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Abbildung: Ausschnitt aus dem Titelblatt der Publikation

Autor der neuen Studie ist Detlef Manfred Müller. Er hatte im Jahre 2004 bereits eine erste Untersuchung zu Leben und Werk Ohsers vorgelegt. Er kann auf diesen Forschungsergebnissen aufbauen. Im ersten Teil fasst er den bisherigen Forschungsstand zur Herkunft, Kindheit und Jugend Ohsers zusammen. Die Studienzeit in Leipzig taucht auf, die Freundschaft mit den jungen, linksliberalen Zeitungsredakteuren Erich Knauf und Erich Kästner.
Es ist unstrittig, dass die Einsetzung der NS-Regierung durch die degenerierte Oberschicht im Januar 1933 für Erich Ohser, wie für alle linken und linksliberalen Schriftsteller, Künstler und Publizisten eine wichtige Zäsur bedeutete. Die Frage war: wie geht es weiter?

 
 

Abbildung: Schmutztitel der Dokumentation

Zwischen dem 13. September 1934 und dem 9. Dezember 1937 veröffentlichte die »Berliner Illustrirte Zeitung« 157 Vater-und-Sohn-Geschichten von Erich Ohser. Die BIZ erschien im Ullstein-Verlag. Allerdings war dieser Verlag 1934 in das Eigentum der NSDAP übergegangen.
Nach dem heute vorherrschenden Geschichtsverständnis erscheint es als ausgeschlossen, dass unter solchen Besitzverhältnissen, zudem 1934–37 kritische Publizistik überhaupt denkbar sei. Hat man nicht fein und sauber die »Guten« und die »Bösen« geschieden. Ist nicht alles klar?
Es spricht für Müller, dass er sich nicht mit solchen abstrakten, wenn auch weit verbreiteten Vorurteilen begnügen will. Zu diesem Zwecke sichtete er die BIZ vollständig und versucht den Bezug von Ohsers Karikaturen zum Inhalt der jeweiligen Zeitschriften Ausgaben herzustellen. Über die Analyse der Titelbilder und einzelner Artikel kommt Müller zum Ergebnis, dass der Leser 1934–1937 die Karikaturen Ohsers im Kontext der gesamten Zeitschrift zur Kenntnis nehmen konnte. In der Arbeit an den Details kann Müller eine Ebene der Sub-Bedeutung der BIZ freilegen. Das geht bis zu Anspielungen auf den Kanzler des deutschen Reiches.
Von 1940–44 arbeitete Erich Ohser für die Wochenzeitschrift »Das Reich«. Der Propagandaminister selbst redigierte dieses Blatt. Theoretisch war hier nur ideologisch gleich geschaltete Publizistik möglich. Ohser zeichnete etwa 800 Karikaturen für diese Zeitschrift. Hier wiederholt sich noch einmal die Konstellation aus der »Berliner Illustrirten Zeitschrift«.
Der Einwand, dass Ohser mit seinen Karikaturen das System stabilisiert habe, der geht an der Sache vorbei. Die Wirkung von Kunst ist ambivalent. Ohsers Karikaturen bestärkten die Zweifler. Wer Augen hatte, der konnte sehen.
Ein anderer Einwand geht in die Richtung, dass Ohser sich angepasst habe, und keine »prinzipielle Gegnerschaft« zum NS-Regime praktiziert habe.
Die im Moskauer Exil sitzende KPD-Führung demonstrierte mit einer dem Anschein nach konsequenten Gegnerschaft zum NS-Regime den illusionären Charakter solcher Weltsicht. Tausende einfacher KPD-Mitglieder in Deutschland wurden den »Prinzipien« auf diese Weise geopfert.
Man muss nicht Michel Foucault gelesen haben, obwohl dies ein Gewinn ist, um zu begreifen, dass die Subversion der Macht eben nur Subversion sein kann. Unser Bild von Revolution wird immer noch vom Sturm auf die Bastille bestimmt. Foucault verweist darauf, dass dies nur eine »Theateraufführung« war. Die Macht hatte schon vorher die Besitzer gewechselt. Subversion wirkt ähnlich einem Maulwurf, unterirdisch. Die alte Oberschicht wurde von Publizisten lächerlich gemacht und besorgte dies mit großem Eifer auch selbst.
Der Vorwurf an Ohser, dass er nicht den Sturz des Reichskanzlers gefordert habe, der geht sowohl an der Wirklichkeit als auch an der Spezifik von Subversion völlig vorbei.

 
 

Abbildung: Auszug aus dem Titelblatt (Ist ER es oder ist er es nicht?)

Ohne Zweifel stellt die reich illustrierte Dokumentation des Inhaltes der BIZ und der Beziehung der Ohser-Karikaturen auf diesen Inhalt, eine Leistung Müllers dar, deren Bedeutung noch nicht abzuschätzen ist. Die Subversion der Macht in einer Zeitschrift, deren Eigentümer die NSDAP war, wurde bislang kaum für möglich gehalten.
Das Ergebnis der Dokumentation widerspricht dem Mainstream der historischen Forschung. Nach Lage der Dinge hätte Müller mit einem Aufsatz wahrscheinlich keine Chance in einer der renommierten historischen Zeitschriften veröffentlicht zu werden. Um so verdienstvoller ist die Veröffentlichung der Dokumentation durch die Kulturbetriebe der Stadt Plauen.
Müller legt uns also einerseits eine detailliert, vorbildlich nüchterne Studie zur regionalen Kunst- und Literaturgeschichte vor. Andererseits stellt seine Studie eine Herausforderung für die Berufshistoriker dar.
Bislang schwankte die Wissenschaft der Bundesrepublik in dem Punkt der deutschen Geschichte von 1933–1945 zwischen der Verurteilung des Reichskanzlers als Alleinschuldigem und der These von der »Kollektivschuld« aller Deutschen. Man muss kein Logiker sein, um begründen zu können, dass hier Alles und Nichts gleich gesetzt wird. In der Tat erklärt eine solche Wissenschaft wirklich nichts. Allein die Hauptprofiteure der Einsetzung der NS-Regierung und des Zweiten Weltkrieges bleiben bei einer solch abstrakten wissenschaftlichen Methode unbenannt. Damit ist die Genesis dieser Position in der frühen Bundesrepublik zumindest erklärbar.
Mittlerweile ist die Zeit aber fortgeschritten. In wissenschaftlichen Studien und in Prosa-Arbeiten ist inzwischen nachgewiesen, dass der NS-Staat kein monolithischer Block war. Im Gegenteil, Kompetenzstreitigkeiten und Machtkämpfe in der NS-Führung dominierten den Alltag. (Zu nennen ist hier an herausragender Stelle Jonathan Littells Roman Die Wohlgesinnten.)
Selbst Nicht-Wissenschaftler hätte es schon lange nachdenklich machen müssen, als bekannt wurde, dass Heinrich Himmler nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 bis Kriegsende seinen Adjutanten in der Schweiz, gegen den Willen und ohne das Wissen des Kanzlers, mit Allan Dulles, dem Chef der CIC, dem späteren CIA, unter Ausschluss aller anderen Alliierten verhandeln ließ.
Ganz anders dagegen Generalfeldmarschall Ferdinand Schörner, ein Duzfreund des Kanzlers, nach dem 20. April 1945 Oberbefehlshaber des deutschen Heeres und Kommandeur der neu formierten Herresgruppe Mitte mit letztem Standort in Mähren/Böhmen/Erzgebirge. Soldaten, die am Endsieg zweifelten, soll Schörner noch im April/Mai 1945 erschießen oder hängen lassen haben. Am 28. April 1945 ließ er im »Erzgebirgischen Volksfreund« einen Artikel mit dem Tenor »Der Hauptfeind steht in den eigenen Reihen« veröffentlichen.
Ist es nicht endlich an der Zeit die verschiedenen Interessengruppen in der NS-Führung, die Subversion und die Vielschichtigkeit des Widerstandes gegen das Regime in all ihrer Differenziertheit zur Kenntnis zu nehmen, um die deutsche Geschichte zwischen 1933 und 1945 begreifen zu können?
Die Dokumentation von Detlef Manfred Müller gibt über die konkrete Untersuchung des Schaffens von Erich Ohser hinaus Anregung zum Umdenken. Dafür gebührt dem Autor und der Stadtverwaltung Plauen Dank.
Johannes Eichenthal

 
 

Abbildung: Buchtitel

Information

Müller, Detlef Manfred: Erich Ohser – e.o.plauen (1903–1944). Vater und Sohn & die Berliner Ilustrirte Zeitung der Jahre 1934–1937. Ein Idyll mit doppeltem Boden? Kulturbetrieb Stadt Plauen/Galerie e.o.plauen/ Erich Ohser – e.o.plauen Stiftung 2009. (= Katalog zur Ausstellung »Wie Vater und Sohn« Adolf Hitler auf die Schippe nahmen. Galerie e.o.plauen. 18.01.2009–03.05.2009)
Keine ISBN-Angabe.

Galerie e.o.plauen
www.galerie.e.o.plauen.de

e.o.plauen Stiftung
www.e.o.plauen.de

 
 

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Vater und Sohn & die Berliner Illustrirte Zeitung der Jahre 1934–1937
Neue Publikation zu Leben und Werk von Erich Ohser erschienen
 

Die Erich-Ohser Freunde in Plauen legten wieder eine neue Publikation zu Leben und Werk des in Plauen geborenen bekannten Künstlers vor. Wer Menschen, die Ende der 1920er/Anfang der 1930er Jahre geboren wurden, nach Erich Ohser fragt, der erlebt oft, dass diese sich sofort an die Vater-und-Sohn-Bilderserien erinnern. Auch dem heutigen Leser vermögen die Vater-und-Sohn-Karikaturen des Künstlers auf den ersten Blick etwas zu sagen. Dem Anschein nach sind auch zur deutschen Geschichte zwischen 1933 und 1945 alle Fragen geklärt, da mittlerweile Tausende gelehrte Abhandlungen geschrieben wurden. Doch sind wir dieser Zeit bisher wirklich näher gekommen? Die Fremdheit beginnt schon mit der Sprache: »Illustrirte« wurde damals wirklich ohne »ie« geschrieben.

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