litterata  :  Reportagen  :  Lessing in Kamenz  
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Einleitend hob Albert Meier die Grundthese seines Vortrages hervor: Lessing sei zeitlebens ein »Aufklärer« geblieben aber in seinem Werk gäbe es auch weiterführende Tendenzen in Richtung »Romantik«. Lessing werte die Dichtung auf, grenze die eigenständigen Gesetze der Poesie gegenüber der Bildenden Kunst ab und gestehe der Hässlichkeit ästhetisches Potenzial zu.

 
 

Foto: Das Röhrmeisterhaus, gegenüber dem Lessingmusem und der Stadtbibliothek

Zunächst verwies Albert Meier darauf, dass Lessing für seine Verteidigung der Vernunft, für seine Streitkultur und seine Entscheidung für den Weg zur Wahrheit und gegen den Glauben an den Besitz der Wahrheit bekannt wurde.
Das lyrische und dramatische Frühwerk Lessings habe in Leipzig unter dem Einfluss Johann Christoph Gottscheds und dessen Auffassung gestanden, dass die Literatur aus rationalistisch verfassten Vernunftgründen nützliche Belehrungen des Publikums und eine moralische Reinigung des Publikums zum Ziele haben solle.
Lessing habe jedoch mit dem Drama »Miss Sara Sampson« eine Distanz zu Gottsched gewonnen, indem er auf die »sinnliche Wirkung« des Theaters gesetzt und die »Mitleidensfähigkeit« des Publikums habe kultivieren wollen. Zudem habe Lessing die starren Gegensätze von Tugend und Laster aufgebrochen. Im Menschen finden wir stets beide gleichzeitig. Lessing habe hier einen Emotionalismus gegen einen Rationalismus gesetzt, eine »Dramaturgie der Nähe« gegen eine »Dramaturgie der Distanz«. Lessings Figuren fühlten sich nicht mehr der »Vernünftigkeit« verpflichtet. Der Vater verzeiht seiner Tochter etwas was man in jener Zeit nicht verzeihen konnte. So sei Lessing die Erfindung des bürgerlichen Trauerspiels gelungen. Die Anregungen dafür habe er aus Frankreich und noch mehr aus England bezogen.
In der gemeinsam mit Moses Mendelssohn verfassten Schrift »Pope als Metaphysiker« versuchte Lessing eine Antwort auf die 1753 von der Berliner Akademie der Wissenschaften gestellte Preisfrage, wie man in Alexander Popes Lehrgedicht »Essay on Man« dessen philosophisches System nachweisen könne.
Lessing und Mendelssohn führten die Unterscheidung von Dichtung und Metaphysik ein, um begründen zu können, dass man von einem Dichter kein metaphysisches System verlangen könne.
Der Metaphysiker arbeite mit Exaktheit, Eindeutigkeit und Widerspruchsfreiheit. Der Dichter dagegen mit Synonymen, Mehrdeutigkeit und Gegensätzen. Das Resümee lautet: die Frage sei falsch gestellt. Albert Meier fügte an, dass hier die poetologische Brisanz der Lessingschen Gedanken zu finden sei, denn die Poesie werde nicht mehr auf moralische Nützlichkeit festgelegt. Im Übrigen hätten Mendelssohn und Lessing ihr Traktat aber dann doch nicht bei der Berliner Akademie eingereichten.
In seiner Abhandlung »Laokoon« habe Lessing den Unterschied zwischen Dichtung und bildender Kunst begründet. In der Darstellung als Skulptur habe der Künstler den Priester Laokoon in seiner Todesstunde gefasst, mit einem leichten Seufzer auf den Lippen gezeigt, obwohl dieser, der auf Grund des Willens der Götter durch zwei Seeungeheuer erwürgt wurde, in Wirklichkeit dem Anschein nach geschrien habe.
Lessings Argumentation sei gewesen, dass man eine Darstellung des schreienden Laokoon nicht anschauen könne, weil diese so furchtbar aussehen würde. Deshalb sei es dem bildenden Künstler nur möglich einen gefassten Laokoon darzustellen. Die Dichtung dagegen wirke »abstrakt, nur über Worte«. Der bildende Künstler könne immer nur das Schöne zeigen, der Dichter dagegen auch das Hässliche. Die Ursache dafür liege, so Meier, im »Material«.
In der Dramentheorie habe sich Lessing auf Denis Diderot gestützt und Aristoteles widersprochen.
Albert Meier versuchte an dieser Stelle zu belegen, dass die Lessingsche Konzeption der »Läuterung«, der Kultivierung von Leidenschaften und deren Umwandlung in tugendhafte Handlungen des Zuschauers sowohl ein Bruch mit der »Reinigungs-Konzeption« Gottscheds als auch mit der Katharsis-Konzeption von Aristoteles sei.
Abschließend ging der Referent auf eine Polemik Lessings mit dem Kunsthistoriker Klotz ein. Lessing hatte in seiner Schrift »Wie die Alten den Tod gebildet« versucht zu begründen, dass der Tod zum Leben gehöre und dass die christliche Tradition der Darstellung des Todes als »Sensenmann und Schreckensgestalt« durch einen Rückgriff auf antike Traditionen erweiterte werden solle, um im Tod auch Hoffnung und Trost finden zu können. Der Kunsthistoriker Klotz wies in einer Rezension der Lessingschen Schrift darauf dem bekannten Kritiker und »Unterscheider« Lessing mangelnde Unterscheidungen und falsche Zuordnungen nach.
Albert Meier meinte hier, dass Lessings tatsächlich »Fehler« begangen habe. So habe dieser nicht zwischen griechischer und römischer Antike, sowie zwischen Literatur und bildender Kunst unterschieden. Lessing habe die »Fehler« begangen, weil es ihm weltanschaulich wichtig gewesen sei im Tod auch das Tröstende zu sehen. Dass Buch aber, so Meier, sei erfolgreich verkauft worden.
Hier endete der Vortrag. Das Publikum dankte Albert Meier mit Beifall für seinen Vortrag.

 
 

Im Anschluss fragte ein Zuschauer, ob man nicht Verständnis für Lessings Schwächen haben könne? Dieser habe sich einmal auf eine bestimmte »Schiene« festgelegt, und habe dann auch mit den Konsequenzen gelebt.
Der Referent tröstete den Fragenden: wer wie Lessing nicht glaubte, im Besitz der Wahrheit zu sein, der dürfe auch einmal »Flunkern«.
Eine Zuschauerin warf ein, dass die Verwendung von Abbildungen zum Aufsatz »Wie die Alten ...« vielleicht eher eine Frage der künstlerischen Freiheit gewesen sei.
Ein Zuschauer meinte, dass er am Beispiel der Lessingschen Kritik an Goethes »Die Leiden des jungen Werthers« daran zweifle, dass Lessing »die Romantik« vorbereitet habe, eher »Aufklärer« geblieben sei.
Albert Meier erwiderte, dass er auch nur auf Tendenzen aufmerksam machen wollte.
Matthias Hanke, von der Forschungsstelle Lessing-Rezeption ergänzte, dass die Reaktion Lessings nachvollziehbar sei, da Goethe das Schicksal eines Freundes Lessings zum Gegenstand des Romanes gemacht und Anspielungen auf Lessing, z.B. ein aufgeschlagenes Buch mit dem Titel »Emilia Galotti« angeführt hatte.
Ein anderer Zuschauer ergänzte, dass es auch auf unser Verständnis von »der« Romantik ankomme, wenn wir Tendenz bei Lessing sehen wollten. Wenn man die Perspektive von Gotthilf Heinrich Schubert einnähme, der im Raum Freiberg-Dresden mit seinen Vorträgen über die »Nachtseiten der Naturwissenschaften« für eine Romantik wirkte, die unser Denken nicht auf den Kopf beschränke und Vernunft nicht auf Mathematik, dann könne man sagen, dass Lessing für diese Auffassung gelebt habe. Im Übrigen sei Schubert in Dresden heute vergessen. Im Katalog der großen Carl-Gustav-Carus-Ausstellung von 2009 suche man seinen Namen vergeblich.
Nach anderthalb Stunden ging der interessante Abend zu Ende.

 
 

Kommentar
Ein Bekannter aus Braunschweig erzählte mir unlängst, dass er von einem jungen, freundlichen Zivildienstleistenden aus dem Krankenhaus abgeholt wurde. Auf der Fahrt nach Hause habe er gesagt: Dort drüben wohnte übrigens Lessing. Darauf antwortete der junge Mann: Das ist ja interessant. Ich besuchte das Lessing-Gymnasium. Wer war denn dieser Lessing?
Angesichts der Lage ist es schon ein Hoffnungszeichen, dass die kleine Stadt Kamenz auch in wirtschaftlichen schwierigen Zeiten, in denen es zudem eher medienwirksam wäre einen neuen »Nachttopf« Lessings zu präsentieren oder »Enthüllungen« über seine sexuellen Vorlieben, an der traditionellen Lessing-Ehrung festhält. Dafür gebührt der Stadt Dank.
Das eigentliche Problem besteht aber darin, das Werk Lessing lebendig zu halten. Der Abend zeigte, dass vielleicht die Diskussion immer noch die angemessene Form ist, um das Schaffen Lessings zu vergegenwärtigen.
Thomas Mann berief sich bei seiner Rede auf der Lessing-Feier der Preußischen Akademie der Künste in Berlin und in seinem Essay anlässlich des 200. Geburtstages Lessings in wichtigen Punkten auf das Urteil von Johann Gottfried Herder. Vielleicht auch deshalb, weil Herder den Ansatz Lessings zur Rezeption von Gottfried Wilhelm Leibniz weiterführte, wonach der Verstand, die Vernunft den inneren Zusammenhang unserer Sinneswahrnehmung ausmachen. Diese Denkungsart überwindet die »Stufentheorie« von der »niederen Sinnlichkeit« und der »hohen Vernunft«. Vernunft und Sinnlichkeit waren bei Leibniz gegensätzliche Erscheinungen eines Ganzen.
Zudem verwies Thomas Mann darauf, dass Lessing weder ein »Gelehrter« noch ein »Dichter« war und sein wollte, sondern einer der ersten freien Schriftsteller in Mitteleuropa. Der Geist war es, der Lessing in seinen Bann gezogen hatte. Weder die religiöse Orthodoxie noch die rationalistische Wissenschaft kommen in ihrem linearen Denken vor lauter Buchstaben aber zum Geist.
Die Trennlinie verläuft in diesem Licht also nicht zwischen »Metaphysikern« und »Dichtern«, sondern zwischen den scholastisch-orthodoxen »Zünften« und den freien Geistern. Lessing und Herder vermochten Poesie wieder im Lichte von Poisis zu denken. Herder sprach wiederholt von der Notwendigkeit einer poetischen Logik, die aus dem Unsagbaren, aus dem Unsichtbaren, Neues sagbar und sichtbar mache. Dagegen vermag der Apparat der mathematischen Logik eigentlich nur die widerspruchsfreien Darstellung des bereits Bekannten zu zeigen und die Gerade als kürzeste Verbindung zweier Punkte zu behaupten.
In diesem Lichte war die Frage der Berliner Akademie von 1753 schon richtig gestellt. Eine andere Sache ist es, dass die Akademie wahrscheinlich als »System« eine Folge von Axiomen erwartete und die Darstellung eines offenen Systems als solches nicht anerkannt hätte. Bis heute geben die Methodensysteme Herders und Lessings den braven Vertretern der »vergleichenden Wissenschaft« Rätsel auf.
Abschließend ist zu sagen, dass Lessing gerade durch seine Erneuerung der Dramen-Tradition das antike Erbe von Aristoteles besser zu bewahren vermochte als andere. Die Frage war für Lessing nicht, ob Vernunft oder Sinnlichkeit. Es ging ihm um die Darstellbarkeit und das Verständnis von »menschlicher Größe«. Wir erinnern uns an Thomas Mann und wir denken an Peter Weiss. Gegen das Pathos der kollektiven Gedächtnis-Ideologie an den Widerstand im »Dritten Reich« ließ Weiss seine Helden am Anfang der »Ästhetik des Widerstandes« über die Laokoon-Skulptur nachdenken. Hier wird uns klar, dass in der großen Kunst, gleich welchen Genres, Mitleid nichts an der Oberfläche zu suchen hat, und dass man menschliche Größe deshalb nur über ein »Auskühlen« der Gefühle angemessen darstellen kann. Mit Herder nannte Thomas Mann das Lessingsche Verfahren »warme Kälte« oder »leidenschaftslose Leidenschaft«. Für Thomas Mann waren das aber Metaphern für echte Barmherzigkeit und Herzensgüte Lessings.
Johannes Eichenthal

Information
www.lessingmuseum.de

 
 

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Lessing in Kamenz
Wärmende Kälte
 

»Wo Lessing ist – da zieht die Kälte ein«. Es ist jedoch nicht die aktuelle Wetterlage gemeint sondern ein weit verbreitetes Urteil. Gotthold Ephraim Lessing wurde im Jahre 1729 am 22. Januar in Kamenz geboren. Seit 1962 beginnen an diesem Tage Veranstaltung zu Ehren des großen deutschen Schriftstellers. Am 10. Februar 2010 hatte das Lessingmuseum zu einem Vortrag ins so genannte Röhrmeisterhaus eingeladen. Schneefall und frostige Temperaturen bildeten eine Art »Kulisse« für Professor Albert Meier von der Universität Kiel, der seinen Vortrag unter den Titel »Was macht der Dichter unter den Metaphysikern? Lessings Kunst- und Literaturtheorie« gestellt hatte.

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