litterata  :  Reportagen  :  Erinnerung an Paul Fleming  
Veranstaltungen
Freundeskreis
Reportagen
Mironde Verlag
      login
  E-Mail  
  Passwort  
      login
  Registrieren Sie sich hier oder bearbeiten Sie Ihr Profil
Suche  
   

Zur Abschlussveranstaltung trat das Convivium Musicum Chemnicense gemeinsam mit den Gesangssolisten Antje Gebhardt-Randazzo und Sebastian Richter mit Werken von Heinrich I. F. Biber, Nicolaus Hermann, Adam Andreä, Christoph Demantius, Heinrich Isaac, David Pohle, Johann Klemm, Andreas Hammerschmidt und Heinrich Schütz. Besonders interessant war für die Gäste sicher die Isaac/Demantius-Choral-Version von Paul Flemings »In allen meinen Taten ...«.
Die Musiker eröffneten den Gästen auf sinnliche Weise eine weite Fassung von »Lied«, die das Gedicht auf angenehme Weise einschloss. Die Musik unterstützte die Wirkung der Gedichte auf indirekte, deshalb um so wirksamere Weise.

 
 

Der Präsident der Sächsischen Akademie der Künste, Prof. Ingo Zimmermann, hob in seinem Grußwort hervor, dass Paul Fleming der bedeutendste Barock-Lyriker Sachsen sei. Die Akademie schätze an den Projekt zur Fleming-Ehrung das Zusammenspiel der Literaten mit den bildenden Künstlern und den Musikern. Der Präsident verwies darauf, dass nach der Auftaktveranstaltung in Chemnitz weitere Veranstaltungen in Hartenstein, dem Geburtsort Flemings, in Leipzig, dort besuchte der Dichter die Thomas-Schule, und in Dresden folgen werden.

 
 

Michael Morgner, der in seiner Interpretation eines Fleming-Gedichtes mehrere Blätter mit einen vernarbten Torso abbildete, dessen Vernarbung von Blatt zu Blatt zunehmen, ließ in seinem Resümee aufblitzen, dass es ihn nicht nach solchen Festveranstaltungen dränge. Gleichwohl sei auch ihm die Neulektüre der Fleming-Gedichte eine Neuentdeckung gewesen. Eigentlich sei es eine Schande, dass es immer der Jubiläen bedürfe, um uns an wichtige Kunst zu erinnern.

 
 

Der Moderator Prof. Bernd Leistner stellte die Schriftsteller Róža Domašcyna, Elke Erb, Kerstin Hensel, Volker Braun, Peter Gosse, und Richard Pietraß vor, die alle ein Fleming-Gedicht lasen und anschließend interpretierten. Leistner selbst ging in seinem Essay auf den schweren Lebensweg Flemings in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges ein. Fleming musste einen Schicksalsschlag nach dem anderen überwinden. In den aussichtslosesten Situationen schrieb Fleming Gedichte. Die sechs Lyrikerinnen und Lyriker machten mit ihren unterschiedlichen Vorträgen die Vieldimensionalität des Flemingschen Werkes deutlich. Volker Braun vermochte uns in seinem Vortrag am meisten zu fesseln. Er hatte das Gedicht »Er beklagt die Änderung und Furchtsamkeit itziger Deutschen« ausgewählt.

»Itzt fällt man ins Konfekt, in unseren vollen Schalen,/ wie man uns längst gedräut. Wo ist nun unser Mut,/ der ausgestählte Sinn, das kriegerische Blut?/ Es fällt kein Unger nicht von unserm eiteln Prahlen.

Kein Pusch, kein Schützenrock, kein buntes Fahnenmalen/ schreckt den Krabaten ab. Das Ansehn ist sehr gut,/ das Ansehn mein ich nur, das nichts zum Schlagen tut./ Wir feigsten Krieger wir, die Phöbus kann bestrahlen.

Was ängsten wir uns doch und legen Rüstung an, / die doch der weiche Leib nicht um sich leiden kann?/ Des großen Vaters Helm ist viel zu weit dem Sohne.

Der Degen schändet ihn. Wir Männer ohne Mann,/ wir Starken auf dem Schein, so ists um uns getan,/ uns Namensdeutsche nur! Ich sags auch mir zum Hohne.«

Aus dem Munde von Volker Braun nahm Flemings Gedicht den Braunschen Sprachrhythmus an. Die An-Eignung Flemings erfolgte in einer nicht zu überhörenden Ver-Braunung.
Als einziger der Vortragenden fügte Braun nach der kurzen und knappen Interpretation des Fleming Textes ein eigenes Gedicht mit dem Titel »Kassensturz« an. Erst damit schloss sich der Kreis. Denn hier wurde der Einfluss Flemings auf das Braunsche Schaffen deutlich: praktisch eine Ver-Flemingung Brauns.
In den wenigen Minuten des Auftritts Volker Braun konnte jeder, der es wollte, die Dialektik von Erneuern und Bewahren sinnlich wahrnehmen: Ohne Zweifel war das ein Ereignis.

Einige der Lyrikerinnen und Lyriker gingen über die Interpretation des jeweiligen Gedichtes hinaus und versuchten sich am Lebenslauf Flemings. Besonders Kerstin Hensel brachte die in der Literaturwissenschaft überlieferte und seit Jahrzehnten allgemein anerkannte Auffassung prononciert vor, wonach Fleming »bürgerliches Selbstbewusstsein« vertreten habe, wie kaum ein Dichter vor ihm.
Wenn man jedoch bedenkt, dass Fleming im Alter von fünf Jahren den Tod seiner Mutter verkraften musste und im Alter von 31 Jahren auf dem Weg von der Universität Leiden zu seiner zweiten Braut in Reval, beim Aufenthalt in Hamburg schwer erkrankte und verstarb, wenn man bedenkt, dass Fleming auch in den Jahren dazwischen in einer aus den Fugen geratenen Welt, im Dreißigjährigen Krieg und auf Reisen durch Rußland nach Persien überleben konnte, dann fragt man sich, warum er in solchen Gefahren auch noch Gedichte schrieb. Um dem »bürgerlichen Selbstbewusstsein« zum Durchbruch zu verhelfen? Wohl eher nicht. Der Arzt, Philosoph, Musiker, Christ und Weltreisende Fleming wird wohl in einer Zeit des Krieges und der Auflösung einen Halt gesucht haben. Wo konnte er Halt finden? Im Wort, in der Literatur, in der Sprache!
Die Sprache ist es, in der auch wir in der heutigen vertrackten und verkriseten Welt einen Halt finden könnten. Ein Blick in die Bücher von Paul Fleming vermag uns, wie schon herausragenden Geistern vor uns, anzuregen, es selbst zu versuchen.
Johannes Eichenthal

Information
Neuerscheinung: Pergande, Ingrid/Kaufmann, Ulrich: Gegen das GROSSE UMSONST". Vierzig Jahre mit dem Dichter Volker Braun. Berlin und Jena 2009. 336 S., brosch. ISBN 978-3-00-027239-4

www.stadtbibliothek-chemnitz.de

 
 

Copyright © 2009 Mironde Verlag.
Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Die Nachrichten sind nur für die persönliche Information bestimmt. Jede weitergehende Verwendung ist untersagt.

Erinnerung an Paul Fleming
Auftakt zu einer Reihe von Veranstaltungen in Chemnitz
 

Anlässlich des 400. Geburtstages von Paul Fleming (5. Oktober 1609 – 2. April 1640) zeigte die Stadtbibliothek Chemnitz historische und aktuelle Ausgaben der Werke Flemings, einen Originalbrief des 13-jährigen Fleming an seinen Vater und zahlreiche grafische Arbeiten bekannter bildender Künstler zu Paul-Fleming-Gedichten. Darunter Gerda Lepke, Dagmar Ranft-Schinke, Rolf Münzner, Michael Morgner und Sieghart Gille. Am 25. September begrüßte Elke Beer, die Direktorin der Chemnitzer Stadtbibliothek, zahlreiche Besucher zur Abschluss Veranstaltung, mit der die Ausstellung. Frau Beer dankte den zahlreichen Personen und Institutionen, die das Gelingen der Ausstellung ermöglichten. Die Chemnitzer Bürgermeisterin Heidemarie Lüth begrüßte die Gäste im Namen der Stadtverwaltung.

Artikel versenden
Artikel drucken
Mapsite
litterata