litterata  :  Reportagen  :  Where has all the money gone?  
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Als Einstieg ein Zitat von Henry Ford: »I pay my workers, so they can pay my cars.« Heutzutage ist die Schraube der stetig zunehmenden Arbeitslosigkeit und gleichzeitigen Überproduktion die noch mit Staatsfinanzspritzen künstlich weiter am Leben erhalten wird rational nicht mehr nachvollziehbar und vertretbar. General Motors ist wohl das aktuellste Beispiel dazu.

Susan George hat lange, sehr lange über die Armen geredet. Ja ihr erstes Buch der Entstehung des Welthungers und der Auseinandersetzung damit gewidmet. Wieder und wieder gibt es Beispiele in den Medien wie Menschen mit einem Dollar oder Euro am Tag auskommen (müssen). Sie will nicht mehr über die Armen reden. Es ist genug. Lasst uns über die »Reichen« reden. Diese kaum erforschte und wenig in Statistiken erfasste Spezies. Einst waren es 20 Prozent der Menschheit, die 80 Prozent des Geldreichtums auf Erden besaßen. Heute sind es nurmehr 10 Prozent der Weltbevölkerung die 90 Prozent des Geldreichtums horten. In konkreten Zahlen heißt das, dass 8,7 Millionen Menschen 38 Billionen Dollar besitzen. Um diese unglaubliche Zahl mit 12 Nullen fassen zu können zieht sie einen anschaulichen Vergleich. Wenn man sich vorstellt, dass man jede Sekunde einen Dollar verdient, dann hätte man in 12.000 Jahrhunderten diese Summe verdient. Von diesen »Reichen« haben 78.000 Menschen 13 Billionen in ihrem Besitz. Noch gibt es keinen Billionär. Da diese Angaben von Merrill Lynch kommen, beziehen sich die Angaben nicht auf angehäuftes Kapital in Form von Hof und Gut oder einem Oldtimerparcours in den Garagen der zahlreichen Villen. Nein, Merrill Lynch berücksichtigt nur Bares oder dergleichen, kurzfristig für Investionen zur Verfügung stehendes Geldvermögen. Wer aber sind diese Reichen? Vorrangig sind es US-Amerikaner, Europäer, aber auch in zunehmendem Maße Asiaten und auch Südamerikaner.

 
 

Zurück zur Hauptfrage wo all das Geld geblieben ist. In den vergangenen Jahren, in weniger als einem Jahrzehnt, wurden in den USA fünf Milliarden Dollar für Lobbyarbeit ausgegeben. Geld für die Deregulierung der Finanzmärkte. So wurde unter Präsident Clinton im Jahre 1999 der Glass-Steagall Act von 1933 aufgehoben. Diese Verordnung verbot Kreditinstituten Kapitalanlagen, Beteiligungen und dergleichen zu tätigen. Sparkassen war es somit untersagt nicht finanzielle Tätigkeiten auszuüben. Bis 1999 waren Sparkassen und Investmentbanken strikt voneinander getrennt. Durch die damals neu geschaffene Möglichkeit der Zusammenführung der Banken und unterschiedlichster Geschäftsfelder wurden Größenordnungen geschaffen, die unter den Begriff »too big to fail« fallen. Wer zu groß ist um Brankrott zu gehen hat einen ganz anderen Bezug zum Risiko. Mit Netz und doppeltem Boden kommt man auf allerlei Ideen.

Wie zum Beispiel »Leverage« – Fremdfinanzierung – eines von Georges Lieblingsthemen. Angenommen man hat 1.000 Euro zur Verfügung und kann es mit einem Zinssatz von 10 Prozent anlegen, dann verdient man 100 Euro. Warum nicht 10.000 oder 100.000 Euro einsetzen, wenn diese zu 5 Prozent von der Bank geliehen werden können? Dann verdient man bei 10.000 Euro, von den 9.000 über Kredit finanziert sind, 550 Euro. Bei Einsatz von 100.000 Euro sind es nach diesem Rechenbeispiel 5.500 Euro. Dieses verlockende Spiel haben viele gespielt und verdrängt, das die Zinsen nicht fix sind, und die Gewinne nicht unaufhörlich jedes Jahr weiter in die Höhe schießen können.

 
 

In Californien steht eine Pensionsversicherung vor Gericht, weil sie eine Milliarde der angesparten Pensionsvorsorge verloren hat. Sie hat nach Empfehlung sogenannter »Agents« gehandelt, die die Sicherheit von Fonds ähnlich unserer Energieklasseneinteilung bewerten. A++ ist demnach mündelsicher und risikolos. Jedoch ist ein »Agent« beziehungsweise sind diese Organisationen nach dem US-amerikanischen Gesetz eine natürliche Person. Und in der amerikanischen Verfassung ist »freedom of speech«, die freie Meinungsäußerung verankert. Demnach wurden nur Meinungen bekannt gegeben für die niemand haftbar zu machen ist. Meinungen die sicher gut bezahlt wurden. 99 Banken in den USA gingen bis zum heutigen Abend Bankrott, vielleicht wurde während wir hier zuhören die Hundertmarke überschritten. Und es werden noch einige hinzu kommen. Bislang bürgte der US-Staat mit 23,7 Billion Dollar für die Banken, das entspricht dem zweifachen GDP (Bruttoinlandsprodukt) des Landes. Was macht man nun mit seinem Geld, wenn man noch welches hat? Man geht auf Nummer sicher und kauft »treasury papers« vom Staat. Goldman & Sachs geben sie für den Staat aus, und verdienen mit. Nicht wenig, denn die Nachfrage ist groß. Aber wer bürgt nun für die staatlichen »treasury papers«? Was passiert wenn die »treasury paper«-Blase platzt? Wir haben bereits das Zerplatzen der Dot-Com-Blase und der Eigenheim-Blase erlebt? Susan George antwortet mit einem Lächeln: »God takes care of little children, drunks and the United States.« Im Ernst ergänzt sie jedoch, dass sie Angst hat, wir alle Angst haben sollten.

Da ist es nur nachvollziehbar das mancherorts nach Alternativen gesinnt wird, um diesem weltweit verflochtenen kapitalistischen Finanzsystem zu entkommen. So gibt es beispielsweise in London, genauer gesagt in Brixton, bereits eine neue Währung, neben der amtlichen. Und auch in einigen anderen Teilen der Welt. Ist das ein möglicher Weg? Madame George hält es für eine gute Idee.

 
 

Wie sieht künftig die Rolle der EU aus? Vor allem die Rolle des Euros, da langsam laut über die Abkehr von der Leitwährung des US-Dollars nachgedacht wird? Die Asiaten haben zuviel Kapital in US-Dollar, sodass sie wohl kaum einer Änderung der Leitwährung zustimmen würden. Susan George, gebürtige Amerikanerin, fühlt sich als Europäerin, obwohl sie mit derzeitigen Handlungsweise der EU nicht einverstanden ist. Für die EU braucht es gewählte Personen die eine Verfassung schreiben und keine großen Abstimmungen darüber. In Amerika hat es damals doch auch funktioniert, und da kamen die Verantwortlichen noch auf dem Rücken ihrer Pferde.

Und schließlich kam das Thema auch auf österreich-spezifische aktuelle Angelegenheiten, wie den hohen Anteil von deutschen Studenten hier. Laut George ist und muss die Bildung ein frei zugängliches Gut sein und bleiben. Infolge der finanziellen Unterstützung ihrer Eltern konnte die heute 75-jährige Susan George ihr erstes Studium in den USA absolvieren. Das zweite Studium und ihre Doktorarbeit wurden ihr in Frankreich durch das kostenlose Bidlungsangebot ermöglicht. Wie sonst hätten sie und ihr Mann das auch mit drei Kindern finanzieren sollen? Allerdings kann und sollte ein vergleichsweise kleines Land die Bildungsdefizite des 10mal größeren Nachbarns nicht finanzieren und lösen. Einen Ausweg aus der aktuellen Studentenfrage in Österreich weiß sie nicht. Auch die Vielzahl der auf Kosten des Heimatlandes gut ausgebildeten Deutschen, die hier arbeiten kann kaum als Ausgleich angeführt werden. Sie verweist jedoch auf die Geschichte. Jedermann hat vergessen, dass unter US-Präsident Eisenhower, nach dem Zweiten Weltkrieg die Steuerquote in den US bei 90 Prozent lag. Das damals »Dollar-a-year« Menschen großes Ansehen genossen, indem sie wirklich für das symbolische Gehalt wichtige Funktionen für den Staat übernommen haben. Heute liegt die Steuerquote bei knapp über 30 Prozent. Und im Vergleich zu heute hat US-Präsident Roosevelt mit der Ansage: »They hate me, and I welcome their hatred!« damals den Banken klar die Stirn geboten. Freiwillig den Hass der Gegenspieler auf sich Ziehen, ihn ja sogar herauszufordern, sagt viel aus über das damalige Machtverhältnis zwischen Staat einerseits und Kapital, Wirtschaft und Banken andererseits. Heutzutage bittet Präsident Obama die Banker regelrecht den notwendigen Reformen nicht im Wege zu stehen. Nun, Bitten können ausgeschlagen werden.

Wie kann man all diese Probleme lösen? Susan Georges Antwort: »Join ATTAC!« Nein, im Ernst, niemand kann diese Probleme allein lösen, auch größere Organisationen nicht. Dazu braucht man Bündnisse. Man muss sich auch überlegen was auf den Markt gehört und was nicht. Kredite gehören in Staatshand. Ein Beginn wäre die internationale Besteuerung von Finanztransaktionen. Außerdem ist die Einführung von Grenzen für die Anhäufung von Kapital sinnvoll. Von einer Pensionierung nach Erreichen gewisser Kapitalgrenzen hält sie nichts. Ich hoffe ich werde immer arbeiten, denn wenn ich einmal aufhöre bin ich tot, ergänzt Madame George. »We cannot win war against nature.« Mit der Zerstörung unserer Umwelt zerstören wir uns selbst. Was hilft ist ein »constant progress in emancipation«, eine kontinuierliche Entwicklung in Richtung Befreiung.
Kathrein Jünemann


Information

www.wienerstadtgespraech.at
www.falter.at – Wiener Zeitschrift für Kultur und Politik
www.wien.arbeiterkammer.at – Wiener Arbeiterkammer
www.tni.org – Transnational Institute – A worldwide fellowship for scholar activists
www.france.attac.org – Association pour la Taxation des Transactions pour l'Aide aux Citoyens

 
 

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Where has all the money gone?
Susan George im Wiener Stadtgespräch
 

Man kann mich politische Wissenschaftlerin nennen oder politische Ökonomin, aber niemals nur Ökonomin. Susan George, Präsidentin von TNI – dem Transnational Institute in Amsterdam, Ehrenpräsidentin von ATTAC-France – dem Netzwerk für eine demokratische Kontrolle der Finanzmärkte – und ehemaliges Vorstandsmitglied bei Greenpeace International und Greenpeace France ist heute im Wiener Stadtgespräch mit Armin Thurnher, Mitbegründer und Chefredakteur vom Falter. Sie gehen der Frage auf den Grund, warum trotz Krise die Reichen immer reicher werden und die Armut weltweit zunimmt. Und warum sich das Versprechen, dass der freie Welthandel Wohlstand für alle bringe, ins Gegenteil gekehrt hat.

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