Ablauf seiner Zeit wieder in das Allgemeine auf.
Die Ironie der Geschichte besteht darin, dass die Kulturen, auf die die heutigen Vertreter der westlichen »Universalkultur« herabblicken, die die Substanz, die Vielfalt des »Ozeans der Geschichte« bilden, einst die Einseitigkeiten der von der Industrie dominierten Gesellschaft neutralisieren werden.

 
 

Vernunft und Glaube
Um nach Harald Welzer eine Kultur der Achtsamkeit zu denken, eine in Echtzeit lernende Gesellschaft« zu realisieren, reicht es nicht mit formalisierten Methodenapparaten oder abstrakten Vergleichsverfahren zu operieren. Es reicht für den Anspruch der Vernunft nicht aus, sich auf Abstrakt-Allgemeines zu beschränken. Die Wissenschaft muss das Besondere von Prozessen erklären können. Eine Wissenschaft, die das Besondere nicht erklären kann, die ist keine. (Karl Marx) Eine Vernunft, die nicht lernfähig ist, ist keine.
Mit Vernunft und Skepsis allein lässt sich jedoch kein Sinn stiften. Wir bedürfen jedoch des Sinnes unserer Existenz. Wir müssen mit Freud und Leid umgehen, mit Leben und Tod, wir fragen was zählt am Ende in all den Anstrengungen, die wir Leben nennen. Wir fragen auch: was wird von uns bleiben?
Ohne Zweifel finden wir auf unsere Fragen an jeder Ecke einen »Bestseller-Ratgeber« der uns wie aus der Pistole geschossen professionell und clever etwas sagt. Aber er kann uns keine Antwort geben. Es gibt jedoch in unserer Zeit auch Menschen, die uns helfen die Antworten selbst zu suchen. So verweist der Dalai Lama ausdrücklich darauf, dass die Europäer ihre eigenen geistigen Traditionen erneuern, und nicht bloß den Buddhismus kopieren sollten.
Karl Kardinal Lehmann hielt vor einigen Wochen an der Johann-Wolfgang-von-Goethe-Universität in Frankfurt am Main die Einleitungsvorlesung zu einer Reihe, in der Religionen in den Dialog treten können. Dabei konzentrierte er sich auf die so genannte »negative Theologie«. Hinter diesem eigentümlichen Wort finden wir solche Denker, wie den um 1260 in Hochheim bei Gotha geborenen Eckhart von Hochheim, den späteren Dominikaner, Wirtschaftsleiter des Ordens, Professor in Paris und Diakon beim Erzbischof von Straßburg. Eckhart formulierte aufgrund des Studiums der Bibel und der Kirchenväter und unter dem Eindruck gebildeter Laien-Mystikerinnen die Überlegung, dass Gott kein transzendentes, sondern ein immanentes Wesen sein müsse. Wir könnten Gott nur in uns und in der Natur finden. Aber weil Gott das immanente Wesen unserer Welt sei, und unsere Erkenntnisfähigkeit beschränkt sei, vermögen wir dieses Wesen nicht adäquat zu erkennen. Wir vermöchten nicht einmal mit Sicherheit zu sagen, dass Gott gut sei.
Für uns klingen seine Predigten, die er um 1300 in deutscher Sprache hielt, als ob sie heute geschrieben seien.Wenn Gott der Name für das Wesen des Universums ist, dann gibt es in Wahrheit nur einen Gott, und dann sehen die verschiedenen Konfessionen diesen Gott nur durch eine besondere Brille. Wenn über Jahrhunderte und Jahrtausende der Gottesbegriff für die Bezeichnung des Wesen des Universums gebraucht wurde, warum wird der nicht-personale Gottesbegriff in der Philosophie noch nicht ernst genommen? Von der Sache her geht es doch um unsere Einsicht, dass es ein Allgemeines gibt, dass vor uns da war, und dass noch da sein wird, wenn es die Erde und die Menschheit nicht mehr geben wird.
Wir sind ein Teil des Kosmos. Unsere Existenz ist nicht unser Verdienst. Seligkeit erreichen wir, wenn wir uns auch als Teil des Kosmos begreifen. Das ist uns aber nur möglich, sagt Eckhart, wenn wir unsere Selbstsucht ablegen und damit alle unwichtigen Dinge fallen lassen. Wenn wir das vermögen, dann sehen wir auch, dass unsere Existenz nicht verloren ist, nicht verloren gehen kann, sondern wieder in das Allgemeine, das Unendliche eingehen wird.
Dieser Bezug auf Gott ist letztlich die Quelle von Hoffnung in unserem Leben. Denn weil wir wissen, dass wir sterblich sind, sehnen wir uns nach Unsterblichkeit, nach Hoffnung. Gleichzeitig macht die Religiösität, die zweite »Säule der Humanität«, uns die Einsicht in ihr Gegenteil, die Vernunft, die Quelle der Skepsis erst möglich. Und umgekehrt: Vernunft bewahrt uns vor der Tendenz der Religiösität zur Erstarrung in der Tradition.

 
 

Fazit
Es ist heute müßig unsere Hoffnungen länger an zentralisierte, hierarchische, fusionierende Groß-Institutionen und Konglomerate zu knüpfen. Der Staat ist gerade in existenziellen Fragen handlungsunfähig. Aus einst gigantischen Konzernen sind von Steuermitteln bezahlte Almosenempfänger geworden oder sie werden demnächst von asiatischen »Investoren« aufgekauft werden. Alle diese Versuche wirtschaftliches Wachstum zu erzwingen und damit Macht zu erkaufen, die sind wie Haschen nach Wind, als ob man den Wind fangen könne.
Neues Denken und Handeln kann nur bei sozialen Kräften entstehen, die über den heute herrschenden alten Interessenblock von Industrie/Zentralismus/Nationalstaat hinausgehen.
Europa verfügt über die Tradition der Familienbetriebe. Diese waren es, die über Jahrhunderte Stabilität und Innovation vereinigten. Die alternativen Kräfte sind in Dezentralisierung, Regionen, Selbstregierung, Selbstverwaltung, Selbständigkeit, Nachbarschaft, Freundschaft, gegenseitiger Hilfe und Familie zu suchen.
Das größte Problem für eine »in Echtzeit lernende Gesellschaft«, eine »Kultur der Achtsamkeit«, besteht darin, gleichzeitig die enorme Spannung von Glaube und Vernunft, von Hoffnung und Skepsis auszuhalten. Gerade angesichts kommender »Überflutungen« der einstigen Hochkultur geht es mehr denn je darum, im Misserfolg nicht zu verzweifeln und im Erfolg nicht übermütig zu werden.
Johannes Eichenthal

Den Artikel von Harlad Welzer finden Sie unter www.taz.de

 
 

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Überflutungen
Zu Harald Welzer: Kultur der Achtsamkeit
 

Am 5. September veröffentlichte die »Tageszeitung« (Taz) einen Artikel von Harald Welzer mit dem Titel »Die Kultur der Achtsamkeit«. Mit diesem Artikel knüpft die taz an einstige Traditionen an, an eine Zeit, in der man selbst nachdenkliche Artikel von Michel Foucault veröffentlichte. Aber wer soll denn auch zum Nachdenken über unsere Situation anregen, wenn nicht solche Zeitungen? Der Normalbürger ist angesichts des komplexen Szenarios auf unserem Planeten erst einmal überfordert. In einer solchen Situation neigen wir zu vereinfachten Vorurteile. Das kann auch nicht anders sein, wir haben nicht die Zeit im Alltag über jedes Problem erst lange nachzudenken. Für differenzierte Urteile brauchen wir Zeit.

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