litterata  :  Reportagen  :  Es war einmal  
Veranstaltungen
Freundeskreis
Reportagen
Mironde Verlag
      login
  E-Mail  
  Passwort  
      login
  Registrieren Sie sich hier oder bearbeiten Sie Ihr Profil
Suche  
   

Der Verein Dresdner Porzellankunst e.V. hatte in die Sächsische Porzellan-Manufaktur Dresden nach Freital eingeladen. Anlass war die Eröffnung einer Ausstellung von Assemblagen der in Meißen lebenden Künstlerin Else Gold. In den vom Sonnenlicht durchfluteten Räumen der Galerie führte Olaf Stoy in die Ausstellung ein. Er wählte als Motto der Rede »Es war einmal ...« (Den vollständigen Redetext finden Sie am Ende der Reportage). Wolfgang E. Herbst las im Anschluss das Märchen vom Froschkönig und der Prinzessin.

 
 

Else Gold: es war einmal ...

 
 

Laudatio von Olaf Stoy

Es war einmal eine Künstlerin die verfügte über das seltene Talent Wertloses in wohlfeile Kunst zu verwandeln. Geradeso wie dereinst ein inzwischen namentlich bekannter Zwerg, der es vermochte Stroh zu Gold zu spinnen. Die Künstlerin lebte in einer Stadt die von einer stolzen Burg gekrönt wurde und in der man das alchemistische Weiße Gold herstellte. Auch selbst trug sie das Gold im Namen und so war sie dreifach versponnen und verbandelt mit dem Inbegriff fürs edle Metall, was aber gleichzeitig auch »Das Licht aus dem Osten« heißt.

Soweit mein Versuch einer märchengerechten Einleitung. Um diese stilecht abzuschließen, müsste ich eigentlich mit folgenden Worten enden:
»Und wenn sie nicht gestorben ist, dann lebt sie noch heute.«

Aber natürlich lebt sie noch und beschert uns so kurz vor dem ersten Advent mit dieser wunderbaren Ausstellung.

Aber noch mal: »Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.«
Wer kennt sie nicht, diese lapidare Schlussformel, mit dem die Märchen unserer Kinderzeit mit berechenbarer Konsequenz endeten. Das Ungesagte in diesem Satz spricht Bände. Es hebt die Endlichkeit, das Unvermeidliche auf und suggeriert die Möglichkeit des Überlebens. Ein Überleben vielleicht als Geschenk für die überstandenen Prüfungen. Ein Happy End deutscher Manier? Ein Produkt der Romantiker? Diese kindliche Infragestellung des Todes ist für mich die Quintessenz eines Märchens. Es impliziert ein »Alles ist möglich«!

Das Märchen, im Mittelhochdeutschen Maere genannt, bedeutet Kunde, Bericht, Nachricht. Es sind Prosaerzählungen, die von wundersamen Begebenheiten berichten. Märchen wurden ursprünglich mündlich überliefert und treten in allen Kulturkreisen auf. Im Unterschied zur Sage und Legende sind Märchen frei erfunden und ihre Handlung ist weder zeitlich noch örtlich festgelegt.
In Märchen werden Zahlen als Symbole mit einer magischen Bedeutung dargestellt. Die Zahlen 3, 7 und 13 haben besonders hervorgehobene Bedeutungen, da sie den Hauptfiguren Glück oder Pech bringen. Ein König, zwei Geschwister, drei Brüder oder Schwestern, sieben Geißlein, Schwäne, Zwerge oder Raben, zwölf gute Feen und die dreizehnte ist garantiert die böse.
Es geht um Ängste, Wünsche, Erotik, Gewalt und Glück. Das Märchen gab und gibt Hilfe und Anleitung auf dem Lebensweg, ermutigt und verbreitet die Zuversicht, dass der Weg, obwohl gespickt mit Prüfungen, letztlich zu einem guten Ende führt.

Man kennt sie also, die Rapunzels, Rotkäppchens, Sterntalers, Dornröschens und Schneewittchens. Sie haben unsere Weltsicht geprägt, sind Teil der literarischen Ursuppe von der wir immer noch zehren. Es sind die Prototypen die uns unter anderen Namen immer wieder begegnen.

Besonders die Figur der Undine hat es der Künstlerin Else Gold angetan. Seit ca. 10 Jahren beschäftigt sie sich immer wieder mit der Märchenthematik. Eine Undine ist öfters dabei. Nach Paracelsus handelt es sich um ein Elementarwesen, welches der mythologischen Gattung Nymphe angehört und das Element Wasser verkörpert. Undinen und ähnliche Wesen haben bezaubernde Stimmen, welche gelegentlich über dem Wasser vernommen werden können. Die Undine bekommt erst dann eine Seele, wenn sie sich mit einem Menschen vermählt. Einem untreuen Gatten bringt sie den Tod. Es ist ein Halbwesen, zerrissen zwischen ihrer heimatlichen Wasserwelt und der Welt der Menschen. Der Wunsch sein Anderssein abzulegen, dazu zu gehören, pendelt zwischen Versuch und Scheitern. Für Else Gold tun sich hier Parallelen zum Dasein als Künstler auf und bietet so Stoff zu immer neuen Interpretationen.
Doch nicht nur so Existenzielles inspiriert sie. Da sind ganz profane Fundstücke, die, sind sie erstmal in neue Zusammenhänge und Anordnungen gebracht, witzige Assoziationen provozieren. Ich möchte dabei besonders auf zwei Objekte hinweisen; »Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?« und »Der Wolf und die sieben Geißlein«. Beim Ersten begeistert mich vor allem der, Kontext setzende, zu Glas geronnene Blutstropfen. Beim Zweiten die eindeutig erotische Anspielung.

In dieser Ausstellung zeigt Else Gold Assemblagen, Objekte und Multiple. Letztere sind für sie multiplizierte Originale mit denen man auch spielen kann. Kunst als Spielzeug? Warum nicht? Kunst sollte man benutzen und nicht hinter Panzerschrankwände verbannen.
Wichtigste Grundlage für ihre künstlerische Arbeit sind Fundstücke. Manchmal scheint es so, als ob nicht sie die Dinge findet, sondern umgekehrt – die Dinge finden sie. Wohl in der Erwartung, dass Else Gold aus ihrem unbeachteten Dasein wieder ein beachtetes macht. Denn sie hat diesen anderen Blick auf ihre Umwelt, der den gewohnten Kontext verschiebt und neue Beziehungen provoziert. Sie ist eine Sammlerin, die die Versatzstücke ihrer Kunstobjekte dort findet, wo andere achtlos vorübergehen.
Vom Porzellan herkommend, unterwandert sie die Anbetung des traditionsverfluchten Materials und nutzt es nur noch als Zitat oder Randnotiz.
Mich selbst begeistert immer wieder ihre tiefenpsychologische Hintergründigkeit. Da steckt soviel Unerklärbares aber dennoch Fühlbares dahinter. So dass man immer wieder neue Aspekte entdecken kann. Ich selbst habe versucht mich ihrer Arbeitsweise lyrisch zu nähern. Dafür möchte ich abschließend folgendes Beispiel bringen:

Es war einmal

War es einmal?
Einst war es, dass es sich zutrug
Und die Zungen der Zuträger nahmen verschlungene Wege
Es war zweimal
Denn einmal ist keinmal
Und wer nicht will
Der hat schon
oft und immer wieder
Es war dreimal
Denn aller guten Dinge sind drei
Und all der bösen Dinge
Sind unzählig
Aber mindestens dreizehn
Also schlug es dreizehn
Und dreizehn ist zwölf plus eins
Und in der Summe ungerade
Also schief
Und das wollen wir nicht haben
Es war ein halb und halb
ein bisschen kaputt
Und möchte so gern dazu gehörn
Und wenn es nicht gestorben ist
Dann will es das noch heute

© Olaf Stoy


 
 

Information
Die Ausstellung von Else Gold in der Galerie des Vereins Dresdner Porzellankunst,in der Sächsischen Porzellan-Manufaktur Dresden, Carl-Thieme-Str. 16, 01705 Freital, ist noch bis 31.01.2010 zu sehen.
Führungen Mo bis Fr 11 und 14 Uhr.

 
 

Copyright © 2009 Mironde Verlag.
Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Die Nachrichten sind nur für die persönliche Information bestimmt. Jede weitergehende Verwendung ist untersagt.

Es war einmal
Ausstellung mit Assemblagen von Else Gold eröffnet
 

Am Vorabend des ersten Adventes beherrschten Sonnenschein, blauer Himmel und vom Wind gehetzte Wolkenfetzen unseren Horizont. Auf der Autobahn begegneten wir Horden von Konsumenten, die von riesigen Einkaufstempeln magisch angezogen, nach dem Erwerb von global vereinheitlichen, austauschbaren, kompatiblen Produkten strebten, die sie auch in Sibirien, in der Sahara oder Honululu hätten finden können. Wünschen wir ihnen die Seligkeit, wissen aber, dass sie die auf diesem Wege nicht erfahren werden.
Im Autoradio ein Wunschkonzert: Die Sterncombo aus Meißen sang »Weißes Gold«. Ja, Meißen und Porzellan. Aber eine sächsische Porzellan-Manufaktur gibt es auch in Freital.

Artikel versenden
Artikel drucken
Mapsite
litterata