litterata  :  Reportagen  :  Die Heimkehr des verlorenen Gert Hofmann  
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Foto: Gert Hofmann (© Ursula Hasenkopf/München)

Unter den Erwählten befindet sich auch Gert Hofmann mit seinem Roman »Der Kinoerzähler«. Damit erfährt Gert Hofmann ein reichliches Jahr vor seinem 80. Geburtstag ein unerwartetes Geschenk. Im Alltag sind seine Romane beim Münchener Hanser-Verlag nicht mehr lieferbar. Beim Deutschen Taschenbuch Verlag (dtv) finden wir noch Hofmanns posthum erschienenen Roman »Die kleine Stechardin«, die Novellensammlung »Gespräch über Balzacs Pferd« und die Erzählungen »Auf dem Turm« und »Der Blindensturz« .
Die Welt-Gruppe veröffentlicht den »Kinoerzähler« also zu einem Zeitpunkt, in dem das Buch bei Hofmanns Hausverlag weder als Hardcover noch als Taschenbuch lieferbar ist. Zudem kennt heute nicht einmal mehr der durchschnittliche Literatur-Journalist das Werk Gert Hofmanns. Man muss dem Welt-Verlag um so mehr danken und darf dem Buch, wie der gesamten Edition, viele Leser wünschen.

Wer war Gert Hofmann?
Er wurde am 29. Januar 1931 im sächsischen Limbach bei Chemnitz geboren. Die Leipziger Sprachschule schloss er in Englisch, Französisch und Russisch ab. Bereits als Student las er in Leipzig Werke der europäischen Klassik im Original. Nach einem Jahr wechselte er an die Universität in Freiburg/Breisgau. Dort schloss er mach einem Diplom in Germanistik mit einer Dissertation in Anglistik ab. »Interpretationsprobleme bei Henry James« war der lapidare Titel dieser Arbeit. Hofmann skizzierte mit jugendlicher Emphase und gleichzeitiger beeindruckender Nüchternheit die literarische Methode des amerikanischen Romanciers Henry James (1843–1916). Erst aus dem historischen Rückblick wird deutlich, dass Hofmann damit auch seine eigene literarische Methode entwickelte: Kunst, die für James mit Literatur identisch war, dürfe nicht versuchen aktualistisch sein zu wollen. Wenn sich die Kunst auf einen Wettlauf mit dem Leben einließe, dann verlören am Ende beide. Das Leben selbst habe keinen Sinn in sich. Dieser müsse von außen, z.B. von der Kunst in das Leben hineingetragen werden. So könne Kunst den Menschen vom tristen Alltagsleben erlösen. Dieses sei u.a. möglich, indem der Schriftsteller Größe darstelle. Jene finde man im Leben jedoch kaum, deshalb könne sie der Dichter notfalls auch erfinden. Größe sei aber keinesfalls Heldentum, Sterben für das Vaterland sondern Denkversessenheit und Wachheit. Der Schriftsteller dürfe weder Handlungen »realistisch« beschreiben noch sich in psychologistischen Deutungen verlieren. Vielmehr gelte es, die Geschichte von einem bestimmten Punkt aus zu erzählen. Dies solle dann mit der Stimme eines Mediums erfolgen. James bezeichnete jenes Verfahren als »indirekte Methode«. Literatur hat nach James die Aufgabe, wahrhaftig zu sein. Doch Wahrheit sei ein komplexer Zusammenhang. Es gebe also keine einfachen Wahrheiten. Deshalb könne der Dichter im besten Falle Feinheiten und Nuancen deutlich machen. Dafür bedürfe der Schriftsteller jedoch einer mehrdeutigen, ambivalenten, assoziationsreichen Sprache.
Spätestens seit seiner Dissertation im Jahre 1957 war sich Gert Hofmann dieses literarischen Verfahrens bewusst. Obwohl er die Romane von James ausführlich analysiert hatte, scheute er damals das Genre des Romans. Er hielt es zunächst nicht mehr für möglich, eine abgeschlossene Epoche in einem abgeschlossenen Werk, so wird ein Roman allgemein bestimmt, darzustellen. Er zitierte mit Vorliebe den Satz von Thomas Mann, wonach heute alles als Roman gelte, was mit Sicherheit keiner sei. Zwischen 1951 und 1979 entstanden daher vorwiegend Hörstücke, Hörspiele, Theaterstücke, Fernsehspiele. Als Hörspielautor errang Hofmann 1983 den Hörspielpreis der Kriegsblinden und mehrere Preise europäischer Radiosender.

 
 

Foto: Links im Bild das Geburtshaus Gert Hofmanns. Aufnahme von Anfang der 1990er Jahre. Mittlerweile wurde das Haus abgerissen.

Schließlich wandte sich Gert Hofmann aber doch der Prosa zu. Anlass für diese Wende soll ein Hörspiel von Thomas Bernhard gewesen sein, das Hofmann im Autoradio hörte. Von da an hielt er Romane wieder für möglich. Allerdings setzte er an der Linie an, die von Henry James zu Thomas Mann führte: Gert Hofmann gestaltete die Romane fortan fast ausschließlich aus Dialogen. Damit wird die epische Tradition mit dramatischen Mitteln erneuert. Der Roman vermochte in diesem Stil plötzlich Geschichte zu vergegenwärtigen.
Der Erfolg gab Gert Hofmann zunächst Recht. Mit einem Kapitel der »Fistelstimme« gewann er den Ingeborg-Bachmann-Preis und mit »Auf dem Turm« von 1982 erhielt er den Alfred-Döblin-Preis. Danach tauchte bei Hofmann ein neues stilistisches Moment auf: Er setzte in den Romanen »Unsere Eroberung« (1985), »Veilchenfeld« (1987), »Der Kinoerzähler« (1990) und »Das Glück« (1992) Kinderstimmen als Medium ein. Alle vier Romane handeln in Limbach in der Zeit zwischen 1933 und 1945. In diesen Arbeiten entfaltet Gert Hofmann »einen Stil, der in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seinesgleichen sucht« (Klaus Walther), charakterisiert durch »seine mitleidlose Konzentration auf das Wesentliche« (Michael Hamburger) und vertrauend auf die Kraft seiner Sprache: »alles geht hervor aus der aus dem Aufruhr, der Genauigkeit, der Unmittelbarkeit von Hofmanns Stimme« (Christopher Middleton)

Der Kinoerzähler
»Mein Großvater war der Kinoerzähler vom Apollo-Kino in Limbach« – mit diesem Satz beginnt der Roman. Aber das heute so beliebte autobiographische Genre mochten weder Henry James noch Gert Hofmann. Deshalb musste man angesichts weiterer biographischer Details zum Leben seines Großvaters in Limbach, die Hofmann dem Roman beifügt, stutzig werden. Wenn er den Enkel dann auch noch »Gert« nennt, ist es der direkten Hinweise fast zuviel, dann wird der fiktionale Charakter der Geschichte fast »mit Händen greifbar«.
Ein Kinoerzähler mit dem Namen Karl Hofmann ist im Limbacher Apollo-Kino bis heute nicht nachweisbar. Der 1931 geborene Gert Hofmann konnte gar kein Zeitzeuge des Übergangs zum Stummfilm gewesen sein, weil dieser Ende der 1920er Jahre erfolgte. Das Limbacher Apollo-Kino stand nie in der Helenenstraße, wie im Roman beschrieben, sondern entstand zunächst im Hinterhof der stadtbekannten Konditorei Dittrich, an der Frohnaer Straße. Ende der 1920er Jahre erfolgte ein Neubau im Art-Deco-Stil an der Kreuzung von damaliger Frohnaer- und Peniger Straße. Dort steht dieses Apollo-Kino übrigens bis heute, und es wird noch als Kino genutzt.
Zur stilistischen Neuheit Hofmanns gehörte die Kinderperspektive. Dem Autor war bewusst, dass es Kinderstimmen aus der Erinnerung eines Erwachsenen sind. Er versucht nicht »kindlich« zu sein. Vielmehr ermöglicht ihm dieses Stilmittel eine nüchterne, vorurteilsarme Darstellung der Absurditäten der Politik.
Kritiker und Juroren waren mit dieser Weiterentwicklung dem Anschein nach überfordert. Manch einer bemerkte, dass man das Bekenntnis des Autors zu einer Weltsicht vermisse. In der Tat fehlen in jenen Werken direkte Hinweise auf eine politische Verurteilung der NS-Herrschaft und von Personen. Wenn sich Hofmann im »Kinoerzähler« einmal über Adolf Hitler äußert, dann verwendet er eine mehrdeutige Formulierung. So berichtet ein Bekannter des Kinoerzählers im Roman, dass er neben »IHM« gestanden habe, in einem »Münchener Pissoir«.
Der Leser weiß natürlich, dass die Hoffnung des Großvaters, der als Kinoerzähler vom jüdischen Kinobesitzer (einen solchen gab es in der Wirklichkeit nicht) entlassen wurde, die NSDAP werde den Stummfilm retten, enttäuscht werden wird. Aber dieses Wissen des Lesers ist ein wesentlicher Punkt in der Erzählstrategie von James/Hofmann.
Das Limbacher Bürgertum hatte von prominenten Rednern der NSDAP Ende der 1920er Jahre vernommen, dass diese Partei in ihrem Programm die Einschränkung der Macht des Finanzkapitals festgeschrieben habe und Fabrikanten, Händler, Handwerker und Bauern vor der Allmacht der Banken und Konzerne schützen werde. (Die Redetexte von Dr. Joseph Goebbels und Gregor Strasser sind bis heute im »Limbacher Tageblatt« nachlesbar.) Auch diese Hoffnungen wurden enttäuscht, die NSDAP strich den entsprechenden Passus Ende 1932 aus ihrem Programm und nach 1933 waren die früheren Reden vergessen.)
Man kann nun aus heutiger Sicht überlegen die Illusionen des Kinoerzählers und des Limbacher Bürgertums verurteilen. Aber damit begreift man nichts, denn Hoffnungen und Illusionen sind immer wieder realer Bestandteil unseres Lebens.

 
 

Foto: Schräg gegenüber dem Geburtshaus Gert Hofmanns befindet sich das bekannt Café Dittrich. Im Hinterhaus entstand das Apollo als Stummfilm-Kino. Aufnahme von Anfang der 1990er Jahre. Das Café wird heute noch betrieben.

Jede gute Literatur vermag beim Leser Assoziationen auszulösen. Hofmann vermag mit seiner Sprache in uns sogar die Geräusche, Emotionen, Farben und Gerüche jener Zeit hervorzurufen. Mitunter erinnern die assoziierte Bilder auch an Filmsequenzen, Alpträume oder sogar schizophrenes Denken.
Doch diese assoziative Sprache macht uns zunächst nicht nur nachdenklich, sondern verwirrt und verstört uns. Wir werden an unsere eigenen Vorurteile und Lebenslügen, unsere falschen Kompromisse und folgenreichen Verirrungen, unsere fatalen Fehlleistungen und bequemen Verdrängungen erinnert. Mit keinem Wort belehrt Hofmann den Leser über das NS-Regierungssystem, die Machthaber und deren Verbrechen. Eher assoziiert er jenen schmalen Grat, der in uns selbst Humanität und Inhumanität trennt. Damit verlagert er die Auseinandersetzung über Moral und Amoral, Recht und Unrecht in unseren Kopf. Er vertraut darauf, dass jeder Mensch in der Lage ist, sich über sein eigenes Tun Rechenschaft abzulegen. Er weiß, dass nur dieses Verinnerlichung Sinn macht. Gerade weil Hofmann ein großer Moralist ist, gerade deshalb vermeidet er um alles in der Welt jedes Moralisieren. So bestärkt uns Gert Hofmanns Werk in unserer von der Natur gegebenen Individualität. Die Hofmannsche Sprache ruft bei jedem Leser andere Bilder hervor, selbst beim gleichen Leser werden in unterschiedlichen Lektüre-Situationen andere Bilder aufgebaut. Eine eindeutige Interpretation eines Hofmannschen Textes kann es erst recht nicht geben. Schon aus diesem Grund ist der Autor Gert Hofmann eine »harte Nuss« für »Kanon-Interpreten«.
Manche Journalisten, Literaturwissenschaftler, Jurymitglieder und Anhänger einer »Volkspädagogik« waren daher schon zu Lebzeiten Hofmanns irritiert. Sie vermissten eindeutige politische Bekenntnisse und Verurteilungen bei Gert Hofmann. Allgemeiner Maßstab für solche Haltungen ist jedoch gerade nicht die Literatur, sondern die Ideologie. So kam es, dass man zu Lebzeiten des Literaten keine Preisverleihung wagte, die dem Werk von Gert Hofmann angemessen gewesen wäre.
Zur Milderung unseres Urteiles müssen wir vielleicht anführen, dass weder damals noch heute, der Roman-Tod des Kinoerzählers während einer Kindervorstellung im Apollo-Kino, in Folge eines alliierten Luftangriffes mit der herrschenden »politisch-korrekten« Sprachregelung »kompatibel« ist. Selbst bei der Verfilmung dieses Romans in den frühen 1990er Jahren, mit dem großen Armin Mueller-Stahl in der Hauptrolle, umging man dieses Problem, indem der Dramaturg Hofmanns Schluss einfach strich.
Kaum ein Kritiker ist jedoch bislang auf die Idee gekommen, das mindestens Doppeldeutige in diesem Roman-Schluss verstehen zu wollen, oder zu können.

 
 

Foto: Das Limbacher Apollo-Kino, das einzige Kino der Welt, über das ein Roman geschrieben wurde, in einer Aufnahme von Anfang der 1990er Jahre, nach mehrfachen Fassaden-Umbauten. Das Gebäude steht heute noch und wird auch als Kino betrieben.

Gert Hofmann verstarb, kaum dass er seinen Roman »Die kleine Stechardin« beendet hatte, am 1. Juli 1993, dem Geburtstag Lichtenbergs, in Erding bei München, ohne dass sein Werk eine angemessene literarische Anerkennung erfahren hatte. Den Kunstpreis der Stadt München nahm im gleichen Jahr seine Witwe Eva Hofmann entgegen.
Gert Hofmann beleidigte, brüskierte oder beschämte keinen Leser. Anders als Thomas Bernhard benutzte er Worte nicht als Waffe. Vielleicht beruht die enorme Kraft dieser Sprache sogar hauptsächlich auf dem Verzicht des Autors, den Leser beherrschen oder manipulieren zu wollen.
Von Radiosendern kaum gespielt werden Hörspiele mit Szenen aus dem Kinoerzähler mit Rolf Hoppe in der Hauptrolle. In diesen Hörspielen und in der Sprache Rolf Hoppes lebt das Werk Gert Hofmanns in ungeahnter Weise auf. Wenn wir uns vom Weihnachtsmann etwas wünschen dürften, dann wäre das eine Neuverfilmung des »Kinoerzählers« mit Rolf Hoppe. Hoppe müsste sich wahrscheinlich in dieser Rolle nicht einmal verstellen: er ist das sächsiche Original, die Verkörperung sächsischer Mentalität, wie uns Gert Hofmann den alten Kinoerzähler-Großvater vorstellt.
Armin Mueller-Stahl oder Klaus-Maria Brandauer könnten wir uns als die Kontrahenten, als Kinobesitzer vorstellen, wie er im Buche steht. Diese einzigartige Begegnung könnte die gigantische Aufgabe, den Roman in Bilder umzusetzen, wahrscheinlich leisten.
Notwendig müssten Regisseur und Dramaturg bei der Neuverfilmung die sächsische Mentalität kennen und alle drei Genie-Schauspieler gut kennen. Wenn diese Bedingungen geben wären, dann könnte der Roman »Der Kinoerzähler« eine Vergegenwärtigung deutscher Geschichte bewirken, wie wir sie noch nicht erlebten. An der Zeit wäre ein solches Projekt.
Vielleicht könnten wir dann eine Heimkehr des verlorenen Gert Hofmann in die deutsche Kultur erleben. Gewinnen würden beide.
Johannes Eichenthal

Information

Die Reihe 25 Autoren aus 60 Jahren ist unter www.welt.de/Deutsche Literatur Edition zu finden.
Die Bände (13,5 × 25 cm, Festeinband, Schutzumschlag, mit Lesebändchen) sind zum Einzelpreis von 9,95 Euro (plus 3,90 Euro Versandkosten zu erwerben.
Die Gesamtreihe ist zu einem Preis von 199,00 Euro zu erwerben.

 
 

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Die Heimkehr des verlorenen Gert Hofmann (29.1.1931–1.7.1993)
Zur Neuveröffentlichung des »Kinoerzählers«
 

So schnell wie heute Jubiläen hochgespielt werden, so schnell verschwindet der Jubilar nach kurzer Zeit wieder aus dem öffentlichen Interesse. Doch es gibt auch Ausnahmen. Die Redaktion der Welt-Gruppe entschloss sich im 60. Jahre der Bundesrepublik Deutschland eine Edition mit den 25 wichtigsten deutschsprachigen Autoren seit 1949 herauszugeben. Die Werke der ausgewählten Autorinnen und Autoren aus der BRD, der DDR, Österreich und der Schweiz symbolisieren den Universalismus der deutschen Sprache und Literatur. Sprache kann nicht nur Menschen verbinden, sondern sogar Wirklichkeit schaffen, wie schon Johann Gottfried Herder bemerkte. So kommt es, dass wieder einmal die Dichter das stiften, was bleibt.

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