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Am 31. Oktober 2009, dem Reformationstag, veröffentlichte die Neue Zürcher Zeitung einen Text eines der renommiertesten Dichter aus der untergegangenen DDR. In Erinnerung ist sicher die Antwort Brauns auf den Slogan »Wir sind das Volk«: ich bin ... Volker Braun, Träger des »Büchner-Preises«, überschreibt seinen Beitrag mit »Im kühlen ruhigen deutschen Herbst«. (Mit freundlicher Genehmigung des Autors dokumentieren wir diesen Text im Anschluss.) Der zentrale Gedanke in Brauns Argumentation stammt aus einem 1988 in China geschriebenen Gedicht mit dem Titel »Wende«:
»Dieser überraschende Landwind/ In den Korridoren. Zerschmetterte/ Schreibtische. Das Blut, das die Zeitungen/ UND DER RUHM? UND DER HUNGER/ Erbrechen. Auf den Hacken/ Dreht sich die Geschichte um;/ Für einen Moment/ Entschlossen.«

 
 

Volker Braun: Im kühlen ruhigen deutschen Herbst
Eine Erinnerung an den Zusammenbruch der DDR
Damit sich Geschichte bewegt, müssen die sozial getrennten Elemente zusammendrängen. Eben dies geschah vor vierzig Jahren in Paris und Prag, und vor zwanzig Jahren im Osten. 1968, 1989: das waren grosse Lektionen, wie sich Geschichte ereignet, die so lange unproduktiv läuft. 1968 wurden zumindest die Universitätsordnungen ausser Kraft gesetzt, 1989 die Regeln des Staats.
Am 21. Oktober 1989 überraschte eine deutsch-französische Sängerin auf France Culture mit der Bemerkung: »Man muss schnell das geteilte Berlin besingen, weil es bald wiedervereinigt sein wird.« Es war nicht die Zeit, in der Lieder gesungen wurden, weder auf die Teilung noch auf die Einheit. Das Verhältnis von Literatur und Politik war prekär, gerade weil die Literatur wichtig genommen, weil das neue Buch erwartet und gefürchtet wurde. Nie seit dem Jahrhundert des Horaz und Ovid hat Literatur so die Mächtigen beschäftigt und empört und den gemeinen Mann so ermutigt.
Man las nicht aus gedruckten Büchern, man zeigte die unterdrückten vor. Diskussionen wie Verschwörungen, und sie liefen auf einen Gedanken hinaus: wie sind wir anwesend in der Gesellschaft. Nun wurden auch die lange lagernden Stücke gespielt, und Dresdner Schauspieler traten mit einem Manifest aus ihren Rollen heraus, um Klartext zu sprechen. Doch erinnern wir uns: schon in ihren Rollen spielten sie ihre Rolle, die Rolle der Kunst, über die Grenzen zu gehen. Im Zuschauerraum wurde eine Gegenrealität gelebt, in der man den Atem anhielt, ein Gegendenken geprobt, in dem die Verhältnisse zerbrachen.
Das war eine Zeit des Handelns der Künste, der Arbeit auf eine Wende zu, die lange vorher als Ernüchterungsarbeit begann. Ihr einsamer Prolog war Hermlins Gedicht von 1947 »Die Zeit der Wunder ist vorbei«, ihre grösste Wirkung hatte sie in jenem an Wundern reichen Jahr 1989. Handeln hiess: in die Widersprüche zu dringen, und nicht nur die Symptome zu zeigen, sondern das Verhängnis, das die Gesellschaft zerreisst. Wir haben uns vielleicht vorzuwerfen, nicht das Gute an ihr gewürdigt, nicht für sie gutgesprochen zu haben. »Aber um Erneuerung oder Reinigung geht es ja nicht mehr, es geht um den vollständigen Zusammenbruch und um gar kein Versprechen, geschweige eine Gewissheit für die Zeit danach . . .« (Christa Wolf in »Störfall«, 1986) Und Zuspruch kam von unvermuteter Seite: die Wende, das war Gorbatschews Vokabel, und auf dem X. Schriftstellerkongress im November 1988 wurde Jakowlew zitiert: »Die Zeit gebietet, jede ökonomische oder technische Entscheidung einer Art von humanitärer Expertise auszusetzen, ihren, wenn Sie so wollen, menschlichen Sinn und ihre Richtung zu klären.« Es war das neue Denken dieser Tage und der Impuls der letzten DDR-Literatur.
Das Gedicht «Die Wende» habe ich 1988 in China geschrieben:

Dieser überraschende Landwind
In den Korridoren. Zerschmetterte
Schreibtische. Das Blut, das die Zeitungen
UND DER RUHM? UND DER HUNGER
Erbrechen. Auf den Hacken
Dreht sich die Geschichte um;
Für einen Moment
Entschlossen.

– und genau das haben wir dann erlebt: dass sich die Geschichte wie auf den Hacken herumdrehte, und dass es auch nur ein Moment war, in dem es unsere eigene Bewegung war. Die DDR verschwand, als sie anfing, interessant zu werden, und unsere Leser und Zuschauer ebenso viele Redner und Akteure wurden. Ich kann den Gedanken nicht abtun, dass eine humane Substanz, eine bestimmte Moral der Menge den friedlichen Umbruch mitbewirkte. Hat nicht ein Potenzial von Erkenntnis oder Erwartung sie konditioniert? Und lässt sie nicht ein unabweisbarer Anspruch mit den Ergebnissen hadern.
Wenn 68 in Prag Kafka in den Demonstrationen umging, dann 89 in Berlin Büchner: »Die Staatsform muss ein durchsichtiges Gewand sein, das sich dicht an den Leib des Volkes schmiegt.« So durchsichtige Losungen erschienen auf den Strassen. Aber wo immer Literatur zugange ist, handelt es sich um unvollendete Geschichten. Wie das 68er Projekt ist auch das von 89 Fragment. Wir waren das Volk, ist nun die bleibende Losung. Die solidarische Gesellschaft nicht in Sicht. Was immer die Wende war, es war keine Weltenwende. Da Grass im vorigen Jahr resümierte: Wir brauchen ein neues 68!, deute ich an: nein. Wir müssen ein neues 89 denken, eine Wende der Gangart der Gattung.
Die suchende, untersuchende Sorte Literatur bleibt unbequem in einem Staat, der am Ende des Fragens war, als er uns die unbedingte Antwort gab. Wir haben seitdem in Deutschland nicht so sehr Handeln gelernt, als Verhandeltwerden, wir haben nicht Geschichte gemacht, sondern Geschichte ertragen. Jetzt schleudert uns die Krise, die den Rahm der Reichen und die Magermilch des Mindestlohns sondert. Aber die Bewegung und »Selbstzusammensetzung der sozialen Kräfte« geht weiter, und wir entdecken zwei Amerikas in der Wende. Was, wenn vor zwanzig Jahren Obama der Partner Gorbatschews gewesen wäre? Mit dem Antritt Obamas öffnet sich, für einen Moment, der amerikanische Himmel aus Stahl. Die süsse Realität dieser Stunde ist wieder der ernste Augenblick der Poesie.

 
 

Wer die Braunsche Argumentation besser verstehen will, der sei auf dessen 2009 bei Suhrkamp in Frankfurt erschienene »Arbeitsbuch. Werktage 1977–1989« verwiesen. In einer Art Tagebuch, in der Nachfolge Bertolt Brechts, finden wir hier nicht nur Notizen und Überlegungen, sondern auch Zeitungsartikel, Fotografien und Karikaturen.
Es gehört Mut zu einer solchen Veröffentlichung. Einerseits macht Braun keine Konzessionen an den Zeitgeist. Andererseits stellt er seine eigenen, notwendig der Situation verhafteten Überlegungen zur Diskussion. Wie beim Lesen einer alten Zeitung neigen wir bei der Lektüre solcher historischer Texte nach Oberlehrerart in »richtig« und »falsch« zu unterscheiden. Der Wert der offenen Gedanken besteht aber für uns in der Möglichkeit zur Vergegenwärtigung einer vergangenen Zeit. Volker Braun gewährt uns den Zugang ohne rechthaberische Unterwerfungsforderung oder ideologische Vorurteile.

Unter dem 14.12.89 finden wir den Eintrag:
»bei den alten germanen. als die allerchristlichsten könige die deutschen heiden bekehrten, musste ihnen jedes mittel recht sein. tag für tag warf gott seine, chlodwigs, feinde vor ihm zu boden. ein wunderbarer kontrast zu dem blut waren die weißen gewänder. vor allem die ausgabe der gewänder zog mancherorts die germanen magisch zur massentaufe. für ein solches begrüßungsgeld standen sie gerne an. die eingießung der gnnade, die anwartschaft auf die auferstehung oder, im weigerungsfall, die unwiderrufliche verdammnis waren grüblerische Argumente, nichts für das behende volk. hier war etwas greifbares, fein gewebtes sakrament! und mancher kam zweimal zu dem neuen gott, um ein zweites kleid zu ergattern.«

Unter dem 31.12.89 finden wir den Eintrag:
»nun haben wir eine biographie. aus dem widerstand und der geducktheit tretend, haben wir jeder eine geschichte durchlaufen, unter die ein harter strich gezogen wird. unter die alten wahrheiten, unter die alte zukunft.
aber wir werden nicht loskommen davon, weil wir sie nicht gelebt haben, weil nichts war (wie paul bauch sagte) ... während wir nun alle hinüber gehen, in die schöne fremde.
noch ist alles richtig und notwendig ... indem noch alles möglich und offen ist, aber es bleibt eine geringe spanne zeit. dann werden wir den möglichkeiten nachblicken...«

 
 

Kommentar
Zuzustimmen ist dem letzten Satz Brauns im NZZ-Artikel: es schlägt wieder die Stunde der Poesie. Aber aus unserer historischen Distanz sehen wir auch, dass Volker Brauns Analyse vom 31.12.1989 bereits überholt war. Der Sieg der USA im Kalten Krieg war die Grundlage für die politischen Veränderungen im Herbst 1989 in Osteuropa gewesen. Bereits im Frühsommer 1989 hatte Francis Fukuyma, ein Analytiker des US-Außenministeriums, in der Zeitschrift »The National Interest« den Sieg der westlichen Demokratie im Kalten Krieg offiziell verkündet. (Die deutsche Ausgabe der UdSSR-Zeitschrift »Neue Zeit« brachte im Herbst 1989 Auszüge aus diesem Artikel.) Fukuyamas Politik Konzept stand im Titel des Aufsatzes »Das Ende der Geschichte«. In Anlehnung an seinen geistigen Anreger Alexandre Kojéve argumentierte Fukuyama vulgär Hegelianisch. Es werde zwar noch Ereignisse geben, aber mit der westliche Demokratie sei der Gipfel der Geschichte erreicht. (Die Doppeldeutigkeit seiner eigenen Argumentation entging Fukuyama. Hegel wäre soetwas nicht passiert.) Fukuyama machte jedoch, in unnachahmlich amerikanischer Weise, die strategischen Grundsätze der Administration von Präsident Georg Bush sen. öffentlich, die später unter der Bezeichnung »Neue Weltordnung« firmierten. Von Zbigniew Brzezinski stammt eine Weiterführung dieser Strategie, die unter dem Titel »Die einzige Weltmacht« 1997 in deutscher Sprache erschien. Es ist zweitrangig, ob wir diese Strategie als neokonservativ oder neoliberalen bezeichnen. Einzig und allein kurzfristige Wirtschaftsinteressen wurden seither zur Grundlage der US-Politik gemacht.
Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der deutschen Linken, dass sie die konservative Kritik am Neokonservatismus/Neoliberalismus von Samuel Huntington, die unter dem Titel »The Clash of Zivilisations?« 1993 zunächst als Aufsatz in der renommierten Zeitschrift »Foreign Affairs« und 1996 mit dem Titel, aber ohne Fragezeichen, als Buch erschien, nicht zu verstehen vermochten.
Huntington bezeichnete die Vorstellung vom »Ende der Geschichte« mit Arnold Toynbee als »Fata Morgana der Unsterblichkeit«. Illusionen könnten keine Grundlage von Politik, die Huntington als Wahrung langfristiger Interessen seines Landes versteht, sein. Statt dessen müsse man zur Kenntnis nehmen, dass die Welt polyzentrisch und multikulturell geworden sei. Darauf könne man nur mit einer Art Politik der kultureller Koexistenz antworten. Wenn man statt dessen versuche, die einst erfolgreiche Politik des Kalten Krieges weiter zu führen, und anderen Völkern die eigene Kultur aufzudrängen, dann werde das zum Niedergang der USA führen. Militärische Unternehmen seien zur Verbreitung der westlichen Kultur völlig ungeeignet. Im Übrigen habe man für eine solche Kriegführung nicht einmal mehr das menschliche und industriellen Potenzial.
Die deutsche Linke überzog, wie Ulrich Menzel detailliert nachweisen konnte, Huntington mit unsachlichen Verunglimpfungen. Einige rechte Autoren missverstanden Huntingtons Beitrag als Ermunterung zu einer kulturell begründeten Kriegführung. Differenziertes Herangehen, und Weiterführung der Huntingtonschen Argumentation (so verstehen wir eigentlich Kritik), erfolgte nur in Ausnahmefällen. Die Mehrheit der linksliberalen Intellektuellen befürwortete in den 1990er Jahren statt dessen eine neuartige Kriegführung, in der Regel ohne UNO-Mandat, zum »Schutz der Menschenrechte«.
Das seither heraufziehenden Welt-Drama ist eine Folge von 1989, und gerade deshalb nicht mit einem »neuen 1989«, wie Volker Braun in seinem NZZ-Beitrag, gegen die Forderung von Günter Grass nach einem »neuen 1968« vorschlägt, in eine zivilisierte Form zu bringen.
Es hilft uns auch wenig, wenn wir erkennen, dass Paul Kennedys Analyse aus dem Jahre 2000, wonach der Niedergang der USA in der Stunde des größten Erfolges, zum Zeitpunkt des Sieges im Kalten Krieg einsetzte, die Warnung von Samuel Huntington bestätigen sollte.
Das Beharren auf der Vernunft ist eine große Stärke von Volker Braun. Aber vielleicht auch seine Schwäche. Die Brechtsche Formel, wonach der Sieg der Vernunft nur der Sieg der Vernünftigen sein könne (Brecht meinte die Vernünftigen auf beiden Seiten), die reicht in der heutigen Situation nicht mehr aus. Wer heute noch Siege erringen will, der hat schon verloren. Eine Wende in der Gattungsentwicklung ist nicht mit Vernunft allein möglich, auch nicht, wenn wir Kant und Hegel vergessen, und sie im Herderschen Sinne mit »Skepsis« und »Lernen aus unseren Fehlern« definieren. Es geht heute um eine Veränderung der Existenzweise von Milliarden Menschen.
Martin Heidegger proklamierte berereits in ähnlicher Situation, dass uns nur noch ein Gott retten könne. Sicher meinte er das in metaphorischem Sinne. Im Übrigen verwischte Heidegger sorgfältig alle Spuren, die auf die Hermeneutik und Sprach-Philosophie Herders hindeuten könnten.
Wir würden uns auf den Herderschen Ansatz beschränken, dass unsere Existenz mit der Hoffnung auf Unsterblichkeit verbunden ist. Eben das ist für Herder Religiösität. Deshalb wusste dieser auch, dass Vernunft und Existenz sich zwar ausschließen, gleichzeitig aber bedingen. Hoffnung und Skepsis durchdringen sich für Herder in der Poesie. Philosophie begann für ihn dort, wo Hoffnung und Skepsis gleichzeitig gedacht werden konnten.
Der literarisch gebildete Ernst Bloch hatte solche Gedanken in seinen Leipziger Vorlesungen verkündet. Aber leider beschränkte er sich in seiner Begründung auf akademisch-philosophischen Vorgänger. Zu Herder fand er keinen philosophischen Zugang. Das ist bedauerlich, da der Literat Bloch und sein Freund Georg Lucacs selbst demonstrierten, dass bei den Literaten die interessanteren philosophischen Gedanken zu finden sind.
Vielleicht ist diese »Wende« aber die größte Wirkung der substanziellen Gedanken von Volker Braun: wir sollten wieder einmal Ernst Bloch lesen und Johann Gottfried Herder gleich mit. Herder vermochte mit seinem Poesie-Konzept die Asche der antiken Kultur wieder auflodern zu lassen. Poesie ist für Herder die Weiterführung von Poisis: Unsagbares sagen, Unsichtbares sichtbar machen, etwas noch nicht da gewesenes hervorbringen. Wir sollten vielleicht aufhören, irgendetwas »wiederholen« zu wollen.
Johannes Eichenthal

Information
Der Artikel von Volker Braun erschien erstmals in der NZZ vom 31.10.2009
www.nzz.ch

Volker Braun: Werktage 1977-1989. Arbeitsbuch. Frankfurt/Main. 2009. ISBN 978-3-518-42048-5
www.suhrkamp.de

 
 

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Ein neues 1989 wagen?
 

Mit dem Ende der DDR mussten die Literaten einen großen Ansehensverlust hinnehmen. Einerseits verloren sie ihre Leser an Zeitungen und Zeitschriften. Andererseits wurden im Kostüm der neuen Zeit alte Rechnungen beglichen.
Selbst erfahrene Verfechter des Zusammenhanges der deutschsprachigen Literatur in der Zeit zwischen 1945 und 1990 sahen im neuen Lichte plötzlich unüberbrückbare Gegensätze. Gipfel des neuen Niveaus war die Behauptung, dass von der in der DDR entstandenen Literatur nichts bleiben werde. Spätestens seit Horaz wissen wir jedoch, dass wenn etwas von einer untergegangenen Gesellschaft bleibt, das am ehesten die Literatur ist.

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