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Zur Vorstellung der Bände 3 und 4 aus der Edition Kammweg hatten Kulturraum und Sächsischer Schriftstellerverein für dem 10. November, den 250. Geburtstag Friedrich Schillers, in die Villa Baldauf, das Kultur- und Freizeitzentrum des Erzgebirgskreises eingeladen.

 
 

Dr. Klaus Walther (re.) stellte zunächst Band 3 vor, in dem eine Auswahl Geschichten in erzgebirgischer Mundart von Fritz Körner veröffentlicht wird. Körner wurde am 28. April 1873 in Waschleithe bei Schwarzenberg geboren. Klaus Walther, der den Band unter Mitarbeit von Manfred Blechschmidt herausgab, verwies darauf, dass Körner einer der besten Mundartschriftsteller des Erzgebirges gewesen sei, der die klassische Weltliteratur kannte, und mannigfache Anspielungen auf Shakespeare oder römische Satiriker in seinen Texten verbarg. Aus dem Ersten Weltkrieg brachte Körner durch Gaskriegseinwirkung ein schweres Asthmaleiden mit nach Hause. Sein Versuch der Firmengründung scheiterte. Die große Familie machte schwere Zeiten durch. Doch gerade in seinem schwersten, letzten Lebensjahrzehnt schrieb er auch seine schönsten Geschichten, die er selbst verlegte und die seine Kinder für wenig Geld verkauften. In der Auswahl, so Klaus Walther, befindet sich auch ein Kapitel aus dem Lukas-Evangelium. Auftraggeber der »Übersetzung« war der Grünhainer Pfarrer Karl Joseph Friedrich, der Fritz Körner für jedes Kapitel 3,– Mark zahlte, und der auch die Veröffentlichung der Übersetzung des gesamten Evangeliums im traditionsreichen Evangelischen Verlag von Max Müller in Chemnitz vermittelte.
In unnachahmlicher Weise trug Klaus Walther dann die Geschichte »De beenden Vielasser« im erzgebirgischen Dialekt vor.
Steffen Meyer, einer der beiden Sekretäre des Kulturraumes Erzgebirge-Mittelsachsen ließ es sich trotz »Haushaltsstresses« nicht nehmen, den Band 4 der Edition Kammweg vorzustellen.
Die Kloster-Aphorismen von Pater Gabriel aus der Zisterzienserinnen-Abtei Waldsassen kommen auf den ersten Blick aus weiter Ferne. Doch von Waldsassen aus wurden im 12. Jahrhundert die böhmischen Zisterzienser-Klöster gegründet. Von dort aus gab es intensive Beziehungen zu den Zisterzienser-Klöstern Grünhain und Altzella. Die Zisterzienser brachten Kulturtechniken ins Erzgebirge, u.a. geologische und bergbautechnische Kenntnisse. Steffen Meyer hob das dem Anschein nach Unzeitgemäße an den Aphorismen des Paters hervor. Pater Gabriel komme ohne das heute übliche Tam-Tam aus. Die Aphorismen geben jedem Leser die Möglichkeit, über sich und sein Leben selbst nachzudenken. Der Text regt uns dazu an inne zu halten. Im Alltag flüchten wir uns in der Regel in allerlei hektische Aktivitäten. Unsere »virtuelle Gegenwartsgesellschaft« läuft 24 Stunden mit voller Kraft auf allen Kanälen. Aber es kommt dabei für uns nichts mehr heraus. Vielleicht flüchten wir am Ende vor uns selbst?
Wenn man sich auf die Aphorismen von Pater Gabriel einlässt, dann vermag man aus dem ewigen Kreislauf von Zeitmangel und Zeitverschwendung, aus der ergebnislosen Hektik unserer Zeit heraus zu gelangen.
Mit ruhiger Stimme las Steffen Meyer einzelne Aphorismen. Man hätte ihn für den Autoren halten können.

 
 

Kommentar
Macht ein Unternehmen wie die Edition Kammweg heute eigentlich noch Sinn? Ist es richtig an einen vergessenen Erzgebirgsschriftsteller zu erinnern? Was bringen uns philosophisch-theologische Aphorismen eines Mönches heute?
Auf den ersten Blick muss man eingestehen, dass sich die Zahl der interessierten Leser in Grenzen hält. Wer beherrscht heute noch Dialekt? Wer hat Zeit für Aphorismen? Kurzum: die beiden Bände eignen sich nicht für eine Millionenauflage und auch nicht für den Export nach China oder Indien. Aber das ist vielleicht auch gar nicht nötig. Die FAZ schrieb nach der vergangenen Buchmesse von 140.000 (deutschsprachigen) Neuerscheinungen des vergangenen Jahres. Das sind pro Tag fast 400 und pro Werktag fast 500 neu erscheinende Bücher. Eine solche Flut können selbst Fachleute nicht mehr überblicken, geschweige denn lesen. Unsere Fähigkeit zur Auswahl unter verschiedenen Informations-Angeboten ist überlebensnotwendig geworden.
Da gibt es aber auch schon Unternehmen, die uns die Auswahl abnehmen wollen, die uns vorsetzen, was für uns gut und richtig sein soll: »Bestseller-Listen«, »Literatur-Kanon«, »Long-Listen«, »Shortlisten« usw. usf. Heute gibt es bereits erste Buchhandlungen, in denen keine Regale mehr zu finden sind, sondern nur noch einige Stapel mit so genannten »Bestsellern«. Am Ende werden wir wohl nur noch die Bücher, die mit dem jeweils aktuellen »Buch-Preis« ausgezeichnet werden angeboten bekommen? Letztlich steht vielleicht nur noch ein einziger Stapel, ein Buch für alle und keinen?
Aber wo die Gefahr ist ... Klaus Walther verwies in seinem 2005 bei Faber und Faber erschienen Buch »Was soll man lesen?« darauf, dass es keinen Kanon geben kann. Für jeden individuellen Menschen ist zu jeder Zeit ein anderes Buch »das wichtigste«. Unsere Zeit ist nicht nur von wachsender Vergesellschaftung gekennzeichnet, sondern auch von deren Gegensatz, der zunehmenden Individualisierung. So wie uns kollektiven Erinnerungen keine Orientierung mehr geben können, so ist es mit kollektiven Geschmacksmustern. Wer sich auf die »Bestseller« einlässt, der gibt seine Individualität auf, wird kompatibel, passiv, wird bloßer Konsument. Die »Roman-Industrie« arbeitet nicht nur an global einsetzbaren Büchern, sonder auch am global-nivellierten Geschmack der Konsumenten. Vereinheitlichung ist das, was die so genannte Globalisierung bis heute ausmacht.
Aber damit bekommt die Region, in der wir erleben, auf einmal eine neue Bedeutung für unsere Individualität. Unsere Region hat eine Ge-Schichte, Schichten von Leben und Sprache. Wir bedürfen einer Art Archäologie, um uns durch diese Schichten zu den Wurzeln unserer Identität, unserer Kultur zu graben.
Vor mehr als 200 Jahren machte Johann Gottfried Herder gegen die Verabsolutierung einer auf mathematisches Denken beschränkten Vernunft, die sein Lehrer Kant mit der Vernunft an sich verwechselte, derweil es, wie Heinrich Heine bemerkte, nur das Kalkül der Händler war, die Bedeutung der Sprache für unsere Konstituierung deutlich. Wenn wir uns aber nicht in Bewusstsein, und nicht in Vernunft, sondern in Sprache konstituieren, dann kommt der regionalen Sprachgeschichte eine ganz neue Bedeutung zu. Unsere regionale Sprache ist der Kern unserer Bildung, unserer Kultur, unserer Identität: Dialekt ist Heimat (Martin Heidegger).
Unter diesem Aspekt kann man die Kenntnis der regionalen Literatur und der Literaten von Klaus Walther nicht hoch genug schätzen. Zudem verbindet Klaus Walther seit Jahren das Wissen über unsere regionale Literatur- und Sprachgeschichte mit dem praktischen Engagement. Dichter auf Dichter spürt er im Dunkeln der Geschichte auf und lässt uns ein Lichtlein aufgehen. Gleichermaßen erfreulich ist, dass der Kulturraum Erzgebirge-Mittelsachsen solches Engagement praktisch unterstützt. Selbstverständlich ist das nicht.
Kulturraum und Schriftstellerverein befördern in ihrem Wirken mehr für die regionale Identität, als Werbeagenturen und Tourismusmarketing, die ärgsten Feinde unserer Kultur, zusammen vorgeben.
Johannes Eichenthal

 
 

Information

Edition Kammweg
Bd. 1 Heit is dr Heilge Ohmd ihr Maad. Die schönsten erzgbirgischen Weihnachtslieder.
ISBN 978-3-937654-25-6

Bd. 2 Kurt Wieland: Tod in Vater Augusts Kerker. Cornlius von Rüxleben. Jägermeister zu Zschopau. ISBN 978-3-937654-29-4

Bd. 3 Fritz Körner: De gesungene Speisekart. Seine schönsten Geschichten.
ISBN 978-3-937654-38-6

Bd. 4 Pater Gabriel K. Lobendanz OCist: Kloster-Aphorismen.
ISBN 978-3-937654-39-3

Zur Zeit sind alle vier Bände lieferbar. Erhältlich in jeder Buchhandlung oder direkt beim Verlag. www.mironde.com

www.kulturraum-erzgebirge-mittelsachsen.de

www.baldauf-villa.de

 
 

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Die Edition Kammweg
Neuerscheinungen in der Marienberger Baldauf-Villa vorgestellt
 

Die Edition Kammweg wird seit dem Jahre 2007 gemeinsam vom Kulturraum Erzgebirge-Mittelsachsen und dem Sächsischen Schriftstellerverein herausgegeben. Als erster Band erschien eine Auswahl erzgebirgischer Weihnachtslieder unter dem Titel »Heit is dr Heilge Ohmd ihr Maad«. Herausgeber Klaus Walther legte dem Publikum Texte vor, die heute nur noch schwer beschaffbar sind und die in einer solchen Zusammenstellung mitunter zu Lebzeiten der Dichter nicht in einem Buch erschienen. 2008 gab Klaus Walther die Geschichte des Cornelius von Rüxleben heraus, eines Günstlings von Kurfürst August, der aber in Ungnade fiel und bis zum Lebensende inhaftiert wurde, und lenkte den Blick des Publikums gleichzeitig auf den heute in Chemnitz vergessenen Autoren Kurt Wieland.

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