litterata  :  Reportagen  :  Erinnerung an Bernhard Suphan  
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(Foto: Weimar am Abend des 14. Januar - Anne Altwein) Am 14. Januar 2010 war im Weimarer Goethe-Nationalmuseum anlässlich des 165. Geburtstages des großen Philologen zu einer Gedenkveranstaltung eingeladen worden. Dunkle Wolken beschwerten diesen Tag. Im kleinen Klassikerstädtchen pfiff ein kalter Wind durch die Straßen und Gassen. Als Fußgänger musste man ständig über eisige Bruchstücke des Winters klettern oder mit artistischen Bewegungen Rutschpartien vermeiden. So waren wir schließlich froh, in den heiligen Hallen der Musen gerade noch rechtzeitig angekommen zu sein. Sogleich begrüßte Herr Hoehnl, der Vorsitzende des Goethe-Nationalmusem-Freundeskreises die Gäste und bat um Aufmerksamkeit für den Gedenkvortrag von Dr. Günter Arnold. Der Referent hatte seinen Vortrag in drei Teile gegliedert: 1. Bernhard Suphan als Direktor des Goethe-Schiller-Archivs und Hauptredaktor der Weimarer Ausgabe von Goethes Werken, 2. in der vorausgehenden Zeit sein Wirken als Gymnasiallehrer und Herder-Editor in Berlin, 3. abschließend die Erörterung editionsgeschichtlicher Probleme.

 
 

(Foto: Weimar am Abend des 14. Januar - Anne Altwein) Zu Beginn schilderte Arnold die den Werdegang Suphans und die Hintergründe seiner Berufung nach Weimar als Nachfolger Erich Schmidts, des ersten, allerdings nur kurzzeitig amtierenden Direktors des Goethe-Archivs (ab 1889 Goethe-Schiller-Archiv). Die Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar sei auf die Bedingungen Suphans (höhere Gehaltsforderung, Berechtigung, öffentliche Vorträge zu halten u.a.) eingegangen, habe aber gleichzeitig ein hartes Arbeitspensum gefordert (zwölf Bände jährlich herauszugeben). So habe Suphan am 1. April 1887 sein Amt in Weimar angetreten. Dieser habe seine Arbeit als Dienst an der Großherzogin verstanden. Jene habe den Archivdirektor immer wieder, auch in schwierigen Lebenslagen unterstützt. Letztlich vermochte Suphan die gewaltigen Anforderungen der Weimarer Ausgabe von Goethes Werken zu erfüllen. Er habe keinen Band allein herausgegeben, aber an sehr vielen mitgewirkt. Zudem habe er die Schriften der Goethe-Gesellschaft, Quellenfunde und Urkunden fortlaufend herausgegeben. Mit seinem umfangreichen Briefwechsel, Reisen, Gesprächen und Verhandlungen, habe Suphan bis 1910 etwa 30 Nachlässe und eine große Zahl von Einzelhandschriften ins Goethe-Schiller-Archiv gebracht. Es sei heute kaum mehr begreifbar, was es bedeute, in einer so kurzen Zeit eine solch monumentale Edition aufzubauen. Für das Herdersche Werk sei Suphan in Weimar kaum noch Zeit verblieben. An dieser Stelle erinnerte Arnold an den Weg Suphan zur Herder-Forschung und zu einer »rational-positivistischen Philologie«. Suphans Doktorvater sei Theodor Bergk gewesen, ein vielseitiger Altertumswissenschaftler. Weitere Lehrer Suphans in Halle waren der Archäologe Conze, der Leibniz-Editor Erdmann, der Alttestamentler Riehm, der Neutestamentler Beyschlag und der Altgermanist Zacher. In Berlin sei Suphan von seinen Lehrern, dem Gräzisten und Althistoriker Boeckh, dem klassischen Philologen und Germanisten Haupt, dem Gräzisten Kirchhoff und dem Altgermanisten Müllenhoff beeinflusst worden. Die großen Namen der Lehrer machten verstehbar, dass Suphans Bildung im Lichte der Ideen von Wilhelm Humboldt, im neuhumanistischen Sinne verlief. Selbst der Deutschunterricht wurde seinerzeit von Altphilologen erteilt. Arnold zitierte hier Jacob Grimms Satz, wonach die klassischen Studien die Grundlagen unserer Bildung seien. Nach Abschluss seines Studiums habe Suphan 1867 an den Franckeschen Stiftungen in Halle zunächst als Hilfslehrer begonnen. Bereits 1868 sei er als Oberlehrer an das Friedrichs-Werdersche-Gymnasium in Berlin versetzt worden. Dort sei ihm 1886 auch der Professoren-Titel verliehen worden.

 
 

(Foto: Das Goethe-Nationalmuseum/Archivbild) Damals sei wissenschaftliche Herausgebertätigkeit von Gymnasiallehrern nicht selten gewesen. Suphan sei bereits während der ersten Jahre im Schuldienst mit Herder-Werken in Berührung gekommen. Sein Lehrer Zacher habe ihm ein Herder-Thema zum Staatsexamen gegeben und Suphan auf die Notwendigkeit einer Edition der Herder-Werke hingewiesen. So sei bei Suphan zunächst der Plan zur Herausgabe der Herderschen Sämtlichen Werke entstanden. Die Realisierung erfolgte dann in seinen Berliner Jahren. Den größten Teil der Bände bearbeitete er allein oder mit Hilfe von Kollegen. Suphan habe die Arbeit an der Herder-Ausgabe als eine Ehrenpflicht der deutschen Wissenschaft bezeichnet: Es gelte dem Genius Herder gerecht zu werden. Arnold fügte an, dass Suphans Herder-Ausgabe nach Lachmanns Lessing-Ausgabe, und Goedeckes Schiller-Ausgabe die dritte historisch-kritische Edition eines deutschen Klassikers gewesen sei. Hier ging Arnold auf verschiedene zeitbedingte Schwächen der Suphanschen Ausgabe ein. Einerseits sei die Arbeit aber von Gymnasiallehrern in ihrer Freizeit getätigt worden, und an eine historisch-kritische Edition stelle man aufgrund der Entwicklung der Editionswissenschaft heute höhere Anforderungen als vor hundert Jahren. Andererseits ließe sich in manchen Bemerkungen Suphans dessen Ideal einer textgenetischen Ausgabe z.B. der Herderschen »Ideen« ahnen, die es aber bis heute nicht gebe. Ebenso sei Suphans Plan der Herausgabe des Briefwechsels Herders erst 1977 verwirklicht worden. Die Zuhörer waren von diesem Vortrag, der in klassischer Strenge und Nüchternheit gehalten, und der damit in unserer Zeit ein singuläres Ereignis darstellt, sichtlich beeindruckt. Man ahnte das enzyklopädische Wissen des Referenten. Aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, dass an dieser Stelle keine Fragen gestellt wurden.

 
 

(Foto: Das Weimarer Herder-Denkmal/Archivbild)
Kommentar: Es zeugt von der bescheidenen Zurückhaltung Günter Arnolds, dass er das Projekt des Herderschen Briefwechsels, dessen Drucklegung 1977 in Weimar begonnen wurde, und an dem er bis heute, inzwischen mit dem abschließenden 15. Band arbeitet, nicht namentlich erwähnte. Er konnte zurecht davon ausgehen, dass dies einem großen Teil seiner Weimarer Zuhörer bekannt ist. Dennoch wird erst durch dieses Detail deutlich, dass man zum Herderschen Erbe etwas von Bedeutung sagen kann, wenn man selbst an dessen Bewahrung arbeitet. In Sachen Methode untertreibt Günter Arnold vielleicht etwas, wenn er sie »rational-positivistisch« nennt. Dem Anschein nach will er damit die Nüchternheit des Herangehens unterstreichen. Aber mit dem guten alten »Positivismus« à la Auguste Comte, der eher an den spätere Strukturalismus erinnert, hat das vielleicht weniger zu tun. Eher erinnert das Verfahren an die Kunst, an die Dramaturgie. Friedrich Schiller hatte darauf verwiesen, dass man historische Größe angemessen nur durch Untertreibung darstellen könne. Werner Mittenzwei erschloss dieses Verfahren, das Bertolt Brecht »Auskühlen« nannte, für die Literaturwissenschaft auf beispiellose Weise. In der Nachfolge Suphans verbindet Arnold strenge philologische Objektivität mit einfühlsamer Interpretation. Anders hätten beide das Werk Herders wahrscheinlich nicht erschließen können.
Johannes Eichenthal

 
 

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Erinnerung an Bernhard Suphan
Zum 165. Geburtstag des großen Literaturwissenschaftlers
 

Bernhard Ludwig Suphan wurde am 18. Januar 1845 in Nordhausen geboren. Ab 1863 studierte er Theologie, Germanistik und Klassische Philologie in Halle und Berlin. 1866 wurde Suphan in Halle promoviert. Danach war er zunächst als Gymnasiallehrer in Halle und Berlin tätig. 1887 wurde Suphan zum Direktor des Weimarer Goethe-Archives (ab 1889 Goethe-Schiller-Archiv) berufen. Mit der sachkundigen Leitung der bis heute maßgeblichen Goethe-Gesamtausgabe, einem großen Kollektivunternehmen von mehr als 60, meist auswärtigen Mitarbeitern, und der Herausgabe der historischen-kritischen Ausgabe Sämtlicher Werk von Johann Gottfried Herder in 33 Bänden (1877–1913) wurde Suphan in den Olymp der Wissenschaft aufgenommen, dessen Pforte nur der passiert, der sein Leben der Pflicht und der Demut zu weihen vermag. Bernhard Suphan verstarb am 9. Februar 1909 in Weimar.

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